Google Wann platzt die Blase?


Die Internet-Suchmaschine Google ist der neue Darling der Börse und schon genauso viel wert wie Daimler-Chrysler. Experten fürchten den Absturz.

Google hat uns den Hintern versohlt", bekannte Bill Gates vor ein paar Monaten. Eine einfach zu bedienende Suchmaschine, die täglich weit öfter als 200 Millionen Mal von wissensdurstigen Internetnutzern aufgerufen wird - das hätte der Microsoft-Gründer auch gern im Angebot. Und deshalb konterte der Softwaregigant nun und startete vergangene Woche mit "MNS Search" eine eigene Suchmaschine. "Wir werden aufholen, wir werden überholen", gibt Firmenchef Steve Ballmer das Tempo vor.

Für den US-Konkurrenten Google sind das schlechte Nachrichten. Die 1998 von den damaligen Stanford-Studenten Larry Page, heute 32, und Sergey Brin, 31, gegründete Firma musste anfangs kaum Konkurrenz fürchten. Von den 83 Prozent aller amerikanischen Internetnutzer, die Suchmaschinen benutzen, durchforsten die meisten das Netz mit Googles Hilfe. Die Suche ist kostenlos, Geld verdient das Unternehmen mit auf der Homepage platzierten inhaltsbezogenen Werbeanzeigen. Jedes Anklicken durch die Nutzer lässt die Kasse klingeln. Der Umsatz ist für eine Internetfirma gewaltig: geschätzte 2,8 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr - dreimal so viel wie im Vorjahr. Auch der Gewinn steigt: im dritten Quartal 2004 um 154 Prozent auf 52 Millionen Dollar im Vergleich zum selben Zeitraum 2003.

Da verwundert es nicht, dass Google seit seinem Börsengang im August zum neuen Darling der Anleger wurde. Der Kurs hat sich in nur drei Monaten verdoppelt. Der Börsenwert des Unternehmens liegt derzeit bei knapp 50 Milliarden Dollar. Das ist mehr als das Doppelte des US-Autokonzerns General Motors - eines amerikanischen Traditionsunternehmens, das mit 185 Milliarden Dollar im Jahr 66-mal so viel Umsatz erzielt wie Google. Auch große deutsche Konzerne nehmen sich neben der Internetsuchmaschine wie Zwerge aus: RWE ist etwa halb so viel wert, VW gar nur ein Viertel. Lediglich Riesen wie Daimler-Chrysler oder die Deutsche Bank erreichen einen ähnlichen Wert.

Wie schwindelerregend die Bewertung der Internetfirma ist, zeigt sich auch, wenn man die Aktienkurse in Relation zum Profit setzt - Experten nennen das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Google kommt auf einen Faktor von rund 80 (Aktienkurs geteilt durch Gewinn je Aktie). Die Ziffer besagt: Würde das Unternehmen nicht mehr weiterwachsen, dann müsste 80 Jahre lang der heutige Gewinn erwirtschaftet werden, um den Kurs zu rechtfertigen. Zum Vergleich: Die großen Konzerne, die im amerikanischen Dow-Jones-Index oder im Deutschen Aktienindex Dax 30 zusammengefasst sind, kommen derzeit im Schnitt auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 17.

Wachstumsraten, wie sie Google hinlegt, wurden in Deutschland zuletzt im Frühjahr 2000 erreicht von Firmen wie EM.TV oder Intershop. Es war das letzte Leuchten dieser Firmen. Wenig später platzte die Internetblase, und alle Unternehmen, in die die Anleger Hoffnungen gesetzt hatten, stürzten ab, manche ins Bodenlose. Der Aktienboom fand ein jähes Ende.

Wiederholt sich die Geschichte nun? Wird Google der nächste Darling, der von einem Tag auf den anderen nicht mehr geliebt wird?

Vieles erinnert an damals: Obwohl Google bereits so hoch bewertet ist, wird weiter Gas gegeben. So schraubte John Tinker vom Beratungsunternehmen Think Equity Partners das Kursziel nach Bekanntgabe der jüngsten Quartalszahlen von 145 auf 200 Dollar.

Um dem Markt zu zeigen, warum man auch in Zukunft mehr wert sein soll als Weltkonzerne, die Autos bauen oder Flugzeuge fliegen lassen, versucht Google, sich in aller Eile mehr Kampfgewicht anzufuttern: mit Zukäufen wie Keyhole, einem Anbieter von Satellitenfoto-Software, und Entwicklungen wie "Google Desktop", einem Programm, das die Festplatte des PCs durchsucht, und der Büchersuche "Google Print". Aber die Konkurrenz zieht gleich: Neben Rivalen wie Yahoo steigt jetzt auch Amazon mit ins Geschäft ein: Name: A9. Wird diese Suchmaschine populär, braucht Amazon Google nicht mehr als Werbefläche. Ziehen andere - wie jetzt Microsoft - nach, bekommt Google ein Problem: Denn noch stammen mehr als 90 Prozent der Einnahmen aus den Werbeerlösen.

Obwohl Analysten Google unverdrossen zum Kauf empfehlen, gibt es denn auch erste Warnrufe. "Ziehen andere Internettitel nach, kann sich eine neue Blase bilden", befürchtet Markus Straub von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre. Ähnlich sieht es Stefan Keitel, leitender Anlagestratege bei der Credit Suisse: "Firmen können nicht auf Dauer jährlich um 100 Prozent wachsen. Bei den stramm bewerteten Internettiteln ist daher mittelfristig eine Abkühlung zu erwarten." Auch in den USA gibt es Skeptiker. "Google ist eine großartige Firma", sagt Tony Perkins, ehemaliger Chefredakteur der Internetzeitschrift "Red Herring", "aber die Aktie ist eindeutig zu hoch geklettert."

Wie sich der Kurs von Google weiter entwickeln wird, hängt aber nicht nur vom Aktienmarkt ab, sondern in erster Linie von den Gründern und Mitarbeitern der Firma selbst - ihnen gehört noch immer ein Großteil des Unternehmens. Der Zeitraum, in dem sie einen Teil ihrer Aktien nicht verkaufen durften, endet jetzt. Da bislang lediglich neun Prozent der Aktien an die Börse gebracht wurden, kann der Kurs bald unter Druck geraten: Bereits diese Woche konnten 39 Millionen Google-Papiere verkauft werden, bis Februar kommen bis zu 230 Millionen hinzu. Würden alle auf den Markt geworfen, wäre das ein Vielfaches der Aktien, die Google zum Börsengang ausgegeben hat - eine Flut, die den Kurs hinfortspülen könnte.

So kommt es jetzt auf die Gründer Page und Brin an. Niemand profitiert vom Hype um die Firma so wie sie: Ihnen gehören jeweils knapp 16 Prozent von Google. Auf der "Forbes"-Liste der reichsten Amerikaner stehen sie mit einem Vermögen von vier Milliarden Dollar pro Kopf auf Platz 43. Den Reichtum werden sie nur halten können, wenn das Unternehmen weiter kräftig wächst - oder indem sie zügig Kasse machen. So bleibt den Anlegern nur die Hoffnung darauf, dass die Gründer sich auch künftig nach ihrem Firmenspruch richten: "Nichts Böses tun."

von Elke Schulze print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker