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WM-Ticketverkauf: Biergarten statt Kap der Angst

Südafrika ist ausgerechnet zur Fußball-Weltmeisterschaft offenbar kein lohnendes Reiseziel: Bislang sind die WM-Tickets noch ein Ladenhüter. Und wer sich in Fankreisen und der Tourismusbranche umhört, der mag nicht glauben, dass sich das bis zum Sommer noch ändert.

Von Frank Hellmann, Frankfurt

Elefanten an einem Wasserloch bei Sonnenuntergang, ein Fußball und ein Fan, der in eine Vuvuzela bläst: Das Prospekt der Firma Vietentours bildet zum 25-jährigen Jubiläum genau das ab, was der gemeine Anhänger zur WM 2010 in Südafrika erwartet. Ein Event mit Exotik und Erlebnis soll das Abenteuer der ersten Fußball-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden werden und damit wirbt auch Vietentours. Das Düsseldorfer Unternehmen ist einer jener Reiseveranstalter, die vom Weltverband Fifa das Recht teuer erkauft haben, Flug, Hotel und Ticket in einem Gesamtpaket zu offerieren. Man ist autorisierter Agent der Match Hospitality - so nennt sich das auch im vertrackten Fifa-Jargon.

"Die WM in Südafrika ist unser wichtigstes und wesentlichstes Projekt", sagt Geschäftsführer Ingo Frieske. Dafür sind Experten wie Reiner Calmund, Mirko Slomka, Hans Meyer, Jörg Berger oder Friedhelm Funkel mit im Boot, die den Gästen das kleine Fußball-Einmaleins vor Ort erklären. Seit der WM 1994 bringt Vietentours seine Kunden zu großen Sportereignissen, mehr als 10 000 waren es zur Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, noch 5000 zur Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und in Österreich. Doch die WM 2010 droht ein Reinfall zu werden, vielleicht bleibt Vietentours auf seinen bereits bezahlten knapp 2000 WM-Billets sitzen. "Es ist kein Geheimnis, dass die Nachfrage nicht den Erwartungen entspricht - weltweit", erklärt Frieske.

Ein PR-Desaster bahnt sich an

Das Interesse an WM-Karten ist offenbar so gering, dass bereits von einem PR-Desaster gesprochen wird. Zwar hält sich die Frankfurter DFB-Zentrale mit Angaben verkaufter WM-Tickets arg zurück (ganz im Gegensatz zu den offen gehandelten Verkaufszahlen zur Frauen WM 2011), doch es sickerte durch, dass für die ersten drei Vorrundenspiele gegen Australien, Serbien und Ghana keine 1000 Tickets geordert sein sollen. Dabei könnte der DFB fast 21.000 Karten für deutsche Fans verkaufen.

Je zwölf Prozent der Eintrittskarten gehen bei einem Gruppenspiel an die beteiligten Nationalverbände - wo bei der WM in Deutschland der absolute Mangel verwaltet werden musste, gibt es nun gar keine Engpässe mehr. Im Gegenteil: In den Niederlanden wurden bislang statt der erwarteten 10.000 Karten nur 2000 bis 3000 veräußert, und selbst im reisefreudigen England ist kein Boom ausgebrochen. In der Schweiz wurden 850 Karten verkauft, aber 23 600 angeboten. In Dänemark gingen 1573 Bestellungen ein, bei 17.260 verfügbaren Tickets.

Haben Sie vor zur WM nach Südafrika zu fliegen?

Hohe Reisepreise schrecken Fans ab

In Übersee sollen die Zahlen noch mieser sein, auch die Sympathisanten der fünf afrikanischen Teilnehmer erleben das Turnier wohl lieber am Fernseher. Ergo hat Südafrikas Organisationskomitee ein ernstes Problem, schließlich hatte Cheforganisator Danny Jordaan immer von 450 000 WM-Touristen gesprochen, die ja auch den Aufschwung im Lande fördern sollten.

Der Weltverband FIFA hat auf die geringe Nachfrage nach Eintrittskarten allerdings reagiert und das Prozedere für den Ticketverkauf modifiziert. Die Verbände der 32 Teilnehmer können nun in einer zusätzlichen Phase vom 9. Februar bis 7. April für Fans ihrer Mannschaft reservierte Karten verkaufen.

