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Uli Hoeneß im stern-Interview: "Selbstlosigkeit zählt immer weniger"

Versöhnliche Worte findet der scheidende Bayern-Manager Uli Hoeneß für seinen abwanderungswilligen Star Franck Ribéry, lobende Worte für den neuen Trainer Louis van Gaal - und milde Worte wünscht sich Hoeneß im stern-Interview für sich selbst. Er will nicht, "dass die Leute nur diesen menschenfressenden Typen" in ihm sehen.

Herr Hoeneß, seit 2007 hat der FC Bayern vier Trainer verbraucht, Magath, Hitzfeld, Klinsmann, Heynckes. Jetzt ist Louis van Gaal da. Kann man bei Bayern nicht alt werden?

Ich denke bei jedem Trainer, dass es diesmal passt, dass endlich mal ein paar Jahre Ruhe ist. Auch jetzt bin ich überzeugt, dass wir eine gute Entscheidung getroffen haben. Wir werden von van Gaal profitieren. Er tritt sehr selbstbewusst und selbstständig auf, sodass wir uns ums Geschäft kümmern können.

Welche Hoffnungen knüpfen Sie an van Gaal?

Dass er unserer Mannschaft eine klare Struktur gibt. Er hat eine Meinung, und er ist wenig kompromissbereit. Es geht ihm ums Passspiel, um Taktik. Er lässt viel mit dem Ball arbeiten. Das ist auch meine Vorstellung von Fußball und einem Fußballlehrer.

Van Gaal durfte das neue Trainingszentrum nochmals umbauen. Seine Wunschspieler hat er auch bekommen. Haben Sie ihn bewusst mit so viel Macht ausgestattet?

Ja glauben Sie denn, dass Ottmar Hitzfeld, Felix Magath oder Jürgen Klinsmann diese Kompetenzen nicht hatten? Die hatten die gleichen Rechte.

Felix Magath musste sich bei Transfers immer die Zustimmung des gesamten Vorstands holen. Er konnte leicht überstimmt werden.

Das ist heute nicht anders. Der Trainer schlägt vor, wir sagen ja - wenn wir das für richtig halten. Umgekehrt wird kein Spieler gekauft, den der Trainer nicht will.

Jürgen Klinsmann hat beklagt, er habe vor der Saison auf die Schwächen im Kader hingewiesen. Der Verein habe nicht reagiert.

Es ist ja nicht richtig, wenn der Jürgen sagt, er habe Spieler gefordert. Er hat uns nicht einen Spieler genannt, den er gern gehabt hätte. Stattdessen hat er erklärt: Ich kriege den Schweinsteiger und den Podolski hin, macht euch da mal keine Sorgen. Van Gaal hat uns seine Favoriten genannt. Dann haben wir das diskutiert und gesagt: Machen wir.

Erst vor zwei Jahren haben Sie den Kader für rund 80 Millionen Euro erneuert. Es kamen die Stars Ribéry, Toni, Klose, Zé Roberto und Jansen. Die Gehälter explodierten, doch der Abstand zum FC Barcelona, zu Manchester United oder Chelsea hat sich nicht verringert. Jetzt wird die Mannschaft wieder umgebaut - mit Gomez, Timoschtschuk, Braafheid, Pranjic, Olic und Baumjohann.

Vor zwei Jahren haben wir uns verstärken müssen, weil wir in der Meisterschaft Vierter geworden waren. Danach haben wir ernst gemacht, sind ins Halbfinale des Uefa-Pokals gekommen, haben Pokal und Meisterschaft gewonnen. Wie viel Erfolg muss man denn haben, bis Ruhe ist? Dass wir jetzt Spieler austauschen, liegt daran, dass wir einen Kader mit ein paar älteren Semestern haben.

Warum haben Sie 2007 überhaupt auf so viele Routiniers gesetzt?

Weil man die Champions League nur mit Erfahrung gewinnen kann. So einfach ist das.

