Telekomkonzerne Der Angriff der Kabelbetreiber


Deutschlands Kabelbetreiber sind seit Jahren fest in der Hand von Finanzinvestoren. Mit einem Marketingfeuerwerk, Rabattaktionen und Übernahmen wollen sie jetzt massiv ins Geschäft der Telefonkonzerne einbrechen. Es ist ihre letzte Chance.
Von Astrid Maier

Kabel Baden-Württemberg schickt Boxweltmeisterin Regina Halmich in den Ring. Überlebensgroß blickt die Sportlerin aus Karlsruhe von Werbeplakaten aus auf ihre Heimatstadt, die Boxhandschuhe hat sie abgelegt, die Hände bandagiert. Der Konkurrent Kabel Deutschland (KDG) kontert dies mit aggressiven Boni: Einkaufsgutscheine für 75 Euro, einzulösen im Media Markt bei Abschluss eines entsprechenden KDG-Vertrags, haben fahrende Verkäufer derzeit vor den Filialen des Elektrogroßhändlers in ganz Hamburg im Angebot. Und im Fernsehen kommen die Zuschauer von Bremen bis Düsseldorf in diesen Tagen ohnehin nicht an den Werbespots der Kabelnetzbetreiber vorbei. Der Kampf geht in die entscheidende Runde.

Befreiungsschlag der Kabel-Branche

Die Branche hat die Offensive bitter nötig. Sechs Jahre nach dem Verkauf des Kabelnetzes der Deutschen Telekom an Private-Equity-Investoren konnten die Besitzer bisher immer nur neidisch nach Großbritannien, in die Niederlande oder die USA schauen. Dort sind die Kabelkonzerne mit ihren Angeboten aus Telefonie, Internet und TV zu mächtigen Konkurrenten der klassischen Telekomkonzerne geworden und können Zahlen präsentieren, von denen die deutschen Anbieter träumen.

Doch nun setzt die Branche zum Befreiungsschlag an. Marktführer KDG sowie die Konkurrenten Unity Media und Kabel Baden-Württemberg (KBW) nehmen viel Geld für Investitionen in die Hand und planen große Übernahmen. So wollen sie endlich auch ans lukrative Internetgeschäft rankommen, und sie müssen die Telekomkonzerne zurückdrängen, die anfangen, in ihrem Revier zu wildern. Lässt das Kartellamt sie gewähren, wird am Ende des Jahres 2008 nichts mehr sein, wie es mal war.

Es ist höchste Zeit für eine Wende. Auch wenn sie sich im klassischen TV-Geschäft etabliert haben, so hinken die Unternehmen in den lukrativen Geschäftsfeldern arg hinterher. Die Zuwachsraten sind gut, aber in absoluten Zahlen können sie mit ihren neuen Angeboten aus digitalem TV-Anschluss, Internetzugang und Telefonie kaum imponieren.

Fünf Millionen TV-Kunden hat zum Beispiel Konkurrent Unity Media - aber nur 236.000, die auch über das Kabel im Internet surfen. Und nur 134.000 Nutzer telefonieren über das Unity-Angebot. Hinzu kommt, dass die Kabelkonzerne Kunden aus ihrem Stammgeschäft mit TV-Anschlüssen verlieren - an das Internet-TV der Telekomanbieter.

Finanzinvestoren dominieren die Branche

Von Anfang an ist die Kabelbranche durch ihre verpassten und verpatzten Chancen aufgefallen. Groß war die Euphorie bei der Privatisierung, der Medienkonzern Liberty Media wollte sich das gesamte Kabelnetz der Deutschen Telekom einverleiben nach dem Muster der Kabelnetzwerkanbieter in den USA mit Millionen direkter Kundenanschlüsse. Aber die Kartellwächter in Bonn verhinderten dies. Private-Equity-Investoren haben darauf ihre Chance genutzt und sich die Netze regional aufgeteilt.

Seitdem ist die Branche wohl die einzige in Deutschland, die komplett in der Hand von Finanzinvestoren ist: Marktführer KDG gehört dem Investor Providence, Kabel Baden-Württemberg (KBW) EQT aus Schweden und das in Hessen und Nordrhein-Westfalen agierende Unternehmen Unity Media den Investoren BC Partners und Apollo. Auch kleinere Anbieter wie Orion gehören in das Portfolio von Finanzinvestoren.

Schluss mit der Investitionsblockade

Der Zeitpunkt für den Einstieg der Private-Equity-Firmen war allerdings mehr als ungünstig: kurz nach dem New-Economy-Crash. In dieser schwierigen Zeit haben die Anbieter das Aufrüsten ihrer Netze hinausgeschoben. "Nach dem Platzen der Internetblase gab es zunächst keinen Anreiz für Investitionen", sagt der Kabelrechtsexperte Christoph Schalast. Jahrelang überließen die Investoren das Feld den Telekomkonzernen, die DSL-Offensiven verfolgten.

Doch mit der Investitionsblockade ist nun endgültig Schluss: Die KDG etwa will 300 Mio. Euro für Aufbau und Modernisierung der Infrastruktur einsetzen, 30 Mio. Euro mehr als geplant. Und auch in einer zweiten Sache gehen die Private-Equity-Manager mit guten Vorsätzen ins neue Jahr. Sie wollen Übernahmen wagen.

