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Weltwirtschaftsforum in Davos: Übermächtige Konzerne, Brexit und Trumps Theater: Acht Lektionen über die Lage der Welt

Vergangene Woche traf sich die globale Elite beim Weltwirtschaftsforum in Davos. stern-Stimme Horst von Buttlar war dabei und hat sein Smartphone gezückt. Diese acht Fotos und Erkenntnisse zur Lage der Welt hat er im Gepäck.

Weltwirtschaftsforum in Davos 2019

Bewaffnete Spezialeinheiten sichern das Weltwirtschaftsforum in Davos. 

Picture Alliance

1. Erkenntnis: USA gegen China – mehr als Trumps Theater 

George Soros

Der legendäre Hedgefonds-Manager und Philanthrop George Soros gibt jedes Jahr in Davos ein Abendessen. In diesem Jahr nutze er das Dinner zu einer großen Attacke auf China: "Xi Jinping ist der größte Feind der offenen Gesellschaft", sagte Soros.

Über der gesamten Weltwirtschaft schwebt derzeit der Konflikt zwischen den USA und China. Das ist nicht neu; wichtig aber ist zu verstehen, dass dieser Clash weit über Donald Trump hinausgeht. Er ist nur Vortänzer und Maskottchen einer wohl epochalen Auseinandersetzung, die mehr ist als ein Handelskonflikt. Es ist ein Ringen zweier Mächte und Systeme um Hegemonie. Deshalb war es auch Thema Nummer eins in Davos: Der Konflikt bestimmt und überlagert alles, und eine Einigung würde auf einen Schlag die große Anspannung aus der Weltwirtschaft nehmen.

Allerdings wird der Konflikt, selbst bei einer Lösung des Zollstreits, nicht vorbei sein: Die Kritik an China geht bis weit in das liberale Lager, am deutlichsten kam sie in diesem Jahr von dem Hedgefonds-Manager George Soros: China, sagte der Philanthrop bei einem Abendessen, sei die größte Bedrohung für die offene Gesellschaft seit langem – durch die Kombination aus autoritärem Regime und technologischem Können. „Xi Jinping ist der größte Feind der offenen Gesellschaft“, sagte Soros. Vor einem Jahr noch hatte Xi, zumindest rhetorisch, der Weltgemeinschaft in Davos die Hand ausgestreckt und verkündet, dass China die Lücken füllen werde, die die USA unter Trump erzeugen. Ein großer PR-Coup.

In diesem Jahr fehlten die Amerikaner in Davos wegen des Shutdown, aber China stand fast überall am Pranger. Trumps Fehler sei, dass er seine Verbündeten attackiere, statt sich auf China zu konzentrieren, sagte Soros. Aber: „Die Trump-Administration hat eine recht kohärente Strategie gegenüber China entwickelt.“ Das spürt die gesamte Welt, und erst wenn sich beide Großmächte verständigt haben, hat die Weltwirtschaft eine große Sorge weniger.

2. Erkenntnis: Großbritannien braucht ein neues Referendum

Brexit

Ausgerechnet mit diesem Motiv warb das Königreich an mehreren Stellen in Davos, hier im Eingang des Steigenberger Belvédère. Oder war das nur der berühmte englische Humor?

Neben dem Handelskonflikt zwischen den USA und China war der Brexit das zweite wichtige Thema in den berühmten Atemzügen, mit der man einmal die Sorgen des Erdballs umfasst. Es ist natürlich schwer zu sagen, was Tausende Menschen wirklich denken – in vielen Diskussionen allerdings wurde der Wunsch nach einem neuen Referendum klar. Was aber soll man die Menschen fragen? Nun, es gibt jetzt drei Optionen (Mays Deal, No Deal, Remain), zwischen denen sie wählen können. Beatrice Weder di Mauro, bis 2012 eine der deutschen Wirtschaftsweisen, regte das sogenannte "Single transferable vote" an. Bei dem System der übertragbaren Einzelstimmgebung können Wähler eine Rangfolge von Optionen erstellen, was zu einer besseren Repräsentation des Wählerwillens führt. Zu kompliziert? Immerhin ein Vorschlag in einer verfahrenen Situation.

Möglich, dass der Wunsch nach einem Referendum wieder Wunschdenken einer abgehobenen Elite ist. Aber deshalb muss es nicht falsch sein. Dem britischen Parlament kommt nun eine Schlüsselrolle zu. Das Unterhaus erfährt ja derzeit viel Verachtung, weil es nur beschließt, was es nicht will. Allein Peter Altmaier äußerte in Davos Respekt gegenüber dem Parlament. "Ich bin sehr beeindruckt, wie jeder Abgeordnete derzeit mit sich ringt", sagte der  deutsche Wirtschaftsminister.

