Am Gipfel hat es "srrr" gemacht

14. August 2010, 01:16 Uhr

Fahrräder mit Elektroantrieb sollen das Radfahren leichter machen. Was liegt näher, als sie dort auszuprobieren, wo das Fahren schwer ist: im Gebirge. Oder wo es ganz besonders schwer wird: In den Mountainbike-Revieren am Gardasee. Von Gernot Kramper

Ein großes Oma-Rad mit schmalen 28er Reifen und ganz tiefen Einstieg, wäre nicht das richtige Gefährt. Aber inzwischen gibt es auch E-Bikes mit 26er-Felgen. Mit von der Partie waren ein Sahel Pro von Kalkhoff aus Norddeutschland und ein E-Race von KTM, einem bekannten Rad und Motorradhersteller aus Österreich. Beide Räder sind mit den kleineren 26er-Rädern ausgerüstet, damit enden aber schon die Gemeinsamkeiten. Das Kalkhoff-Bike ist eine Gattung für sich: Reifengröße wie ein Mountainbike und ein Rahmen als Mischung von kompakten Citybike mit einer Prise Cruiser-Feeling. Dazu ist das Rad mit dem kompletten Zutaten für den Straßenverkehr ausgestattet: Lichtanlage, Reflektoren, Schutzbleche und Sattel. Und an den Komfort wurde auch gedacht: Ein satt gepolsterter Gelsattel wird auf der Sattelstange zusätzlich gefedert. Spezielle Auflagen schonen die Handgelenke. Der Antrieb sitzt mittig am Rad, beim Tretlager. Das Sahel Pro sieht sehr respektabel aus, eben gar nicht wie ein Opa-Rad. Schön wäre es, wenn Motor und Akku mit dem gleichen Anthrazit-Metallic lackiert wären, wie der Rest des Bike.

Das KTM ist dagegen eine echte Bergziege. Der Rahmen stammt von einem MTB-Hardtail, die Vordergabel hat eine Federgabel. Sitzposition und Haltung entsprechen einem normalen Mountainbike. Wegen des schweren Elektroantriebs und der Erwägung, dass Elektroradler nicht immer federleichte Athleten sind, fällt der Rahmen angemessen massiv aus. Beim E-Race sitzt der Antrieb von BionX in der Hinterradnabe. Der Akku wurde schick in den KTM-Farben lackiert und fügt sich gut ins Bild. Übersehen kann man ihn aber nicht. Auf Schutzbleche und Licht hat man mtb-gemäß verzichtet. Ein Gepäckträger könnte allerdings nachgerüstet werden.

Stunde der Wahrheit am Berg

Wie haben sich die Kandidaten geschlagen? Besser, als es dem Radfahrer mit Muskelkraft recht sein kann. Gleich am Start geht es eine kleine Gasse hinauf. Steigungen von über 15 Prozent drücken den Radfahrer auf ein Tempo um 7 km/h, zumindest wenn er keine keuchende Leistungsshow veranstaltet will. Die Elektroschnurrer legen bei mäßiger Trittleistung 11 km/h vor, wer sich quält, schafft 15 km/h. Das ist sensationell, kann aber auch traurig machen. Wer seinem Partner ein E-Bike für gemeinsame Ausflüge besorgt, darf im Gebirge davon ausgehen, dass er in Zukunft hinterherfährt.

KTM eRace, Kalkhoff Sahel Pro im

Das Sahel Pro von Kalkhoff ist für den Alltag gedacht, kommt aber auch mit Waldpfaden gut zurecht©

Welches Gelände geht

Auf befestigten Straßen, festem Schotter oder Waldwegen halten sich beide Bikes wacker. Das Sahel Pro wurde nicht als Geländebike konzipiert, für unbefestigte Wanderwege reicht es aber aus. Der Elektroantrieb bezwingt also souverän die Steigungen, bleibt die Frage, wann ihm die Puste ausgeht. Als Reichweite im Flachland geben die Hersteller 50 bis 60 Kilometer an. Solange selbst mitgetreten wird, sind diese Werte sogar zu erreichen. Im Gebirge zählt dagegen die Höhe. Hier konnte man etwa tausend Höhenmeter erreichen. Extreme Steigung und schlechter Untergrund können den Wert negativ beeinflussen. Auch sehr trittfaule Fahrer, die mit maximaler Motor-Unterstützung und minimaler Anstrengung noch oben kommen wollen, müssen mit Einbußen rechnen. Tausend Höhenmeter reichen nicht für mörderische Konditionstouren am Alpenhauptkamm, sind aber sehr beachtlich. Ohne Motor kann man sie nur mit guter Grundkondition herunterspulen, wer sonst keinen Sport treibt, hat keine Chance.

Ideal eignen sich beide Räder für gute Tagestouren. Solange keine extremen Anforderungen an Kondition, Ausdauer und Technik gestellt werden, kann auch der untrainierte Laie auf einem Elektrobike am Bergausflug teilnehmen. Das Gelände am Gardasee ist extrem, aber auch hier lassen sich die richtigen Touren finden.

Wie viel Berg geht noch

Das KTM kann sich nicht nur auf dem Waldweg sondern auch auf schwereren Untergrund beweisen. Der gefahrene Aufstieg auf einem Pfad voll von groben, losen Schotter ist nicht lang, aber hat es besonders in der Hitze des Sommers in sich. Mühelos geht es jedoch auch mit Strom nicht. Die Spitzenleistung beim Anfahren verpufft nach einigen Metern, danach liefert der Motor 250 Watt Unterstützung. Ohne massive Beinarbeit geht es selbst bei maximaler Motorunterstützung nicht hinauf. Oben angekommen ist man schweißgebadet und außer Atem. Der Elektro-Effekt ist dennoch da. Denn es ging deutlich schneller als nur mit Muskelkraft, ohne jede Pause zum Verschnaufen und auch ohne die sonst fällige Quälerei. Trotzdem wäre für den untrainierten MTB-Laien hier Schluss gewesen. Ihn hätte auch das eRace nicht hochgebracht. Beim Abstieg hält sich das KTM wacker, die Bremsen sind ausreichend dimensioniert. Das Gewicht und die massive Bauweise verbieten aber alle Kunststückchen. Sprünge sollte man sich verkneifen. Die Bauweise erlaubt auch Abfahrten, bei denen das Sahel Pro passen müsste. Aber auch hier: Wer eine holprige Schotterabfahrt nicht gewohnt ist, wird mit einem schweren Elektrorad vermutlich nicht glücklich. Letzen Endes ergänzt der Strommotor die persönliche Kondition, er kann aber aus einem Spazierradler keinen Bergpiloten machen.

Die Unterschiede der Kandidaten

Der optische Unterschied liegt auf der Hand. Das Sahel Pro kommt entspannt und mit vollständiger Alltagsausstattung daher, das KTM heißt nicht umsonst Race, es sieht einfach sportlicher aus. Trotz der Federung des KTM fährt sich das Sahel Pro durch den gefederten Sattel bequemer. Die korrekte Position auf einem Mountainbike erfordert immer eine gewisse Anspannung, wer einfach mal auf dem Sattel entspannen will, sollte das E-Race umrüsten. Der Mittelmotor des Sahel Pro wirkt etwas unhandlicher, tatsächlich setzt er seine Kraft nicht schlechter um als der Nabenmotor. Beide Motoren treiben das Hinterrad an, so erhält man vor im Gebirge guten Vortrieb, anders als bei Bastellösungen mit Vorderradantrieb. Seine besonderen Vorzüge spielt das KTM im schwierigeren Gelände, auf Trails und grobem Schotter aus. Wegen der gemütlicheren Geometrie muss das Sahel Pro hier passen, wo man das E-Race noch hinauf und hinunter prügeln kann. Das geht aber nur mit eigener Anstrengung und technischen Grundfertigkeiten, der absolute Laie hat davon nichts. Mehr hat man von der Energierückgewinnung des BionX-Antriebs. Geht es bergab, lädt der Motor als Dynamo die Batterie wieder auf. Mehr als 15 Prozent mehr Reichweite sind zwar nicht drin, dafür bremst der Dynamo das Rad bergab auf angenehme Weise ab. Wer sein Rad aber nicht nur im Gebirge sondern hauptsächlich in der Stadt zum Cruisen nutzen will, ist mit dem sahel Pro gut bedient. Gelegentlichen Exkursionen in bergigen Regionen ist es nämlich auch gewachsen.

KTM eRace, Kalkhoff Sahel Pro im

Das eRace packt auch wüste Wege, aber nicht mit jedem Fahrer©

Was geht nicht

Ein Elektrorad ist mit über 20 Kilogramm Gewicht relativ schwer. Schon das Heben auf den Fahrradträger am Auto ist nicht ohne. Auf das Gewicht sollte beim Planen einer Tour Rücksicht genommen werden. Schiebe- oder gar Tragestrecken im Anstieg müssen unbedingt vermieden werden. Man sollte bei den existieren Routenvorschlägen daran denken, dass die Schwierigkeit von Auf- und Abfahrt korrespondiert. Ein normaler Mountainbiker belohnt sich nach einem endlosen Aufstieg gern mit einem "anspruchsvollen" Downhill. Hier muss der E-Biker vorsichtig sein, für ihn sollte der Weg "technisch anspruchslos" sein, wenn er nicht schieben oder tragen will.

Beide Räder lassen sich ebenerdig und bergab auch ohne Stromunterstützung bewegen, bergauf wird es allerdings sehr mühsam. Touren sollten daher nicht bis zur äußersten Reichweite geplant werden. Für einen Fahrradurlaub mit langen Tagesetappen hilft ein – allerdings kostspieliger – Reserveakku, zum Transport benötigt man dann einen Gepäckträger.

KTM eRace, Kalkhoff Sahel Pro im

Das Sahel Pro ist komfortabel ausgelegt©

Preise und Alternativen

Kalkhoff möchte 2700 Euro für das Sahel Pro haben, KTM für das eRace 2400 Euro. Für eine einmalige Ausfahrt im Urlaub sind das stattliche Preise, regelmäßiger Gebrauch sollte also sichergestellt sein. Den Aufpreis für den Stromantrieb auf die beiden Markenräder kann man mit aller Vorsicht auf etwa 1200 Euro taxieren. Im Internet finden sich zahlreiche Berichte von Eigenbauten. Dem Schrauber macht das Basteln Freude, billiger wird es aber nicht. Für einen Nachrüstsatz von BionX werden 1500 Euro verlangt. Andere Bausätze – dann allerdings meist mit Bleiakkus – werden für 800 bis 900 Euro angeboten. Wirklich billiger wird es nur, wenn ein überflüssiges vorhandenes Rad mit einem in China importierten Billigantrieb umgebaut wird. Aber auch dann fallen minimal 600 Euro an, dazu kommt eine Menge Arbeit. Gerade das Endfinish mit akkuratem Verlegen der Kabel und wasserdichten Verbindungen sollte man nicht unterschätzen. Ein Umbau zu einem Vorderradantrieb ist einfacher, aber nicht zu empfehlen. Zu befürchten ist, dass der Laie am Ende ein wenig harmonisches Bastelrad besitzt und dafür wären Kosten und Aufwand zu hoch. Sahel Pro und eRace sind dagegen perfekt verarbeitete, solide Räder bei denen der Stromantrieb gut ins Erscheinungsbild integriert wurde.

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