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Muhammad Ali: The Greatest

Er war der elegante Boxer und das narzisstische Großmaul. Er besiegte alle und verlor gegen sich selbst. Er wurde als Cassius Clay Weltmeister und als Muhammad Ali zur Legende.

Gerhard Waldherr

Ein Junimorgen in Berrien Springs, Michigan, Postleitzahl 49103. Das Courthouse mit seinen weißen Säulen, Baujahr 1839, leuchtet in der Sonne, und im Daybreak Café versucht ein junger Vertreter zwei Rentnern billige Sonnenbrillen und Armbanduhren anzudrehen. Die Kellnerin schaut gelangweilt aus dem Fenster. Downtown Berrien Springs besteht aus zwei Häuserblocks mit verblassten Reklamen. Chinesischer Imbiss. Hardware Store. Supermarkt. Der Rest des Ortes verliert sich im Wald.

"Unser Leben", sagt Polizeichef Jim Kesterke, "ist langsam." Die Gehsteige verwaist, auf der Main Street kaum Verkehr. Nur der St. Joseph River wimmelt vor Barschen. "Wenn Fremde auftauchen, dann wegen ihm." Fast täglich bekommt Kesterke Besuch, oft von Prominenten, die fragen, wo er wohnt. Kesterke ruft dann bei seiner Firma an, Greatest of All Time, Inc., kurz GOAT, und fragt, ob es okay ist, sie vorbeizuschicken. Meistens ist es okay. Wie man hinkommt? "Kennen Sie unsere einzige Ampel? Also, dort müssen Sie links, dannÉ" Muhammad Ali lebt am Ende einer schmalen Allee. Da ist ein weißes Farmhaus, eine Scheune, Bäume, ein Teich, von dem aus man den St. Joseph sehen kann. Al Capone soll sich früher versteckt haben auf dem 35 Hektar großen Areal. Heute kann jeder klingeln bei einem Mann, über den sein Manager Bernie Yuman sagt: "Er ist die einzige lebende amerikani-sche Ikone des 21. Jahrhunderts." Thomas Hauser, der eine Biografie über Ali geschrieben hat, nennt ihn einen "Leuchtturm der Hoffnung für alle Unterdrückten". Feuilletonisten verklären ihn seit Jahrzehnten. Drachentöter. Gott der Jugend. Symbol für Mut, Stolz und Freiheit. Norman Mailer schrieb: "Der größte Athlet der Welt war in seinen besten Momenten unser schönster Mann."

"Kein Boxer", sagt der amerikanische Boxhistoriker Bert Randolph Sugar, "hatte eine ähnliche Karriere. Nicht Jack Dempsey, nicht Joe Louis, nicht Rocky Marciano, sie hatten doch kaum große Gegner." Ali hingegen hat Sonny Liston entthront, zweimal den früheren Weltmeister Floyd Patterson zermürbt. Er hat sich drei legendäre Duelle mit Joe Frazier geliefert und den Koloss George Foreman zerstört. Dreimal Weltmeister im Schwergewicht, 56 Siege, 37 Knockouts, nur fünf Niederlagen. Ali hat zwei Generationen von Champions überlebt und die größte Ära des Schwergewichtsboxens dominiert mit seinem revolutionären Boxstil: "Float like a butterfly/Sting like a bee/Your hands can't hit/What your eyes can't see."

Kein anderer Athlet hatte ein vergleichbares Leben. Ali war Boxer und Showman, Popstar und Aktivist, verband als erster Athlet Sport und Politik. Schwarzer Prinz, prügelnder Tänzer, dichtender Wanderprediger. Er war mit dem Bürgerrechtler Malcolm X befreundet, wurde zum Sprachrohr der Nation of Islam und zum Idol der rebellierenden Jugend Amerikas, als er 1967 den Wehrdienst verweigerte und mit den Worten zitiert wurde: "Ich habe keinen Streit mit dem Vietkong." Nun reist er als Botschafter Allahs, alternder Held und kranker Heiliger 200 Tage im Jahr durch die Welt, predigt Liebe, Güte und Toleranz, trifft Staatsmänner und gekrönte Häupter, wirbt für Coca-Cola und Adidas und kassiert 200000 Dollar Antrittsgage.