3. Erkenntnis: Die Macht der Tech-Konzerne muss begrenzt werden

Facebook in Davos

In diesem Jahr überraschte Facebook mit einem neuen Gebäude, das im vergangenen Jahr eher einem Bunker glich. In diesem Jahr: mehr Glas, Transparenz, und einige Stehempfänge, auf denen Sheryl Sandberg um Vertrauen warb.

Schon seit 2016 ist die ungestüme Bewunderungswelle gegenüber den IT-Giganten vorbei. Unternehmen wie Amazon, Google und Facebook werden, wenngleich auch nicht alle gleichermaßen, eher als Bedrohung gesehen. Dieser Eindruck konzentriert sich besonders auf Facebook. Nach dem Datenmissbrauch und vielen Wahlen, bei denen das soziale Netzwerk als Waffe eingesetzt wurde, lässt sich das Unbehagen auf einen Satz bringen: Facebook zerstört die Demokratie. Es bringt nicht Menschen zusammen, sondern spaltet sie und höhlt ihre Gemeinschaft aus.

Facebooks Co-Chefin Sheryl Sandberg hat sowohl auf der Münchener Tech-Konferenz DLD als auch auf dem Weltwirtschaftsforum eine Charmeoffensive gestartet. Ihre Botschaft: Wir ändern uns, wir investieren Milliarden, damit der Missbrauch und Hass nicht unser Markenkern wird. In Davos äußerte sie auf einem Empfang mit Journalisten diese Botschaft, und wie immer wurden einige Menschen auf die Bühne gebeten, die durch das Netzwerk ein besseres Leben haben – weil sie etwa Geld für eine Straße in Afrika sammeln konnten. Sandberg war rhetorisch perfekt wie immer  – überzeugte aber nicht alle. Im Kern, so der Vorwurf, gehe es Facebook um Profit, nicht um Verantwortung.

Die diffuse Angst gegenüber den Tech-Giganten brachte Raghuram Rajan, ehedem Chef der indischen Zentralbank und heute Wirtschaftsprofessor an der Universität in Chicago, auf vier Punkte: Erstens merken die Leute inzwischen, dass die Nutzung von Google oder Facebook einen Preis hat. "Nichts ist umsonst." Will heißen: Wir bezahlen mit Daten, aber wir wissen nicht genau wie, und dieser unsichtbare Preis sorgt für immer größeres Unbehagen. Zweitens: Fraglos haben die IT-Giganten Großes geleistet, aber inzwischen gebe es zu wenig Wettbewerb. Drittens: Bei der Sorge um zu viel Größe gehe es auch um Verteilung von Wohlstand. Die IT-Konzerne seien "Superstarfirmen mit Superstarmitarbeitern" – die große Masse verliert. Und viertens: Wer hat die Macht? Die Staaten oder die Konzerne? Die Sorge sei nicht nur, so Rajan, dass sie keine Steuern bezahlen – sondern dass eine politische Aufsicht und Kontrolle praktisch unmöglich sei. Bruno Le Maire, Frankreichs Finanzminister, kündigte in Davos als eine Initiative der G7-Präsidentschaft, eine Digitalsteuer an. "Wir sind entschlossen, die Internetgiganten zu besteuern."

4. Erkenntnis: Nicht Frankreich erlebt eine Krise, sondern der globale Kapitalismus  

Frankreich

Bruno Le Maire hatte einen entschlossenen Auftritt in Davos. Frankreichs Finanzminister präsentierte einen Plan für die G7-Präsidentschaft

Was ist nur mit Frankreich los? Gab es da nicht diese Lichtgestalt, die unseren Nachbarn endlich aus dem Elend in ein neues Zeitalter führen wollte? Seit einigen Wochen wirkt Emmanuel Macron angeschlagen, der Gelbwesten-Aufstand lässt das Land erbeben. In diesem Jahr schickte er seinen Finanzminister nach Davos, und Bruno Le Maire hatte eine klare Botschaft: "Wir erleben eine soziale und ökonomische Krise, aber es ist keine französische Krise, sondern eine Krise des Kapitalismus, der nicht mehr die Bedürfnisse der Menschen befriedigt." Ungleichheit, sagte er, gebe es innerhalb eines Landes und zwischen Ländern, und beides müsse man bekämpfen. "Die Frage der Ungleichheit wird das Herz der französischen G7-Präsidentschaft sein. Wir wollen die Geschichte ändern." Seine Vorschläge unter anderem: eine weltweite Mindeststeuer für Konzerne und eine Digitalsteuer. Man darf gespannt sein, ob er dafür unter den G7 dafür eine Mehrheit bekommt.

