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Konjunkturprogramme: John M. Keynes, der Popstar der Krise

Im Kanzleramt trifft die Kanzlerin heute führende Vertreter der Wirtschaft. Es geht um die Frage: Wie muss der Staat in der Krise in die Wirtschaft eingreifen? Der Superstar in diesen Zeiten heißt John Maynard Keynes. Alle sind sie jetzt Jünger des Briten, Keynesianer. Allein: Wofür steht der Ökonom? Was macht seine Ideen so erfolgversprechend? Und was hat Finanzminister Peer Steinbrück gegen ihn?

Von Sebastian Dullien

John Maynard Keynes. Jahrelang war dieser Name in Deutschland fast so etwas wie ein Schimpfwort. Deutsche Leitartikler warnten unisono, dass die Rezepte des Ökonomen zu Inflation und Staatsbankrott führen würden, an renommierten deutschen Universitäten galten seine "veralteten Theorien" als lästiges Pflichtprogramm, bestenfalls Politiker der Linkspartei oder linke Sozialdemokraten beriefen sich gerne auf den Ökonomen.

Die Frage, ob ein Staat eingreifen muss, ist in diesen Tagen relativ unumstritten. Nur wie und wann, darum geht es, wenn unter der Leitung von Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Sonntag ein Krisengipfel mögliche neue Maßnahmen zur Konjunkturbelebung berät. Im Kanzleramt werden führende Vertreter der Wirtschaft, Banken und Forschung erwartet. Merkel und ihr Stellvertreter, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, haben bereits deutlich gemacht, dass mit Entscheidungen nicht zu rechnen ist. Man werde sich Möglichkeiten erarbeiten, um bei einer Verschärfung der Krise schnell reagieren zu können, sagte Merkel der "Bild am Sonntag".

Zeitung: Zweites Kojunkturpaket beschlossen

Nach Angaben von SPD-Fraktionschef Peter Struck ist mit der Kanzlerin vereinbart, frühestens Ende Februar über ein zweites Konjunkturpaket zu entscheiden. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtet hingegen, in der Regierung sei man sich schon über ein Konjunkturprogramm für Ende Januar einig.

Wirtschaftswissenschafter hatten die Runde im Kanzleramt vor übereilten Beschlüssen gewarnt. "Ich würde die Flinte vorbereiten, ohne mein Pulver schon jetzt zu verschießen", sagte der Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, dem Magazin "Focus".

60 Jahre nach Keynes Tod sind wieder einmal alle Keynesianer

Die Wirtschaftskrise hat Keynes, der von 1883 bis 1946 lebte, drastisch aufgewertet: Von Regierungschefs bis hin zu Volkswirten - 60 Jahre nach Keynes Tod sind wieder einmal alle Keynesianer. Die Rezepte des Nobelpreisträgers werden, freilich in abgewandelter Form, als globale Heilsbotschaften gehandelt. In den USA verspricht der designierte Präsident Barack Obama ein gigantisches Investitionsprogramm. Wie das "Wall Street Journal" berichtete, erwägt Obama angesichts der dramatischen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage ein zweijähriges Konjunkturprogramm über bis zu eine Billion Dollar. Vor zwei Wochen erst war von einem Paket im Volumen von rund 500 Milliarden Dollar die Rede gewesen.

Großbritannien und Frankreich sind auch dabei. Der Brite Gordon Brown senkt den Mehrwertsteuer-Satz, der Franzose Nicolas Sarkozy brüstet sich mit seiner Konjunkturspritze. Internationale Organisationen wie der Währungsfonds (IWF) oder die Industrieländerorganisation OECD blasen ins gleiche Horn. Und auch in Deutschland fordern fast alle hochrangigen Wirtschaftsexperten den Staat auf, mit mehr Staatsausgaben oder Steuersenkungen auf Pump schnell die Wirtschaft anzukurbeln. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute dringen darauf, Staatsinvestitionen vorzuziehen, der Sachverständigenrat - die "fünf Wirtschaftsweisen" - fordert schnell mehr Geld für Infrastruktur, Bildung und Forschung. Die wichtigsten Medien sind längst auf den Zug aufgesprungen. Selbst die Bundesregierung, die sich bislang ziert, große Geldsummen in die Hand zu nehmen, ist rhetorisch längst auf die neue Linie eingeschwenkt. Allein Peer Steinbrück, der widerborstige deutsche Finanzminister, ist bei seiner Keynes-Interpretation ambivalent: In seinen Reden preist er unablässig die Regierung für ihre Maßnahmen zur Stützung der Nachfrage, andererseits hat er in seinem mittlerweile berüchtigten "Newsweek"-Interview vor einem "groben", einem überzogenen Keynesianismus gewarnt.