Es ist ein schlichtes Haus, in dem er wohnt, zwei Stockwerke, offener Kamin und Postermöbel in Pastellfarben im Wohnzimmer. In einem kleineren Gebäude daneben befindet sich sein Büro, dessen Wände gepflastert sind mit Bildern. Die Stationen seines Lebens, konserviert auf Zelluloid. Ali sagte einmal: "Ich weiß, wohin ich gehe, ich kenne die Wahrheit, ich muss nicht sein, wie ihr mich haben wollt, ich bin frei zu sein, was ich will." Als er nicht nach Vietnam ging, wurde ihm der Titel aberkannt, sie wollten ihn für fünf Jahre ins Gefängnis stecken. 1971 hob der US Supreme Court das Urteil auf mit der Begründung, Ali hätte aus Gewissensgründen von der Wehrpflicht befreit werden müssen. Das Schreiben hängt nun gerahmt im Flur vor seinem Büro.

Er sitzt meistens im Büro, wenn er zu Hause ist. Doziert über Widersprüche in der Bibel oder malt mit schwerer Hand seinen Namen auf Autogrammkarten, das Gesicht ausdruckslos, der Blick starr. Morbus Parkinson hat ihn im Clinch. Tremor. Rigor. Akinese. So umschreibt es die Fachliteratur, wenn jemand zur schüttelnden, schlurfenden Mumie wird. Wer erinnert sich nicht an das Stakkato seiner Verse, die fast so rasant flogen wie seine Fäuste? "I wrestled with an alligator/Tussled with a whale/Handcuffed lightning/Threw thunder in jail." Heute zeichnet er mit dem Zeigefinger ein Dreieck in die Luft, wenn er Apfelkuchen bestellt; ein Kreis bedeutet eine Kugel Vanilleeis. Auch sein legendärer Shuffle, das atemberaubende Ballett im Ring, hat ihn verlassen. Er geht, als hätte er Pudding in den Knien und Blei an den Schuhsohlen. "Es ist schwer, ihn zu akzeptieren, wie er jetzt ist", sagt seine vierte Frau Lonnie, die in unmittelbarer Nachbarschaft von Alis Elternhaus in Louisville, Kentucky, aufwuchs. Lonnie ist eine gutmütige, geduldige Frau, die schwärmt, wenn sie erzählt, wie Ali als junger Weltmeister nach Hause kam. "Er hatte diesen Bus, auf dem stand "The Greatest", und nachdem er alle Kinder der Nachbarschaft eingesammelt hatte, fuhren wir durch die Stadt und mussten durch den Lautsprecher rufen, immer wieder rufen: "Du bist der Größte, du bist der Größte!" Er war lustig, liebenswert, charismatisch, großzügig, er war Superman." Noch heute kann es passieren, dass sich ihm wildfremde Frauen an den Hals werfen, obwohl Lonnie daneben steht. "Ich verstehe das, ich war auch immer verliebt in Muhammad."

Als Lonnie ihren Helden wiedertraf, war er bereits krank. Er schämte sich für seinen desolaten Zustand, verweigerte Medikamente, litt unter Depressionen. Erst sein Auftritt in Atlanta 1996 löste die Sperre. Ali entzündete das Olympische Feuer und wurde frenetisch gefeiert. Lonnie: "Den ganzen Abend saß er mit der Fackel im Hotelzimmer, und plötzlich war es okay, krank zu sein." Niemand kann sagen, was die Krankheit bewirkt, doch Hauser ist überzeugt: "Er nimmt alles um sich herum wahr, er kann es nur nicht mehr artikulieren." Manchmal, unvermittelt, haucht Ali: "Gandhi, John F. Kennedy, Malcolm X, Elvis - alle Helden sind tot."

