Auf seiner Entwicklerkonferenz "Google I/O" hat der Internetriese einen Musikdienst angekündigt, mit dem jeder seine Songsammlung in die Cloud verlegen und von überall darauf zugreifen kann. Visionär sind dagegen die Pläne, Android auch im Haushalt einzusetzen. Von Karsten Lemm, San Francisco

Googles "Music"-Dienst funktioniert zurzeit nur mit eigener Musik© Reuters
Das kleine grüne Männchen ist allgegenwärtig. Im Erdgeschoss kurvt es als Spielzeug-Roboter umher, an den Rolltreppen begrüßt es alle Besucher, die vorbeisurren, und im dritten Stock des Konferenzzentrums von San Francisco gehört jeder Quadratmeter vor dem großen Vortragssal diesem grünen Gnom: der Symbolfigur für Googles Betriebssystem Android. So weiß jeder, der zur "Google I/O"-Entwicklerkonferenz angereist ist, sofort, wer hier der Star ist - und wo der Suchmaschinenriese, der längst ein Medienriese geworden ist, seine Zukunft sieht: nicht im Browser auf dem PC, nicht am Laptop, sondern auf Mobiltelefonen und Tablet-Rechnern, im Internet-TV in der guten Stube, ja selbst in der Küche, dem Schlafzimmer und in der Garage.
Manches davon ist noch Zukunftsmusik, doch Google ließ zum Auftakt der Konferenz keinen Zweifel an seinen Absichten. "Wir haben mit Telefonen angefangen", weil es dort die besten Aussichten auf schnellen Erfolg gegeben habe, erklärte Android-Chef Andy Rubin; als nächstes kamen Tablet-Rechner und Google TV an die Reihe, "und nun wird der Kreis immer größer." Denn eigentlich, findet Rubin, wäre es gut, wenn Android eines Tages in sämtlichen Geräten stecken würde, die uns umgeben: "Alles sollte 'droidifiziert' sein - wenn das das richtige Wort ist."
Die Initiative, die Google dazu am Dienstag vorstellte, nennt sich "Android@Home", also Android im ganzen Haus: Schon Ende des Jahres sollen erste Beleuchtungssysteme auf den Markt kommen, die sich mit Googles Software steuern lassen. Dann reicht es etwa, mit dem Smartphone auf die Stehlampe zu zeigen, um das Licht einzuschalten. Ähnlich könnte Android dazu dienen, den Geschirrspüler einzuschalten oder die Klimaanlage zu kontrollieren - vollautomatisch oder manuell per Fingerzeig auf dem Smartphone, ganz nach Wunsch. "Wir sehen Android als eine Art Betriebssystem für das gesamte Haus", erklärt Joe Britt, Googles Entwicklungschef für das Projekt.
In der Welt, die sich die Ingenieure im Silicon Valley ausmalen, übernimmt Android auch das Unterhaltungsprogramm: Wer aus dem Auto steigt und in die Küche geht, von dort ins Wohnzimmer oder später ins Bett, soll überall problemlos seine Lieblingsmusik hören können - ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wo die Musik tatsächlich herkommt und auf welchem Gerät welche Lieder gespeichert sind. "Keine Kabel, kein lästiges Synchronisieren" verspricht Google mit seinem neuen "Music Beta"-Service, der zunächst exklusiv in den USA startet, nach einer Probephase aber auch nach Europa kommen soll. Google kopiert dabei die Musiksammlung der Nutzer auf eigene Rechner im Internet, um sie von dort je nach Bedarf wieder abzuspielen - egal auf welchem Gerät, egal wo. Für den Anfang beträgt das Maximum 20.000 Songs pro Sammlung.
Damit der Dienst auch funktioniert, wenn Android-Fans mal ohne Netzverbindung auskommen müssen, etwa bei langen Flügen, können Lieder vorübergehend auf dem Abspielgerät zwischengespeichert werden. Anders als Apple mit seinem iTunes-Laden bietet Google aber keine Lieder zum Kaufen und Herunterladen an, sondern erlaubt Nutzern lediglich, ihre eigene Musiksammlung vom heimischen Rechner in die Datenwolken des Internets zu verlegen. Hinter der Einschränkung steckt offenbar eine Streit mit den Plattenfirmen: "Wir haben durchaus Interesse, mit der Musikindustrie zusammenzuarbeiten, um die Musik ihrer Künstler zu verkaufen", erklärt Jamie Rosenberg, Googles Direktor für digitale Inhalte. Allerdings hätten mehrere große Plattenfirmen Bedingungen gestellt, die für Google nicht akzeptabel gewesen seien.
So setzen die Kalifornier nun auf das gleiche Argument wie der Onlinehändler Amazon, der vor kurzem einen ähnlichen Dienst vorgestellt hat: Da Nutzer für die Songs, die sie künftig überall hören können, ja längst bezahlt hätten, sei Music Beta "ein völlig legales Angebot", sagt Rosenberg und versichert: "Wir respektieren alle Urheberrechte." Sollten Beschwerden kommen, weil Nutzer Raubkopien auf die Google-Rechner laden, "werden wir darauf reagieren."