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Weltbank-Präsident: Robert Zoellick, der Aufräumer

Er verhandelte 1989 über die deutsche Einheit und diente als stellvertretender US-Außenminister. Jetzt soll der erfahrene Spitzendiplomat Robert Zoellick auf Wunsch von Präsident Bush die Weltbank leiten. Doch kaum designiert, steht er schon in der Kritik.

Von Michael Gassmann

Um klare Aussagen ist der Mann nicht verlegen. Beim Brussels Forum Ende April ging es um die amerikanische Außenpolitik im Zeichen des bereits entbrannten Präsidentschaftswahlkampfs in den USA. Iran, Irak, China, Russland - komplexe Materie. Mit einem Stapel Unterlagen auf dem Schoß sitzt Robert Zoellick auf dem Podium vor Diplomaten, Wissenschaftlern und Wirtschaftslenkern, visiert das Auditorium durch eine große eckige Brille an und sagt Sätze, die US-Präsident George W. Bush gefallen müssten.

Zum Beispiel diesen: "Es ist die Rolle der Führer, diese Welt zu erklären und zu sagen, wie wir mit den Problemen umgehen sollten." Die USA müssten ihre Verantwortung als Führungsmacht übernehmen, fordert Zoellick. Und die Elite des Landes müsse den Durchschnittsmenschen klarmachen, dass der vermeintlich einfache Weg oft nicht der richtige sei.

Erfahrung in kniffligen Aufgaben

Es sind vermutlich solche Aussagen, die den Präsidenten so für Zoellick eingenommen haben, dass er ihn vergangene Woche als neuen Chef der Weltbank vorgeschlagen hat. Zoellick ist der einzige Kandidat für das Amt, das traditionell von den USA besetzt wird. Bis nächsten Freitag werden Bewerbungen noch angenommen, doch es ist äußerst unwahrscheinlich, dass bis dahin noch ein Wettbewerber nominiert wird.

Der Job an der Spitze des Washingtoner Finanzierungsinstituts ist schwierig, er erfordert zurzeit mehr diplomatisches Geschick denn je: Der bisherige Amtsinhaber Paul Wolfowitz stolperte jüngst über die fragwürdige Beförderung seiner Lebensgefährtin und trat nach anfänglichem Zögern zurück. Zoellick muss nun das Vertrauen in die Führung wiederherstellen.

An Erfahrung mit kniffligen Aufgaben mangelt es dem 53-Jährigen nicht. Er war Abteilungsleiter im US-Finanzministerium, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Vize-Außenminister, Berater von Konzernen und Investmentbanken, zuletzt als Vorsitzender der internationalen Beratergruppe bei Goldman Sachs.

Aufstieg aus einfachen Verhältnissen

Seit langem ist Zoellick Mitglied der 1776 gegründeten elitären akademischen Gesellschaft "Phi Beta Kappa", der ein Dutzend frühere US-Präsidenten von Bill Clinton bis George Bush ebenso angehören wie Filmregisseur Francis Ford Coppola, Schriftsteller John Updike und zahlreiche weitere bekannte Persönlichkeiten in den USA.

Das politisch-intellektuelle Talent aus dem Herzland Amerikas entdeckte der damalige US-Außenminister James Baker Mitte der 80er-Jahre. Kurz zuvor hatte Robert Bruce Zoellick aus dem Flecken Evergreen Park bei Chicago sein Studium an der Harvard Law School abgeschlossen - mit der Bestnote "magna cum laude". Allein dank eines Stipendiums hatte sich der in einfachen Verhältnissen aufgewachsene Zoellick den Aufenthalt an der ebenso renommierten wie teuren Hochschule leisten können. "Robert ist ein außergewöhnlich smarter Bursche", sagt Craig Kennedy, Präsident des German Marshall Fund, der sich die Festigung der europäisch-amerikanischen Beziehungen zur Aufgabe gemacht hat. "Er liest nebenbei ein Buch über Geschichte und zitiert daraus ohne Probleme noch nach Jahren die Daten und Fakten." Kennedy kennt den Vielleser Zoellick gut aus den Jahren 1994 bis 2001, als dieser im Verwaltungsrat der Organisation saß.

Vier Besuche in Dafur

Zoellicks zweite große Leidenschaft ist das Laufen. "Robert ist ein sehr ernsthafter Läufer. Zeit für fünf oder sechs Meilen findet er auch im größten Stress fast jeden Tag", weiß Kennedy. Die Begeisterung für diesen Ausdauersport teilt Zoellick mit Pascal Lamy, dem Direktor der Welthandelsorganisation WTO. Als Lamy Handelskommissar der Europäischen Union und Zoellick von 2001 an US-Handelsbeauftragter war, stritten die beiden erbittert über Flugzeugsubventionen, Hormonfleisch und Stahlimporte. Trotzdem verbindet die politischen Kontrahenten seither eine enge Freundschaft. Lamy lobt Zoellicks "Fähigkeiten als Stratege, als jemand, der Kompromisse aushandeln kann und großes Interesse an den Belangen der Entwicklungsländer hat".

