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Kurzarbeit: Wenn die Arbeit Pause macht

Statt Mitarbeiter zu entlassen, setzen viele Unternehmen in der Wirtschaftskrise auf Kurzarbeit. Schon 300.000 Beschäftigte sind davon betroffen. Ein Besuch bei Menschen, die jetzt viel Zeit, weniger Geld und große Sorgen um ihre Zukunft haben.

Von Malte Arnsperger und Doris Schneyink

Zu tun haben sie genug: Günter Nagel, 47, will die Zimmer seiner beiden Söhne streichen, ihre Fahrräder reparieren und den Apfelbaum schneiden. Und Jörg Stäsche, 48, will endlich abspecken. Deshalb schwitzt er schon morgens um zehn im Fitnessstudio beim Krafttraining und nachmittags noch mal im Bauch-Beine-Po-Kurs. Die beiden arbeiten in zwei ganz unterschiedlichen Betrieben, 700 Kilometer voneinander entfernt - Günter Nagel ist Mechaniker im Daimler-Werk Sindelfingen, Jörg Stäsche verdient sein Geld beim Stahlkonzern Arcelor-Mittal in Bremen. Doch eins haben der Schwabe und der Fischkopp gemeinsam: Beide sind von ihren Arbeitgebern in Kurzarbeit geschickt worden.

Günter Nagel hat jetzt bis Ende März freitags frei, Stäsches Arbeitszeit ist für sechs Monate um die Hälfte gekürzt worden. Deshalb haben sie nun Zeit für ausgedehnte Besuche von Baumärkten und Muckibuden. "Noch fühlt sich das an wie Urlaub", sagt Stäsche. Noch.

Stäsche steht im Warmwalzwerk der Bremer Hütte. Hinter ihm rollt eine glühend heiße Stahlbramme zischend in die Fertigungsstraße und wird auf die richtige Dicke gewalzt. Fast kein Mensch ist in der knapp 1000 Meter langen Halle zu sehen, und erst nach quälend langen elf Minuten rollt die nächste Bramme in die Fertigung. "Das ist Spielerei, was wir hier machen", sagt Stäsche. Normalerweise kommen die Brammen im Minutentakt. Erst im Sommer investierte der Stahlkonzern 60 Millionen Euro in einen neuen Hochofen - der nun auf Sparflamme läuft. Die Produktion der Bremer Hütte ist innerhalb weniger Monate um 60 Prozent gesunken. "Natürlich machen wir uns alle Sorgen, wie es mit der Hütte weitergeht", sagt Stäsche.

Von der Ausnahme zur Regel

Deutschland im Winter 2009: Die Krise nimmt das Land fest in den Griff, den Unternehmen brechen die Aufträge weg - und die Zahl der konjunkturell bedingten Kurzarbeiter steigt rasant: Von 9000 im Dezember 2007 auf knapp 300.000 ein Jahr später. "Das entwickelt sich schneller als erwartet", sagt der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise.

Normalerweise ist Kurzarbeit ein Instrument für Branchen, die extrem saisonabhängig sind, wie zum Beispiel die Bauindustrie. Wenn die Maurer im Winter nicht arbeiten können, übernimmt die Bundesagentur für Arbeit einen Teil der Lohnkosten: das Kurzarbeitergeld. Es beträgt 60 Prozent des Nettogehaltsverlustes; für Beschäftigte mit mindestens einem Kind 67 Prozent.

Kurzarbeit war bislang ein Rettungsanker für Ausnahmesituationen. Doch jetzt ist die Ausnahme zur Regel geworden. Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) hat das Kurzarbeitergeld deshalb mit Milliarden zu einem gigantischen Rettungsschirm für den Arbeitsmarkt ausgebaut: Statt bisher sechs kann es nun 18 Monate lang bezogen werden; die Unternehmen zahlen nur noch die Hälfte der Sozialabgaben, und wenn sie ihre Leute weiterbilden, übernimmt die Bundesagentur sogar 100 Prozent.

