HOME

Auswandern: Der Traum vom Süden

Dort leben und arbeiten, wo andere Urlaub machen - am Mittelmeer, irgendwo zwischen Spanien und der Türkei. Wer gut plant, erhält einen Platz an der Sonne.

Der Süden macht den mitteleuropäischen Menschen nicht wirklich jünger, das wäre gelogen. Die Hüfte eines deutschen Mannes über 70, der sein halbes Ingenieurleben lang in Schiffsbäuchen umhergestiegen ist und das andere halbe auf Bohrinseln, bleibt auch kaputt, wenn er in Jávea, Provinz Alicante, Spanien, lebt und sein Blick vom Schlafzimmerbalkon über Orangenbäume, Pinien und Villen hinweg bis auf das Mittelmeer reicht. Ganz sicher aber, das sagt Theo Schulte, Besitzer so einer Hüfte, mache der Süden das Altern leichter.

Alles ist besser als Deutschland

Seit ihm erst ein neues Gelenk aus Titan eingepflanzt wurde, quasi nebenan, in einer Privatklinik in Benidorm, kann er im milden Klima seiner Wahlheimat wunderbar genesen. Findet Theo und sieht darüber hinweg, dass sie das in Spanien mit der Rehabilitation noch nicht so raushaben. Um genau zu sein, gibt es keine. So musste eben, als der künstliche Knochen mal wieder herausgehüpft war, der Nachbar aus der Villa links unten helfen, ein Schweizer Physiotherapeut: ordentlicher Hieb auf Theos Seite, und klack, war das Gelenk wieder an Ort und Stelle. Dazu empfahl er ein paar Übungen im Pool und gab Anweisungen fürs Sitzen. Alles wunderbar verheilt, schwört Theo. Und sowieso alles besser als in Hannover. Dort hatte er bis vor sieben Jahren mit seiner Frau Erika gelebt, zwar in einem romantischen, holzverschalten Haus mit großem Garten, aber in der Einflugschneise des Flughafens. Und vor allem: in der Kälte.

In Jávea dagegen gibt die milde Luft sogar im Januar über 20 Grad her, wenn es besonders schön ist, sonst sind es um die 15, 16 Grad. Allein dass an diesem Küstenort auf Höhe von Mallorca die Sonne im Winter später untergeht als in der früheren Heimat, macht das Dasein der Schultes heller, wobei sie das nach all der Zeit kaum noch bemerken. Man gewöhnt sich schnell an das Schöne, ist ja auch bloß ein Leben hier, geregelt mit Skatrunde, Chor, Gymnastik, Wandern, Tanzkurs und einem Gartenzwerg, der im Pool angelt, und die Angel ist das Wasserthermometer, das im Hochsommer 29 Grad zeigt, nachts.

"Man lebt einfach die doppelte Zeit"

Vor allem diese Sonnenuntergänge, sagt Erika Schulte, entzückten sie doch immer aufs Neue: War der Tag klar, wechselt abends das Himmelblau in ein feuriges Pink und taucht schließlich in einem Lavendelton in die Nacht hinab und nimmt das Immergrün der Orangenhaine mit in die Dunkelheit. Allein das sei schon Grund genug, hier und nur hier alt werden zu wollen! "Man lebt", sagt Theo Schulte, "einfach die doppelte Zeit." Dazu schenkt er frisch gepressten Apfelsinensaft ein, den er "eingefangenes Sonnenlicht" nennt.

Die Costa Blanca, die davor gelagerten Balearen und das nördlich sich anschließende Katalonien sind noch immer der Deutschen Lieblingsparadies, wenn sie wie frierende Vögel gen Süden ziehen, um hier zu leben und womöglich auch zu arbeiten. Im Jahr 2001 zählten spanische Behörden allein in der Provinz Alicante 26 050 deutsche Residenten, ständige und gemeldete Bewohner. Lauter Theos und Erikas, nur dass viele, anders als die sprachbegabte ehemalige Chefsekretärin Schulte, nichts verstehen in der neuen Heimat: Sie lernen auch nach Jahren die Sprache nicht.

