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Klitschko-Brüder: Den schlagenden Beweis noch schuldig

In den nächsten beiden Wochen boxen die Klitschko-Brüder wieder vor US-Publikum. Sie können Weltmeister werden. Oder ihre Karrieren restlos ruinieren

Ein einziges Wort. Dieses Wort würde die Geschichte transportieren, die Schlagzeilen machen, die Zuschauer anziehen, es würde den Brüdern einen Schub geben bei ihrem lang ersehnten Durchbruch in Amerika. Ein Wort nur. Rache.

Vitali Klitschko sitzt in den Katakomben des Staples Center von Los Angeles, wo er am 24. April gegen den Südafrikaner Corrie Sanders um den WM-Titel kämpfen wird. Im Nachbarraum trainieren die Cheerleader der L.A. Lakers für das Abendspiel. Vor ihm sitzen Reporter aus aller Welt und warten auf das Wort. Dieser Sanders hat seinen Bruder Wladimir vor einem Jahr in Hannover k.o. geschlagen. Dieser Sanders hat die Klitschkos gedemütigt. Dieser Sanders greift jetzt zum Mikrofon und sagt, dass er auch den zweiten Klitschko verdreschen werde. Harte Worte. Boxerworte. Vitali zeigt keine Regung. Sein Gesicht ist starr. Man könnte alles lesen in diesem Gesicht, Hass oder Liebe oder Gleichgültigkeit. Hinter ihm, auf den Bildschirmen, steht das Motto des Kampfes: "Die Nacht, in der die Familienehre wieder hergestellt wird." Es klingt nach Blutrache. Nach Brüdertreue. Nach etwas sehr Archaischem.

Vitali steht auf. Er trägt einen dunkelgrünen Kordanzug. Über seine linke Wange zieht sich die lange Narbe aus dem großen, blutigen Kampf gegen Lennox Lewis im vergangenen Juni. Die Augenbrauen rutschen tiefer ins Gesicht. Jetzt wird er loslegen. Jetzt wird er zurückschlagen. Doch was macht er? Er dankt allen. Er findet höfliche Worte für seinen Gegner. Er kämpft ein bisschen mit der englischen Sprache und sagt irgendwann, dass er Weltmeister werden will. Dann geht er.

Das war's? Das war's. Diplomatenworte. Weiberworte. Die Kamerateams laufen ihm hinterher. Das ZDF fragt nach, der Pay-TV-Sender HBO fragt nach, alle fragen: "Vitali, was ist mit der Rache?" "Rache ist übertrieben", antwortet er ruhig. "Emotion ist ein großer Nachteil. Ich will im Kampf eiskalt sein." Sein Bruder Wladimir wird später hinzufügen: "Rache macht dich schwach." Die Schlagzeilen fallen lau aus am Tag danach, einer dieser diesigen, schon warmen Tage am Pazifik. Die Klitschkos absolvieren ihr Lauftraining am Strand von Marina del Rey. In der Ferne klappern die Masten weißer Segelboote und die Blätter der Palmen, blonde Surfer paddeln schon früh am Morgen hinaus aufs Meer. L.A.! Die Klitschkos würden gern mal wieder surfen gehen. Sie würden gern mal wieder Motorrad fahren, Helikopter fliegen, wakeboarden, Jetski fahren, all das, was der Wohlstand den Ukrainern so geboten hat in den Jahren postsowjetischen Ruhms.

Doch in diesen Tagen gibt es keinen Spaß. In diesen Tagen geht es um alles. Innerhalb von zwei Wochen treten sie zu ihren WM-Kämpfen an; Vitali gegen Sanders, Wladimir gegen den US-Amerikaner Lamon Brewster (10. April). Wladimir sieht keine Groupies mehr und Vitali seine Kinder nur noch selten. Wladimir hängt nicht mehr in Discos ab und Vitali nicht am Strand. Sie laufen sich Blasen. Sie essen fettarm. Sie gehen früh ins Bett. Sie können zum ersten Mal in der Geschichte gemeinsam Weltmeister sein, Weltmeister verschiedener Verbände. Es wäre historisch. Wenn es bei diesen Kämpfen schon nicht um Rache geht, dann wenigstens um die Historie. "Man sollte das mit der Historie nicht übertreiben", entgegnet Vitali. "Es geht um die Titel."