Cassius Marcellus Clay jr. wurde am 17. Januar 1942 in Louisville geboren. Vater Cassius sen. war Schildermaler, ein leutseliger, trinkfester Lebemann, der gern große Reden schwang. Mutter Odessa, gutmütig, geduldig, putzte für Weiße und versäumte keinen Gottesdienst in der Baptist Church. Die Clays waren nicht Mittelstand, wie gern behauptet wird, auch dass sie Nachfahren von Sklaven waren, lässt sich nicht schlüssig belegen. Sie kamen zurecht, mehr war kaum möglich damals in dieser Gegend, die bekannt ist für Bourbondestillerien und Pferdezüchter. "Es war nicht wie im tiefen Süden", sagt Alis jüngerer Bruder Rahaman, "aber wenn wir an einem falschen Platz waren, kamen weiße Jungs und sagten: "Hey, Nigger, was machst du hier?""

Der Polizist und Boxtrainer Joe Martin arbeitete gerade am Sandsack, "als dieses Kid weinend die Treppe herunterkam". Cassius jr. war zwölf, man hatte ihm sein Fahrrad gestohlen. Er würde den Dieb verprügeln, erzählte er Martin, wer auch immer das getan habe. Der sagte: "Gut, dann lernst du besser boxen." Martin erinnert sich: "Er wirkte anfangs nicht besser oder schlechter als die Mehrheit, er war einfach normal." Doch er war "der härteste Arbeiter unter allen Kids, die ich jemals trainierte". Um seine Beweglichkeit zu schulen, ließ er seinen Bruder Steine auf ihn werfen. Rahaman: "Ich konnte ihn nie treffen." Der junge Clay war schmal, ohne nennenswerten Punch, doch schon bald machten seine Reflexe, seine Beinarbeit, seine Körperkoordination die Trainer sprachlos. Sein Jab kam ansatzlos, Schlägen wich er scheinbar mühelos mit pendelndem Oberkörper aus.

Cassius jr. verließ mit 16 die Schule ohne Glanz, trainierte anschließend für eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 1960 in Rom. Er war kein guter Schüler, tat sich schwer mit Lesen und Schreiben. Bei seiner ersten Musterung wurde er wegen geistiger Mängel zurückgestellt. Um einen guten Spruch war er jedoch nie verlegen. "Ich habe immer nur behauptet, ich sei der Größte", sagte Ali einmal, "nie, ich sei der Schlaueste." Nachdem er in Rom Gold gewonnen hatte, lief er tagelang mit seiner Medaille im olympischen Dorf herum und unterhielt die Athleten. Man nannte ihn "Louisville Lip". Eine Gruppe weißer Geschäftsleute aus Louisville finanzierte daraufhin Clays Profilaufbahn. Profiboxen war zu dieser Zeit ein Spiegelbild der amerikanischen Gesellschaft. Der Sport wurde kontrolliert von Weißen, schwarze Athleten wurden als Investment betrachtet, verkauft wurden sie mittels Klischees. Boxen war die faszinierendste Bühne des Sports. Football hatte damals gerade erst die Super Bowl erfunden, Leichtathletik hatte nur bei Olmypia Konjunktur, Basketball und Baseball waren noch weit entfernt von millionenschweren Fernsehverträgen. "Bei Mannschaftssportarten gehen die einzelnen Athleten unter, Boxen ist eine Allegorie des Lebens", sagt Sugar, "Schwarz gegen Weiß, Gut gegen Böse, Jung gegen Alt. Der Ring ist eine Welt, in der alles reduziert wird auf den Kern menschlicher Existenz."

