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Stern Investigativ - Wirtschaftskriminalität

Im Reich der Schattenmänner

Die private Sicherheitsfirma Prevent AG soll mit falschen Spuren und schmutzigen Tricks operiert haben. Zu ihren Kunden gehörten die HSH Nordbank, die Modedesignerin Jette Joop und der Rüstungskonzern Rheinmetall. Ein Ermittlungsbericht

  Die umstrittene Sicherheitsfirma Prevent steht nach ihrer Verwicklung in Affären um die HSH Nordbank kurz vor der Pleite

Die umstrittene Sicherheitsfirma Prevent steht nach ihrer Verwicklung in Affären um die HSH Nordbank kurz vor der Pleite

Umbach ist der Ungewisse bei dem ganzen Millionenspiel.

Auf Umbach sind sie alle scharf. Büro und Wohnungen wurden durchsucht, sein Bankschließfach aufgebohrt, Laptops und Daten-Backups konfisziert - da setzte er sich erst mal in den Flieger. Dubai. Dort hat er gute Kontakte, kein Auslieferungsabkommen, 29 Grad Celsius.

Aus dem Emirat mailt Umbach Fotos: Er mit Sonnenbrille am Sandstrand; er im 5er-BMW mit Polizeisirene auf dem Dach. Er vor einem Werbeplakat mit der Aufschrift "Feel safe in Dubai". Daraus macht er eine Postkarte mit Widmung für die Hamburger Polizistin Claudia K., die ihn nicht fassen kann: "Yes, I feel so safe in Dubai!" Beim Telefonat mit dem stern ist Umbach, 42, nicht sicher, ob die Karte klug war. Eigentlich geht es ihm mies in Dubai, fast so wie vor einer Weile in der Drogenklinik.

Hart, hier in Dubai mit nullkommanull Equipment ein Business hochzuziehen, auch wenn das eigentlich seine Welt ist. "Gib mir eine Büroklammer, und ich bau dir daraus ein Handy." Arndt Heinz Umbach ist diplomierter Sachverständiger für Sicherheitstechnik. Abhörspezialist.

Umbach soll die Drecksarbeit erledigt haben

Der ehemalige Fernmeldehauptmann der Bundeswehr arbeitet seit mehr als sieben Jahren als Angestellter oder Subunternehmer für die Prevent AG. Die Sicherheitsfirma hat mit Aufträgen der HSH Nordbank Millionen verdient. So sollte Prevent der HSH-Führung brisantes Material liefern, um den unliebsamen Manager Frank Roth feuern zu können.

Umbach soll dabei die Drecksarbeit erledigt haben: Verwanzen eines Büros, Versenden gefälschter E-Post, versuchtes Anzapfen des Telefons in Roths Privatwohnung.

Umbach selbst räumte Ende Juli dieses Jahres vor Anwälten und zwei Aufsichtsräten der HSH Nordbank die Straftaten ein. In Gesprächsprotokollen, die dem stern vorliegen, heißt es: "Er habe im Büro von Herrn Roth eine Abhöranlage installiert und später wieder deinstalliert." Doch gut einen Monat später bestritt Umbach alles an Eides statt, auch die Prevent AG bestreitet Vorwürfe, Mitarbeiter hätten an rechtswidrigen Aktionen teilgenommen.

Ermittlungen gegen Prevent in Deutschland

Staatsanwälte in Hamburg und Kiel suchen nach Beweisen. 50 Hamburger Fahnder filzten Anfang November acht Objekte der Firma Prevent in Hamburg und Norderstedt, München und Mainz sowie die Kanzlei von deren Anwalt in Potsdam. Auch in New York ermitteln Staatsanwälte.

Auch dort geht es um die Firma Prevent und den Rauswurf eines HSH-Managers. Die Sicherheitsfirma wird verdächtigt, dem Banker aus Manhattan falsche Kinderpornokontakte untergeschoben zu haben. Die Firma bestreitet, dass Mitarbeiter anderen Straftaten untergeschoben hätten.

HSH-Chef Dirk Jens Nonnenmacher wird wegen dieser Affäre wohl seinen Job verlieren. Die HSH selbst hat inzwischen die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Ermittlungen gegen Prevent in Deutschland laufen.

