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Analyse der IEA Wie die EU ihre Abhängigkeit vom russischen Gas verringern könnte

Die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1
Durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 fließt seit 2011 russisches Erdgas nach Deutschland.
© Stefan Sauer / DPA
Kann die EU auf Gas aus Russland verzichten? Diese Frage stellen sich die Mitgliedsstaaten aufgrund des Ukraine-Kriegs zunehmend. Ein Zehn-Punkte-Plan der Internationalen Energieagentur (IEA) soll zeigen, wie die EU unabhängiger von russischem Erdgas werden könnte.

Die Abhängigkeit der EU vom russischen Gas ist groß. Vergangenes Jahr importierten die EU-Länder im Durchschnitt über 380 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag. Auf das Jahr gerechnet waren das etwa 140 Milliarden Kubikmeter. Zudem lieferte Russland rund 15 Milliarden Kubikmeter verflüssigtes Erdgas. Damit stammten 45 Prozent der Gaseinfuhren in die EU aus Russland.

Mit Hinblick auf die zunehmenden Spannungen zwischen der EU und Russland aufgrund des Ukraine-Kriegs und der schweren Sanktionen gegen Moskau überlegen die EU-Mitgliedsstaaten – wie auch Deutschland –, ob und inwiefern sie ohne russisches Gas auskommen könnten.

Laut eines Zehn-Punkte-Plans der Internationalen Energieagentur (IEA) könnten die Gasimporte aus Russland um weit mehr als die Hälfte reduziert werden. Zugleich könnten auch die CO2-Emissionen gesenkt werden. Dazu schlägt die Analyse Sofortmaßnahmen vor.

EU sollte weniger russisches Gas importieren

Demnach sollten keine neuen Gasverträge mehr mit Russland abgeschlossen werden. Der Gasliefervertrag mit dem staatlichen Energiekonzern Gazprom läuft zum Jahresende aus. Darin geht es um über 15 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr, was im Jahr 2021 etwa zwölf Prozent der Gaslieferungen der EU entsprach. Auch weitere Gasverträge mit Gazprom in Höhe von fast 40 Milliarden Kubikmeter jährlich laufen bis zum Ende des Jahrzehnts aus. Der EU biete sich damit eine klare Gelegenheit, ihre Gaslieferungen und -verträge auf andere Quellen umzustellen, heißt es. Im Rahmen des Klimaziels der Netto-Null-Emissionen will die EU bis 2030 ohnehin vollständig auf russische Gasimporte verzichten.

Die Analyse stellt aber auch klar: "Die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern, wird nicht einfach sein und erfordert konzertierte und nachhaltige politische Anstrengungen in mehreren Sektoren sowie einen intensiven internationalen Dialog über Energiemärkte und -sicherheit." Eine verstärkte internationale Zusammenarbeit mit alternativen Pipeline- und Erdgas-Exporteuren –und mit anderen großen Gasimporteuren und -verbrauchern – werde von entscheidender Bedeutung sein.

So könnte die Gasproduktion innerhalb der EU sowie die Importe von nicht-russischen-Quellen im nächsten Jahr um bis zu zehn Milliarden Kubikmeter zunehmen. Grundsätzlich ließen sich rund 30 Milliarden Kubikmeter zusätzliche Gaslieferungen aus nicht-russischen Quellen erreichen. Demnach verfüge die EU über reichlich Zugang zu freien Regasifierungs-Kapazitäten, welches die Rückumwandlung in den gasförmigen Zustand meint. Zudem sei der Erdgas-Handel flexibel.

Außerdem sollten Mindestspeicherverpflichtungen von Gas eingeführt werden, "um die Widerstandsfähigkeit des Marktes zu erhöhen". Hierzu biete die Gasspeicherung eine Versicherung gegen unerwartete Ereignisse wie Nachfragespitzen oder Versorgungsengpässe. Eine Füllung von mindestens 90 Prozent bis Oktober sei notwendig, um einen angemessenen Puffer für den europäischen Gasmarkt während der Heizperiode zu schaffen. Die derzeitigen engen saisonalen Preisspannen auf den europäischen Gasmärkten bieten keinen ausreichenden Anreiz für Speichereinspeisungen vor der Heizperiode 2022/2023.

Stärkerer Fokus auf erneuerbare Stromerzeugung

Die kurzfristige Ausweitung der Biogas- und Biomethan-Versorgung sei aufgrund der Vorlaufzeiten für neue Projekte begrenzt. Mittelfristig biete die klimaschonende Energie allerdings Vorteile für die EU. Gleiches gilt demnach für die Produktion von kohlenstoffarmem Wasserstoff durch Elektrolyse. Dafür sind neue Elektrolyseur-Projekte und die Inbetriebnahme neuer kohlenstoffarmer Kraftwerke notwendig. "Eine höhere Produktion von kohlenstoffarmen Gasen ist unerlässlich, um die Emissionsreduktionsziele der EU für 2030 und 2050 zu erreichen", so die Analyse.