Reputation in Afrika hat sich Zoellick vor allem mit seinem Engagement für die Krisenregion Darfur verdient, die er viermal besuchte. Auf dem Schwarzen Kontinent erwartet man viel von dem Amerikaner. "Die Weltbank war dafür bekannt, dass sie Afrika zeitweise ihren Willen aufgezwungen hat ohne zuzuhören", tadelten die Mitglieder des Gemeinsamen Markts für das Östliche und Südliche Afrika (Comesa) kürzlich. Zugleich äußerten sie die Hoffnung, dass sich mit dem Neuen an der Spitze etwas zum Besseren ändert: "Wir haben keine Zweifel, dass Afrika in Zoellick einen Partner haben wird, der wieder zuhört." Anfang der Woche brach der Kandidat zu einer Werbetour durch Afrika, Europa und Lateinamerika auf. "Ich werde nichts unversucht lassen, um den Leuten zu beweisen, dass ich mich ernsthaft für ihre Sichtweise interessiere", sagte Zoellick, bevor er am Montag ins Flugzeug stieg. Seine erste Station: Ghana in Westafrika.

Schon oft setzte Zoellick sein diplomatisches Geschick ein, um seine Ziele zu erreichen. Zum Beispiel 1989 und 1990 bei den Verhandlungen der Bundesrepublik und der DDR mit den Besatzungsmächten über die deutsche Einheit. Später erhielt er dafür das Große Bundesverdienstkreuz. Oder im Januar 2006 als stellvertretender US-Außenminister: Bei einem Besuch in China nahm Zoellick das Panda-Junge Jing Jing auf den Arm und ließ sich ausführlich ablichten. Eine Geste, die bei den Gastgebern gut ankam und die mühsamen Diskussionen über steigende Handelsdefizite oder Menschenrechtsfragen in China entkrampfte. Hinterher spielte Zoellick, ganz Diplomat, die Szene herunter: Als Berater der Naturschutzvereinigung WWF habe er sich für die Tiere interessiert, wiegelte er ab. Außerdem habe seine Frau - mit Sherry Lynn Ferguson ist er seit 27 Jahren verheiratet - auf ein Foto von ihm mit dem Panda gepocht. "Und in meinem Alter höre ich auf meine Frau", scherzte er vor Journalisten. Mit Anfang 50 hat Zoellick bereits mehr Topjobs erledigt als mancher 70-jährige Karrierediplomat. Ob als US-Unterhändler in den Welthandelsrunden von Uruguay und Doha, als stellvertretender Stabschef des Präsidenten George Bush senior, als Wahlkampfberater dessen Sohnes oder als Chef des renommierten Washingtoner Thinktanks Center for Strategic and International Studies Ende der 90er-Jahre. Nun also - als Krönung - der Chefposten bei der Weltbank. Die neue Aufgabe geht Zoellick selbstbewusst an: "Ich glaube, die besten Tage der Weltbank kommen noch", prophezeite er nach der Nominierung vergangene Woche.

Kritik vom Nobelpreisträger

Kritiker sprechen dem früheren Diener mehrerer konservativer Regierungen indes die Glaubwürdigkeit für die Spitzenposition in Washington ab. "Wie will er als künftiger Präsident der Weltbank einen Abbau von Subventionen für die Landwirtschaft fordern, die die Industriestaaten auf Kosten der Armen bevorzugen?", fragt etwa Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz. Als US-Handelsbeauftragter habe Zoellick diese Form des Protektionismus heftig verteidigt, so der frühere Chefvolkswirt der Weltbank, der heute als Professor an der Columbia University in New York lehrt. Harvard-Professor Kenneth Rogoff, 2001 bis 2003 Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), bezweifelt, dass Zoellick mehr sein kann als ein bloßer Vorzeigepräsident: "Viele seiner Kollegen aus der Bush-Regierung wären froh, wenn die Weltbank geschlossen und ihr Hauptquartier in Washington in private Eigentumswohnungen umgewandelt würde", lästert Rogoff. Er plädiert dafür, die Aufgaben der Weltbank grundlegend zu ändern: "Es ist nicht sinnvoll, Ländern mit mittleren Einkommen noch Darlehen zu geben", sagt der Ökonom. Das könne der Kapitalmarkt besser. Stattdessen müsse die Weltbank eine "Wissensbank" werden, die Kenntnisse sammle und aufbereite und armen Ländern technische Hilfe zur Verfügung stelle.

Präsidentenamt per Dekret

Persönlich hält Rogoff Zoellick indes für glaubwürdig. "Ich habe ein- oder zweimal in kleiner Runde mit ihm zusammengesessen, als ich beim IWF war und er Handelsbeauftragter der US-Regierung", erzählt er. "Es war klar, dass Zoellick immer ein starker Befürworter des IWF und der Weltbank war." Doch die Ära der alten Washingtoner Balance laufe aus, bei der die US-Regierung den Präsidenten der Weltbank bestimmt und die Europäer im Gegenzug den Chefposten beim IWF besetzten. Zoellick sei wohl der letzte Kandidat, der nach diesem Muster ins Amt komme: "Nennen Sie mich einen Optimisten, aber ich glaube, dass der anachronistische Prozess der Besetzung der Spitzenpositionen bei IWF und Weltbank seine letzten Tage gesehen hat", sagt Rogoff.

Grundsatzfragen im Mittelpunkt

Der künftige Weltbankchef wird sich mit Grundsatzfragen, wie Stiglitz und Rogoff sie aufwerfen, wohl intensiv auseinandersetzen müssen. "Dies ist eine seiner wichtigsten und schwierigsten Aufgaben bisher", sagt Zoellick-Kenner Craig Kennedy. "Ich glaube, er würde zustimmen."

Reichlich Gelegenheit, die Welt zu erklären, für den elitären Ausdauersportler aus Evergreen Park.

FTD