Manchmal wirkt es so, als wollten die sonst so geschäftstüchtigen Klitschkos jedes Klischee zerstören, jeden Superlativ kippen, jede Schlagzeile entfetten. Und das zu einer Zeit, in der sie Amerika endlich erobern könnten. "Wenn ihr es im Boxen schaffen wollt, müsst ihr nach Amerika", hat ihr Vorbild Max Schmeling den Brüdern gesagt. Deutschland ist wichtig, aber Amerika "das Mekka des Boxens". Ein Auftritt bei Gottschalk ist wichtig, einer bei Jay Leno aber die Krönung. Beim Spiel der Lakers gegen die Utah Jazz am vorvergangenen Sonntag sagte Jack Nicholson zu den Klitschkos: "Okay, ich trete im Ring gegen euch an, aber nur einer nach dem anderen." Dan Rather vom Fernsehmagazin "60 Minutes" dreht gerade einen Film über die Klitschkos. Das ist der Ritterschlag. Leno! Nicholson! Rather! Amerika!

Der PR-Manager der Klitschkos

heißt Bernd Bönte, und er ist begeistert von der Begeisterung. Und braun gebrannt und gut gelaunt. Er arbeitet rund um die Uhr und sieht nie schlecht aus. Er passt hierher. Auch die "Marke Klitschko" passe hierher, findet er. Sie könnten in Amerika für alles Werbung machen, zwei höfliche, familienorientierte Kerle als Kontrast zu den ohrenabbeißenden, gesichtstätowierten, frauenschlagenden Kriminellen der amerikanischen Boxwelt. Amerika liebt solche Helden. Amerika lässt solche Helden Gouverneure werden, muskulöse Fremde mit einem harten Akzent, aber einem Herz für arme Kinder in Brasilien und einer Liebe für Amerika. Wenn es schon nicht um Rache und Historie geht, dann um eine glorreiche Zukunft in den USA.

Am Tag darauf sollen Wladimir und Vitali ein Zeugnis ihrer Amerika-Liebe abgeben. Sie sitzen in einem Fitnessstudio, auf Gesundheitsbällen. Sie schätzten sehr, sagen sie, dass es hier kaum Ressentiments gegen Fremde gebe, dass sie sich nicht als Ausländer fühlten. "Die Leute sind sehr freundlich", sagt Vitali. "Aber", so fügt er hinzu, "das Lachen ist oft ein Plastiklachen. Die Amerikaner sagen oft nicht die Wahrheit. Sie machen Komplimente, die nicht wirklich so gemeint sind." Harte Worte. Aber er fängt gerade erst an. "Ich bin nicht einverstanden, dass die Amerikaner ohne UN-Resolution in den Irak einmarschiert sind. Hinter dem Krieg im Irak stecken vor allem wirtschaftliche Interessen." Vielleicht sollte er jetzt etwas vorsichtiger werden. Er redet sich gerade um Kopf und Kragen. "Wenn ich meinen Sohn im Kindergarten abgebe, stehen sie dort in Reih und Glied. Dann klingt die amerikanische Hymne, und die Fahne geht hoch. Das habe ich vor 30 Jahren gemacht. Aber unsere Fahne war rot!" Vitali redet sich tatsächlich um Kopf und Kragen. So etwas hört kein Amerikaner gern. Er sollte jetzt vielleicht mal schweigen. Da sagen beide Brüder: "Wir sind so, wie wir sind."

Wie sind sie? Wenn die Kameras aus sind und die Reporter fort, sieht man sie in Aktion: Wladimir fragt eine junge Mutter auf einem Parkplatz, ob er ihr beim Tragen der Einkaufstüten helfen könne. Vitali stürzt einer älteren Frau entgegen und öffnet ihr die Tür. Wladimir erkundigt sich nach der grippegeschwächten Bardame in der Cheesecake-Factory, einem Caf? in Marina del Rey. Und wenn sie sich unbeobachtet fühlen, umarmen sie sich auch mal, der 28-jährige Koloss (2,00 Meter) und der 32-jährige noch größere Koloss (2,02 Meter), die für kein Geld der Welt gegeneinander kämpfen würden. Vielleicht ist dies die Geschichte: zwei hilfsbereite, promovierte, ehrliche, unzertrennliche Brüder, mit einer Kindheit im Sozialismus und einem Apartment in L.A., die über einen immer harmonisch gegangenen Umweg Hamburg-Wandsbek Amerika erobern. Eine schöne Geschichte.

Das Problem aber ist: Auch diese ist nicht ganz wahr.

An einem Nachmittag in West Hollywood tritt Wladimir zum Sparring an, in einem unscheinbaren, verdunkelten Boxgym im Souterrain. An den Wänden hängen Plakate von Muhammad Ali und Lennox Lewis. Aus den Lautsprechern dringt Rap. In Hamburg gab es Pop. In Hamburg war es ruhiger.

Wladimir boxt gegen einen älteren, übergewichtigen Schwarzen. Sein neuer Trainer Emanuel Steward läuft im Ring umher und gibt laufend Anweisungen, wie ein Zirkusdompteur. Unweit vom Ring steht Wladimirs alter Trainer Fritz Sdunek. Manchmal blickt Sdunek zum Ring. Und wieder weg. Wieso versucht Steward, einen neuen Stil reinzubringen?, fragt sich Sdunek. Das ist nicht Wladimirs Stil. Was soll das?