Schrecken und Ärger

Die Prevent AG ist ein privates Sicherheitsunternehmen. Zu den Kunden dieser Firma gehören Konzerne und Mittelständler, die sich durch Erpresser oder Spione bedroht fühlen. Prevent wird eingeschaltet, um - wie im Fall HSH Nordbank - Personal zu überwachen, um den offiziellen Weg zu Polizei und Staatsanwaltschaft zu vermeiden, um Betrug und Korruption diskret aufzudecken. Allein der HSH Nordbank und deren Tochter FMH wurden im Jahr 2009 sieben Millionen Euro von Prevent in Rechnung gestellt, nicht wenig für ein kleines Unternehmen mit einer Handvoll Angestellter.

Der stern tauchte in diese Schattenwelt ein. Dabei kam es zu vertraulichen Treffen mit ehemaligen Mitarbeitern und Kunden, mit Insidern aus Politik, Polizei und Geheimdiensten. Fast alle wollen ungenannt bleiben, nicht wenige aus Angst. Es liegen vertrauliche Firmendokumente und Ermittlungsunterlagen vor. Dabei entstand das Bild einer Firma, die Schrecken und Ärger verbreitet.

Ein Netzwerk wird enthüllt, in dessen Zentrum ein schlauer Mastermind steht, mit exzellenten Verbindungen in Politik und Wirtschaft.

Namen öffnen Türen

Die Prevent AG galt bis zum Sommer 2010 als vorbildliches privates deutsches Sicherheitsunternehmen.

Das lag an Thorsten Mehles, 49, und an seinem Schlag bei Spitzen aus Politik und Wirtschaft.

Mehles bezeichnet sie als "Imageträger".

Namen öffnen Türen. Davon lebte sein Geschäft.

Schon in seiner Zeit als Bundesinnenminister schätzte Otto Schily Mehles. August Hanning, Expräsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), ließ sich von Prevent als "Senior Advisor" verpflichten.

Gerhard Heinrich hält den Vorsitz im Prevent-Aufsichtsrat, einst Strippenzieher bei Börsengängen und Deutschland-Chef der Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse. Zu den Aktionären bei Prevent zählt die Inhaberfamilie des Pharmakonzerns Boehringer-Ingelheim und der frühere türkische Ministerpräsident Mesut Yilmaz.

Ein informelles Treffen

Berlin, Pariser Platz, Ende 2001. Im Gebäude der DZBank am Brandenburger Tor treffen Manager der Wirtschaft auf Vertreter der Sicherheitsbehörden.

Eingeladen hat Professor Jürgen Gramke, ein Netzwerker, der als Koordinator des "Initiativkreises Ruhrgebiet" Verdienste um die Rettung des Reviers hat.

Er leitet das "Institute for European Affairs" in Düsseldorf und bringt bei Kongressen Wirtschaft und Politik zusammen. An diesem Tag erscheinen Vertreter etlicher Dax-Konzerne. Sie treffen Heinz Fromm vom Verfassungsschutz, Klaus Ulrich Kersten vom BKA und Innenminister Schily. Die Begegnung ist informell. Nichts dringt nach draußen.

Es geht um eine brisante Frage:

Wie kann die Wirtschaft auf den 11. September reagieren? Objektschutz verstärken? Notfallpläne überarbeiten? Nach drei Stunden ist das Tagungsthema erschöpft.

Die gedankliche Geburtsstunde von Prevent

Da fragt Otto Schily: "So meine Herren, was gibt es sonst noch?" Es gibt eine Menge. Die Manager beklagen fehlendes Fingerspitzengefühl des Staates beim Kampf gegen Wirtschaftskriminelle. Sie wollen nicht gleich Polizisten vorm Werkstor haben, wenn Mitarbeiter korruptionsverdächtig sind. Sie möchten solche Vorfälle diskret regeln. Gern mit Profis.

