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Russland: Yukos-Konzern hofft noch auf Umschuldung

Der vor der Pleite stehende russische Ölkonzern Yukos hofft Stunden vor Ablauf seiner Frist für Steuernachzahlungen in Milliardenhöhe auf eine Rettung.

Der inhaftierte Mehrheitseigner Michail Chodorkowski sei zum Verkauf seiner Yukos-Anteile bereit, um die Insolvenz des größten russischen Ölkonzerns abzuwenden. Das schreibt die "Financial Times" am Mittwoch unter Berufung auf informierte Kreise. An der Moskauer Börse stiegen Yukos-Papiere im RTS-Interfax-Index bis zum Mittag um 16,5 Prozent auf 7,98 Dollar.

Fristende Mittwoch um Mitternacht

Nach einem rechtskräftigen Urteil muss Yukos bis Mittwoch um Mitternacht Steuern in Höhe von 2,8 Milliarden Euro rückwirkend für das Jahr 2000 zahlen. Da der Konzern nicht genügend Barmittel hat und das Eigentum eingefroren ist, droht Yukos ein Insolvenzverfahren. Chodorkowski soll der Regierung angeboten haben, den 44-prozentigen Anteil, den er zusammen mit Partnern halte, ganz oder teilweise zu verkaufen, schreibt die "Financial Times". Ein Konzernsprecher hatte am Dienstagabend gesagt, man verhandele mit den Behörden über einen Zahlungsaufschub. Yukos wolle zahlen, könne aber nicht, hieß es in Moskau. "Um dies tun zu können, brauchen wir einen Antrag von Yukos", sagte der stellvertretende Finanzminister Sergej Schatalow in Moskau.

Am Donnerstag reist Bundeskanzler Gerhard Schröder mit einer ranghohen deutschen Wirtschaftsdelegation zu Gesprächen mit Präsident Wladimir Putin nach Moskau. Der Bundeskanzler und 15 Spitzenmanager von Siemens, Lufthansa, Commerzbank und anderer Firmen wollen über Fortschritte im Russland-Geschäft sprechen. Doch der Fall Yukos überschattet ihr Treffen mit dem Kreml-Chef und zeigt die Risiken des russischen Marktes deutlich auf. Politik und Justiz können jederzeit in die Wirtschaft eingreifen. Schröder wird bei seinem Duzfreund Wladimir auf Rechtssicherheit für Investoren drängen müssen.

Plötzlich ist das Vertrauen erschüttert

Für die deutsche Wirtschaft kommt die Yukos-Affäre ungelegen. Nie liefen die Geschäfte mit Russland besser. 2003 erreichten sie ein Volumen von 25,5 Milliarden Euro nach 24,3 Milliarden Euro 2002. "Wir wähnten die Finanzkrise von 1998 schon abgehakt und dachten, dass es keine Überraschungen mehr geben wird", sagt ein deutscher Unternehmer in Moskau. "Und plötzlich bricht etwas los, und das Vertrauen wird kaputt gemacht." Finanzfachleute nennen dabei nicht nur Yukos, sondern auch den Lizenzentzug für die russischen Banken Sodbisnesbank und Kredittrustbank durch die Zentralbank.

Als vor genau einem Jahr die Attacke der russischen Justiz auf Yukos begann, tröstete sich der Verband der deutschen Wirtschaft in Moskau noch damit, dass es sich um einen Einzelfall handele. "Es gab bei Yukos eine Reihe von Verstößen, die jetzt abgearbeitet werden", sagen deutsche Firmenvertreter bis heute. Der frühere Yukos-Chef Michail Chodorkowski habe sich mit seinen politischen Ambitionen den Ärger selber eingebrockt.

Deutsche Banken gaben Yukos Millionen-Kredite

Doch mittlerweile trifft die Demontage von Yukos auch Deutschland. Die Deutsche Bank und die Commerzbank sind an einem notleidenden Kredit von 810 Millionen Euro an Yukos beteiligt. Auch deutsche Fondsgesellschaften haben in Russland-Aktien investiert und verlieren in der Yukos-Affäre Geld. Sie beklagen eine Beschneidung ihrer Eigentumsrechte. "Konkret werden derzeit die Hoffnungen auf Rechtssicherheit beim Eigentum untergraben", kritisiert auch Christof Rühl, Chefökonom der Weltbank in Moskau. Außerdem werde das russische Fluchtkapital, das gerade erst wieder ins Land zurückkehrte und Investitionen finanzierte, erneut abgeschreckt.

Auch die US-Wirtschaft beobachtet das Vorgehen um Yukos zunehmend gereizt. Einige Anleger prüfen Klagen gegen Yukos und deren Buchprüfer PriceWaterhouseCooper wegen unrichtiger Angaben zum Wert der Firma, andere wollen die russische Regierung belangen. Der Ölriese ChevronTexaco wollte mit einem Milliardenbudget in Russland auf Einkaufstour gehen, hat die Pläne aber auf Eis gelegt.

US-Aktionäre Reichten Sammelklage ein

Weiterer Schwierigkeiten für Yukos bahnten sich am Dienstag in den USA an, wo eine Anwaltskanzlei bei einem US-Bundesgericht in Manhattan im Namen von US-Yukos-Aktionären eine Sammelklage gegen den Ölkonzern einreichte. Die Anwaltskanzlei aus San Diego begründete die Klage, Yukos habe mit der Hinterziehung von Steuern gegen US-Wertpapiergesetze verstoßen. Yukos, seine Manager und Berater hätten ein Netz von Firmen in Steueroasen gegründet, um die Steuern auf die Förderung, die Raffination und den Verkauf von Rohöl und Ölprodukten zu umgehen, hieß es in der Klage.

Und ein Ende der Probleme ist nicht abzusehen: Der russische Ölkonzern muss nach den Worten von Generalstaatsanwalt Wladimir Ustinow mit weiteren Steuernachforderungen rechnen. Zusätzlich zu den rund sieben Milliarden Dollar für die Jahre 2000 und 2001 könnten Forderungen für die folgenden beiden Jahre erhoben werden, sagte Ustinow am Dienstag dem Sender Echo Moskaus: "Das ist ein Schneeball-Effekt. Der Fall hat einen Anfang; es ist aber sehr schwer, das Ende abzusehen." Die Kurse der Yukos-Aktien verringerten nach den Äußerungen des Generalstaatsanwalts zwar ihre kräftigen Kursgewinne, lagen aber weiter knapp sechs Prozent im Plus.

DPA