Nachfrage und Preis steigen und steigen

Inzwischen ist ein Stück Costa Blanca oder Brava kaum noch billiger zu haben als ein vergleichbares Plätzchen auf Mallorca. Es sei denn, man ist erpicht auf ein scheußliches Hochhausapartment in Torremolinos, zurzeit sehr günstig. Die Nachfrage nach schönen Häusern in freundlichen Orten dagegen steigt und steigt - und damit steigen die Preise. Kräne überall, in Jávea stehen sie auf abenteuerlichen Abhängen, jedem noch so steilen Fels wird Baugrund abgetrotzt, wenn er nur Meerblick hat und nicht als Zona Verde deklariert ist, als Naturschutzgebiet. Aber davon gibt es nicht viele. Schultes, die ihr Anwesen vor sieben Jahren für rund 130 000 Euro bekamen, müssten heute für die Baukosten das Doppelte, für den Boden das Dreifache zahlen.

Aus den Fischerdörfern Jávea und Calpe sind binnen weniger Jahrzehnte Siedlungen in der Größe deutscher Kreisstädte geworden. Und manchmal hört es sich auch so an wie dort: lauter Deutsche unter sich. Die "Urbanizaciones" der Zugereisten, geschätzt auch von Briten und Niederländern, schieben sich dicht an die Strände und Buchten heran, kriechen das karstige Hügelland empor, dessen Ausläufer zum Meer aussehen, als steckten steinerne Riesen ihre Zehen ins Wasser.

Also weichen die neuen Deutschen aus, haben bereits die Kanarischen Inseln aufgekauft und Besitz vom andalusischen Hinterland ergriffen. Nun erobern sie andere, wieder und neu entdeckte Regionen der Mittelmeerwelt: siedeln an Kroatiens Adriaküste, haben in Italien die überteuerte Toskana hinter sich gelassen, die Abruzzen überwunden und sich bis in die Marken durchgeschlagen, um ihr Angespartes zwischen Ancona und Pescara in zerfallene Gehöfte zu stecken. Ein Rustico aus dem 17. Jahrhundert mit 300 edel sanierten Quadratmeter Wohnfläche, platziert im Olivenhain, kostet etwa 250 000 Euro. In der Toskana käme man leicht auf das Doppelte.

Rund 500 000 Deutsche leben in Spanien undercover

Allein im Jahr 2002 zogen 6760 Spätumsiedler nach Spanien, 3260 nach Italien, 1300 in die Türkei, 1100 nach Griechenland, 800 nach Portugal, 265 nach Kroatien. Und das sind nur jene, die die Statistik kennt. Gut 500 000 Deutsche, wird geschätzt, leben in Spanien undercover, also länger als sechs Monate am Stück und ohne sich den Behörden zu zeigen. Was sie am Mittelmeer wollen, ist der mutmaßlich leichtere, wenigstens aber wärmere Alltag der Südländer. Wo Olivenbäume, Palmen und Zitrusfrüchte gedeihen und Gambas im Supermarkt so viel pro Kilo kosten wie Mett in Detmold, kann es nur besser sein als daheim, oder?

Maria Grimm, eine drahtige, zupackende Bayerin, wusste schon lange, dass es die Türkei sein soll, in der sie mal ein Haus haben möchte. Ihr zweiter Mann Ernst wusste das noch nicht. Also tat Maria einfach, was alle klugen Ehefrauen tun: Sie ließ ihn selbst zur Überzeugung gelangen, dass nicht sein erträumtes Kanada das gemeinsame Paradies sei, sondern der Strand vorm Taurusgebirge. Sie buchte rein zufällig einen Urlaub in Alanya, gut 100 Kilometer östlich von Antalya. Es kam, wie es kommen sollte: Ernst, der ruhige Schreiner, ließ auf der Hafenmauer der bunten Mittelmeerstadt die Beine ins Wasser baumeln und stellte fest, knapp wie es seine Art ist: "Ja, des isses."

"Sterben kannst du überall"

Der nächste Besuch diente allein der Immobiliensuche, im Dezember haben sie zugeschlagen. Preis der vanillecrèmefarbenen Kleinvilla, 120 Quadratmeter, Fußbodenheizung, ein Zipfel Meerblick: 119 000 Euro. Diverse Erdbeben oder Terroranschläge andernorts in der Türkei erschütterten die Grimms nicht weiter. "Sterben kannst überall", sagt Ernst, "wenn's dich erwischen soll, erwischt's dich halt." Und wenn nun der Muezzin fünfmal am Tag vom Minarett herab seine Aufrufe zum Gebet über die marmorgepflasterte Terrasse der Katholiken schickt, empfinden die das bald als so vertraut wie das Glockenläuten im heimischen Altmühltal.