"Die Wirtschaftskrise, die Preise, die Sicherheit", zählt Frieske auf, was den Fußballfan vom Reisen abhält. Billig sind die Offerten wie von Vietentours eben nicht: Eine Woche zum Vorrundenspiel Deutschland gegen Australien kostet bereits 2870 Euro, wer zwei Wochen vor Ort bleibt und sich die ersten zwei Spiele anschaut, muss 5350 Euro zahlen. Ein weiterer Aspekt sei das gestiegene Interesse am Public Viewing in der Heimat, glaubt Frieske. "Machen wir uns nichts vor: Mancher Fan geht diesen Sommer lieber in den Biergarten, trinkt ein schönes Hefeweizen und schaut mit Freunden Fußball statt nach Südafrika zu reisen." So sind bislang erst rund eine Million der 3,044 Millionen WM-Eintrittskarten veräußert, die in sechs Preiskategorien über die Schweizer Agentur Match angeboten werden.

Viele Fans sind verunsichert

Auch bei VIP's und Sponsoren, denen erhebliche Kontingente zugeschlagen werden, ist Zurückhaltung spürbar. Finden also viele WM-Spiele in Südafrika genau wie die derzeitigen Partien des Afrika Cups in Angola vor leeren Tribünen statt? Auch Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) in Frankfurt kennt die Vorbehalte unter den Fans nur zu gut. "Es gibt zwei Gründe, die derzeit abschrecken: die hohen Kosten und die erhöhten Sorgen um die Sicherheit." Über letzteres werde in Fankreisen intensiv debattiert. "Viele sind verunsichert", sagt Gabriel, "es wird einerseits eine übertriebene Sorge geschürt, andererseits gibt es reale Gefahren." Sogar eingefleischte Sympathisanten der Nationalelf, die zu jedem Turnier gefahren seien, sind extrem skeptisch.

Seit der EM in England 1996 wird die KOS vom DFB offiziell mit der Fanbetreuung beauftragt und natürlich wird die Institution auch in Südafrika Hilfsangebote machen. Nur für wen eigentlich? Gabriel: "Es ist das erste Mal, dass die Hauptsorge nicht die Beschaffung der Eintrittskarte ist, sondern die Angst, sich in einem Land nicht frei bewegen zu können."

Nun wird Südafrika Jahr für Jahr von Millionen (deutschen) Touristen bereist, doch der gemeine Fußballfan ist damit nicht unbedingt zu vergleichen: Er will individueller, spezieller und vor allem billiger durchs Land kommen. Sas aber geht zur WM, zur Winterzeit am Kap, nur bedingt. Die KOS hat sogar einen eigenen Fanguide (www.fanguide-wm2010.de) eingerichtet, um die Furcht vor der Reise nach Südafrika zu nehmen.

1500 deutsche Fans in Südafrika erwartet

Doch wer sich die zwei eng beschriebenen Seiten mit den Hinweisen zur Sicherheit durchliest, dem wird eigentlich gleich wieder ganz mulmig. Denn dort steht ja unverblümt die Wahrheit: "Die meisten Innenstädte sind spätestens mit Sonnenuntergang, meist aber schon mit Geschäftsschluss verwaist!" Und auch dies: "Leider ist es so, dass in Südafrika Verbrechen schon für sehr geringe und aus unserer Sicht womöglich auch unwesentliche Dinge begangen werden." Gabriel mag nicht explizit einschätzen, welchen Anteil die Sorge um die Sicherheit bei der Zurückhaltung der Ticketbuchungen spielt - gering ist er gewiss nicht. "Realistisch ist es daher, dass man mit ungefähr 1500 deutschen Fans in Südafrika rechnen sollten" - ohne VIP's und Sponsoren.

Das ist ungefähr die Zahl der Anhänger, die die Nationalmannschaft nach Japan und Südkorea begleitet haben. Für die allermeisten Fußballfans jedoch, das steht sogar auf der Fanguide-Homepage, "wird sich die WM in Südafrika wohl zu Hause abspielen. Während Freunde und Bekannte dort im afrikanischen Winter leicht fröstelnd im Green Point Stadium ihre Windjacke anziehen, sitzen wir im T-Shirt beim Public Viewing oder im heimischen Garten und stöhnen über die Hitze beim Fußballschauen."

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