Wind- und Solarprojekte sollten schneller ausgebaut werden. Dafür ruft die IEA die Politik zu einem kurzfristigen Zuschussprogramm auf, welches 20 Prozent der Installationskosten von Solaranlagen auf Häuserdächern abdecken soll. So könnte das Investitionstempo verdoppelt und die Stromkosten von Verbrauchern gesenkt werden. In der Folge könnten im nächsten Jahr 35 Terawattstunden zusätzlicher Strom erzeugt und so der Gasverbrauch um sechs Milliarden Kubikmeter reduziert werden.

Zudem sollte die Stromerzeugung aus Bioenergie und Kernenergie maximiert werden. Eine erneute Inbetriebnahme der vom Netz genommenen Reaktoren im kommenden Jahr könne zusammen mit der Aufnahme des kommerziellen Betriebs des fertiggestellten Reaktors in Finnland eine Stromerzeugung aus Kernenergie um bis zu 20 Terawattstunden im Jahr 2022 erzielen. Dabei sollten auch die geplanten Abschaltungen von Kernreaktoren verzögert werden. Das könnte die Gasnachfrage in der EU um fast eine Milliarde Kubikmeter pro Monat senken. Die Vielzahl der Bioenergiekraftwerke in der EU könnten im kommenden Jahr bis zu 50 Terawattstunden mehr Strom erzeugen, sofern geeignete Anreize und eine nachhaltige Versorgung mit Bioenergie geschaffen werden. So ließen sich zusätzliche 70 Terawattstunden Stromerzeugung erreichen bei zugleich einem reduzierten Gasverbrauch von 13 Milliarden Kubikmeter.

Energieverbrauch reduzieren

Darüber hinaus fordert die Analyse kurzfristige Maßnahmen, um Stromverbraucher vor hohen Preisen zu schützen. So könnten etwa vorübergehende steuerliche Maßnahmen zur Erhöhung der Steuersätze auf die unerwarteten Gewinne der Elektrizitätsunternehmen sowie eine Senkung von Energierechnungen in Betracht gezogen werden.

Um den Bedarf von Gas weiter zu reduzieren, sollten Gaskessel rasch durch Wärmepumpen ausgetauscht werden. Zweitere funktionieren mit Strom und "bieten eine sehr effiziente und kostengünstige Möglichkeit, Häuser zu heizen". Dazu rät die Analyse zu einer Verdoppelung der derzeitigen Installationsraten von Wärmepumpen in der EU, um innerhalb des ersten Jahres zusätzliche zwei Milliarden Kubikmeter Gas einzusparen. Dabei könne eine gezielte Investitionsförderung den Ausbau der Wärmepumpeninstallationen vorantreiben. Zwar könnte eine Umstellung von Gas auf Strom für die Beheizung von Gebäuden eine steigende Gasnachfrage für die Stromerzeugung zur Folge haben, allerdings wäre dieser Anstieg wesentlich geringer als die insgesamt eingesparte Gasmenge.

Auch eine Verbesserung der Energieeffizienz in Gebäuden und in der Industrie könnte Gas einsparen. Es klingt simpel, doch könnte durch eine verbesserte Gebäudeisolierung jährlich über eine Milliarde Kubikmeter Gas eingespart werden, so die Analyse. Dazu rät sie die EU zu einer raschen Ausweitung der Gebäudesanierungen. Viele Haushalte installierten bereits intelligente Heizungssteuerungen. Das sei ein einfacher Prozess, der schnell ausgeweitet werden könne. "Eine Verdreifachung der derzeitigen Installationsrate von etwa einer Million Haushalten pro Jahr würde den Gasbedarf für die Beheizung von Haushalten um zusätzliche 200 Millionen Kubikmeter pro Jahr senken, was Gesamtkosten von einer Milliarde Euro verursachen würde", formuliert die IEA. Anreize dafür könnten durch bestehende Programme wie Subventionen für Haushalte oder Verpflichtungsprogramme der Versorgungsunternehmen geschaffen werden. Die empfohlenen Maßnahmen seien ohnehin Teil der festgelegten Energieeffizienz-Richtlinie der EU.

Außerdem empfiehlt die Analyse eine vorübergehende Anpassung der Thermostate in den Gebäuden. Das würde zu "sofortigen" Energieeinsparungen führen. Senke man die Heizungstemperatur in Gebäuden um einen Grad, so würde der Gasbedarf um etwa zehn Milliarden Kubikmeter pro Jahr sinken.

Flexibilität in den EU-Stromsystemen

Abschließend fordert die Analyse, dass sich die Politik verstärkt um die Entwicklung und den Einsatz praktikabler, nachhaltiger und kosteneffizienter Methoden zur Sicherstellung von Flexibilität in den EU-Stromsystemen bemüht. "Dazu gehören verbesserte Netze, Energieeffizienz, verstärkte Elektrifizierung und nachfrageseitige Reaktion, einsatzbereite emissionsarme Stromerzeugung sowie verschiedene großtechnische und langfristige Energiespeichertechnologien neben kurzfristigen Flexibilitätsquellen wie Batterien." Ein großer kurzfristiger Innovationsschub könne mit der Zeit die enge Verbindung zwischen der Erdgasversorgung und der Stromversorgungssicherheit in Europa lockern. Und Strompreissignale in Echtzeit könnten zu einer flexibleren Nachfrage führen. Das wiederum verringere den Bedarf an teuren und gasintensiven Spitzenleistungen.

Quelle: IEA

nk

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