HOME

Working Poor: Armut trotz Job - für diese Menschen ist das Risiko besonders hoch

Wer einen Job hat, ist vor Armut geschützt? Das gilt nicht immer, denn Mini-Jobs und Teilzeit können das Risiko, in Armut zu rutschen, erhöhen. Und das trifft einige Menschen besonders häufig. Allerdings: Armut ist auch eine Rechenfrage.

Alleinerziehende Mutter mit Kind

Alleinerziehende Mütter trifft die Armut trotz Job häufiger.

Picture Alliance

Zwei Kinder, zwei Jobs, eine 40-Stunden-Woche: Antonia ist 35 Jahre alt und teilt ein Schicksal mit rund 1,6 Millionen anderen Menschen in Deutschland. Denn sie ist alleinerziehend, berichtete der "BR" im vergangenen Jahr. Job, Kinder, Alltag - all das funktioniert nur, weil die Frau aus dem Landkreis Freising eine Kinderbetreuung hat. Unterhalt zahlt der Vater nicht, das Amt übernimmt die Zahlungen. Damit kommt Antonia über die Runden. Nur wenn sie eine außerplanmäßige Zahlung tätigen muss, ist das "eine absolute Katastrophe". Eine kaputte Waschmaschine? Eine Klassenfahrt? Ein neues Möbelstück? Das ist nicht so einfach möglich.

Alleinerziehende sind in Deutschland besonders von Armut bedroht, belegen die Zahlen des Statistischen Bundesamts. Rund ein Drittel von ihnen ist armutsgefährdet. Bei Familien mit zwei Elternteilen sind es nur rund zehn Prozent. In Deutschland verdienen rund 1,2 Millionen Menschen so wenig, dass sie trotz Job auf Hartz IV angewiesen sind, berichtet der Paritätische Wohlfahrtsverband. Und setzt nach: Der Anteil derjenigen, die Anspruch auf staatliche Unterstützung hätten, ist sogar noch höher. Doch viele würden diese aus Scham nicht in Anspruch nehmen. 

Ab wann ist man arm?

Wie kann das sein - arm trotz Arbeit? Dabei muss erst einmal geklärt werden, was Armut ist. Die Wissenschaft unterscheidet absolute und relative Armut. "Absolute Armut (physische Armut) liegt vor, wenn Personen über ein Einkommen unterhalb des Existenzminimums verfügen. Das bedeutet, dass sie ihre Grundbedürfnisse - etwa nach Nahrung, Kleidung und Obdach - nicht befriedigen können", so das DIW in seiner Definition. In Deutschland greift hier der Hartz-IV-Satz.

Wer als relativ arm gilt, verdient weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens - dabei werden Haushaltseinkommen zusammengefasst.  Für einen Single-Haushalt bedeutet dies: Wer weniger als 999 Euro pro Monat zur Verfügung hat, gilt als relativ arm. Eine vierköpfige Familie erreicht diese Schwelle bei 2152 Euro für Westdeutschland. Im Osten liegt sie bei 1921 Euro. Der Anteil dieser Menschen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Die Armutgefährdungsquote betrug in Deutschland 2017 15,8 Prozent, zehn Jahre zuvor lag sie noch bei 14,3 Prozent, so die Ergebnisse des Mikrozensus. Das Sozio-oekonomische Panel des DIW errechnete sogar 16,8 Prozent, also 13,7 Millionen Menschen, die von Armut bedroht sind.

So wird das Armutrisiko errechnet

Das mittlere Haushaltseinkommen wird dabei nicht arithmetisch errechnet, indem man alle Einkommen durch die Anzahl der Haushalte teilt, sondern der Median, der mittlere Wert wird errechnet. "Alle Haushalte werden nach ihrem Einkommen der Reihe nach geordnet, wobei das Einkommen des Haushalts in der Mitte der Reihe den Mittelwert darstellt", heißt es im Arbeitsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverband. Der Unterschied bei diesen Rechenmethoden ist enorm: "Verfügen fünf Haushalte jeweils über ein Einkommen von 700 Euro, 1300 Euro, 1900 Euro, 6500 Euro und 9000 Euro, so haben sie im Durchschnitt (700 + 1300 + 1900 + 6500 + 9000) : 5 = 3880 Euro. Der mittlere Wert (Median) wäre jedoch 1900 Euro. Die mit dem Median errechnete Armutsschwelle und die sich daraus ableitenden Armutsquoten sind damit sehr 'stabil': Die Haushalte im oberen Bereich können reicher und reicher werden. Solange der Haushalt in der Mitte der Rangreihe keinen Einkommenszuwachs hat, hat dies keinerlei Einfluss auf die Armutsquoten." 