Der Staat soll Geld in die Wirtschaft pumpen

Keynes hatte all die Maßnahmen, die sich jetzt, zumindest rhetorisch, eines so großen politischen Zuspruchs erfreuen, schon während der großen Wirtschaftskrise der 1930er Jahre vorgeschlagen. Genau deshalb ist sein Name nun plötzlich wieder en vogue. Er ist der Pop-Star dieser Krise. Keynes hatte damals analysiert, dass es Situationen gebe, in denen private Investoren aus Angst vor der Zukunft ihre Investitionen zurückfahren oder in denen Anleger ihr Geld wegen großer Unsicherheit nicht mehr verleihen wollten. In einer solchen Situation drohe eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale aus fallender Nachfrage, neuer Investitionskürzungen und wachsender Arbeitslosigkeit. In einer derartigen Lage, argumentierte der Ökonom, sei der Staat gefragt: Dieser müsse einspringen, mit staatlichen Investitionen. Auch die Finanzierung sei kein Problem: Der Staat müsse eben Schulden machen. Dafür werde ein noch dramatischerer Abschwung verhindert, was in der Summe den Staat und die Gesellschaft am Ende billiger käme. Dem Argument, dass sich die Wirtschaft langfristig schon wieder von alleine zu einem Gleichgewicht bewegen werde, wird heute so gerne das Keynes-Zitat entgegen gehalten, dass wir "langfristig ohnehin alle tot sind." ("In the long run we are all dead.")

Schon zu Keynes Zeiten war dieser Ansatz zunächst höchst umstritten. Als er seine Ideen erstmals formulierte, glaubten die meisten Volkswirte fest daran, dass die Wirtschaft am besten sich selbst überlassen werden sollte. US-Präsident Herbert Hoover hatte noch wenige Jahre vor dem Erscheinen des Keyneschen Hauptwerks "The General Theory of Employment, Interest and Money" ("Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes") im Jahre 1936 Banken zu Hunderten in den Konkurs laufen lassen. Anstatt die Nachfrage mit Staatsausgaben anzukurbeln, versuchte Hoover mit immer neuen Ausgabekürzungen den wachsenden Löchern im Staatshaushalt Herr zu werden. Er und seine Berater glaubten, die Rezession sei notwendig, um die Wirtschaft von den vorherigen Übertreibungen zu retten. Die damaligen Experten unterstützten diese Politik mehrheitlich. Das Ergebnis war verheerend: Die Wirtschaftsleistung in den USA brach von 1929 bis 1933 um mehr als ein Viertel ein, zum Höhepunkt der Krise waren 30 Prozent der Amerikaner arbeitslos. Die Wirtschaft fiel immer tiefer in den Strudel der Depression.

Auch aus dieser Erfahrung zog Keynes die Beobachtungen für seine neue Theorie - und sah sich bestätigt, als die Weltwirtschaft sich just in jenem Moment zu erholen begann, als Hoovers Nachfolger Franklin D. Roosevelt staatliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen auflegte, die er mit neuen Staatsschulden finanzierte.

"Wir sind jetzt alle Keynesianer"

Allerdings war selbst danach zunächst Keynes' Siegeszug ein langer Kampf gegen eingefahrene Denkmuster. Wie mühselig die Überzeugungsarbeit war, lässt sich erahnen, wenn Keynes in seiner "General Theory" schreibt: "Die Schwierigkeit liegt nicht in neuen Ideen, sondern darin, alten Ideen zu entkommen, deren Verästelung sich in allen Ecken unseres Geistes festgesetzt haben."