Neuer Telekomkonzern in Sicht

Angestachelt werden die Kabelbetreiber durch die Übernahmewut im Festnetzgeschäft der Telekommunikationskonzerne. Vor allem United Internet hat mit seinem Einstieg bei den Konkurrenten Freenet und Versatel aufgerüttelt. Die Kabelmanager prüfen nun, wie sie in den Wettlauf um Firmenzukäufe einsteigen können. Und erwägen dabei, einen klassischen Telekomkonzern in ihre Netze zu integrieren.

Treiber dieser Gedankenspiele ist der Eigner von Unity Media, BC Partners. Die Investoren wollen einen Konzern Kabel West formen, der es sowohl mit Marktführer KDG als auch mit den Telekomkonzernen und ihren neuen Online-TV-Angeboten aufnehmen kann. Sie würden gern Unity Media mit dem Konkurrenten KBW verschmelzen und haben Berater ausgesandt, die in der Telekombranche einen Übernahmekandidaten suchen, der in das Netz integriert werden könnte. Konkrete Verhandlungen allerdings dementieren die Verantwortlichen.

Eine solche Unternehmensstruktur wäre für alle Kabelbetreiber interessant, ließen sich doch entscheidende Synergien heben. Bei einem möglichen Ausstieg könnten die Finanzinvestoren dann viel Geld verdienen.

Die Chancen, dass es tatsächlich zu solchen Verbindungen kommt, stehen nicht schlecht. Bisher haben die deutschen Wettbewerbshüter Fusionspläne immer blockiert, an ihnen ist auch der Versuch von KDG gescheitert, den Konkurrenten KBW zu übernehmen. Traditionell haben die Kontrolleure den Kabelmarkt getrennt vom Geschäft der Telekomkonzerne betrachtet und wollten verhindern, dass ein marktbeherrschender Kabelkonzern entsteht.

Rund 4.000 kleine und mittelständische Betriebe

Doch inzwischen verwischen sich Branchengrenzen. "Das Wettbewerbsumfeld ändert sich dramatisch", sagt Kabelexperte Schalast. Selbst regionale Telekomanbieter drängen mit Internet-TV-Angeboten auf den Markt, die Chancen einer Marktbeherrschung schwinden also. Das bleibt offenbar auch den Wettbewerbshütern nicht verborgen, wie Kartellamtspräsident Bernhard Heitzer nun in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen" durchblicken ließ: "Wir sind nicht blind."

Sollten die Kartellwächter ihr Ja zu dem Unity-Deal geben, dürften bald weitere Übernahmen folgen. Denn wie in keinem anderen Land der Welt ist die Kabel-Infrastruktur in Deutschland zersplittert. Das Geschäft müssen sich die großen Anbieter mit rund 4000 kleinen und mittelständischen Betrieben teilen. Anbieter der "Netzebene vier" heißt das im Fachjargon.

Konzernen fehlt der direkte Kontakt

Mit dieser Struktur wollte die Bundesregierung bei der Privatisierung mittelständische Handwerksbetriebe schützen. Diese besitzen meist allein den direkten Zugang zu den Haushalten der Kunden, haben Langzeitverträge mit den Wohnungswirtschaftsgesellschaften und exzellente Kontakte vor Ort. Aber ihnen fehlt die Expertise, eine eigenständige, multimediale Strategie zu entwickeln.

Die Zersplitterung sehen Beobachter als einen der Hauptgründe an für die schleppende Entwicklung des Kabelmarkts. "Die Netzebene vier ist eine Sackgasse", sagt ein Insider. "Die Private-Equity-Investoren haben sich verschätzt. Sie haben nicht realisiert, dass die großen Betreiber nicht den Kontakt zum Endkunden haben." Nun hoffen die Kabelbetreiber, dass 2008 die Verkrustung aufgebrochen wird.

Hoffnung beruht auf Wettbewerbshüter

Erstes Ziel einer Attacke wäre dann sicher der Betreiber Orion - ein Verbund regionaler Anbieter, der einem Konsortium von Finanzinvestoren gehört. Orion betreibt den Großteil seines Geschäfts auf der Netzebene vier. Derzeit will Marktführer KDG dem Verbund 1,2 Millionen Kunden mit direktem Hausanschluss für rund 600 Mio. Euro abkaufen. KDG-Chef Adrian von Hammerstein sieht bereits Potenzial für weitere Deals mit Orion, und auch die anderen dürften dann zuschlagen wollen.

Nicht nur er, die ganze Branche hofft, dass die Wettbewerbshüter das Geschäft durchwinken. Nur wenn sie ihre Blockadestrategie aufgeben, haben sie die Chance zum Neubeginn. Viel Zeit bleibt den Kabelbetreibern nicht mehr. Nach den verschlafenen Jahren müssen sie der Offensive der Telekomkonzerne etwas entgegensetzen. Noch denken die Kunden bei schnellem Internetzugang automatisch an DSL und nicht an Kabel. Das kann ihnen auch Regina Halmich nicht aus den Köpfen boxen.

Mitarbeit: Angela Maier FTD

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