5. Erkenntnis: Die Lage ist klar, die Lösung nicht ganz so

Davos

Kameras mit mehr oder weniger klugen Leuten davor, die in analytischen Siebenmeilenstiefeln den Globus umrunden.

Es fehlt nicht an Diagnosen in Davos. Man hört jedes Jahr Hunderte, und viele ähneln sich, gleichen sich an. Analytischer Herdentrieb. In diesem Jahr war die Kernformel: Die Weltwirtschaft trübt sich sein, die Stimmung darf jetzt aber nicht zu düster werden. Was sich allerdings auch ähnelt: die Diagnosen über die Jahre. Die Konjunktur mag rauf und runter gehen, der Handelskrieg zwischen USA und China die Welt erst seit gut einem Jahr in Atem halten – viele übergreifende Themen werden auf dem Weltwirtschaftsforum immer wieder diskutiert, etwa das Thema des "inklusiven Wachstums", das allen und nicht nur einigen Reichen nutzt. Wohlstand für alle. 

Oder nehmen wir das Thema der digitalen Transformation. Ich habe mal in meine Bilanz 2017 geschaut, und war erstaunt ob des Deja-vu. IBM-Chefin Ginni Romnetty etwa hat ihre "New Collar"-These schon 2017 auf dem Panel verkündet, dieses Jahr wieder. Im Kern geht es dabei um die Millionen Jobs, die durch Automatisierung einmal verschwinden werden – und die "skills crisis" dahinter, also dass Fähigkeiten und Anforderungen an Jobs nicht mehr zusammenpassen. Statt "Blue Collar" und "White Collar" also "New Collar". 

Diese globale Grundangst über die Megatransformation unserer Wirtschaft – die von WEF-Gründer Klaus Schwab beschriebene "vierte industrielle Revolution" – ist analytisch im Prinzip durchdrungen: Diese Technologien, Industrie 4.0, Künstliche Intelligenz, Blockchain und so weiter, werden kommen oder werden schon eingesetzt, und sie werden die Wirtschaft tiefgreifend verändern. Noch aber ist unklar, wo wir genau zwischen Buzzword, Bullshit und Business stehen. Vor allem aber ist unklar, wie verheerend diese Technologiewelle für die Arbeitsmärkte sein wird. Was tun? Es ist schwer, einen Segen zu predigen, wenn die Verheißung Verheerung bedeutet. Hier fehlt der zündende, rettende Gedanke.

Es wird zwar viel und abstrakt über Leadership gesprochen, über Vertrauen oder – das neuste Lieblingswort der Elite – den "Purpose" einer Weltwirtschaft. Allein: Es gibt Einzelstrategien von Unternehmen dagegen, aber eine kohärente Lösung für die Gesellschaft hat kaum einer. Oder doch?

6. Erkenntnis: Technologie ist die Herausforderung – aber auch die Lösung

Davos

Die Vision einer ultrasmarten "Gesellschaft 5.0": Diese Idee präsentierten in Davos Wirtschaftsminister Hiroshige Seko, der Präsident der Universität von Tokio, Makoto Gonokami, sowie der Executive Chairman von Hitachi, Hiroaki Nakanishi

Die Amerikaner dominieren Davos in der Regel (auch wenn die Asiaten immer mehr werden, auch das ist ein Spiegel der tektonischen Verschiebung der Weltwirtschaft). Am Rande aber stößt man manchmal auf Initiativen, die überraschen. In diesem Jahr kam solch eine aus Japan – unter dem Titel "The Nippon Challenge" verkündeten Vertreter Japans die Utopie einer "Society 5.0".

Die Grundidee wurde zwar schon 2017 auf der Cebit von Premier Shinzo Abe vorgestellt, das Besondere aber war hier die Konstellation: An dem Tisch saßen Wirtschaftsminister Hiroshige Seko, der Präsident der Universität von Tokio, Makoto Gonokami, sowie der Executive Chairman von Hitachi, Hiroaki Nakanishi.

Man kommt bei den ganzen X.0-Endungen ja durchaus mal durcheinander. Im Kern ist "Society 5.0" die Antwort Japans auf die vierte industrielle Revolution. Die Broschüren, die sie dazu verteilten, sind zwar recht wolkig, die Grundidee aber ist interessant: Technologie ist keine Bedrohung, sondern die Lösung. Die Japaner wollen Technologie entschlossen nutzen, um ihre tiefgreifenden Probleme, vor allem die Überalterung der Gesellschaft, die Energieversorgung und den Klimawandel, zu lösen. 

