Geheime Papiere über den Bombenangriff auf zwei Tanklaster offenbaren ein doppeltes Desaster: Die Militärs nahmen den Tod von Zivilisten in Kauf. Und die politische Führung versagt bei der Aufklärung eines möglichen Kriegsverbrechens Von U. Rauss, C. Reuter, O. Schröm und M. Streck

Ein afghanischer Polizist steht vor einem ausgebrannten Tanklastzug in Kundus nach dem vom deutschen Oberst Klein angeordneten Luftangriff© Jawed Kargar/EPA/DPA
Südlich von Kundus, 3. September 2009, gegen 19 Uhr. Zwei Tanklastwagen sind auf dem Weg von Tadschikistan in die afghanische Hauptstadt Kabul. Sie haben 20.000 bis 30.000 Liter Diesel in den Tanks - Nachschub für die US-Truppen. Kurz hinter dem Ortsausgang von Kundus kapern zwei Dutzend bewaffnete, teils barfüßige Taliban die Tankzüge und zwingen die Fahrer zur Weiterfahrt erst nach Süden, dann nach Westen. Die Aufständischen wollen nach Omar Chel, einem Dorf im Bezirk Tschahar Darreh.
Einige Taliban setzen sich in das Führerhaus, die anderen eskortieren die Trucks im Laufschritt.
Was sich in den nächsten sieben Stunden rund um die Tanklastzüge ereignet, wird das 5000 Kilometer entfernte Deutschland verändern. In diesen sieben Stunden entfaltet sich ein Drama, das den damaligen Verteidigungsminister und späteren Arbeitsminister Franz Josef Jung, Staatssekretär Peter Wichert und Bundeswehr- Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan das Amt kostet, Jungs Nachfolger zu Guttenberg mitsamt der Regierung in erhebliche Erklärungsnot bringen und eine Debatte über die Rechtmäßigkeit des Afghanistan-Einsatzes lostreten wird.
Region Kundus, Spätsommer 2009. Tschahar Darreh könnte ein Idyll sein. Der dicht besiedelte Distrikt südwestlich von Kundus ist grün, durchzogen von Bächen und Gräben.
Der Kundus-Fluss markiert die Grenze nach Osten. Verstreute Gehöfte, Felder wechseln ab mit Baumgruppen, dicht bewachsenen Ufern. Für Soldaten, deren Feinde hier warten, ist es die Hölle.
Schwere Fahrzeuge kommen kaum durch die engen Lehmwege, und überall könnten Sprengsätze oder Heckenschützen versteckt sein. "Pinocchio-Town" nennen die Soldaten der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppen (Isaf) die Gegend, weil ihnen die Dorfbewohner jedes Mal mit unschuldsvoller Miene versichern, aus ihrem Dorf sei keine Rakete abgefeuert worden.
In den Dörfern von Tschahar Darreh haben die Werber der Taliban ein leichtes Spiel: Die Empörung der Paschtunen über den Krieg im Süden ist groß, obendrein fühlen sich die Menschen im Stich gelassen vom Gouverneur in Kundus, Mohammad Omar, der sie für Sympathisanten der Taliban hält. Was viele von ihnen schließlich auch werden.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 52/2009