Anfang der sechziger Jahre in Amerika. Schwarze Bürgerrechtler werden ermordet. Die Polizei hetzt Hunde auf Demonstranten, hält Afroamerikaner von der Registierung als Wähler ab. Im Süden des Landes werden schwarze Schüler entgegen einem Grundsatzurteil des Supreme Court weiter von weißen Schulen ausgeschlossen. Clay ist 21, als er Martin Luther Kings Marsch nach Washington erlebt und dessen legendäre Rede "I had a dream". Einen Monat später wird eine schwarze Kirche bombardiert, vier kleine Mädchen sterben. Da heißt es bereits, Clay habe seine Goldmedaille weggeworfen, nachdem man ihn in einem Lokal nicht bedienen wollte. Er ist fasziniert von den flammenden Reden des paranoiden, machtbesessenen Muslims Elijah Muhammad, der das weiße Establishment verteufelt und unter anderem behauptet, im Weltall kreise ein Raumschiff, das die Elite der schwarzen Rasse beherberge und am jüngsten Tag Amerika vernichten werde. Als Cassius Clay jr. am 25. Februar 1964 gegen den amtierenden Weltmeister Sonny Liston in den Ring steigt, ist er in den Augen der Öffentlichkeit längst nicht mehr nur der unschuldige Schwätzer aus der Provinz. Man missbilligt, dass er die Runden seiner Knockouts in Reimen ankündigt, hält ihn für arrogant, größenwahnsinnig, wenn er proklamiert: "Ich bin das Amerika, das ihr nicht wahrhaben wollt." Doch er ist bereits so populär, dass ihn die Beatles in seinem Trainingscamp besuchen. Nur deswegen wird er als Herausforderer ausgewählt . Das Duell mobilisiert die Massen, denn Liston gilt als Totschläger, brutal, barbarisch, erbarmungslos. Den Titel hatte er gewonnen durch Knockout gegen Floyd Patterson, einen stillen, bescheidenen Christen, der für Manager und Promoter das Ideal des manipulierbaren Athleten erfüllte. Dieser Liston sollte Clay das Maul stopfen.

Es kam anders. Clay hatte schon vor dem Kampf angefangen, Liston zu attackieren. Er nannte ihn "der Bär", "einfach nur hässlich", "zu alt, um gegen mich zu gewinnen". Er ließ sich fotografieren mit einem Buch über psychologische Kriegsführung. Liston: "Wenn er stehen bleibt und kämpft, bringe ich ihn um, wenn er wegläuft, fange ich ihn und bringe ihn um." Doch Clays Schnelligkeit dominierte, nicht Listons Kraft. Der gab nach der sechsten Runde entnervt auf. Clay sprang auf die Seile und schrie, immer wieder: "Ich bin der Größte, ich bin König der Welt." Kurz darauf gab er bekannt, dass er seinen Namen in Muhammad Ali geändert habe und sich der Nation of Islam anschließen werde, wo er als Priester in Moscheen auftreten und sich um schwarze Kinder kümmern wolle.

Boxen ist ein grausames Geschäft - und Ali war jung, orientierungslos, ungeduldig. Alles, was er kannte, war Boxen. Er sah, wie die Bürgerrechtsbewegung nicht vorankam und interpretierte die gewaltfreie Politik der schwarzen Bürgerrechtsbewegung als Schwäche. Elijah Muhammad bezeichnete Luther Kings Marsch nach Washington als Scheitern, propagierte Rassentrennung und militanten Widerstand und benutzte den eloquenten Boxstar geschickt als Sprachrohr. Ali: "Ich bin ein Fighter, ich glaube an Auge-um-Auge, ich halte nicht die andere Backe hin. Du tötest meinen Hund? Du versteckst besser deine Katze!"

Boxen wurde zu Alis Vehikel. Der Sieg im Rematch mit Liston, der nach einem blitzschnellen Punch in der ersten Runde k.o. ging, stärkte noch sein Ego. Danach quälte er Patterson ("den Hasen") zwölf Runden lang, obwohl er ihn viel früher spielend hätte ausknocken können. "Allah wird auf göttliche Weise Amerika kaputtmachen", sagte er in einem Interview mit dem "Playboy", "wenn Amerika die Schwarzen nicht endlich gerecht behandelt, dann wird es brennen." Die CIA beschattete, die Polizei schikanierte ihn, die US Army korrigierte den Status seiner Wehrtauglichkeit. "Halb Amerika hasste ihn", sagt Sugar, "kein Wunder, dass sie Vietnam zum Anlass nahmen, ihn aus dem Verkehr zu ziehen." Eine Hotelsuite, Essex House, New York, März 2001. Ali im gelben Polohemd. Schwarze Hosen, schwarze Sneakers. Die Abendsonne fällt auf sein Gesicht, während er ein paar Journalisten und seine Entourage mit Zaubertricks und Witzen unterhält. Mit zittrigen Fingern zieht er ein Seidentuch aus einem Plastikdaumen. Als jemand Joe Frazier erwähnt, stellt er sich schlafend. Sagt: "Schwarzer, Mexikaner, Puerto-Ricaner im Fond eines Autos - wer fährt?" Jeder weiß, was kommt. Der Klassiker seines Programms: "Polizei." Als er müde wird, stehen alle in Ehrfucht und Rührung. Ali blickt stumm aus dem Fenster in den Central Park, die Hochhäuser zerfließen zu Schemen.

