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Euro-Krise So schlagen sich die Schuldenländer


Während die Regierung in Athen an der Pleite entlang schrammt, machen Portugal und Irland Fortschritte. Italien und Spanien schwächeln weiter. Eine Analyse der europäischen Sorgenkinder.
Von Kai Beller und Barbara Schäder

Griechenland, Portugal und Irland müssen mit internationaler Hilfe vor dem finanziellen Kollaps bewahrt werden. Die drei Länder erhalten Notkredite von der Euro-Gruppe und dem Internationalen Währungsfonds (IWF), weil die Refinanzierungskosten an den Finanzmärkten zu hoch sind. Italien und Spanien dagegen halten sich derzeit noch weitgehend selbst über Wasser - allerdings nur dank Unterstützung der Europäischen Zentralbank (EZB).

Die Probleme sind in den fünf Ländern ebenso unterschiedlich wie die Fortschritte bei der Bekämpfung der Krise. Hier eine Zwischenbilanz.

Griechenland - im Abwärtsstrudel

Die Wirtschaftslage ist desolat. Am Wochenende musste die Regierung in Athen ihre Konjunkturprognose für das laufende Jahr nach unten korrigieren. Statt des angepeilten Minus von 3,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) geht Finanzminister Evangelos Venizelos von minus 5,3 Prozent aus. Die Rezession macht es den Griechen noch schwerer, die mit der EU, der EZB und dem IWF vereinbarten Sparziele zu erreichen. Die Investitionen der Unternehmen, die Exporte und die privaten Konsumausgaben sind eingebrochen. Wirtschaftsminister Michalis Chrysochoidis räumte ein, dass es angesichts der Lage unmöglich sei, das Defizitziel von 7,6 Prozent der Wirtschaftsleistung zu erreichen. Chrysochoidis forderte mehr Zeit. Doch die bekommen die Griechen wohl nicht. Die internationalen Geldgeber wollen die nächste Finanzspritze nur freigeben, wenn Athen die Vorgaben einhält. Die Troika aus EU, EZB und IWF wirft den Griechen vor, ihre Hausaufgaben nicht gemacht zu haben. So sei Athen mit den angekündigten Privatisierungen nicht vorangekommen. Der Verkauf von Staatseigentum soll bis 2015 insgesamt 50 Mrd. Euro einbringen. Erst nach der Kritik übergab Finanzminister Venizelos weitere Besitztümer an die Treuhandgesellschaft, die mit dem Verkauf betreut ist. In ihrer Verzweiflung kündigte die sozialistische Regierung zudem die Einführung einer Wohnraumsteuer an, die kurzfristig 2 Mrd. Euro in die leeren Kassen spülen soll. Um Probleme beim Eintreiben zu vermeiden, wird die Steuer mit der Gasrechnung eingezogen. Damit soll die Troika besänftigt werden. Ohne die Auszahlung der nächsten Tranche wäre Griechenland wohl bald pleite. Das Bargeld reicht nach Regierungsangaben noch bis zum Oktober. Risikoprämien griechischer Staatsanleihen auf Rekordhoch
Die Angst vor einer Griechen-Pleite ließ die Kurse griechischer Staatsanleihen erneut einbrechen. Die Kurse von Zweijahrespapieren lagen am Dienstag nur noch bei rund 40 Prozent des Nennwerts. Die Renditen, die sich bei Anleihen entgegengesetzt zu den Kursen bewegen, stiegen zeitweise auf ein Rekordhoch von 75,83 Prozent - ein Plus von rund sechs Prozentpunkten gegenüber dem Vortag. Zehnjahresläufer rentierten bei 24,20 Prozent. Die Renditen sind ein Indikator für die Zinsen, die Griechenland bei der Emission neuer Staatsanleihen entrichten müsste. Die Kosten für die Absicherung griechischer Staatsanleihen gegen einen Zahlungsausfall erreichten ebenfalls ein Rekordhoch. Die wenigen verbleibenden Anbieter entsprechender Kreditausfallderivate (CDS) verlangen laut dem Datendienstleister CMA anstelle der üblichen jährlichen Versicherungsprämie inzwischen eine Vorauszahlung. Für fünfjährige griechische Staatsanleihen im Wert von 10 Mio. Euro belaufe sich diese auf 5,8 Mio. Euro. Hinzu kämen 100.000 Euro pro Jahr, schreibt die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf CMA. Das bedeutet, dass eine Staatspleite auf den CDS-Märkten als nahezu unausweichlich gilt. Auch die großen Ratingagenturen sehen bei griechischen Staatsanleihen ein hohes Ausfallrisiko. Bei Moody's und Standard & Poor's (S&P) hat Hellas die Note "Ca" beziehungsweise "CC", die in den jeweiligen Ratingskalen nur zwei Stufen über "D" für "Default", also Zahlungsausfall, liegt. Fitch benotet Griechenland mit "CCC" noch eine Stufe besser.

