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Warum Google Milliarden für Rauchmelder ausgibt

Google will eine Firma kaufen, die Thermostate und Rauchmelder herstellt. Aber warum? Und was hat Nest Labs davon? Es geht um Daten, Roboter und Zoff zwischen Apple-Ingenieuren.

Von Timo Brücken

Teure Technik: Google investiert mehr als drei Milliarden Dollar in die Firma Nest Labs, die intelligente Feuermelder und Heizungsthermostate herstellt.

Teure Technik: Google investiert mehr als drei Milliarden Dollar in die Firma Nest Labs, die intelligente Feuermelder und Heizungsthermostate herstellt.

Es ist der zweitgrößte Posten auf Googles Einkaufliste: 3,2 Milliarden Dollar will der Suchmaschinenriese für die Firma Nest Labs ausgeben. Nur für die Mobilfunksparte von Motorola hat das Unternehmen bisher mehr gezahlt. Doch Nest ist kein Handyhersteller, mit dem sich der Smartphonemarkt aufrollen ließe. Die Firma aus Kalifornien stellt Rauchmelder und Heizungsthermostate her. Auf den ersten Blick fragt man sich: Was will Google damit?

Doch die Produkte von Nest Labs sind keine herkömmlichen Haushaltsgegenstände, sondern sogenannte Smart Appliances, schlaue Geräte. Sie sind mit dem Internet verbunden, können einen Großteil ihrer Aufgaben selbstständig ausführen und lassen sich per Smartphone fernsteuern. Der Rauchmelder "Nest Protect" schickt seinem Besitzer zum Beispiel den Feueralarm aufs Handy, wenn der unterwegs ist. Die Heizungssteuerung "Nest Thermostat" passt die Temperatur im Haus automatisch den Wetterverhältnissen draußen an und kann per Sensor feststellen, ob die Bewohner zuhause sind. Falls nicht, regelt es die Heizung automatisch herunter.

Nest-Gründer Tony Fadell, der früher für Apple arbeitete und als einer der Erfinder des iPod gilt, spricht gern vom "denkenden Zuhause", in dem vorher passive Geräte miteinander vernetzt werden, um ihren Besitzern den Alltag zu erleichtern. Ein Trend der auch "Internet der Dinge" genannt wird und der sich in den kommenden Jahren zu einem Milliardengeschäft entwickeln soll. Der Markt für Smart Appliances wächst rapide. Bis 2017 sollen mehr als 24 Millionen solcher Geräte verkauft werden, schätzt der Branchendienst ABI Research.

Nest Labs hilft, Googles Datenhunger zu stillen

Mit seinen drei Milliarden Dollar kauft sich Google also auf einen Schlag ein großes Stück dieses Zukunftsgeschäfts. Auch wenn Nest Labs bisher keine offiziellen Zahlen herausgegeben hat, wird geschätzt, dass die Firma pro Monat 40.000 bis 50.000 Geräte verkauft. In Europa sind sie bisher allerdings nicht erhältlich. Anders als mit den Robotern der Firma Boston Dynamics, die Google im Dezember kaufte und deren Produkte erst in 20 Jahren marktreif sein werden, lässt sich mit den Thermostaten und Rauchmeldern also schon heute eine Menge Geld verdienen.

Aber nicht nur das, Nest Labs hilft auch dabei, Googles Datenhunger zu stillen. Neben allem praktischen Nutzen machen die Geräte der Firma nicht zuletzt eines: Informationen über ihre Besitzer sammeln. Wenn der Heizungsregler in Zukunft also mit Android-Software läuft und erfasst, wann wie viele Personen zu Hause sind und wie warm sie's gerne haben, dann spült das nur noch mehr Daten auf Googles Server als ohnehin schon.

Geht es in Wahrheit um Roboter?

Der Konzern versucht, das Leben seiner Nutzer schon auf vielfältige Weise zu durchdringen. Mit Smartphones etwa, Chromecast-Fernsehern oder Android-Autos. Mit dem Schritt ins "denkende Zuhause" übertrete Google bloß "die nächste Grenze", schreibt die US-Techwebsite "Mashable". Und mit Blick auf Googles Sprachsteuerung glaubt das Blog Motherboard: "Dein neues Zuhause könnte ein Roboter sein, der mit dir spricht."

Den Twitterer Farshad Nayeri erinnerte das wohl an HAL 9000, den amoklaufenden Supercomputer mit dem roten Auge aus "Odyssee im Weltraum". Der Technologiejournalist Alexis Madrigal glaubt hingegen, dass es Google beim Kauf von Nest Labs wie schon bei Boston Dynamics vor allem um Roboter geht. Nest baue zwar keine menschenähnlichen Maschinen mit Armen und Beinen, sehr wohl aber "künstliche Intelligenzen, die Aufgaben in der physischen Welt erledigen können". In seinen Augen auch eine Art von Robotern.

Warum nicht Apple?

Google hat also mehrere gute Gründe, sich den Thermostat- und Rauchmelderhersteller zu leisten. Aber warum geht Nest Labs auf den Deal ein? Die Firma wurde von zwei Ex-Apple-Ingenieuren gegründet, die viele ihrer ehemaligen Kollegen anheuerten. Das elegante Design ihrer Produkte erinnert stark an Apple-Geräte. Warum also nicht zum alten Arbeitgeber zurückgehen, sondern sich vom schärfsten Konkurrenten kaufen lassen?

Das könnte persönliche Gründe haben. Wie "Business Insider" schreibt, kam Nest-Chef Tony Fadell in seiner Zeit bei Apple weder mit dem damaligen iPhone-Softwarechef Scott Forstall noch mit Chefdesigner Jony Ive besonders gut aus. Er beschwerte sich mehrfach bei Firmengründer Steve Jobs, doch der stellte sich auf Ives Seite. Es könnte also gut sein, dass Nest Labs exklusiv mit Google verhandelt und Apple nie als Käufer in Betracht gezogen hat.

Google als Türöffner für den Mainstream

Außerdem ist da noch der Datenschutz. Für eine Firma, die sagt "Wir haben Privatsphäre immer ernstgenommen", ist ein Deal mit der Datenkrake Google mindestens fragwürdig. Kundeninformationen werden nur dazu genutzt, die eigenen Produkte und Dienstleistungen zu verbessern, hieß es sogleich in der Pressemitteilung zum Milliardendeal. Als ein Reporter von "The Verge" Fadell fragte, ob sich das jemals ändern werde, sagte dieser jedoch: "Ich werde nicht niemals sagen."

Datenschutz hin oder her, vielleicht war die Versuchung einer riesigen Finanzspritze einfach zu groß. Obwohl von Google gekauft, soll Nest Labs auch weiterhin eine eigenständige Marke bleiben. Zuletzt soll die Firma Schwierigkeiten gehabt haben, ihre Geräte auch an weniger technikafine Menschen zu verkaufen. Google könnte deswegen auch als Türöffner für den Mainstream dienen - drei Milliarden frisches Geld inklusive.

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