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Terror-Tröte der Fußball-WM: "Neo-Kolonialisten" gegen Vuvuzelas

Das Tröten nimmt kein Ende: Trotz der harschen Kritik der Fußballfans an den Vuvuzelas, denkt die Fifa nicht an ein Verbot des Lärmgeräts bei der WM. Der Ton wird dabei immer rauer.

Von Daniel Barthold und Klaus Bellstedt

Es fing ganz harmlos an. Inzwischen aber hat es sich zum wahren Albtraum für alle Fußballfans entwickelt: das Geräusch der Vuvuzelas. Beim Eröffnungsspiel zwischen Südafrika und Mexiko dachte man noch: "Klar, wenn Südafrika spielt, sind die Vuvuzelas vermehrt zu hören." Fehleinschätzung! Bei jedem WM-Spiel dominiert das ohrenbetäubende Getröte die 90 Minuten. Nicht nur hierzulande stört es die Fußballfans, fast die komplette Fußballwelt - inklusive der Spieler - hat bereits kurze Zeit nach WM-Beginn die Ohren gestrichen voll. Und langsam geht zudem die Angst um, dass sich die Terror-Tröten über die ganze Welt ausbreiten könnten.

Schon befürchtet die englische Tageszeitung "The Telegraph", dass die Vuvuzelas bald bei den größten Sportveranstaltungen des Königreichs zum Einsatz kommen könnten. Beim Tennisturnier im Londoner Queen's Club, dem Vorbereitungsturnier für das noble Wimbledon-Turnier, sind bereits einige Fans mit Vuvuzelas gesichtet worden. Die südafrikanische Soundmaschine passt so gar nicht zu dem noblen Tennisclub.

Ob die südafrikanischen Tröten in der kommenden Bundesliga-Saison oder der englischen Premier League zum Einsatz kommen, ist jedoch äußertst fraglich. Im Internet-Netzwerk Facebook sind die Vuvuzelas bereits zum Hassobjekt Nummer eins geworden. Die deutsche Fanseite "Stoppt die Vuvuzela-Tröten bei der WM 2010!" hat bereits knapp 10.000 Mitglieder und somit die Anti-Boateng-Bewegung abgelöst. Dabei sind die Deutschen nicht nur vom monotonen Getröte genervt, die Fans vermissen auch die Stimmung und die Gesänge, die während der Fußball-WM 2006 in Deutschland die ganze Welt begeisterten. Ein Facebook-User meint: "Es ist schade, dass man keinen einzigen Fan singen hört ... Vielleicht sind wir Deutsche auch zu sehr verwöhnt von 'unserer' WM." Das amerikanisch-englische Pendant "Fifa ban the annoying Vuvuzela horn from the South Africa World Cup" (übersetzt: "Fifa, verbann' die nervigen Vuvuzelas von der WM in Südafrika!") kann mit über 180.000 Mitgliedern bereits als regelrechte Anti-Vuvuzela-Bewegung beschrieben werden.

"Kann man diese Vuvuzelas nicht aus den Stadien verbannen? Mir kann Keiner erzählen, dass das afrikanische Kultur ist. Fußball-Kultur sind Fangesänge!" (Sebastian H. in Facebook, Fankurve 2010)

Die Spieler sind sich einig

Selbst einheimische Fans äußern sich im amerikanischen Fernsehsender ESPN negativ über die Tröten. So hieß es, dass sich Fans, die zur WM nach Südafrika fahren, zwar der Kultur des Landes anpassen müssten, die Vuvuzelas jedoch eine Zumutung für die Ohren seien. Man könne mit 200 Vuvuzelas leben, aber bei 60.000 Tröten im Soccer City Stadion in Johannesburg höre der Spaß auf.

So sieht es nicht nur die Presse. Auch die WM-Spieler wünschen sich ein Vuvuzela-Verbot für den Rest des Turniers. Joris Mathijsen vom Hamburger SV, Abwehrspieler im niederländischen Team, forderte die Fifa zum Handeln auf. Das Spiel der "Oranjes" gegen Dänemark fand im Soccer City Stadion statt und Mathijsen erklärte, dass jegliche Kommunikation auf dem Platz unmöglich gewesen sei. "Die Fifa muss da was machen. Jeder Spieler ist dafür, und sicher sind es auch viele Fans", meint der Niederländer.

