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1. Oktober 2009, 10:28 Uhr

Wie unabhängig sind die Experten?

Kurz vor der geplanten Schweinegrippe-Impfaktion äußert die Antikorruptions-Organisation Transparency Deutschland Zweifel an der Unabhängigkeit vieler Experten im Gesundheitswesen. Der Vorwurf: Einigen Fachleuten gehe es nicht um Gesundheitsschutz, sondern um Profilierung.

Zur Person Dr. Angela Spelsberg ist Ärztin und Epidemiologin und arbeitet als Ärztliche Leiterin des Tumorzentrums in Aachen. Seit 2002 ist sie Mitglied bei der Antikorruptionsorganisation Transparency Deutschland International e.V., seit 2007 auch Vorstandsmitglied. Spelsberg leitet dort zurzeit kommissarisch die Arbeitsgruppe Gesundheit.

Frau Spelsberg, Mitte Oktober soll der H1N1-Impfstoff verfügbar sein. Bald könnten Millionen von Bürgern geimpft werden. Viele sind verunsichert. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Wir sehen das sehr kritisch. Ich war kürzlich auf dem Epidemiologen-Kongress in Münster. Dort wurde die Situation äußerst kontrovers diskutiert. Viele der Fachkollegen sind der Meinung, dass dies eine Infektion mit einem sehr milden Verlauf ist, deren gefährlicher Charakter nicht mehr als gegeben angesehen werden kann. Dennoch gibt es keine Entwarnung.

Das Robert-Koch-Institut erwartet eine neue Welle, hieß es.

Die bisherigen Erfahrungen sprechen dagegen. Auf dem Kongress war ein Wissenschaftler aus Brasilien, wo die Infektion auch mild verlaufen ist. ‚Wir fragen uns, was das sollte’, sagte er. Dort fiel die Pandemiewarnung mit der normalen, saisonalen Grippe zusammen. Man hatte Angst, dass die Kinder sich anstecken, also schloss man die Schulen für einen Monat. Passiert ist aber nichts. In Deutschland gibt es nicht einen bestätigten Todesfall. Bei uns gehen die Infektionsraten zurück. Wir haben weltweit genügend Erfahrung gesammelt, um die Situation besser einschätzen zu können. Trotzdem argumentiert das Robert-Koch-Institut (RKI), dass man nicht weiß, was in Zukunft passiert. Das weiß man ohnehin nicht.

Muss die Regierung nicht trotzdem auf einen solchen Fall vorbereitet sein?

Natürlich. Aber wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass es hierbei mehr um Profilierung als um wirklichen Gesundheitsschutz der Bevölkerung geht. Die Vorgehensweise bei dieser Pandemie ist fragwürdig.

Inwiefern?

Schauen Sie sich den Verlauf an: Einer der ersten, der öffentlich von einer Pandemie sprach, war der englische Wissenschaftler Sir Roy Anderson, ein Berater der britischen Regierung. Nach Angaben der britischen Zeitung Daily Mail wird er aber vom Pharmakonzern GlaxoSmithKline bezahlt. In einem Radio-Interview am 1. Mai erklärte er, eine Pandemie sei im Anzug, aber man habe zum Glück gute Medikamente. Da waren die ersten Fälle der neuen Grippe in Mexiko gerade erst aufgetreten.

Im Juni änderte die WHO dann ihre Pandemie-Definition.

Richtig. Vier Wochen später rief die WHO-Generaldirektorin Margaret Chan die Pandemiestufe Sechs aus. Damit wurden die Regierungen in die Lage gebracht, präventive Maßnahmen ergreifen zu müssen, also Impfmaßnahmen. In vielen Ländern wurden von der Regierung Impfstoffe in großen Mengen gekauft, ohne unabhängige Fachleute zu fragen. Genau genommen ging es aber schon früher los.

Wann denn?

Im Zuge der Vogelgrippe wurden in den Jahren 2004 und 2005 Pandemiepläne entwickelt, an die sich das Gesundheitsministerium im entsprechenden Fall hält. Doch schon die Vogelgrippe war eine Fehlleitung. Sie war nie eine Pandemie, wurde aber als solche verkauft. Die Infektion war nicht sehr ansteckend und trat nur auf, wenn Mensch und Tier auf engstem Raum zusammen lebten, wie das in Asien manchmal der Fall ist. Weltweit traten nur sehr wenige Fälle auf. Dennoch hat man die Vogelgrippe zum Anlass genommen, Pandemiepläne zu entwickeln. Und die führten zu einer neuen Impfstrategie.

Wie sieht diese Strategie aus?

Den Herstellern wird es ermöglicht, in relativ kurzer Zeit einen Impfstoff durch die Zulassung und auf den Markt zu bringen, für den Fall, dass wir es mit einem wirklich gefährlichen Erreger zu tun haben. Der Modellimpfstoff ist eine Grundmixtur, für die die Hersteller bereits drei Viertel der Zulassung haben. In einem Kurzverfahren wird er dann mit dem jeweiligen Virus-Antigen bestückt, das im Pandemiefall notwendig ist. Dann erfolgt die Zulassung bei der Europäischen Zulassungsbehörde Emea sehr schnell, innerhalb von drei Tagen.

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