Sie sieht düster aus, die Zukunft der Internetfernsehangebote deutscher Telekom-Konzerne. Zwei neue Untersuchungen fördern jetzt ernüchternde Details zu Tage: Die Zahlungsbereitschaft der Kunden für IP-TV bleibt gering. Von Thomas Wendel und Lutz Knappmann

Die Deutschen sind noch zögerlich gegenüber IP-TV© Nigel Treblin/DDP
2014 werden mit 3,1 Millionen Kunden lediglich 7,8 Prozent der deutschen Haushalte ihr Fernsehprogramm aus dem Web beziehen. Allenfalls große DSL-Anbieter wie die Deutsche Telekom haben langfristig eine Chance, ihre IP-TV-Investitionen einzuspielen - jedoch nur, wenn indirekte Wirkungen der Fernsehangebote wie eine geringere Kündigungsquote bei DSL-Anschlüssen mitgerechnet werden. So lauten die zentralen Ergebnisse zweier Studien zum Internetfernsehmarkt in Deutschland, die in Kürze veröffentlicht werden.
"Kurzfristig ist der Aufbau einer IP-TV-Plattform mit Sicherheit ein Zuschussgeschäft. Ob es sich langfristig rechnet, hängt von der Netzgröße, Produktattraktivität und vom Preis ab", sagte Michael Schmid, Co-Autor einer Studie der Berliner Beratungsfirma Goldmedia über den Internetfernsehmarkt bis zum Jahr 2014.
Die Hürden für einen Erfolg sind hoch: "Die hohen Fixkosten beim Aufbau eines IP-TV-Portals können sich langfristig nur für Anbieter auszahlen, die mindestens 2,5 Millionen Breitbandkunden beim IP-TV-Vermarktungsstart haben", so Mathias Birkel von Goldmedia. "Für kleinere Anbieter lohnen sich IP-TV-Angebote nur, wenn sie große Teile ihres Angebots bei externen Dienstleistern einkaufen."
Die Studie stellt damit vor allem die Zukunft der IP-TV-Angebote der größten Verfolger der Telekom auf dem deutschen DSL-Markt infrage: So betreiben die Telecom-Italia-Tochter Hansenet (2,3 Millionen Kunden) sowie Vodafone-Arcor (3,2 Millionen DSL-Anschlüsse) jeweils eigene IP-TV-Portale - mit bislang wenigen Nutzern.
Allein die Telekom scheint auf der sicheren Seite: Laut Goldmedia könne ein DSL-Anbieter mit mehr als zehn Millionen Breitbandkunden für sein IP-TV-Angebot im vierten Jahr die Gewinnschwelle erreichen. Voraussetzung: Mindestens eine Million DSL-Kunden müssen aufpreispflichtige TV-Angebote abonnieren, und auch indirekte Erlöse müssen einkalkuliert werden.
Bleiben diese zusätzlichen Umsätze - etwa wegen einer Verringerung der Kündigungsrate für DSL-Anschlüsse oder dank zusätzlicher Neukunden - in der Kalkulation außen vor, ist IP-TV sogar auf Dauer ein Zuschussgeschäft: Fernsehumsätzen von rund 350 Mio. Euro binnen sechs Jahren stehen in der Goldmedia-Modellrechnung dann Ausgaben von 663 Mio. Euro gegenüber.
"Das zentrale Problem sind die Kosten für den nötigen Netzausbau", so Co-Autor Schmid. Internetfernsehen sei ein "Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb um Breitbandkunden". Werde das Netz aber nur wegen IP-TV aufgerüstet, "lohnt sich das nicht für den Anbieter".
Auch eine Untersuchung der Unternehmensberatung Accenture zeigt die Schwierigkeiten der Internetfernsehanbieter auf, ein lohnendes Geschäftsmodell zu finden. Vor allem mit der Zahlungsbereitschaft der Kunden ist es in Deutschland nicht weit her, ergab eine Umfrage unter mehr als 1000 potenziellen Nutzern. 47 Prozent lehnen es demnach ab, für TV-Angebote abseits des klassischen Fernsehempfangs zu bezahlen. Unter den 18- bis 24-Jährigen sind es 71 Prozent.
"Bezahlmodelle werden es schwer haben", sagte Veit Siegenheim, Geschäftsführer bei Accenture. Gut ein Drittel habe in den letzten zwölf Monaten Bewegtbildangebote am Computer oder Handy genutzt. 40 Prozent betonen, an neuen Verbreitungswegen nicht interessiert zu sein. Deutschland habe ein gut funktionierendes Free-TV-Angebot, so Siegenheim. "Mit IP-TV müssen Sie echten Mehrwert bieten."
Solchen Mehrwert orten die Experten im Fußballangebot der Telekom, die ab August alle Bundesligaspiele in HD-Qualität zeigt. "Das kann die IP-TV-Plattform deutlich attraktiver machen", so Birkel.