Portugal - die Sparanstrengungen tragen Früchte

Anders als Griechenland liegt das südwesteuropäische Land auf Kurs, seine Defizitziele zu erreichen. Auf 5,9 Prozent des BIP will die Regierung in Lissabon den Fehlbetrag in diesem Jahr drücken. Im August bescheinigten EU, EZB und IWF dem Land gute Fortschritte bei der Umsetzung des Sparprogramms. Eine weitere Tranche aus dem 78 Mrd. Euro umfassenden Sparpakets wurde Anfang September ohne Probleme freigegeben. Trotzdem muss sich auch die liberal-konservative Regierung in Lissabon strecken, um die vereinbarten Ziele zu erreichen. Die erst für 2012 geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Strom und Gas wurde deswegen auf Herbst 2011 vorgezogen. Anfang September legte Lissabon noch einmal nach: Mit einer Solidaritätssteuer bittet die Regierung wohlhabende Portugiesen und gewinnträchtige Firmen zur Kasse. Auch das Privatisierungsprogramm, das mehr als 6 Mrd. Euro einbringen soll, treibt die Regierung voran. Energie- und Wasserversorger, die Fluggesellschaft TAP und den Flughafenbetreiber ANA, die Post, Portugal Telecom und öffentliche Verkehrsbetriebe stehen auf der Verkaufsliste. Trotz der Fortschritte steckt auch die portugiesische Wirtschaft in der Rezession. Die Notenbank des Landes korrigierte die Wachstumserwartungen für das laufende und das kommende Jahr nach unten. 2011 soll die Wirtschaft um 1,8 Prozent schrumpfen, 2012 noch einmal um 1,8 Prozent. Ursprünglich wollte Portugal im nächsten Jahr auf den Wachstumspfad zurückkehren. Baldige Rückkehr an den Finanzmarkt scheint unmöglich
Die Kurse portugiesischer Staatsanleihen haben sich in den vergangenen Wochen leicht erholt. Im Gegenzug sanken die Renditen von Zehnjahrespapieren von einem Euro-Ära-Rekord von 13,44 Prozent am 11. Juli auf zuletzt 11,33 Prozent. Das zeigt aber, dass Portugal noch lange Hilfe benötigen wird - denn Zinsen in vergleichbarer Höhe könnte das Land nicht zahlen. CDS zur Absicherung portugiesischer Staatsanleihen gegen einen Zahlungsausfall notierten am Dienstag laut dem Datendienstleister CMA bei 1227 Basispunkten. Damit kostete es 1,2 Mio. Euro, portugiesische Fünfjahresläufer im Wert von 10 Mio. Euro ein Jahr lang gegen eine Staatspleite abzusichern. Die Ratingagenturen Fitch und S&P bescheinigen Portugal mit der Note "BBB-" eine gerade noch zufriedenstellende Kreditqualität - eine Stufe über Junkstatus. Moody's dagegen betrachtet portugiesische Staatsanleihen heute schon als Ramsch und vergibt die Note "Ba2".