"Der Staat übernimmt sich"

Wenn die Krise länger dauert, kann das teuer werden. Ökonomen haben durchaus Zweifel, ob das Konzept am Ende aufgeht. Die Betriebe würden nun Leute künstlich länger halten, die sie eigentlich nicht mehr brauchen. Kai Carstensen, Chefvolkswirt beim Münchner Institut für Wirtschaftsforschung, kritisiert: "Der Staat übernimmt sich. Ich glaube nicht, dass wir mit Arbeitsmarktpolitik die Beschäftigungsverluste erheblich ausgleichen können."

Doch zunächst wirken die Milliarden. Immer mehr Unternehmen greifen zur Kurzarbeit. Allen voran die Dickschiffe der deutschen Industrie - Daimler, BMW und VW; die Autozulieferer Continental und Bosch, die Chemieriesen BASF und Lanxess, der Gabelstaplerhersteller Kion, aber auch viele kleine und mittlere Betriebe.

Gerade für die erfolgsverwöhnten Mitarbeiter der Autokonzerne war die Kurzarbeit zunächst ein Schock. Günter Nagel aus dem Daimler-Werk Sindelfingen sagt: "Wir machen uns im Kollegenkreis ständig Gedanken, wie es weitergeht und wie schlimm die Lage wirklich ist. So etwas sind wir einfach nicht gewohnt beim Daimler, das ist doch eigentlich ein sicherer Betrieb. Wir befinden uns schon im Ausnahmezustand." Er ist froh, dass durch eine Betriebsvereinbarung bis 2012 betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen sind. Auch finanziell wird der Arbeitsausfall für Günter Nagel nicht so dramatisch: Weil Daimler das Kurzarbeitergeld aufstockt, wird der Mechaniker netto nur rund zehn Prozent verlieren. "Für drei Monate kann man das überbrücken", sagt Nagel.

Er lebt mit seiner Frau Silvia und den Söhnen in dem Dörfchen Ammerbuch, 25 Kilometer südlich von Sindelfingen. Das Eigenheim ist fast abgezahlt, aber die Leasingraten für den großen E-Klasse-Mercedes kann Nagel sich nicht mehr leisten und will im März auf ein kleineres Auto umsteigen. Auch der alljährliche Skiurlaub in Österreich wird in diesem Jahr gestrichen. Und wenn die Kurzarbeit länger dauert, sogar der Sommerurlaub. Der 15-jährige Alexander findet das nicht so toll. "Aber besser beim Skifahren sparen, als dass ich keine neuen Klamotten mehr bekomme."

Pfarrer Hartmut Zweigle ist Betriebsseelsorger für den Kreis Böblingen. Das Daimler-Werk Sindelfingen ist mit 37.000 Mitarbeitern größter Arbeitgeber im Kreis. Seit Oktober verzeichnet der Seelsorger deutlich mehr Beratungsgespräche. "Die Leute kommen immer mal mit Problemen zu mir, aber dieses Mal ist es anders. Die Menschen verspüren eine diffuse Angst, dass diese Krise etwas Übermächtiges ist, das niemand in den Griff bekommt", sagt Zweigle.

Anders allerdings als in früheren Krisen sind viele Unternehmen entschlossen, ihre Stammbelegschaften zu halten. Günther Fleig, Personalvorstand von Daimler, sagt: "In der Vergangenheit ist zum Teil zu schnell gekündigt worden." Gemeinsam mit den Personalchefs von BMW, Audi, Opel, BASF, Lufthansa, SAP, Bosch und Trumpf verfasste Fleig einen Aufruf und fordert darin: "Vorrang vor Stellenstreichungen müssen Arbeitszeitverkürzungen, Kurzarbeit und Weiterbildung der Mitarbeiter haben." So könne man Mitarbeiter bis zu zwei, drei Jahre durchziehen.

