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Nach ARD/ZDF-Ausstieg: Sat.1 zeigt Tour de France

Medialer Coup: Nur 24 Stunden nach dem verkündeten Boykott von ARD und ZDF ist Sat.1 in die Live-Berichterstattung der Tour eingestiegen. Der Privatsender hat die Rechte bis zum Ende der Frankreich-Rundfahrt erworben. Für welchen Preis ist nicht bekannt.

Sat.1 steigt in den Rennsattel: Mit einem überraschenden Coup ist der Privatsender in die Lücke gesprintet, die die öffentlich-rechtliche Konkurrenz von ARD und ZDF mit ihrem Ausstieg aus der Live-Berichterstattung von der Tour de France hinterlassen hat. Mit der 11. Etappe begann Sat.1 seine Live- Übertragungen von der Frankreich-Rundfahrt. Zuvor hatte der Konzern ProSiebenSat.1 mitgeteilt, dass er die Rechte von der Tour- Organisation ASO übernommen habe. ARD und ZDF hatten der ASO erlaubt, die nicht mehr wahrgenommenen Rechte weiterzugeben.

Die beiden Sender hatten am Mittwoch nach Bekanntwerden des Doping-Falls um den T-Mobile-Profi Patrik Sinkewitz die Live- Sendungen mit sofortiger Wirkung eingestellt und damit unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. ARD und ZDF hatten die Tour- Rechte über die Europäische Rundfunkunion (EBU) erworben.

ARD-Sprecher Rudolf Ganz verteidigte trotz der zahlreichen Kritik und des Sat.1-Einstiegs noch einmal den TV-Boykott: "Wir bleiben bei unserer Haltung. Wir bleiben beim Ausstieg." Dagegen stellte Sat.1-Chef Michael Alberti zufrieden fest: "Ich bin sehr froh, dass wir so kurzfristig eines der weltgrößten Sportereignisse zeigen können. Alle, die dem Radsport verbunden sind, haben eine gute Berichterstattung verdient."

"Nur der Zuschauer entscheidet, ob er die Tour sehen will"

Bis zum Ende des schwersten Radrennens der Welt am 29. Juli wird der Sender täglich berichten. Nur am kommenden Samstag läuft wegen der Live-Übertragung des Fußball-Ligapokal-Spiels Schalke 04 gegen den Karlsruher SC bei Sat.1 das Einzelzeitfahren bei ProSieben. Der Nachrichtensender N24 wird an den Renntagen jeweils am Abend eine halbstündige Zusammenfassung zeigen. Zu der Sendegruppe gehören neben ProSieben, Sat.1 und N24 noch Kabel 1 und 9live. Auf dem deutschen TV-Markt zeigt noch Eurosport die Tour de France in voller Länge.

Am Donnerstag kommentierten für Sat.1 der N24-Sportchef Timon Saatmann und der dreimalige Radcross-Weltmeister Mike Kluge noch aus Berlin das Geschehen zwischen Marseille und Montpellier. Erst ab Freitag soll ein Team ins Nachbarland reisen. Erfahrungen mit dem Radsport sammelte der Sender Ende der 90er Jahre, als er unter anderem die Deutschland-Tour und die HEW-Cyclassics in Hamburg übertrug. Probleme wegen des Doping-Themas sieht Sat.1, das in den vergangenen Monaten mit sinkenden Quoten zu kämpfen hatte, nicht. "Unsere Kommentatoren haben ihre Haltung dazu", meinte Sender- Sprecherin Kristina Faßler. "Wir glauben, dass der Zuschauer selbst entscheiden kann, ob er die Tour sehen will oder nicht."

Intendanten rechtfertigen Boykott

Der Ausstieg von ARD und ZDF löste indes ein äußerst kontroverses Zuschauer-Echo aus. Die Online-Umfragen ergaben kein eindeutiges Bild. "Doping bei der Tour de France: ZDF und ARD steigen vorläufig aus der Live-Berichterstattung aus. Finden Sie das richtig?", fragten die beiden öffentlich-rechtlichen Sender auf ihrer Homepage. Im ZDF war das Ergebnis am frühen Nachmittag 50:50, bei der ARD hielten nur rund 34 Prozent der Abstimmenden den Ausstieg für richtig, knapp 66 Prozent sagten "Nein". "Eine Frage spaltet die Nation", hieß es bei der ARD. Bei stern.de fiel das Ergebnis deutlich aus: 53 Prozent der am Voting teilnehmenden User hielten den Ausstieg für richtig. Nur 19 Prozent hätten bei ARD und ZDF gerne weiter die Tour geschaut.

Die Intendantin des Westdeutschen Rundfunks WDR, Monika Piel, rechtfertigte den Boykott und fand ihn "als Paukenschlag richtig". Eine grundsätzliche Vorgehensweise von ARD und ZDF sehe sie in der Maßnahme nicht, sagte sie in der Deutschen Welle: "Wir müssen jeden Einzelfall bewerten. Gerade was die Olympischen Spiele oder Weltmeisterschaften angeht, muss man sich auch mal klarmachen: Da starten Sportlerinnen und Sportler, die ihr ganzes sportliches Leben auf diesen Augenblick hingearbeitet haben. Die würden hart und ungerecht gestraft, weil es einzelne schwarze Schafe gibt."

"Logischer Schritt"

Als skandalös hat unterdessen der Chef der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei, Martin Stadelmaier, das Verhalten von Sat.1 bei der Tour-Berichterstattung bezeichnet. Um einen sauberen Radsport zu erreichen, sei bei der Tour de France ein Schulterschluss von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern notwendig, sagte der SPD-Politiker am Donnerstag in Mainz: "Die journalistischen und ethischen Maßstäbe, die ARD und ZDF ansetzen, dürfen auch für private Fernsehsender nicht außer Kraft gesetzt sein."

Prof. Dr. Christoph Breuer, Inhaber des Lehrstuhls für Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule in Köln, sprach dagegen im Gespräch mit stern.de von einem "logischen Schritt". "Mir war klar, dass nach dem Ausstieg von ARD und ZDF die Marktlücke zügig geschlossen werden würde. Das Geschäftsmodell 'Sport' ist für den TV-Bereich viel zu wichtig", so Breuer, der gleichzeitig auf den durch den Ausstieg von ARD und ZDF bedingten Zugzwang der Tour-Organisation ASO hinwies: "Das Interesse des Tour-Veranstalters kann es nicht sein, dass in Deutschland Radsport nur in einem Spartenkanal läuft. Natürlich waren sie nach dem Ausstieg daran interessiert, einem deutschen Sender mit großer Reichweite die Rechte zu veräußern. Da geht es ja vor allem auch um fehlende Gelder aus Sponsoring Einnahmen. Am Ende kam der Deal auch deshalb so schnell zustande, weil es für beide Seiten eine Win-Win-Situation war", sagte Breuer stern.de.

kbe mit DPA/AP/Reuters

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