Arne Friedrich sagte nach dem Spiel gegen Australien: "Die Dinger gefallen mir nicht so gut. Das ist mir zu laut, aber wir müssen damit umgehen." Umgehen konnte DFB-Coach Joachim Löw mit der Lautstärke nur bedingt: Eine Anweisung an Philip Lahm während des Spiels gegen die "Socceroos" ging im Lärm komplett unter. Lahm signalisierte, er könne nichts verstehen.

Selbst spanische Spieler, die bis jetzt noch gar nicht zum Einsatz kamen, setzen sich für ein Vuvuzela-Verbot ein. Xabi Alonso erklärte vor dem ersten Spanien-Auftritt am Mittwoch gegen die Schweiz: "Ich denke, man sollte die Vuvuzelas verbieten. Sie machen es unglaublich schwierig, auf dem Platz zu kommunizieren und sich zu konzentrieren. Man wird abgelenkt und es trägt nichts zur Stimmung bei." Selbst wenn die südafrikanischen Fans die Vuvuzelas gerne benutzen, die Spieler der "Bafana Bafana", darunter Steven Pienaar, bestätigen, dass die Kommunikation auf dem Spielfeld schwer funktioniere.

Kritik von den "Neo-Kolonialisten"

Die Welle der Entrüstung ruft nun auch Fifa-Präsident Sepp Blatter auf den Plan. Nach dem sportlich schwachen Wochenende bei der WM, wo bis auf Deutschland alle Teams durchschnittliche bis schlechte Leistungen brachten, scheint der ohrenbetäubende Lärm auf den Rängen alle anderen Themen abgelöst zu haben. Trotzdem denkt Blatter nicht an ein Vuvuzela-Verbot: "Es gehört zu diesem Land und ich weiß nicht, wie wir das ändern wollen. Ich habe immer gesagt, wenn wir die WM in Südafrika ausrichten, dann ist es auch eine afrikanische Weltmeisterschaft. Es ist nicht West-Europa. In Afrika ist es laut, voller Energie mit Rhythmus, Musik, Tanz und Trommeln. Das ist Afrika. Wir müssen uns ein wenig anpassen. Ich sehe es nicht, dass man die Musik-Tradition der Fans im eigenen Land unterbinden sollte." Von Einheimischen hört man aber auch, dass es die Vuvuzela erst seit etwa zehn Jahren gebe - für manche eine etwas kurze Zeit, um von einer Tradition zu sprechen.

Der Ton, in dem die Kritik aus Europa geäußert wird, kommt bei vielen Südafrikanern besonders schlecht an. Einige Verfechter der Vuvuzela bezeichnen die Entrüstung aus der westlichen Welt sogar schon als "Neo-Kolonialismus". Zudem sprechen wirtschaftliche Gründe für die Vuvuzela. Neil van Sharkwijk, exklusiver Lizenzbesitzer der WM-Vuvuzela, hat 800.000 Tröten in Südafrika verkauft und weitere 1,5 Millionen in Europa. Kein Wunder, dass der Geschäftsmann die Vuvuzelas verteidigt: "Das ist eben unsere Art, den Fußball zu feiern."

Sollten die Vuvuzela-Tröten verboten werden?

Gesundheitsgefahr besteht

In Europa findet sich dennoch kaum jemand, der van Sharkwijks und Blatters Ansicht teilt. Die meisten Fans sind von den Vuvuzelas schlicht genervt und schauen die Spiele inzwischen sogar zum Teil ohne Ton. Für Stadionbesucher - vor allem für Kinder - ist die Lautstärke der Tröten mit gemessenen 127 Dezibel eine echte Gefahr für die Gesundheit. Beim Spiel Italien gegen Paraguay am Montagabend in Kapstadt konnte man bereits Kinder mit Hörschutz sehen. Doch nicht nur das Trommelfell ist angeblich von den Tröten betroffen. Einer britischen Studie zufolge, verursachen die Vuvuzelas auch weitere gesundheitliche Schäden: Durch das Pusten in die Plastikröhre werden Krankheitskeime eingeatmet, die Erkältung und Grippe auslösen können.

Trotz allem scheint ein Vuvuzela-Verbot aber unwahrscheinlich. Das lokale Organisationskomitee in Südafrika betonte am Montag, dass man nichts unternehmen werde und bat um Verständnis für die einheimische Kultur. Nur falls der Druck seitens der Medien verstärkt wird, die ja das meiste Geld in das WM-Turnier und die Kassen der Fifa pumpen, besteht noch Hoffnung, dass die Fußballfans vom Vuvuzela-Tinitus erlöst werden.

P.S.: Wie genervt sind Sie von den Vuvuzelas? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

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