"Society 5.0" ist die fünfte Entwicklungsstufe der Menschheit, nach dem Jäger und Sammler-, dem Agrar-, Industrie- und dem  Informationszeitalter komme nun das Zeitalter der Vernetzung, der "Imagination Society" – eine Gesellschaft, die Künstliche Intelligenz, Robotik und Big Data für sich einsetzt, und sich davon nicht verunsichern oder gar schädigen lässt. Dazu wollen die Japaner neue Allianzen zwischen Staat, Unternehmen und der Wissenschaft – statt PPP (Public Private Partnership) sprechen sie von PPAP (Public Private Academic Partnership), etwa durch gemeinsame Innovationslabore.

Außerdem, und die Idee ist noch radikaler, will sich Japan für einen weltweiten Freihandel mit Daten einsetzen, der unter dem Dach der WTO geregelt wird. Auch dafür haben sie eine Abkürzung: DFFT oder  "Data Free Flow with Trust".  Nicht personalisiert, reguliert, aber doch frei, wie beim Austausch von Waren. Diese "ultrasmarte Gesellschaft" ist das Ziel. "Und Japan wird eine zentrale Rolle spielen, solch ein System aufzubauen", sagte Wirtschaftsminister Seko.

Das alles mag noch recht abenteuerlich und vage klingen – das Charmante aber ist die Haltung: Hier wird keine Bedrohung skizziert, sondern eine Lösung – nicht Angst ist der Antrieb, sondern Ehrgeiz.

7. Erkenntnis: Trotz aller Probleme: Kleine kluge Idee funktionieren immer!

Zurich Versicherung

Die Zurich Versicherung hat einen Stand, an dem es warme Getränke gibt und blaue Mützen verschenkt werden – bei im Schnitt minus 15 Grad in Davos eine gute Idee

Man fragt sich ja immer, wer von der globalen Elite so blöd ist, und nach Davos ohne Mütze kommt. Vor allem, wenn es wie in diesem Jahr im Schnitt minus 15 Grad ist. Es gibt einige CEOs und Investoren, die auch bei Eiseskälte die paar Hundert Meter zwischen Kongresszentrum und ihrem Hotel im gut geschneiderten Anzug zurücklegen. Eine Minderheit. Andere, wie etwa Blackstone-Chef Stephen Schwarzman, trägt jedes Jahr betonte Boots zum Anzug. VW-Chef Herbert Diess war unter Mütze und Mantel kaum zu erkennen, und schälte sich förmlich bei einem Treffen mit Journalisten aus mehreren wärmenden Lagen. Die Zurich Versicherung hat seit einigen Jahren eine kleine, aber geniale Idee: Sie verschenkt blaue Mützen. Und da viele keine Mützen mithaben, wandern nach einigen Tagen überall durch Davos diese blaue Mützen mit dem Zurich Logo. Geniales Marketing. Eine kleine kluge Idee in einer großen Welt voller Probleme.

8. Erkenntnis: Zu Fuß geht’s manchmal schneller

Towards a Greener Davos

Limousinen, die sich im Schritttempo durch die Promenade schieben. Doch viele Besucher sind auch zu Fuß unterwegs.

Seit Jahren zelebriert das Weltwirtschaftsforum zwar schon das Motto "Towards a Greener Davos" und organisiert einen umfangreiche Shuttle Service mit Bussen vom Züricher Flughafen und von allen Hotels zum Kongresszentrum. Gleichwohl bietet sich dem Besucher jedes Jahr das gleiche Bild von schwarzen Limousinen-Lawinen, die sich im Schritttempo durch die Promenade schieben. Erfahrene Teilnehmer wissen: Am schnellsten ist man zu Fuß in Davos, auch bei Minus 15 Grad, auch als CEO, Hedgefondsmanager und Vize-Premier eines sicheren Herkunftlandes. Das World Economic Forum schreibt zwar Grenzwerte für Limousinen ( maximum 165g/km) und Vans (232 g/km bis zu neun Sitze inklusive Fahrer) vor – der Verkehr aber bleibt zu Stoßzeiten dichter als im Zentrum von Mexico City. Vielleicht stet das Problem sinnbildlich für das Problem des Klimawandels: Auf Podien klingen die ganzen Safe-the-planet-Formeln viel einfacher, im Alltag soll es aber exklusiv und bequem bleiben. Und so wird von Davos allenfalls der Auftritt von Greta Thunberg in Erinnerung bleiben – der Rest bliebt Business as usual. 

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