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Ex-Spieler über DFB-Elf: "Keine Leidenschaft, keine Einstellung und die falsche Mannschaft"

Das historische Vorrunden-Aus der DFB-Elf bei der WM in Russland beschäftigt auch viele frühere Helden der deutschen Nationalmannschaft. Ihre Reaktionen reichen von Entsetzen bis zu Unterstützung für Joachim Löw.

Thomas Müller und Co. nach dem WM-Aus in der Kasan-Arena

"Kolossales Versagen": Thomas Müller und Co. nach dem WM-Aus in der Kasan-Arena

DPA

Aus und vorbei! Vier Jahre nach dem Triumph von Rio ist das Unternehmen Titelverteidigung für die DFB-Elf mit der 0:2-Niederlage gegen Südkorea und dem letzten Platz in der Gruppe F bereits nach der Vorrunde beendet. Das frühe Ausscheiden bei der WM in Russland berührte auch viele frühere Welt- und Europameister. So bewerten Matthäus, Breitner und Co. den Tiefpunkt deutscher WM-Geschichte:

Lothar Matthäus:

"Die Mannschaft war keine Einheit. Sie hat keine Leidenschaft gezeigt. Und viel schlimmer: Sie war selbstherrlich", schreibt der Rekordnationalspieler in der "Bild"-Zeitung. Der DFB-Elf hätten Typen mit Ecken und Kanten gefehlt wie Bayerns Sandro Wagner. Beim WM-Personal habe Bundestrainer Joachim Löw auch nicht genügend Wert auf schnelle Spieler wie Leroy Sané gelegt, der beim englischen Meister Manchester City zum Stammpersonal zählt, aber überraschend nicht mit nach Russland fahren durfte, kritisierte Matthäus, der mit der Nationalelf Bulgariens zuletzt vor sieben Jahren ein Team trainierte.

Der Umbruch sei spätestens jetzt unumgänglich, mahnte der Weltmeister von 1990. "Die Mannschaft muss rund um Führungsspieler wie Neuer und Kroos mit neuen Gesichtern aufgebaut werden." Junge Talente wie Niklas Süle, Tobias Werner und Leon Goretzka gelte es zudem viel stärker einzubinden. In einem Kommentar für die britische "Sun" zog Matthäus das Fazit: "Keine Anführer, keine Leidenschaft, keine Einstellung und die falsche Mannschaft." Seine Strafpredigt veröffentlichte er unter dem Titel: "Ende einer Generation."

Paul Breitner:

Der Weltmeister von 1974 befürchtet nach dem Debakel in Russland tiefgreifende Folgen bereits für die nächste Saison. "Das lässt sich der Fan nicht bieten. Die Diskussion über satte Profis, die es nicht mehr nötig haben, wird jetzt gnadenlos aufgetischt", prophezeit Breitner in der Münchner Zeitung "tz". Den Auftritt der DFB-Auswahl bezeichnet der 66-Jährige als Altherrenfußball. Er wirft Löw vor, keine feste Mannschaft und keinen Plan gehabt zu haben. Der Bundestrainer müsse aber selbst entscheiden, ob er weitermachen wolle.

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Mit Blick auf das 0:2 gegen Südkorea schließt Breitner ausdrücklich auch Torhüter Manuel Neuer in seine Kritik ein. Der einstige Bayern-Profi zeigt sich verwundert über Neuers Ausflug weit in die zweite Hälfte, mit dem der Kapitän das zweite Gegentor einleitete. "Das kann ich machen, wenn ich ein Tor brauche und dann in der letzten Minute bei einer Ecke nach vorne gehe. Damit jedoch um das zweite Tor geradezu zu betteln, das zeigt doch, wie kreuz und quer die Denke dieser ganzen Mannschaft geht", so Breitner. "Das ist doch kein Neuer in Normalform."

Felix Magath:

Der langjährige Bundesligatrainer ist entsetzt vom Vorrunden-Aus, nimmt aber Joachim Löw in Schutz. "So ein kolossales Versagen hatte ich mir nicht vorstellen können. Der Auftritt unserer Nationalmannschaft war so desolat, dass es nicht damit getan ist, einen Schuldigen zu suchen", urteilt der 64-Jährige auf seiner Facebookseite. "Der Auftritt wirft eher die Frage auf, ob das, was wir spielen, das ist, was wir nur können."

Die Nationalmannschaft sei die Hoffnung gewesen, wieder einen Titel gewinnen zu können, schreibt Magath. "In unserem Klubfußball haben wir schon einige Jahre keine internationalen Titel mehr vorzuweisen. Nun ist offenbar auch die Nationalmannschaft in diesem Abwärtstrend", stellt der Europameister von 1980 und Vizeweltmeister von 1982 und 1986 fest. "Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: im Fußball und speziell in der Nationalmannschaft wirken mittlerweile ähnliche Fehlentwicklungen wie in unserer Gesellschaft."

Es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden. So ein kolossales Versagen hatte ich mir nicht vorstellen können....

Gepostet von Felix Magath am Mittwoch, 27. Juni 2018

Guido Buchwald:

Der Weltmeister von 1990 sieht trotz des Scheiterns der DFB-Elf keinen Grund für einen Wechsel des Bundestrainers. Joachim Löw habe "in zwölf Jahren einen hervorragenden Job gemacht. Bei aller Enttäuschung muss man jetzt in Ruhe analysieren, dann sollte es mit ihm weitergehen", erklärt der 57-Jährige im "Kicker". Als Grund für das erstmalige Ausscheiden Deutschlands in der WM-Gruppenphase nennt Buchwald mangelnden Teamgeist und mentale Schwächen.

Thomas Berthold:

Der Weltmeister von 1990 verlangt eine intensive Aufarbeitung der Blamage in Russland. "Der DFB und die Bundesliga müssen sich jetzt hinterfragen. Zum Beispiel, ob es sinnvoll war, vor der WM langfristig mit Jogi Löw zu verlängern", fordert der 53-Jährige im "Kicker". Der Bundestrainer habe bei der Personalauswahl keine glücklichen Entscheidungen getroffen. "Auf Sané und mit Petersen oder Wagner auf einen weiteren Stürmer zu verzichten war riskant und hat sich letztlich als Fehler erwiesen", urteilt Berthold.

Olaf Thon:

Der 52-Jährige nannte eine Reihe von Störfaktoren auf dem Weg zur WM als Ursache für das frühe Aus. "Es gibt vieles aufzuarbeiten. Im Moment habe ich den Eindruck: Wir brauchen einen radikalen Neuaufbau", sagte der Weltmeister von 1990.

Bernd Schuster:

Der Europameister von 1980 glaubt nicht an ein Ende der Ära Löw nach dem Vorrunden-K.o. "Joachim Löw wird weitermachen, und es wird nichts weiter passieren, als dass es im September einen Neuanfang gibt. Er hat genügend Kredit", prognostizierte der frühere Mittelfeldspieler des FC Barcelona, von Real und Atlético Madrid in einem Interview des Radiosenders Onda Cero.


mad / DPA

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