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Interview

ARD-Dopingexperte: "Es gibt gezielte Angriffe von Trollen aus Russland" - Hajo Seppelt über Hass im Netz

Außenminister Heiko Maas hat dem ARD-Journalisten Hajo Seppelt von einer Reise nach Russland abgeraten – wegen Sicherheitsbedenken. Was sind die Gründe? Und welche Rolle spielt Doping bei der WM?

ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt

Der Berliner Journalist Hajo Seppelt wird nicht zur WM nach Russland reisen

AFP

Der renommierte Dopingexperte der ARD, Hajo Seppelt, wird wegen Sicherheitsbedenken nicht zur Fußballweltmeisterschaft nach Russland reisen. Seppelt hatte maßgeblich zur Aufklärung des russischen Dopingsystems beigetragen und gilt deshalb in Russland als Staatsfeind. Im Mai wurde war ihm zunächst das Visum für die WM verweigert worden. Die Entscheidung wurde kurz darauf von Russland wieder zurückgenommen.

Seppelt gab dem stern ein Interview über die WM 2018, Anfeindungen im Netz und die Rolle Putins im russischen Dopingsystem.

Sie haben sich nach einem Gespräch mit Heiko Maas entschieden, nicht nach Russland zu fahren. Was hat der Außenminister Ihnen konkret mitgeteilt? 

Hajo Seppelt: Er hat mir und den ARD-Verantwortlichen mitgeteilt, dass es eine Lageeinschätzung des Bundeskriminalamtes gebe, in der ernstzunehmende Sicherheitsbedenken genannt worden seien. Deshalb gab es für mich die Empfehlung – wegen letztlich unkalkulierbarer Risiken – , nicht nach Russland zu reisen. Konkret ging es um die Umstände einer von den Russen angekündigten Befragung meiner Person zur Strafsache Rodtschenkow (Whistleblower und ehemaliger Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors. Lebt seit 2016 unter FBI-Schutz in den USA; Anm. d. Red.). 

Es war nicht klar, in welcher Rolle ich dort hätte vernommen hätte werden sollen. Das Risiko, dass ich aus der Rolle des Zeugen in die Rolle des Beschuldigten wechsele, war nicht abzuschätzen – mit allen Konsequenzen, die so ein Strafverfahren in Russland haben kann. Außerdem gab es laut der Einschätzung des BKA ein Restrisiko, dass selbstmotivierte Einzeltäter mich physisch attackieren könnten. Deshalb hat Heiko Maas mir von der Einreise nach Russland abgeraten.

Hat Sie die Warnung überrascht?

Nein, es hat mich am Ende nicht mehr überrascht. Mir waren die Einschätzungen in Teilen schon bekannt. Allerdings habe ich mich trotzdem schwergetan, direkt zu sagen: "Dann fahre ich halt nicht." Das war ein langer interner Abstimmungsprozess. Am Ende habe ich aber die Entscheidung voll mitgetragen, weil ich verstehe, dass es für die ARD natürlich eine Personalverantwortung gibt, die sie wahrnehmen muss.

Sie haben umfangreich russisches Staatsdoping aufgedeckt – und haben vor Ort recherchiert. Wie frei konnten Sie in der Vergangenheit in Russland arbeiten?

Als wir 2014 damit angefangen haben, haben wir noch unter dem Radar gearbeitet. Damals ahnte keiner, welche Konsequenzen unsere Recherchen haben könnten. Vor vier Jahren war gerade die Krim von Russland annektiert worden. Weltpolitisch gab es daher ganz andere Probleme, über die gesprochen wurde. Das hat sich in den Jahren darauf verändert. Ich recherchiere ja nicht alleine, sondern mit einigen Mitarbeitern. Und insbesondere für die ist es in den letzten Jahren mitunter heikel geworden, wenn herauskam, dass sie mit mir zusammen gearbeitet haben. Das hat man den einen oder anderen schon sehr deutlich spüren lassen.

Es gibt aber auch gezielte Angriffe von Trollen aus Russland

Sie werden auch in Deutschland stark angefeindet – insbesondere online. Wie sicher fühlen Sie sich hier in Deutschland?

