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Großer Zapfenstreich für Christian Wulff: Abfuhr beim Abschied

"Schande, Schande", skandierten Demonstranten vor Schloss Bellevue, Vuvuzela-Getröte demolierte den Zapfenstreich. Bizarrer hätte der Abschied des Präsidenten nicht ausfallen können.

Von Lutz Kinkel und Anieke Walter, Berlin

Um 19.40 Uhr ist alles vorbei, zumindest der offizielle Teil. Christian Wulff dreht sich vor dem Treppenaufgang im Garten von Schloss Bellevue noch einmal um und winkt. Neben ihm seine Frau Bettina, die blonden Haare zum Bob gestutzt, vermutlich das Zeichen für den neuen Lebensabschnitt, der nun beginnt. Dann öffnen sich die großen weißen Flügeltüren des Schlosses und verschlucken das Paar mitsamt ihrer unendlichen Skandalgeschichte, den Sylturlauben und Upgrades, dem Leihhandy und Bobbgate. Wulff wirkt auf den Fotos, die ihn auf diesen letzten Metern porträtieren, beinahe fröhlich. Er kann es kaum gewesen sein. Denn dieser Abschied ist auch eine Abfuhr, härter und bizarrer als sie je ein deutscher Präsident zuvor erlebt hat. "Kein Zapfenstreich für Charakterzwerge" steht auf den Schildern der Demonstranten vor Bellevue. Oder auch: "Ohne Ehre keinen Sold".

Schon am Vormittag sammelten sich die Kritiker auf einer Facebookseite, inspiriert von dem Blogger Mario Sixtus, der dazu aufrief, den Großen Zapfenstreich mit Vuvuzela-Getröte zu "unterstützen". Er könne sich vorstellen, schrieb Sixtus auf Twitter, dass das Volk dem ehemaligen Präsidenten gerne "den Marsch blasen" würde. Und so kam es auch: In jeder Sekunde zwischen 19 und 19.40 Uhr durchdringen Trillerpfeifen, Vuvuzelas und Sprechchöre den pittoresken Schlossgarten. Mitunter vermischen sich die Geräusche so sehr mit dem Spiel des Bundeswehr-Orchesters, dass ein neuer, schräger Sound entsteht. Freejazz für den Präsidenten, der sich Kuschelmusik ("Over the rainbow") und reinen Wohlklang ("An die Freude") gewünscht hatte. Entnervt blicken die Gäste immer wieder zu den Gartenrändern, um die Störquelle zu erkennen. Aber sie können nichts sehen. Das Volk ist nur zu hören.

Freie Plätze in den Stuhlreihen

Geahnt hatten es viele, dass dies kein glanzvoller Abend werden würde, deshalb hatte es Absagen gehagelt. Nach unbestätigten Meldungen waren 360 Gäste geladen, aber nur knapp 200 sind gekommen. In den Stuhlreihen eine Handvoll freier Plätze, die politische Prominenz ist schwarz-gelb verknappt. Das Bundeskabinett nahezu vollzählig, Familienministerin Kristina Schröder führt einen knallroten Mantel aus, Bundestagspräsident Norbert Lammert ist da, Interims-Präsident Horst Seehofer und die Kanzlerin, vollständig in Schwarz gehüllt, als ginge sie auf eine Trauerfeier. Beim Empfang im Schloss, kurz vor dem Zapfenstreich, sagte Horst Seehofer noch, Wulff habe sich für den "Zusammenhalt in dieser Gesellschaft" stark gemacht. Das hörbare Ergebnis belegt das Gegenteil, durch den Park gellen wenig später die Rufe der Demonstranten, "Pfui!" und "Schande!". Wulff selbst verlor in seiner Ansprache keine Silbe über seine Skandale, betonte aber sein Engagement für Toleranz und Offenheit. Er drückte sein "Bedauern" darüber aus, nur so kurz im Amt gewesen zu sein. Trotzig sei die Atmosphäre beim Empfang gewesen, sagen Insider. Trotzig war wohl auch Pfarrer Peter Hintze. Er war der Letzte, der sich für Wulff öffentlich in die Bresche geworfen hatte, nun ist er der Erste, der nach dem Empfang über die Freitreppe in den Garten kommt. Ihm wird auf dem bestuhlten Karree für die Gäste ein Platz in Reihe vier, Mitte, zugewiesen. Immerhin.

Trotzig auch das Volk, das sich größtenteils am Spreeufer rechts vom Schloss sammelt, vor sich den Fluss, dahinter die Mauer zum Garten. Vuvuzelas hat die Polizei eigentlich verboten, trotzdem halten viele die Tröte in der Hand. Es ist nicht der schwarze Block, der hier aufmarschiert, es sind auch nicht die Krawalltouristen vom 1. Mai, es sind ganz normale Menschen, viele junge Pärchen, aber auch Ältere, es sind Hunderte. "Wir haben über Twitter von der Vuvuzela Aktion erfahren", sagt eine junge Frau, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen will. "Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Die Verkäuferin, die einen Pfandbon einlöst, wird gefeuert und Wulff bekommt den Ehrensold. Das ist ungerecht." Ihr Freund, der gleich daneben steht, sagt: "Wulff hat kein Ungerechtigkeitsbewusstsein" - und das mag tatsächlich einer Gründe sein, weshalb der Niedersachse keinerlei Abstriche bei seiner Versorgung machen will. Er wird den Ehrensold von 199.000 Euro im Jahr bekommen, vermutlich auch einen Dienstwagen, Personal, Büro und Reisekosten.

Schlachtengesänge an der Absperrung

Die Anerkennung jedoch, die bleibt ihm versagt. "Ich habe mich bewaffnet mit meiner Trillerpfeife, um Flagge zu zeigen! Ich möchte nicht, dass meine fünf Enkel in einem solchen Land aufwachsen müssen", sagt eine 67-jährige, die auf der Pfeife bläst, als gäbe es kein Morgen mehr. In einem solchen Land? Schon bald wird Joachim Gauck auf Schloss Bellevue einziehen. Einige Monate später wird ein Gericht darüber urteilen, ob sich Christian Wulff der Vorteilsnahme schuldig gemacht hat. Schon jetzt ist er nur eine Fußnote in der Geschichte der deutschen Bundespräsidenten.

Um 19.40 Uhr ist alles vorbei. "Schande! Schande!" brüllen die Demonstranten immer noch vor der Polizeiabsperrung an der Brücke zu Schloss Bellevue. Einige singen aber auch, es klingt fröhlich und wie die Einstimmung auf ein neues, spannendes Fußballspiel. "Olé, Olé, Olé, Olé …"

Von:

und Anieke Walter