19 000 Euro mehr als geplant ließen sie sich ihr neues Traumhaus kosten, trotzdem ist der Marmorboden schlampig verlegt, eine Wand treibt Blüten vor Nässe. Aber das ficht die Grimms nicht an. Das richten sie selbst, als Gegenleistung gibt es von der Baufirma Schlafzimmermöbel. Obwohl Maria erst 45 und ihr Ernst 40 Jahre alt ist, planen beide, schon bald ständig in der Türkei zu leben. Die Altenpflegerin hat zwei Kinder allein großgezogen, ein Haus gebaut und es fast abbezahlt - mit zeitweise drei Jobs zugleich. Ernst überstand eine Firmenpleite, pflegte seine alzheimerkranke Mutter bis zu deren Tod, überlebte einen Motorradcrash und neulich bei Audi, wo er jetzt schafft, einen schweren Arbeitsunfall.

Blumenkohl und Tomaten für ein paar Cent

Irgendwie finden Grimms darum: Süden jetzt, das haben wir uns verdient. Schon vor der Rente. Das geht, glauben sie, in der Türkei durchaus: "Mit 500 Euro im Monat bischt hier herunten der King!" So schlendern sie begeistert über den Wochenmarkt, wo der Blumenkohl einige Cent, ein paar Kilo Tomaten oder Zucchini oder Obst weniger als einen Euro kosten.

Die Grimms wissen, dass es mit den Spottpreisen für Essen und Kleidung schnell vorbei sein kann, sollte die Türkei Einlass in die Europäische Union finden. Doch wie sie den geostrategischen Lauf der Welt einschätzen, "dauert des noch". Darauf allein verlassen sie sich aber nicht. Sie besitzen zusammen zwei Einfamilienhäuser in Deutschland. "Ohne die Reserven", sagen sie, "könnten wir das hier gar nicht durchziehen." Deutsche Banken verweigern gern Kredite für Auslandsimmobilien, wenn Kunden keine Sicherheiten in Deutschland zu bieten haben.

Was tun, wenn man nicht soviel Geld hat?

Wer seinen Traum vom Süden nicht gut durchrechnet, läuft Gefahr, ihn zum Albtraum zu machen. Allein in Spanien, so schätzen karitative Vereine, haben 25 000 Deutsche nicht genug Geld zum Leben und verarmen. Aber was tun, wenn man nicht bis zur Rente oder zum Lottogewinn warten mag, um in einem Land zu leben, "wo die Zitronen blühn"?

Zum Beispiel den Traum an die Umstände anpassen. Wie Karin Huter und Josef Lechner aus Rutesheim bei Stuttgart. Ihnen schwebte eine Pension am Gardasee vor. Aber als die Angebote der Makler aus dem Faxgerät rannen - "nur" 900 000 Euro für ein sanierungsbedürftiges Haus, "nur" drei Kilometer vom See entfernt -, schauten sie sich tief in die Augen und schnell woanders um. In Kroatien.

Der Bürgerkrieg ist schnell vergessen

Dass an der Adria Anfang der 90er Jahre ein Bürgerkrieg tobte, ist vergessen, jedenfalls von den Touristen. Reste abgefackelter Häuser und Einschusslöcher an Häuserwänden mitten in der Stadt Zadar erinnern seltsam unwirklich daran. Der Blick von der Morgenfähre auf die vorgelagerten Inseln verdrängt die Bilder. Verhüllt noch von zarten Nebelschleiern, mutet das Archipel wie eine Märchenwelt an

Eigentlich auf der Suche nach einem Haus, das sie umbauen könnten, wurden Karin Huter und Josef Lechner von einem Makler auf die Insel Ugljan zu einem freien Grundstück am Wasser geführt. Türkisfarbenes Wasser, das an weißgrau leuchtendes Felsgestein brandet, auf dem immergrüne Sträucher gedeihen. 2000 Quadratmeter à 65 Euro. Natürlich, das schwäbische Gastronomen-Paar wurde schwach, zumal, als es die Baupreise recherchiert hatte: Für 300 000 Euro soll bis Frühjahr 2005 ein Haus mit sechs Ferienwohnungen und einem Tagescafé entstehen. Umziehen nach Kroatien wollen die beiden dann noch nicht. Sie führt ein Tagungshotel in Pforzheim, und beide zusammen bekochen große Gesellschaften.

Zwischen Kroatien und Deutschland pendeln

Das soll vorerst so bleiben, Lechner und Huter wollen pendeln. Er malt sich aus, die Sommermonate über in Kroatien zu sein, wenn der Partyservice kaum gefragt ist, dafür eine schöne Unterkunft auf einer Insel im Süden umso mehr. Sie möchte zunächst ihren Jahresurlaub hier verbringen und den Gästen deutsche Torten backen. "Aber klar stellen wir uns vor, ganz herzuziehen, wenn das hier läuft", sagt Karin Huter. So lange will Josef Lechner, Koch und Hotelfachwirt, mit seinem ganz privaten kleinen Traum keinesfalls warten: "Mit einem Bötchen und einer guten Flasche Rotem von Bucht zu Bucht tuckern." Ach, ja.