Hamburgs Exinnensenator Hartmut Wrocklage hat einen jungen LKA-Kriminaldirektor zur Tagung mitgebracht. Thorsten Mehles sorgt mit einem Blitzreferat für viel Kopfnicken. Allein die registrierten Schäden durch Wirtschaftskriminalität in Deutschland betragen 6,6 Milliarden Euro im Jahr.

Otto Schily kennt Mehles vom Gedankenaustausch im Ministerbüro.

Der Innenminister zeigt Verständnis für die Sorgen der Unternehmer.

Dabei ist Korruption eigentlich ein Fall für den Staatsanwalt.

Das ist die gedankliche Geburtsstunde von Prevent und die Chance für Thorsten Mehles.

Thorsten Mehles

Mehles ist 1961 in Hamburg geboren, der Vater war Kaufmann für Anlagenbau und Lackiertechnik.

Der Sohn begann als Polizist im Hamburger Südosten eine Karriere auf der Überholspur. Vorgesetzten fielen Ehrgeiz, Fleiß und Intellekt auf, Kollegen Ellenbogen.

Mit Anfang 30 kam Kriminalrat Mehles zur Polizei-Führungsakademie nach Münster. Mit Mitte 30 übernahm er ein bundesweit einzigartiges Projekt.

Das "Dezernat Interne Ermittlungen" des LKA war abgekoppelt vom Polizeiapparat und angesiedelt im Gebäude des Innensenators.

47 Polizisten gingen gegen korrupte Beamte in den eigenen Reihen und bei den Behörden vor.

Fälle besprach Mehles direkt mit dem Staatsrat. Innensenator Hartmuth Wrocklage (SPD) verschaffte Kriminaloberrat Mehles Termine beim Bundesinnenminister in Berlin. Otto Schily war angetan.

Als Mehles ging, flossen bei einer Feier Tränen

Innerhalb des Dezernats polarisierte Thorsten Mehles. Die meisten waren fasziniert, sagen frühere Untergebene. Da tranken sie morgens in den Diensträumen Kaffee, und der Chef kam nicht einfach rein, er erschien. Ausgewählt gekleidet, Polohemd und Jackett. Sie hingen an seinen Lippen, wenn er über seinen Vortrag am Vorabend erzählte. Er war dabei immer der Held, sagen Skeptiker.

Er verlangte Loyalität, wer nicht mitzog, erntete Hohn. Die Verehrer überwogen. Bald trugen immer mehr im Dezernat Polohemd.

Als Mehles ging, flossen bei einer Feier Tränen.

Mehles bekam nun die Abteilung Organisierte Kriminalität (OK) des Hamburger LKA. Mit 39 wurde er zum jüngsten Kriminaldirektor der Nachkriegszeit in Hamburg ernannt. Als der rechte Richter Roland Schill Innensenator wurde, warnte OK-Chef Mehles in einem Vermerk, ein Partner in der Kanzlei von Schills erkorenem Staatsrat vertrete den albanischen Osmani-Clan, eine Sippe mit Verbindungen zur Organisierten Kriminalität. Das war sein Karriereknick. Mehles wurde in eine andere Abteilung versetzt.

Zeit beim BND bleibt nebulös

Er entschied sich, die Polizei zu verlassen. Ernst Uhrlau, früher Polizeipräsident in Hamburg und nun im Kanzleramt zuständig für den Bundesnachrichtendienst, empfahl Mehles dem damaligen BND-Chef August Hanning.

Prompt war in Pullach die Stelle des Referatsleiters für Organisierte Kriminalität reserviert. Das Hamburger LKA stellte Mehles im Frühjahr 2002 zum Einführungslehrgang ab. Doch aus familiären Gründen entschied er sich, doch in Hamburg zu bleiben. Nebenbei hatte er im April 2002 Prevent gegründet. Vier Monate später war er Vorstandschef.

Seine Zeit beim BND, ohne Büro oder Einblick in Dienstgeheimnisse, ließ er später stets im Nebulösen.

Das Karrieresiegel "BND" schaffte Vertrauen bei Kunden aus der Wirtschaft. Beim BND verweist man darauf, dass Mehles kein offizieller Mitarbeiter war.

Jede Verwicklung des BND in die Gründung von Prevent wird bestritten.