Man weiß nie, was er sieht. Erkennt er New York, wo er elf Kämpfe bestritt? Es ist ein kühler Abend, genau wie damals, im März 1971, Madison Square Garden. Alis erster Fight mit Joe Frazier, der ihn als Welt-meister beerbt hatte während Alis dreieinhalb Jahre dauernden Sperre. Sie nannten es "The Fight of The Century". Fünf Millionen Dollar Börse. Frank Sinatra machte Fotos für "Life Magazine", Burt Lancaster arbeitete fürs Radio, Diana Ross besuchte Ali in seiner Umkleidekabine. Ganz Amerika fieberte, weltweit saßen 300 Millionen Menschen vor dem Fernseher. Bis zur letzten Runde war der Ausgang des Kampfes offen. Doch dann lief Ali in einen fürchterlichen linken Haken Fraziers, ging zu Boden, verlor nach Punkten. Während die Zuschauer die Arena verließen, standen in der U-Bahn-Station unter dem Garden bereits die Graffiti: "Ali lives".

Alle Helden sind tot. Ali lebt. Kein Rückschlag, keine Niederlage hat ihn gebrochen. "Den besten Ali haben wir nie gesehen", sagte Angelo Dundee, sein Trainer. Die Sperre kostete ihn Millionen und die besten Jahre seiner Karriere. Seine Beine waren nie wieder so flink danach, sein unerschütterliches Selbstbewusstsein war angeknackst. Nach der Niederlage gegen Frazier verlor er gegen Ken Norton, der ihm den Kiefer brach. Er musste noch mal gegen Frazier boxen, der inzwischen gegen Foreman verloren hatte, und bis 1974 warten, ehe er wieder eine Chance auf den Titel bekam.

Doch nicht nur seine Fähigkeit, Niederlagen wegzustecken und wieder nach oben zu kommen, machen Ali unsterblich. Bernie Yuman, der als Manager auch Siegfried und Roy betreut, erinnert sich an seine erste Begegnung mit Ali. Es war 1962, Yuman war 13 und drehte Runden auf einem Sportplatz in Miami Beach. Irgendwann überholte ihn dieser schöne, junge Schwarze, den er nie zuvor gesehen hatte. Yuman: "Er blickte mir in die Augen, wie nur er es kann, da war pure Spiritualität in diesem Mann." Ali nahm den weißen Jungen mit in sein Gym, stellte ihn später Malcolm X vor mit den Worten: "Sein Herz ist so schwarz wie unseres." Yuman sagt: "Er hat sich immer um die Schwachen, die Schüchternen, die Außenseiter bemüht, er wollte allen Mut und Hoffnung geben, auch in der Zeit, als er seine größten Fehler begangen hat. In hundert Jahren werden die Leute noch wissen, was dieser Mann getan hat."

Juni 2004. Ein Apartment auf der Upper West Side, New York. Vor Boxmemorabilien und -plakaten sitzt ein älterer Mann mit Brille und erzählt von Afrika. Leon Gast hat den Film "When We Were Kings" gedreht, der den Kampf zwischen Ali und Foreman 1974 in Kinshasa dokumentiert. Diktator Mobutu Sésé Séko hatte zehn Millionen Dollar offeriert für das Duell, das arrangiert wurde von Promoter Don King. Zwei Fürsten der Finsternis schufen die Bühne für einen der größten Fights aller Zeiten. "Rumble in the Jungle", das Poltern im Busch. Gast wird nicht müde zu erzählen, wie Ali am Kongo joggte, wie er systematisch ganz Kinshasa gegen Foreman aufstachelte. "Ali - bomaye!", skandierten sie, wo auch immer er auftauchte, Ali, bring ihn um! Und Ali gab mit geballter Faust den Takt an. Er sagte: "Ein Mann ohne Vorstellungskraft hat keine Flügel." Und er prophezeite:

"Nicht nur George Foreman wird fallen, Berge werden einstürzen." Foreman fallen? Diese Urgewalt in kurzen Hosen? Foreman konnte Löcher in Sandsäcke hauen. Keiner glaubte, dass Ali sein Bombardement überleben würde. Norman Mailer erzählt in Gasts Film: "Seine Umkleidekabine war wie eine Leichenhalle. Ali fragte: "Warum sind alle so traurig? Ich werde tanzen." Als keiner reagierte, fragte er: "Was werde ich tun?" Stille. Und endlich sagten seine Betreuer: "Du wirst tanzen, du wirst tanzen." Ali: "Genau, ich werde tanzen, ich werde tanzen."" Mailer: "Ich schwöre bei Gott, wir hatten Tränen in den Augen." Und dann ging Ali raus in die laue Nacht und ließ sich verprügeln, bis Foreman müde war - und schlug dann zurück. K.o. in der achten Runde. Foreman fiel, Zaire tobte, und Ali stand im Morgengrauen am Kongo und erklärte Kindern, dass Stolz mehr bedeutet als Geld.

"Als ich aus Afrika zurückkam", sagt Leon Gast, "habe ich mein Leben verändert, ich glaubte an mich, glaubte, alles sei möglich, ich kenne niemanden, der nicht inspiriert wurde von Ali." Er wundert sich noch heute, wie Ali gegen Foreman gewinnen und elf Monate später sein drittes Duell mit Joe Frazier überleben konnte. "Thrilla in Manila": Zwei alternde Champions, die durch 14 barbarische Runden gingen, ehe Fraziers Trainer das Handtuch warf. Ali zu seinen Betreuern: "So muss es sich anfühlen zu sterben", und Frazier sagte: "Mann, ich habe ihn mit Schlägen getroffen, die Stadtmauern einreißen würden."

Es schmerzt Frazier bis heute, dass ihm Ali entkommen ist. Keinen Widersacher hat Ali außerhalb des Rings mehr gedemütigt als Smokin' Joe, den Sohn eines bitterarmen Kleinbauern und Schnapsbrenners aus South Carolina. Er nannte ihn "Gorilla", nannte ihn "hässlich", "ignorant" und verunglimpfte ihn als "Uncle Tom", Synonym für einen feigen Schwarzen, der sich immer noch versklaven lässt. "98 Prozent meiner Leute sind für mich", sagte Ali vor dem Kampf des Jahrhunderts, "wenn ich gewinne, gewinnen alle, wenn ich verliere, verlieren sie." "Die Leute fragen mich, ob er mir leid tut, nachdem es ihm jetzt nicht mehr so gut geht. Nein. Tut er mir nicht", schreibt Joe Frazier in seiner Biografie "Smokin' Joe": "Sie wollen, dass ich ihn liebe, aber ich mache sein Grab auf und beerdige seinen Arsch, wenn Gott beschlossen hat, ihn zu holen." Frazier ist ein überraschend kleiner Mann. Bullig, ruppig, verklemmt. Er kann bis heute nicht verstehen, warum er zu einer Randfigur von Alis Legende degradiert wird. Wenn man ihn besucht in seinem Gym in Philadelphia, 2917 North Broad Street, dann muss man das Gespräch behutsam choreografieren. Beim Namen Ali ballen sich ihm immer noch die Fäuste. Es war Frazier, der Ali Geld geliehen hatte, als der gesperrt war. Es war Frazier, der Ali die Rückkehr ins Rampenlicht ermöglichte. "Wir waren Freunde, er war mein Bruder." Einmal nahm Joe ihn im Auto mit und als sie ausstiegen, rief Ali: "Hier ist Joe Frazier, Ladys und Gentlemen! Er hat meinen Titel! Er ist nicht der Champ, er ist der Holzklotz!" Frazier seufzt: "Das Geld war immer auf der Seite des Schmetterlings, meine Aufgabe war es bloß, den Schmetterling herunterzuholen. Sie sagen, er hat Parkinson, ich sage, er hat Frazieritis."