Sollte man bei solchen Investitionen nicht einen Kader beisammen haben, der mehrere Jahre reifen darf?

Ach, hören Sie mit Reifung auf. Das gibt es schon lange nicht mehr. Sie können mit einem Spieler einen Vertrag mit langer Laufzeit abschließen, aber das heißt gar nichts. Wir haben Franck Ribéry für vier Jahre verpflichtet, aber das interessiert doch dessen Berater nicht. Der steht nach zwei Jahren trotzdem auf der Matte und sagt, dass der Spieler weg will. Kommen Sie mir nicht mit Entwicklung!

Große Mannschaften wie Liverpool und Barcelona vertrauen einem System, für das sie gezielt Spieler auswählen. Beim FC Bayern hat man den Eindruck, er handelt beim Spielerkauf nach dem Prinzip Versuch und Irrtum.

Wann war Liverpool denn zuletzt englischer Meister? Vor 19 Jahren! Wenn der FC Bayern mal 19 Jahre lang nicht Deutscher Meister wäre - dann würde ich gern mal Ihre Fragen nach unserer Philosophie hören.

Beim Champions-League-Sieger Barcelona gibt es eine Leitkultur, man pflegt bis zu den Jugendmannschaften das Direktspiel.

Die haben Personalkosten - dreimal so hoch wie unsere. Wenn das dann eine Fohlenelf ist, na bravo. Die bekommen pro Jahr 147 Millionen Euro vom Fernsehen. Wir kriegen 27 Millionen. Geben Sie mir die 120 Millionen Euro Differenz, dann gewinne ich Ihnen auch in den nächsten drei Jahren die Champions League.

Der einzige Unterschied ist Geld?

Der einzige.

Machen Sie es sich da nicht ein bisschen einfach?

Überhaupt nicht. Die letzten paar Prozent, die zum Titel fehlen, das sind die 100 Millionen.

Ihre Prognose von der Jahrtausendwende, seriöses Wirtschaften zahle sich aus, erfüllt sich derzeit ja nicht.

Wieso? Der AC Mailand hat gerade seinen Superstar Kaká verkauft, weil er nicht mehr weiterweiß. Zum ersten Mal hisst ein Großer die weiße Fahne. Und es wird nicht der letzte sein. Dass Profis in England und Spanien nur 24 Prozent Steuern zahlen, wird bei den großen wirtschaftlichen Problemen dort auf Dauer nicht mehr möglich sein.

Mit Klinsmann versuchte der FC Bayern, die finanzielle Lücke zur Spitze durch innovative Methoden zu kompensieren. Wenn man Sie jetzt reden hört, klingt das, als regiere ein neuer Realismus.

Das kann man so sagen. Wir wollen nächste Saison Erfolg haben - weiter kann man ohnehin nicht nach vorne blicken. Das Tempo auf dem Transfermarkt hat das Bewusstsein der Spieler und ihrer Berater verändert. Die Bindung zum Verein ist nicht mehr so stark. Dem muss man Rechnung tragen. Dass eine Mannschaft wie unsere Champions-League-Sieger von 2001 über vier, fünf Jahre zusammenwächst, ist heute nicht mehr realistisch.

Franck Ribéry erklärte zuletzt offen, dass er wegwolle aus München.

Ich möchte mal unsere anderen Spieler sehen, wie die reagieren, wenn sie so ein Angebot von Real Madrid hätten wie Franck. Ob sie dann auch noch alle bei uns bleiben wollten? Ich verstehe Franck total. Da geht es um Summen, die wir uns alle gar nicht vorstellen können, und der Kerl ist erst 26.

Sie geben selbst 30 Millionen für den Stürmer Mario Gomez aus. Dabei hatten Sie immer erklärt, solche Summen seien nicht refinanzierbar.