Irland - auf Erholungskurs

Der einstige keltische Tiger befindet sich nach Einschätzung der internationalen Geldgeber auf einem guten Weg. In ihrem Prüfbericht erkennt die Troika die Fortschritte des Landes bei der Sanierung der Staatsfinanzen, der Reform des Bankensektors und der Strukturreformen an. Damit qualifizierten sich die Iren für die Freigabe einer neuen Tranche aus dem 85 Mrd. Euro umfassenden Hilfspaket. Irland ist der Musterknabe unter den Schuldensündern. Das Defizit wird wohl unter der vereinbarten Zielmarke von 10,6 Prozent des BIP liegen. Trotz der Sparpolitik erwartet die Regierung im laufenden Jahr ein Wachstum von 0,8 Prozent. Es wäre das erste Plus seit drei Jahren. Die irische Wirtschaft gewinnt an Wettbewerbsfähigkeit: Die Lohnstückkosten sanken in den vergangenen zweieinhalb Jahren nach OECD-Angaben um gut zehn Prozent. Vorangekommen sind die Iren auch mit der Rekapitalisierung ihrer Banken. Die Krise der Kreditinstitute war der Auslöser der Malaise der Inselrepublik. Wegen der enormen Kosten für die Rettung der Banken war der Staatshaushalt aus den Fugen geraten. Alle wichtigen Geldhäuser kontrolliert der Staat. Nachholbedarf sehen die internationalen Geldgeber bei den Privatisierungsplänen der Regierung. Der IWF fordert von Dublin, sich von Staatsbesitz im Umfang von 5 Mrd. Euro zu trennen statt der bisher vorgesehenen 2 Mrd. Euro. Risikoprämien auf Irland-Bonds sinken
Die Fortschritte Irlands machen sich auch an den Finanzmärkten bemerkbar: Die Risikoprämien auf irische Staatsanleihen sind in den vergangenen Wochen deutlich gesunken. Die Renditen von Zehnjahrespapieren fielen von 14,22 Prozent Mitte Juli auf zuletzt 8,83 Prozent. Auch die Kosten für die Absicherung gegen eine irische Staatspleite sinken: Die CDS-Prämien gingen von 1196 Basispunkten Mitte Juli auf zuletzt 898 Basispunkte zurück. Damit kostet es 898.000 Euro, irische Staatsanleihen im Wert von 10 Mio. Euro ein Jahr lang gegen einen Zahlungsausfall abzusichern. Dennoch betrachtet Moody's irische Staatsanleihen als Ramsch - mit "Ba1" sind sie allerdings um eine Stufe besser bewertet als portugiesische Schuldtitel. Bei S&P und Fitch hat Irland die Note "BBB+" und liegt damit drei Stufen über Ramschniveau.

Italien - im Zickzack abwärts

Die Regierung in Rom wehrt sich verzweifelt gegen den Sog der Schuldenkrise. Mit einem neuen Sparpaket in Höhe von 45,5 Mrd. Euro sollen die nervösen Finanzmärkte beruhigt werden. Doch Ministerpräsident Silvio Berlusconi neigt zu unberechenbaren Kurswechsel. So entschärfte er das bereits beschlossene Sparpaket, um es nach massiver Kritik wieder zu verschärfen. Eine Reichensteuer wurde gestrichen und wenig später wieder aufgenommen. Das stärkt nicht unbedingt das Vertrauen der Märkte. Italiens Problem ist die hohe Staatsverschuldung von 120 Prozent des BIP. Lange Zeit kamen das südeuropäische Land damit gut zurecht, zumal der größte Teil der Schulden im Inland anfiel. In der Euro-Krise gerieten die Italiener dann doch in den Fokus der Finanzmärkte. Das hing auch mit der seit Jahren schwachen Wirtschaftsentwicklung zusammen. Wachstumsraten von mehr als zwei Prozent gab es schon lange nicht mehr. Im dritten Quartal wird die Wirtschaft laut der jüngsten OECD-Prognose sogar um 0,1 Prozent schrumpfen. Die Industrieproduktion ist seit Monaten rückläufig. Experten erwarten, dass die Sparpläne die italienische Wirtschaft zusätzlich belasten. Rekordzins bei Anleihe-Auktion
Die Refinanzierungskosten Italiens erreichten am Dienstag einen Rekord: Für die Platzierung fünfjähriger Staatsanleihen musste das Finanzministerium einen Zinssatz von 5,6 Prozent bieten. Laut der Nachrichtenagentur Reuters war das für Fünfjahresläufer der höchste Satz seit Einführung des Euro. Nach dem schwachen Auktionsergebnis zogen auch die Renditen auf dem Sekundärmarkt an, Zehnjahresläufer rentierten bei 5,72 Prozent. Vom Anfang August erreichten Euro-Ära-Rekord von 6,40 Prozent sind sie damit aber ein gutes Stück entfernt. Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft seit einem Monat neben griechischen, portugiesischen und irischen auch italienische Staatsanleihen, um die Kurse zu stützen und den Anstieg der Renditen zu bremsen. Die Kosten für die Absicherung gegen eine Staatspleite Italiens steigen dagegen unaufhaltsam: Die CDS-Prämien notierten am Dienstagabend laut CMA bei 508 Basispunkten, ein Rekord. Damit kostete es 508.000 Euro, italienische Staatsanleihen im Wert von 10 Mio. Euro ein Jahr lang gegen einen Zahlungsausfall abzusichern. Wegen der notorisch hohen Staatsschulden hat Italien zusammen mit Japan das schlechteste Rating unter den G7-Staaten. S&P bewertet die Kreditwürdigkeit des Landes mit "A+" nur noch mit der fünftbesten Note. Bei Fitch rangiert das Land mit "AA-" eine Stufe höher, Moody's gibt Italien mit "Aa2" derzeit noch die drittbeste Note auf der hauseigenen Ratingskala.