"Alis Abgründe kennt heute keiner mehr", sagt sein Ghostwriter Hauser. Das Großmaul wird zum Gutmenschen stilisiert. Der Kölner Taschen Verlag hat unlängst ein monströses Werk veröffentlicht: "GOAT" - 830 Seiten, 50 mal 50 Zentimeter, 29 Kilo schwer, 10000 Stück limitierte Auflage, 3000 Euro. Die meisten Bilder stammen von Alis altem Freund Howard Bingham, die Textbeiträge sind Elogen. Adidas hat am Berliner Alexanderplatz anlässlich einer Werbekampagne das mit 4000 Quadratmetern größte Werbeplakat der Welt enthüllt. Hauser: "Die wollen Turnschuhe verkaufen, nicht Alis Widersprüche ergründen." Alis ehemaliger Sparringspartner Larry Holmes meint: "Er war kein Heiliger, er konnte großzügig und lustig sein, aber auch gemein und erniedrigend zu Menschen, die ihm nahe standen." Norman Mailer: "Er war Amerikas Superego." Ali war immer ein wandelnder Widerspruch. Mimte den Helden für die Kameras und maskierte damit oft nur seine Ängste. Machte den Clown vor Kindern in Krankenhäusern und vernachlässigte seine eigenen. Er ließ sich von seiner ersten Frau Sonji scheiden, weil sie sich zu aufreizend kleidete, betrog seine zweite Frau Belinda. Für ihn galten keine Vorschriften, keine Regeln, keine Verbote. Zu fast jedem seiner legendären Statements gibt es eines, das diesem widerspricht. Er wechselte seine Standpunkte nach Belieben. "Er sagte einfach, was ihm gerade einfiel", erzählt der Journalist Robert Lipsyte, der dabei war, als der berühmte Satz über den Vietkong fiel, "von Vietnam hatte er keine Ahnung." Als Malcolm X Elijah Muhammads Führungsanspruch infrage stellte und drohte, die Nation of Islam zu spalten, stellte Ali sich auf Muhammads Seite und ließ Malcolm X fallen. Kurz darauf wurde Malcolm X ermordet.

In den letzten Jahren seiner Boxlaufbahn war von seiner Brillanz nicht mehr viel zu spüren. Er war wie ein Stück Seife, das noch schäumt, obwohl es fast verbraucht ist. Ali verlor seinen Titel 1978, gewann ihn einige Monate später noch mal zurück, doch seine Sprüche und Verse waren nur noch Phrasen, die Psychotricks funktionierten nicht mehr. Ein Reporter von "Esquire" fragte, was ihm klar geworden sei, als er mit 38 noch mal ein Comeback wagte und von Larry Holmes verprügelt wurde, im einzigen Fight, den er durch vorzeitigen Abbruch verlor. "Bleib zu lange", antwortete Ali, "und man versohlt dir den Hin- tern." Bei seinem letzten Kampf, 1981 auf den Bahamas gegen einen gewissen Trevor Berbick, den heute keiner mehr kennt, lag er wehrlos und gedemütigt in den Seilen. Der letzte Gong, den der Größte im Ring hörte, kam von einer Kuhglocke. Alle großen Männer, sagt man, sterben zweimal. Ali ist 62. Er trägt jetzt einen Schnurrbart und hat graue Strähnen im Haar. Im Innern ist er wach, aber die Flügel sind erlahmt.

In Momenten der Not im Ring erinnerte sich Ali immer an eine Vision, die er zum ersten Mal als Amateur hatte: Er lag angeschlagen am Boden und sah sich gefangen in einem roten Raum. Alligatoren spielten Gitarre, Bären bliesen Trompete. An der Wand hing ein Zauberer an einem Kleiderbügel. Er schlüpfte in das Kostüm des Zauberers, verließ den Raum, kam wieder zu sich und gewann den Fight.

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