Unsere Einnahmesituation hat sich in den vergangenen Jahren extrem verbessert. Wenn wir eines Tages nicht mehr profitabel sein sollten, würden wir die Kosten sofort senken. Das ist der große Unterschied zwischen dem FC Bayern und Vereinen wie Barcelona, Manchester United, Chelsea und Real Madrid.

Das alte schwäbische Kaufmannsprinzip: Ausgegeben wird nur, was eingenommen wurde?

"Er stand auf seines Daches Zinnen", heißt es bei Schiller. (Hoeneß steht auf, geht ans Fenster seines Büros und blickt auf den Trainingsplatz.) Diese sechs Bäume da hinten, vor 20 Jahren haben die 20.000 Mark gekostet. Da haben wir diskutiert, ob wir uns das leisten können. Wegen 20.000 Mark! Als ich hier spielte, haben wir uns in der Holzhütte umgezogen. Auf unserem Platz war am Ende der Saison kein Rasen mehr drauf. Schauen Sie mal: Wir haben hier das schönste Gelände überhaupt auf der Welt. Ganz auf dem Holzweg können wir also nicht sein.

Nach 30 Jahren als Manager machen Sie zum Jahresende Schluss und werden Vorsitzender des Aufsichtsrats. Wie viel Einfluss wollen Sie dann noch nehmen?

Wenn ein neuer Trainer gesucht werden sollte, werden meine Nachfolger mich sicher um Rat fragen. Ich werde den Verein auch beim DFB und bei der Deutschen Fußball Liga vertreten. Und Lobbyismus bei großen Sponsoren und in der Politik betreiben.

Christan Nerlinger, ein ehemaliger Bayern-Profi, wird Sie beerben. Er ist 36. Kann er unter dem langen Schatten von Uli Hoeneß überhaupt gedeihen?

Da machen Sie sich mal gar keine Sorgen. Ich sehe bei Christian in vielen Dingen den jungen Uli Hoeneß.

Inwiefern?

Er ist gradlinig und hat eine eigene Meinung. Er kann einem in die Augen schauen. Er ist kein Buckler, der hier nur zuhört und Danke sagt. Das gefällt mir.

Und was passiert, wenn er plötzlich ausschert und sich, sagen wir, in ein paar Jahren öffentlich zur SPD bekennt? Schreiten Sie dann ein?

Wenn das seine Überzeugung wäre, hätte ich damit kein Problem. Dafür müsste es die SPD in der heutigen Form aber auch noch geben.

Wie präsent werden Sie in der Öffentlichkeit sein?

Ich werde kaum noch Interviews geben.

Wird Nerlinger die Stimme des FC Bayern in sportlichen Fragen sein?

Er und Karl-Heinz Rummenigge als Vorstandsvorsitzender. Und einen starken Trainer haben wir ja auch noch. Ich will kein stilles Mäuschen als Nachfolger. Christian muss ja nicht gleich wie ich bei Maybrit Illner auftreten. Aber natürlich wäre es schön, wenn er irgendwann auch auf dieser Klaviatur spielen könnte.

Wird er Ihr Büro übernehmen?

Nein, ich ziehe hier nicht aus. Er sitzt ein Zimmer weiter.

Wenn man Ihnen zuhört, fragt man sich, warum Sie überhaupt eine berufliche Veränderung wollen. Sie wirken nicht gerade altersmüde.

Ich will nicht in die Falle vieler mittelständischer Unternehmer tappen. Da ist die Erbensituation oft nicht geklärt, wenn der Chef, der die Firma jahrelang geführt hat, plötzlich wegen Krankheit oder Alter aufhört. Dann bekommt die Firma Probleme. Ich will die Verjüngung des Klubs aktiv betreiben und nicht, weil die alte Garde wegen Misserfolges dazu gezwungen ist. Ich will darüber wachen, dass die 35- bis 45-Jährigen das gut weiterführen, was wir aufgebaut haben.