Es gibt halt die Russland-freundliche Fraktion hierzulande, die mir unterstellt, dass wir politisch motivierte Berichterstattung machen würden. Was völliger Unsinn ist. Jeder, der mich kennt, sollte wissen, dass ich völlig losgelöst von irgendeiner Agenda über die Hintergründe des internationalen Sports seit vielen Jahren berichte. Deshalb nehme ich das in der Regel nur zur Kenntnis, aber nicht zu ernst. Es gibt aber auch gezielte Angriffe von Trollen aus Russland. Auffällig war zum Beispiel, dass eine Zeitlang gerade zu Bürozeiten in der Zeitzone von Moskau und Umgebung verstärkt irgendwelche Hassbotschaften in den sozialen Netzwerken platziert wurden. Darüber hinaus ist mir schon bewusst, dass mein Fall ein Politikum geworden ist und dass die ganze Berichterstattung zu großer Aufmerksamkeit auch hierzulande geführt hat. Ich bemerke schon, dass auch in Deutschland manche Menschen einem aggressiv begegnen können.

Der russische Staat wollte Ihre Reise zur WM nach Russland verhindern, hat offensichtlich Angst vor Ihnen. Welche Rolle spielt Doping im russischen Profifußball? 

Sicher ist, dass versucht wurde, Dopingproben von russischen Fußballern zu vertuschen. Das wurde offenkundig mit Unterstützung des ehemaligen Sportministers Witali Mutko durchgeführt. Das ist unstrittig. Es gibt zudem zahlreiche Belege, zum Beispiel sichergestellte Unterlagen aus dem Moskauer Kontrolllabor. Ob der russische Fußball jetzt sauberer als vorher ist, können wir nicht mit abschließender Sicherheit sagen.

Die Fifa hat gesagt, dass alte Dopingproben neu analysiert wurden und negativ seien. Das wäre gut für die russische Nationalmannschaft. Allerdings hat die Fifa trotz mehrfacher ARD-Nachfragen die Frage nach Details dieser neuen Tests bislang nicht beantwortet. Wir fragen uns, warum eigentlich nicht.

Wladimir Putin nutzt das Turnier als Werbeveranstaltung für sich. Inwieweit ist er selbst in das russische Dopingsystem involviert?

Dafür gibt es keine Belege, sondern nur die Behauptungen des Whistleblowers Rodtschenkow, der 2016 in die USA geflohen ist und dort in einem Zeugenschutzprogramm an einem geheimen Ort lebt. Er sagt, dass das Komplott bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi mit der ausgeklügelten Strategie, Dopingproben auszutauschen, ohne den Geheimdienst FSB nicht möglich war. Es sollte der Eindruck erweckt werden, dass die russischen Sportler, die ja den Medaillenspiegel gewonnen haben, sauber sind. Ein solches Szenario mit dem FSB wäre nach seinen Erkenntnissen, und er ist selber Mitarbeiter des Geheimdienstes gewesen, ohne das Mitwissen und die Billigung von Putin gar nicht möglich gewesen.

Dafür muss man Sportverbände kritisieren, die sich mit autokratischen Systemen ins Bett legen

Vor dem Hintergrund des russischen Dopingskandals: Hätten Sie sich einen WM-Boykott des deutschen Teams gewünscht? 

Nein. Ich glaube, dass das ein falscher Weg ist, die Sportler dafür verantwortlich zu machen, wo eine Sportveranstaltung stattfindet. Dafür muss man Sportverbände kritisieren, die sich mit autokratischen Systemen ins Bett legen. Das ist das Problem. Die Sportler können nichts dafür, wohin Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften vergeben werden. Das Problem sind nicht die Sportler, das Problem sind in vielen Fällen Funktionäre und Politiker.

War die Vergabe der WM nach Russland also der Urfehler?

Naja, wenn Russland die technisch schlechteste Bewertung erhalten hat, kann man natürlich fragen, wie es überhaupt zu der Vergabe kommen konnte. Ein Geburtsfehler ist es immer, wenn Weltmeisterschaften an Länder vergeben werden, die bestimmte Bedingungen nicht erfüllen. Im Fall Katar ist es ja noch deutlicher: Eine WM bei 50 Grad spielen zu lassen, hat sich ja von Anfang an als Unsinn erwiesen. Deshalb spielt man 2022 nun im Winter.

Verfolgen Sie die WM-Spiele trotzdem noch? Und wenn ja, wo?

Ich werde jetzt nicht sagen, was ich in den nächsten Wochen wann und wo machen werde. Denn wir werden natürlich weiterhin in Sachen Fußball und Doping recherchieren. Es gibt ja auch noch andere Kollegen in Russland, die mich bei meiner Arbeit unterstützen. Man kann versuchen, uns einschränken. Man kann auch versuchen, uns zu behindern. Verhindern wird man unsere Arbeit nicht. Egal, wo auf der Welt und egal, worüber wir berichten.

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