Prevent hat Beziehungen

Mehles sammelt damals Profis aus dem Staatsdienst um sich. Vom LKA kommen alte Buddies wie Lutz Krüger, der sich bei der Russenmafia auskennt, und der Staatsschutz- und Wirtschaftsexperte Volker Schmidt. Vom BND stößt der promovierte Auswerter Christoph R. hinzu. Es folgen ein Wirtschaftsprüfer von KPMG und eine Hausjuristin, ein alter Kripohaudegen und eine junge Profilerin, der Sicherheitsexperte eines Zigarettenkonzerns.

Und, nach 13 Jahren Bundeswehr, Arndt Umbach.

In einem Markt, den Control Risks und Wirtschaftsprüfer wie KPMG, Ernst & Young und Deloitte dominieren, hat Prevent damals keinen Namen. Aber Beziehungen.

Zunächst kommen die Mandanten über den Aufsichtsrat.

Das läuft dann zum Beispiel so:

Manche Männerfreundschaft entstand auf dem Hochsitz

Ein Jurist aus dem Umfeld von Professor Gramke kennt den Hausanwalt von Microsoft. Prevent hilft dem Weltkonzern bei der Jagd nach dem Urheber des Computerwurms "Sasser", der 2004 Millionen Rechner infiziert. Das LKA Niedersachsen fasst schließlich einen 18-jährigen Schüler. Thorsten Mehles posiert beim Fototermin an der Seite staatlicher Strafverfolger.

Auch Gerhard Heinrich hilft bei der Kundenakquise.

Der Banker ist nicht nur Aufsichtsrat, sondern auch Jäger.

Manche Männerfreundschaft entstand auf dem Hochsitz. Einmal warnt Heinrich einen Jagdfreund aus der Getränkebranche, bei Lieferanten in Rumänien sei einiges im Argen: Unterschlagung, eine mögliche Mafia-Connection - Gefahr für Bilanz und Reputation.

Heinrich hat die Informationen von Mehles, wie er dem stern bestätigt.

Der Prevent-Chef reist zu einem eilig angesetzten Termin in die Zentrale der Getränkefirma Sportfit (Valensina) im niederrheinischen Rheinberg. Geschäftsführer Wilfried Mocken ist erstaunt.

"Beratung Corporate Integrity"

Ihm ist beim Rumänieneinkauf nichts aufgefallen. Nun hört sich das Szenario noch schlimmer an:

Ein Millionenschaden ist zu erwarten.

Die Rumänienmafia ist gefährlich.

Mocken sei persönlich bedroht.

Prevent erstellt ein Konzept für eine "Beratung Corporate Integrity" und bekommt den Auftrag.

Telefone sollen überwacht, Geschäfts- und Privaträume auf Wanzen geprüft werden. Beim sogenannten Sweeping arbeiten Zweierteams. Der eine kontrolliert Schrankwände, Schreibtische, Teppichleisten. Der andere, Spezialgerät auf dem Kopf, sucht den Raum auf Frequenzen ab - das macht Umbach. Um den Tagesbetrieb nicht zu stören, gehen sie nachts zu Werke. Ein weiteres Prevent- Team fliegt für Observationen nach Bukarest.

Nach tagelanger Suche findet Umbachs Team am 2. Mai 2005 um 23.33 Uhr tatsächlich eine Wanze.

Das Gefühl, betrogen worden zu sein

Prevent sieht sich bestätigt. Die "Technische Untersuchung" wird ausgedehnt auf andere Büros, Kaminzimmer, Bibliothek. Auch der Dienstwagen des Geschäftsführers, gerade nach Griechenland verkauft, soll überprüft werden.

Prevent lässt den Benz S 500 im Container nach Deutschland holen.

Ergebnis: Schrammen am Unterboden deuten darauf hin, dass das Auto manipuliert worden sein könnte.

Geschäftsführer Mocken kommen die Resultate unglaubwürdig vor. Warum eine Wanze in ein Büro kleben, wo er nur selten ist?

Es gab keine Drohanrufe, nichts.

Aus Rumänien kommen auch keine handfesten Erkenntnisse.

Langsam verfestigt sich das Gefühl, betrogen worden zu sein.