Durch Ihr soziales Engagement und Ihre hemdsärmelige Art ist der FC Bayern ein nahbarer Klub geworden. Bleibt das so?

Ich glaube nicht, dass der Verein gut beraten wäre, diese Art der Menschen- und Klubführung zu verändern. Das war ja auch der Stempel, den ich dem Verein aufgedrückt habe. Wenn es dem FC Bayern der Zukunft nicht gelingt, weiterhin den Menschen vor den Erfolg zu stellen, wird er nicht mehr das sein, was er heute ist. Dann wird er nicht mehr mein FC Bayern sein.

Wie soll das in der Praxis aussehen?

Der Klub muss weiterhin das ganze Spektrum abdecken, von Champions-League-Auftritten im berühmten Old Trafford von Manchester United bis zum Wilhelm- Scharnow-Stadion in Waging, wo wir kostenlos gegen einen unserer Fanklubs spielen.

Kann man heute zu Spielern wie van Bommel, Lucio oder Ribéry überhaupt noch so ein väterliches Verhältnis aufbauen wie Sie früher zu Scholl oder Jeremies?

Das ist schwieriger geworden. In unserer Gesellschaft zählen Zuverlässigkeit, Nachhaltigkeit oder Selbstlosigkeit immer weniger. Im Fußball leider auch.

Mit welchem Gefühl übergeben Sie das operative Geschäft?

Der FC Bayern war selten besser für die Zukunft gerüstet.

Warum?

Weil wir wirtschaftlich völlig gesund sind und gute Leute im Klub haben, die sich total mit unserer Sache identifizieren.

Was werden Sie mit der vielen Freizeit anstellen?

Ich werde sicherlich den einen oder anderen Aufsichtsratsposten in der Industrie bekommen. Und, schauen Sie, seit 30 Jahren werde ich durch meinen Terminkalender gesteuert: Da freut man sich, mal nicht verplant zu sein. Ich bin überzeugt, dass viele Dinge auf mich zukommen, von denen ich jetzt noch keine Ahnung habe. Da brauche ich nichts anzuschieben.

Sie haben sich viele Jahre lang mit Willi Lemke, mit Christoph Daum und oft gleich mit dem ganzen DFB angelegt. Trotzdem geht Ihnen Ablehnung bis heute nahe. Ist es Ihr schönster Erfolg, dass das Feindbild Uli Hoeneß heute weitgehend verschwunden ist? Sie sind ja fast schon Everybody's Hoeneß.

Na ja, wenn ich in Bremen ins Stadion komme, klingt das anders. Dass die Feinde insgesamt weniger geworden sind, fühlt sich aber gut an. Als junger Kerl war ich viel unbeliebter.

Weil Sie zu ehrgeizig waren?

Wenn man mit 27 anfängt, verteidigt man natürlich mit Händen und Füßen alles, was man erreicht. Heute vertrete ich meine Meinung auch - nur etwas geschickter.

Sie klingen ja fast altersmilde.

Erst mal strebt man nach Erfolg. Wenn man viel gewonnen hat, fragt man sich, was noch zählt. Ich will nicht, dass die Leute nur diesen menschenfressenden Typen in mir sehen, der für den Erfolg alles macht. Sie sollen sagen: Der will oben stehen, aber nicht um jeden Preis.

Gibt es einen großen Traum, den sie sich jetzt erfüllen wollen?

Nein. Vor Ihnen sitzt ein Mann, der relativ zufrieden ist mit dem, was da rausgekommen ist am Ende. Mein Traum ist es jetzt, dass der FC Bayern den Generationswechsel packt. Noch ist meine Rolle aktiv, ich kann selbst bestimmen, ob wir Ribéry verkaufen oder nicht. In Zukunft muss ich hoffen, dass andere die richtigen Entscheidungen treffen. Das wird schwer für mich.

Interview: Wigbert Löer, Mathias Schneider / print

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