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Vor dem Viertelfinale: Was macht diese WM nur so besonders? Sechs Gründe für das Favoritensterben

Was ist das nur für eine WM? Das Favoritensterben begann schon vor dem Turnier. Und jetzt hoffen Kroatien oder gar Russland auf den Titel. Bei Licht betrachtet kommt das Schwächeln der Favoriten nicht von ungefähr.

Jetzt gewinnt sogar England ein Elfmeterschießen. Das gab's noch nie. Was kommt als nächstes? Schweden wird Weltmeister? Oder gar die als schlechtestes Team in die WM gestarteten Russen? Es scheint nichts mehr unmöglich bei dieser WM der Favoritentode. Weltmeister Deutschland - Vorrunden-Blamage. Europameister Portugal - früh draußen. Südamerika-Meister Chile - gar nicht dabei. Vierfach-Weltmeister Italien - in der Quali raus. Auch die Ex-Weltmeister Spanien und Argentinien kamen nicht weit, hatten vor allem mit sich selbst zu tun.

Vor den entscheidenden acht Spielen dieser WM scheint möglich, was noch nie gelungen ist: dass endlich mal einer der oft hoch gehandelten Geheimfavoriten in den scheinbar exklusiven Club der Fußball-Weltmeister vorstößt. Dass dies den Spaniern erst vor acht Jahren gelang, war eine Ausnahme, denn das war lange überfällig. Ansonsten geht der Goldpokal seit 1930, dem ersten WM-Turnier in Uruguay, immer wieder an dieselben acht großen Fußballnationen und ewigen WM-Favoriten: Neben Spanien vor allem Brasilien, Deutschland und Italien sowie Argentinien, Uruguay, Frankreich und England. Vier von diesen acht sind schon draußen; mindestens zwei weitere werden bis zum Finale zwangsläufig ausscheiden, im zweiten Turnier-Zweig hält nur noch England die Fahne der Arrivierten hoch. Ist die Stunde der Außenseiter endlich gekommen? Belgien und Kroatien scheinen am stärksten. Schweden hat schon zwei Ex-Weltmeister weggemauert und den dritten vor der Brust. Und für Russland scheint im eigenen Land plötzlich alles möglich zu sein. Wer hätte das gedacht?

Sechs Gründe für das Favoritensterben

Mal frech, mal ausdauernd, mal ultrapassiv und auch mit dem nötigen Glück bahnen sich Außenseiter und Geheimfavoriten diesmal den Weg ins Finale, vielleicht gar zum Titel. Und es gibt eine Reihe von Gründen, warum die WM 2018 keine WM für Favoriten ist:

Satte Topteams: Was Real Madrid als Ausnahme auf Vereinsebene seit Jahren eindrucksvoll widerlegt, ist bei den Nationalteams massiv bemerkbar: Großen Champs fehlt der ganz große Hunger nach mehr! Mit Portugal (EM 2016), Deutschland (WM 2014), Spanien (EM 2012) und Chile (Copa América 2015 und 2016) sind alle großen Sieger der vergangenen Jahre ausgeschieden oder gar nicht vertreten. Vor allem aber: In keinem der Fälle erschien das Ausscheiden unverdient oder unglücklich.

WM-Turbulenzen: Spanien wirft einen Tag vor der WM den Trainer raus und erstickt danach am eigenen, eingefahrenen System. Deutschland kämpft mit den Folgen eines Fotos zweier Spieler mit dem türkischen Präsidenten und der eigenen Hybris. Und in Argentinien machen Gerüchte die Runde, dass Lionel Messi und nicht Trainer Jorge Sampaoli die Aufstellung diktiert. Große Fußball-Nationen haben sich in ihrer Favoritenrolle selbst zerfleischt und somit die Tür geöffnet für Außenseiter ohne große Nebengeräusche.