Allerdings gibt es an der relativen Armutsgrenze Kritik. Denn steigen die Löhne, verschiebt sich die Grenze. Steigen die Löhne, steigt auch die Armutsgrenze. Auf dem Papier nimmt die Erwerbsarmut also zu, obwohl die betroffenen Menschen nicht weniger verdienen. Lediglich die Grenze verschiebt sich. 

Armutsentwicklung - abseits der Lohnsteigerung

Nun steigen die Löhne - doch nicht bei allen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband warnt, dass der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands "offensichtlich keinen Einfluss auf die Armutsentwicklung hat. Ganz im Gegenteil: Gemessen an der Armutsquote geht der zunehmende gesamtgesellschaftliche Reichtum mit zunehmender Ungleichheit und der Abkopplung einer immer größeren Zahl von Menschen vom allgemeinen Wohlstand einher." Das Ergebnis: Mini-Jobber, Teilzeitkräfte oder Menschen bei Leiharbeitsfirmen, also Menschen in sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnissen, profitieren davon kaum. Der Niedriglohnsektor, einst geschaffen, um die Wirtschaft anzukurbeln und mehr Menschen in Jobs zu bringen, hat sich verselbstständigt. Deutschland hat den größten Niedriglohnsektor Westeuropas: 7,4 Millionen Menschen arbeiten auf 450-Euro-Basis. Bei Neueinstellungen sind 44 Prozent der Arbeitsverträge nur befristet, kritisierten die Autoren des "Atlas der Arbeit" im vergangenen Jahr, der von der Hans-Böckler-Stiftung und dem Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) vorgelegt wurde. Und diese Entwicklung trifft vor allem alleinerziehende Frauen. 

Für Alleinerziehende ist Urlaub oftmals kaum möglich

"Alleinerziehende und ihre Kinder sind überdurchschnittlich häufig armutsgefährdet“, sagte Georg Thiel, Präsident des Statistischen Bundesamtes zum "Tagesspiegel". "Finanziell stehen sie nach wie vor oftmals schlechter da als Menschen, die in anderen Familienformen leben." Das Statistische Bundesamt hat in einer Studie untersucht, wie Alleinerziehende finanziell dastehen. Vor allem überraschende Ausgaben sind ein Problem. 63 Prozent könnten Ausgaben von 1000 Euro nicht aus eigener Kasse zahlen. Auch Urlaub ist kaum möglich. Im Jahr 2017 hätten 39 Prozent der Alleinerziehenden den Urlaub finanziell bedingt zu Hause verbringen müssen, so die Untersuchung. "Die Doppelbelastung einerseits für Kinder zu sorgen und andererseits den Lebensunterhalt sicherzustellen, birgt also für Alleinerziehende ein besonders hohes finanzielles Risiko. Dies wird auch daran deutlich, dass diese Gruppe 2017 häufig auf eine Schuldnerberatungsstelle angewiesen war", so Kristina Kott, Referatsleiterin des Statistischen Bundesamtes, zum "Deutschlandfunk". Auch das Geld für ordentliches Essen ist knapp. Eine vollwertige Mahlzeit alle zwei Tage sei keine Selbstverständlichkeit, heißt es weiter. 14 Prozent der Alleinerziehenden gaben an, dass für regelmäßige Mahlzeiten das Geld fehle. 

Homeoffice statt Teilzeit-Falle

Auch eine alleinerziehende 31-Jährige aus Schwalmstadt, die anonym bleiben möchte, kennt das. Sie und ihre zwei Kinder leben von 950 Euro im Monat, der Vater zahlt nicht für die gemeinsamen Kinder. 2018 habe die Mutter das erste Mal die Tafeln besucht. "Ich habe mich so entsetzlich geschämt, aber ich wusste mir keinen anderen Ausweg", berichtet sie der "HNA". Einen Job hat sie nicht, trotz vieler Bewerbungen. "Bis zum Vorstellungsgespräch schaffe ich es meistens. Aber wenn sie hören, ich habe zwei Kinder und keine Familie, die mich bei der Betreuung unterstützt – das ist dann das K. O.-Kriterium", sagte die Frau, die anonym über ihre Geschichte berichtete, der "HNA". 

In den vergangenen Jahren hat sich das Armutsrisiko für Alleinerziehende etwas verringert. Das liegt an der guten Entwicklung des Arbeitsmarktes - aber auch an den Maßnahmen von Staat und Firmen. Der Ausbau der Kinderbetreuung macht es Müttern leichter, wieder in den Job zu kommen. Und auch Firmen bieten inzwischen mehr Möglichkeiten, um Job und Kinder besser unter einen Hut zu bekommen, beispielsweise durch Home-Office. So können Alleinerziehende der Teilzeit-Falle entkommen - und damit auch der drohenden Erwerbsarmut.  

Fanny H.