Bis vor sechs Wochen war Sdunek noch Wladimirs Trainer. Acht Jahre hatte er mit den Brüdern gearbeitet. "Wenn ihr unterwegs seid, bist du der Vater", hatte Mama Klitschko zu Sdunek gesagt. Jetzt hat Wladimir ihn als Headcoach abgesetzt. Das tat weh. Jetzt ist Steward der Chef. Das tut richtig weh. Ausgerechnet Steward, der Selbstdarsteller, Steward, der Lennox Lewis trainierte, Steward, der Vitali nach dem Kampf verhöhnte. Das hat Vitali nicht vergessen. Es brodelte in ihm. Brodelt es immer noch? Vitali antwortet nicht gleich. Dann sagt er: "Emotionen sind manchmal ein großer Nachteil. Wir sind in einem harten Geschäft. Hier zählt nur der Erfolg."

Am nächsten Tag sitzt Sdunek am Pool in Marina del Rey und sagt, dass er drüber hinweg sei. Er hat 74 WM-Titel als Trainer. Gilt als einer der Besten im Geschäft. Er ist erdverbunden und geradeaus, ein harter, ehrlicher Arbeiter, der auch in L.A. seinen Matjes und Sauerbraten findet und deutliche Worte nicht scheut. Dem "Tagesspiegel" eröffnete er: Wenn Wladimir verliert, ist der Ofen aus. Das gab Žrger. Wie kannst du so etwas sagen, fragte ihn Wladimir. So habe ich das nicht gesagt, erwiderte Sdunek. Er kann das so nicht gesagt haben, sagt Bönte. Was hat er dann gesagt? Herr Sdunek, was haben Sie gesagt? "Wenn einer zweimal durch K.o. verliert, sollte er darüber nachdenken aufzuhören, habe ich gesagt." Das läuft doch aufs Gleiche hinaus. "Ja, aber ich denke nicht daran, dass er verliert."

Irgendetwas läuft schief.

Die Geschichte der großen Harmonie bekommt ein paar Risse, und sie werden größer, wenn man sich umhört im Boxstall der Klitschkos, bei Universum in Hamburg-Wandsbek. Wladimir sei der Träumer, sagen sie dort, Vitali der Realist. Wladimir liebe die Show, Vitali den Sport. Wladimir wolle sich nicht mehr quälen. Die Niederlage gegen Sanders habe ihn traumatisiert. Die Gegner danach seien schwache Aufbaugegner gewesen, "Gurkenköpfe". Auch Brewster, der Gegner am kommenden Samstag in Las Vegas, sei nur zweite Wahl. Vitali knöpfe sich seinen Bruder schon mal richtig vor. Er brauche den Erfolg seines Bruders. Er wolle noch mal groß Kasse machen. Er sei ein knallharter Geschäftsmann.

Es sind nicht Kritiker, die dies sagen. Es sind die eigenen Leute. Die Erfolgsehe Universum-Klitschko ist nicht mehr die alte. Sie sind gemeinsam groß geworden. Sie hatten gemeinsam die schönsten Erfolge. Jetzt streiten sie vor dem Landgericht in Hamburg über die Dauer des Vertrages. Die Brüder Klitschko haben längst ihre eigene Box-Promotionsfirma gegründet. Man werde sich schon einigen, heißt es bei Universum. Wenn nicht, könnten sie ruhig abhauen. Aber dann bekämen sie kein Bein mehr auf den Boden. "Und wenn sie verlieren, will sie eh keiner mehr. Von diesen Kämpfen hängt alles ab." Vielleicht ist dies die Geschichte. Alles oder nichts. Der Durchbruch in Amerika oder der Zusammenbruch. Es geht nicht um Rache. Oder Historie. Oder die Liebe zu Amerika. Es geht um alles oder nichts. Das klingt nach Drama. Es klingt endgültig. Es klingt nicht unbedingt gut. Vielleicht sollten die Klitschkos es so nicht sagen.

Aber die Frage liegt in der Luft. Es ist ein ruhiger Samstagnachmittag im Fitnesscenter ihrer Anlage. Wladimir sagt nichts dazu. Er tobt mit seinem Neffen Egor. Vitali sagt: "Ich bin 32. Ich habe keine Zeit mehr, wenn ich verliere. Es ist nicht das Karriereende, aber das Schlimmste, was passieren kann." Und nach einer Pause fügt er hinzu: "Es geht um alles oder nichts." Und er wiederholt es: "Alles oder nichts."

Jan Christoph Wiechmann / print

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