Gewachsene Kollektive: Das gemeinsame Scheitern mit dem gleichen Kern schweißt zusammen, das beweisen in diesen Tagen vor allem Kroatien und Belgien. Trotz Elfmeter-Krimi (Kroatien) und 0:2-Rückstand (Belgien) hielten sich die Geheimfavoriten im Turnier und demonstrierten ihre Stärke als Team. Mit Luka Modric und Eden Hazard haben beide Mannschaften aber auch akzeptierte und meinungsstarke Führungsspieler. Das erinnert durchaus an die Stärke der Deutschen 2014; diesmal gab es dagegen in "der Mannschaft" einen Graben zwischen jungen und älteren Spielern, heißt es. Ein weiterer Beweis für den Triumph der Einheit: Gastgeber Russland, der trotz seiner limitierten Möglichkeiten und Unterlegenheit auf dem Papier Ex-Champ Spanien ausschaltete und immer noch im Turnier ist.

Auslese vom Punkt: Wenn nichts hilft, hilft der Punkt. Gerade in K.o.-Spielen profitiert häufig der Außenseiter vom Elfmeterschießen. Der Gedanke, gegen ein stärkeres Team 120 Minuten den Gleichstand zu halten, befeuert Teams wie Russland und vor allem Schweden - und trägt sie sogar bis ins Viertelfinale; womöglich auch darüber hinaus.

Effiziente Offensive: Wer als Außenseiter bei einer WM überraschen will, muss effizient sein. Das bewiesen die Russen, die gegen Spanien aus einer Chance ein Tor machten und auch die Kroaten, die Messis Argentinier gnadenlos für ihre Fehler bestraften und sogar 3:0 gewannen. Auch Deutschland wucherte bei seinen Spielen mit Torchancen - das ist in diesem Turnier tödlich.

Faktor Überraschung: Der Ballbesitzfußball der Passmaschinen aus Spanien und Deutschland scheint derzeit gescheitert. Die Teams von Fernando Hierro und Joachim Löw dominierten die Spiele, kontrollierten beinahe ständig den Ball, schieden aber frühzeitig aus. Feste Personalgerüste, ein starres Spielsystem: Die Favoriten wirken oft viel zu unflexibel. Kein Plan B, nirgends. Anders die Außenseiter, die Systeme wechseln, überraschende Joker bringen und so verblüffen. Einige der Favoriten waren darauf in Russland offenbar nicht gefasst.

Außenseiter im Finale? Zuletzt vor 60 Jahren

Schier unglaublich, aber wahr: Es ist genau 60 Jahre her, dass eine Mannschaft außerhalb des Clubs der Weltmeister plus den Niederlanden, dem Nicht-Weltmeister mit den meisten Endspielteilnahmen (3), ins Finale vordrang: Schweden schaffte das als WM-Gastgeber 1958 (und unterlag Brasilien mit dem damals 17-jährigen Pelé). Ein gutes Omen für Russland?

Es gehört zur Historie der Fußball-Weltmeisterschaften, dass sich Geschichte in gewisser Weise wiederholt. Diesmal könnte - ähnlich wie vor 60 Jahren - der Außenseiter und Gastgeber (Russland) im Finale auf das starke Team mit dem kommenden Superstar (Frankreich mit dem 19-jährigen Kylian Mbappé) treffen. Würde sich in diesem Sinne Fußball-Geschichte wiederholen, würde allerdings Frankreich Weltmeister - und der Titel bliebe letztlich doch wieder im exklusiven Achter-Club. Und tatsächlich scheint die Equipe tricolore spätestens seit dem tollen 4:3 gegen Argentinien die besten Aussichten zu haben. 

Doch charakteristisch für diese WM ist ja, dass nichts so kommt wie erwartet. Warum also nicht ein Finale Belgien gegen Kroatien? Und damit ein ganz anderer Weltmeister.

England beim Elfmeterschießen: Das ist der witzigste Public-Viewing-Moment dieser WM
dho / dho mit / DPA

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