Wenn die Besten gehen müssen

Auch Uwe Schmidt, Arbeitsdirektor beim Stahlhersteller Arcelor-Mittal in Bremen, sagt: "Entlassungen sind ein törichtes Instrument. Sie bedeuten, dass man die Leistungsstruktur eines Unternehmens zerstört." Denn bei betriebsbedingten Kündigungen erfolgt eine Sozialauswahl. Sie schützt diejenigen, die schon lange im Betrieb sind und Kinder haben. Jüngere Mitarbeiter werden als Erste entlassen. "Häufig sind das wichtige Leistungsträger", sagt Schmidt.

Er weiß, wovon er spricht. So ist es für ihn fast unmöglich, in Deutschland Ingenieure für Hüttenwesen zu finden. Schon seit Jahren kooperiert er deshalb mit einer ukrainischen Universität. "Die Absolventen sind sehr gut, vor allem die Frauen", sagt Schmidt. Rund 30.000 Euro kostet ihn ein Einstellungsverfahren. "Wenn ich diesen Leuten kündige, kriege ich sie nie wieder", sagt Schmidt. Und wenn die Konjunktur anzieht, fehlt es im Stahlwerk an Know-how.

So profitieren von der Kurzarbeit alle Beteiligten: Die Unternehmen sparen Millionen bei den Personalkosten, ohne ihre Mitarbeiter zu verlieren; die Beschäftigten behalten ihre Jobs, und die Bundesregierung kann im Superwahljahr 2009 den Anstieg der Arbeitslosenzahlen zumindest dämpfen. Die Betroffenen allerdings verlieren Einkommen und können sich weniger kaufen. Denn die meisten Unternehmen stocken das Kurzarbeitergeld nicht so großzügig auf wie Daimler oder Arcelor-Mittal.

Nicht unerhebliche Verluste

Elektromechaniker Hans Kienzle, 56, etwa fürchtet, dass er 2009 im schlimmsten Fall monatlich auf rund 400 Euro verzichten muss. Das ist bei einem Bruttomonatsgehalt von 3700 Euro ein ganz schöner Batzen. Kienzle arbeitet für einen Maschinenbauer mit dem schönen Namen Fortuna im baden-württembergischen Weil der Stadt. Doch das Glück hat den kleinen Betrieb im Stich gelassen, seit November arbeitet ein Teil der 75 Beschäftigten kurz. Sechs Tage im Monat fallen weg, das soll mindestens bis März, vielleicht sogar das ganze Jahr so gehen. Kienzle fällt jetzt schon die Decke auf den Kopf. "Ich bin kein Hausmensch, ich gehe gern zur Arbeit, dann bin ich zufrieden und ausgeglichen", sagt er.

Seine Frau ist Lehrerin, die Familie hat keine Schulden, und noch kann er die Einkommenseinbußen verkraften. Bei der Ausbildung seiner Kinder will er jedenfalls keine Abstriche machen: Der 21-jährige Moritz braucht fürs Architekturstudium einen Vorbereitungskurs, der kostet 750 Euro. Und die 19-jährige Sofie wird wohl eine Designschule besuchen. Die Ausbildung ist zwar kostenlos, aber Lebensunterhalt und Materialien sind teuer. Für die Familie ist deshalb klar: Der Sommerurlaub fällt in diesem Jahr flach; eine neue Kameraausrüstung ist für den Hobbyfotografen Kienzle auch nicht drin, und Tochter Sofie muss die Fahrt zu einem Ska-Konzert in München vom eigenen Taschengeld bezahlen. Mit Zuschüssen von Papa kann sie vorerst nicht rechnen. Kienzle schwankt zwischen Frust und Zuversicht: "Bei uns gab es immer mal Kurzarbeitsphasen, gerade im Winter, und im Sommer mussten wir dann wieder Überstunden leisten." Er hofft, dass es auch dieses Mal so sein wird.

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Von:

Malte Arnsperger und Doris Schneyink