In den 1940er und 1950er Jahren war es dann soweit: Eine junge Generation von Volkswirten und Politikern, die Keynes' Werke schon früh in ihrer Karriere gelesen hatten, bevölkerte inzwischen Universitäten und Regierungen. 1965, fast 20 Jahre nach Keynes Tod, titelte das US-Magazin "Time": "We are all Keynesians now" - "Wir sind jetzt alle Keynesianer". Und tatsächlich bauten die meisten Volkswirte in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem auf dem Gedankengebäude Keynes auf. Und Politiker auf der ganzen Welt veränderten Staatsausgaben und Zinsen, um Abschwünge abzufedern - und das durchaus mit Erfolg: Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Welt fast drei Jahrzehnte stabilen und robusten Wachstums.

Keynes konnte seine Ideen allgemeinverständlich vortragen

Zu dieser Revolution trug sicher auch bei, dass Keynes wie kaum ein anderer Volkswirt die Gabe hatte, seine Ideen in allgemein verständlichen Zeitungsartikeln oder in Radiosendungen dem breiten Publikum zu erklären, er konnte auf den Ökonomen-Jargon lässig verzichten, gesellschaftlich war er zudem bestens vernetzt. So war Keynes unter anderem Mitglied der so genannten "Bloomsbury-Gruppe", einem kleinen, aus einem Debattierclub der Universität Cambridge hervorgegangenen Zirkel, dem auch solch illustre Personen wie die Schriftstellerin Virginia Wolf und der Künstler Duncan Grant angehörten.

In den 70er Jahren stieß die keynesianische Politik allerdings an ihre Grenzen: Wirtschaftspolitiker verfielen dem Fehlschluss, alleine mit Instrumenten wie Zinssenkungen oder höheren Staatsausgaben ließe sich jedes gesamtwirtschaftliche Problem lösen. Auf den Ölpreisschock 1973 reagierten sie erneut mit steigenden Staatsausgaben, was die Inflation weiter anheizte und den öffentlichen Sektor nachhaltig aufblähte. Unter Volkswirten wuchs daraufhin die Skepsis gegenüber keynesianischer Politik: Die Gefahr sei zu groß, dass diese Instrumente falsch eingesetzt würden und die wirtschaftlichen Probleme deshalb verschlimmerten, lautete das Credo der akademischen Ökonomen in den 1980er Jahren. Gerne wurde zur Abschreckung "keynesianische" Politik dabei mit Inflation in einem Atemzug genannt - obwohl Keynes selber einst selbst mit den Worten vor Inflationspolitik gewarnt hatte, dass "der sicherste Weg das kapitalistische System zu zerstören [sei,] die Währung zu entwerten".

Die Weltwirtschaft steht am Rande eines katastrophalen Abschwungs

Große Gefahren, die Fehler der 1970er Jahre zu wiederholen, bestehen derzeit nicht: Die Weltwirtschaft steht am Rande eines katastrophalen Abschwungs. Es ist zwar nicht klar, wie dramatisch genau die Rezession ausfällt, aber klar ist sehr wohl, dass der Einbruch der schlimmste seit mindestens einem Vierteljahrhundert sein wird. Dank fallender Ölpreise und langsamen Lohnwachstum besteht keine Inflationsgefahr. Wegen der Bankenkrise und der Zukunftsangst haben Unternehmen ihre Investitions- und Beschäftigungspläne radikal zusammen gestrichen.

Genau vor dem Hintergrund solch einer Situation hatte Keynes einst seine Politikempfehlungen entworfen. Und genau in einer solchen Situation haben die Rezepte schon einmal gewirkt. Das jetzige Comeback des alten Briten ist deshalb eigentlich wenig überraschend.

Sebastian Dullien ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der FHTW Berlin.

mit Reuters