Spanien - Sparkurs mit Gegenwind

Die Wirtschaftskrise hat Spanien schwer zugesetzt. Als 2008 die Immobilienblase platzte, ging es für das iberische Land steil bergab. Banken - vor allem Sparkassen - bekamen große Probleme, worunter die Wirtschaft heute noch leidet. Unternehmen haben es schwer, an Kredite zu kommen. Die sozialistische Regierung bekämpfte die Krise mit der Aufnahme von Schulden. Im vergangenen Jahr erreichte das Haushaltsdefizit etwas mehr als neun Prozent. In diesem Jahr will die Regierung es auf sechs Prozent drücken. Spanien hat ein Sparprogramm aufgelegt und auch eine Schuldenbremse wurde in der Verfassung verankert. Die Regierung rechnet mit einem Wachstum von 1,3 Prozent in diesem Jahr. Der Sparkurs mit seinen sozialen Härten trifft jedoch auf Widerstand in der Bevölkerung. Zuletzt gingen die Gewerkschaften gegen die Schuldenobergrenze auf die Straße. Im Herbst stehen zudem Neuwahlen auf dem Programm, die nach derzeitigem Stand wohl einen Regierungswechsel bringen dürften. Die jetzige Regierung von Ministerpräsident José Luis Zapatero will auf keinen Fall unter den europäischen Rettungsschirm schlüpfen. Ökonomen betrachten die Fortschritte des Landes jedoch mit Skepsis. Vor allem die Produktivität bereitet Sorge. Experten fordern, dass sich die Löhne an der Produktivität und nicht an der Inflation orientieren sollen. Renditen dank EZB-Intervention gesunken
Ob Spanien ohne Hilfe durch die Krise kommt, hängt von der Entwicklung der Refinanzierungskosten ab. Der wichtigste Indikator hierfür, die Renditen spanischer Staatsanleihen, ging in den vergangenen Wochen deutlich zurück - von 6,46 Prozent Anfang August auf zuletzt 5,40 Prozent. Zu verdanken hat Spanien das allerdings ähnlich wie Italien vermutlich hauptsächlich den Anleihekäufen der EZB. Die von der EZB unbeeinflussten CDS-Prämien erreichten am Dienstagmorgen ein Rekordhoch von 438 Basispunkten, gingen bis zum Abend aber auf 425 Basispunkte zurück. Damit kostete es 425.000 Euro, spanische Staatsanleihen im Wert von 10 Mio. Euro ein Jahr lang gegen einen Zahlungsausfall abzusichern. Die Ratingagentur Fitch bewertet Spanien derzeit noch mit ihrer zweitbesten Note "AA+". Bei Moody's und S&P liegt das Land eine Stufe darunter bei "Aa2" beziehungsweise "AA".

FTD

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