Bis dahin übt das Paar Kroatisch. Karin Huter hat schon Sprachcassetten. Die schönen Worte des Alltags sind da aber nicht drauf. Die mit Seele, die lernen sie von den Einheimischen. Wie "Bora", das ist der Wind aus Nordosten, in dem die Kroaten die guten Schinken lufttrocknen. Oder Julischka, das ist Tresterschnaps mit Birnenlikör, schmeckt am besten selbst gebrannt, weiß Lechner.

Nicht einfach aus dem Bauch heraus

Die beiden planen voraus und handeln geradezu vorbildlich. Vielleicht liegt das daran, dass sie gelernte Bankkauffrau ist. Denn gern fällt der Entschluss, im Süden zu siedeln, spontan und aus einer Verliebtheit in eine Landschaft heraus, entgegen allen Ratschlägen und Warnungen.

Sonne, Pool und Vino Tinto sind zwar wunderbar im Urlaub, aber auf Dauer für ein Leben gefährlich langweilig. Die Anonymen Alkoholiker in Calpe können sich über einen Mangel an Interessenten jedenfalls nicht beklagen. Gefährdet, weiß man dort, sind besonders ältere Deutsche, wenn sie die Landessprache nicht lernen mögen und sich nicht zu beschäftigen wissen. Ob man da einen Chor mitgründet wie die Schultes in Jávea oder sein eigenes Olivenöl presst wie Heinz Rauschnabel im italienischen Acquaviva Picena - eines ändert sich auch im Süden nicht: Ohne ein Gefüge aus Freunden, Aufgaben und Hobbys, Kenntnissen von Land und Leuten nützt aller Sonnenschein nichts. Dann wird es einfach nur einsam.

Ein deutsches "Drei-Generationen-Haus" in Spanien

Annette Pöschk hat darum ihren Eltern die Entscheidung, im Urlaubsort Jávea aufs Altenteil zu gehen, leichter gemacht. Sie hat gesagt: Bernd, die Kinder und ich kommen mit. Das war 1999. Ein Jahr später fanden sie das ideale Haus: Ihre Eltern bewohnen die obere Etage mit separatem Eingang, die jungen Pöschks das Erdgeschoss, und im Sommer wird sowieso das Schwimmbad samt Garten zum riesigen Wohnzimmer. Annette Pöschks Mutter sagt: "Ohne die Kinder hätten wir den Schritt nicht gewagt." Zu groß sei die Angst vor der Fremde gewesen. Nun leben sie, fast spanisch, in einem Drei-Generationen-Haus zusammen, keiner muss allein bleiben, jeder kann aber.

Annette und Bernd Pöschk, beide 39 Jahre alt und Eltern zweier Töchter im Alter von heute sechs und acht, hatten keinerlei Scheu, ihren Familiensitz in den Süden zu verlegen. Ihr Traum war das schon lange. Bernds Beruf - er ist Unternehmensberater und wird weltweit von deutschen Institutionen eingesetzt - lässt ihnen freie Wohnortwahl, "solange nur ein Flughafen in der Nähe ist", wie er sagt. Beide sind polyglott, er hat in Marokko Abitur gemacht, sie jahrelang im Ausland in der Tourismusbranche gearbeitet. Ganz selbstverständlich für die Deutschen, dass sie ihre Mädchen Aline und Michelle in die spanische Schule schicken und nicht, was möglich wäre, für viel Geld in eine private internationale. "Nee, nee", sagt Annette Pöschk, "das fehlte noch. Schon luxuriös genug, dass die Kinder hier mit einem Pool groß werden."

Spanische Gelassenheit gepaart mit deutschen Gewohnheiten

Am Süden schätzen Pöschks das Licht, die Wärme, das Essen - und die Gelassenheit, die vor allem, besonders im Umgang mit Kindern. "Die müssen hier nicht überall leise sein." Aber bis in die Puppen aufbleiben bei jeder der vielen Fiestas dürfen ihre Töchter nicht - anders als die spanischen. "Manchmal", sagt Annette Pöschk, "besinnt man sich ganz gern auf typisch deutsche Gewohnheiten."

Dorit Kowitz / print