Hier spricht China, Teil 1 "Onkel Volksbefreiungsarmee" - Held oder die Schreckfigur?


Wie fühlt sich eine Chinesin, die die Olymischen Spiele von ferne in Deutschland verfolgt? Was sagt sie über das China-Bild, das in Deutschland durch die Medien vermittelt wird? In ihrer Kolumne "Hier spricht China" schreibt die chinesische Studentin Yuanchen Zhang auf stern.de über ihre Eindrücke von Olympia.
Von Yuanchen Zhang

Peking während der Olympischen Spiele: strenge Sicherheitsmaßnamen, Militärparade auf dem Platz des Himmlischen Friedens, Gewehre in der Hand der Soldaten. Für mich kein ungewöhnliches Bild. Für meinen deutschen Kollegen schon. "Eine Provokation", sagt er. "Die Männer marschieren über den Platz, schussbereit. Mir macht das Angst." Und schützt seinen Kopf symbolisch mit den Armen. Für mich ist seine Reaktion eine totale Überraschung.

Denn wir Chinesen sehen die Volksbefreiungsarmee anders. Ich bin in China aufgewachsen, habe dort 19 Jahre gelebt, und vertraue der Armee. Im Lehrbuch der sechsten Klasse stand ein Artikel, der mich und meine Generation wesentlich prägte. Der Titel: "Wer ist die beliebteste Person Chinas?" Die Antwort lautet: die Volksbefreiungsarmee. Der Autor Wei Wei begleitete als Reporter die Armee im Koreakrieg in den Fünfzigerjahren. Seine Beschreibung der Armee: "Ihre Mentalität ist so pur und edel, ihr Wille ist hartnäckig und stark, ihr Temperament ist ehrlich und bescheiden, ihr Verstand ist schön und breit. Wer ist unsere beliebteste Person? Unsere Armee und unsere Soldaten."

Aus deutscher Sicht mag das wie Propaganda klingeln. In China liest jedes Kind diesen Text. Die chinesischen Kinder nennen gerne alles Onkel oder Tante, dem sie vertrauen. So heißt es auch Onkel Volksbefreiungsarmee. Ein Bild, das sich in unseren Köpfen festsetzt und das die Medien in unserem Land weiterentwickeln. Im Fernsehen heißt es: Der Onkel sei überall da, wo er gebraucht wird. Bei Flutüberschwemmungen, schweren Schneefällen, dem Erdbeben von Wenshuan im Mai, und so natürlich auch bei den Olympischen Spielen.

Als Ausländer muss man wissen, dass der Platz des Himmlischen Friedens selbst ohne das große Sportereignis ihr alltäglicher Einsatzort ist. Sie sollen stolz und mächtig marschieren, denn sie vertreten das Bild des Helden, sie sind ein Zeichen der Sicherheit. Für viele chinesische Touristen aus den Provinzen ist es deshalb sogar eine Ehre, mit den Soldaten einmal fotografiert zu werden. Also, alles ganz normal. Alltag sozusagen.

Aber jetzt sind Olympische Spiele, und die Ausländer fühlen sich nicht so wohl mit der Volksarmee wie wir Chinesen. Die Männer der Armee mussten deshalb viel erleiden. Sie wurden bei ihrer Arbeit als Schützer der olympischen Fackel beschimpft und sogar angegriffen. Und jetzt macht der "Onkel" den ausländischen Journalisten Angst und sorgt so für Empörung.

Besonders die Deutschen fühlen sich - ich denke, das liegt an ihrer schrecklichen Vergangenheit - nicht wohl, wenn sie Soldaten mit Gewehr marschieren sehen. Mein Kollege schimpft: "Die Olympischen Spiele sind keine nationale Feier, warum nehmen die Chinesen keine Rücksicht auf unsere Gefühle?"

Ich verstehe, was er meint. Für ihn ist der Aufmarsch kein Signal der Sicherheit, sondern pure Angeberei. Eine Provokation mit nationalem Stolz. Mittlerweile beim Kaffee angelangt, fragt er mich: "Könnt ihr das nicht ein bisschen unauffälliger machen?" Angeblich haben die US-Amerikaner das bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City besser hingekriegt. Gerade einmal fünf Monate nach dem Terroranschlag am 11. September, als sie sich so bedroht wie noch nie in ihrer Geschichte fühlten. Trotzdem hätten sie nicht mit ihren Waffen und der Armee geprotzt, sondern seien nett, fröhlich und sogar humorvoll gewesen. Selbst bei den Sicherheitskontrollen an den Stadien.

Ja, Humor kann Uncle Sam sicherlich besser als Onkel Volksbefreiungsarmee. Ich gebe nicht gerne zu, dass die Chinesen weniger witzig sind als die US-Amerikaner. In der Tat hat der Onkel Volksbefreiungsarmee nie gelernt, wie man stolz und würdig sein kann und gleichzeitig auch humorvoll. Außerdem ist es auch schwierig, einen chinesischen Witz auf Englisch zu erzählen. Schließlich ticken wir anders. Aber wir lernen ja noch. Ihr vielleicht auch.

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