Mocken beendet den Auftrag.

Eine stattliche Rechnung

Prevent präsentiert die Rechnung:

Für die Suche nach Abhörgerät auf 1159 Quadratmetern sind über 100.000 Euro fällig, der Wanzencheck am Auto kostet 8750 Euro, hinzu kommen 68 Tage Beraterhonorar und Reisekosten - macht in summa 298.000 Euro.

Das will Mocken nicht bezahlen.

Prevent reicht Zivilklage ein.

Mocken wirft der Firma arglistige Täuschung vor. Nach langem Streit stimmt er einem Vergleich zu: Sportfit zahlt die Hälfte der Forderung plus Zinsen und Gebühren.

208 000 Euro. "Wir fühlten uns betrogen, obwohl der Betrug nicht bewiesen werden konnte", sagt er. Die Prevent AG weist die Vorwürfe als alt und erwiesenermaßen unbegründet zurück, ein entsprechendes Ermittlungsverfahren sei eingestellt worden.

Seit dieser Angelegenheit hat Aufsichtsrat Dr. Gerhard Heinrich einen Jagdfreund weniger.

Prominente Mandanten betreut Mehles persönlich

Sechs Wochen nach der Wanze bei Sportfit finden Umbach und ein Prevent-Mitarbeiter erneut einen Kleinsender. 60 Meter Reichweite, nicht sichtbar ohne Umlenkspiegel, steckt sie unterm Gitterrost der Klimaanlage im Büro von Alexander Stuhlmann.

Der ist damals Vorstandsvorsitzender der HSH Nordbank. Er hat Prevent eingeschaltet, nachdem er E-Mails mit Drohungen gegen seine Familie bekam. Zudem soll ein Informationsleck in der Bank geschlossen werden, ein Insider hat Medien Details über private Immobiliengeschäfte von Stuhlmann und einem weiteren Vorstand gesteckt. Bald ist der Absender der Drohungen ermittelt - allerdings von der Polizei und nicht durch Detektive. Es ist ein Ex-Angestellter, der schon frühere Arbeitgeber bedroht hatte. Dass er die Wanze gelegt hat, kann nicht nachgewiesen werden.

Prominente Mandanten betreut Thorsten Mehles persönlich. Auch Jette Joop, die wie ihr berühmter Vater Wolfgang als Modedesignerin arbeitet. Mehles erfährt, dass der frühere Joop-Chauffeur ein unangenehmes Foto von ihr besitzt, das bei einem Fotoshooting entstanden ist. Joop will verhindern, dass das Bild in den Medien landet.

Prevent kauft das Foto. So wird das Problem gelöst.

Anscheinend plausible Szenarien

Aus diesem Auftrag folgt ein zweiter: Arndt Umbach sucht ihre Geschäfts- und Privaträume in der Hamburger Parkallee nach Wanzen ab. Er findet nichts.

Wanzen spielen bei Prevent eine auffällige Rolle. Ein Angestellter wundert sich damals, weshalb die Firma bei Kunden so oft nach Abhörgerät sucht. "Mir erschien der Schwerpunkt auf Raumüberwachung nicht nachvollziehbar, denn die Leute sind zu 80 Prozent der Zeit nicht im Büro." Sinniger sei, Computer auf Keylogger zu überprüfen, also Programme, die Tasteneingaben protokollieren und übertragen können. Allein für die Analyse der Wanze bei Sportfit stellte Prevent 14 Beratertage in Rechnung. "Ein Fachmann benötigt für eine solche Analyse nicht mehr als zwei bis drei Tage", sagt Manfred Fink, öffentlich bestellter Sachverständiger für Abhörsicherheit.

Bei Polizei-Insidern steht Prevent seit Langem im Verdacht, Kunden zu ködern mit anscheinend plausiblen und tatsächlich übertriebenen Szenarien. 2002 geht Thorsten Mehles im Daimler- Konzern mit einer Story hausieren:

Die Albaner-Mafia habe den Autohandel mit Mercedes-Fahrzeugen massiv unterwandert.

Vor allem die Hamburger Mercedes-Niederlassung liefere Autos an Zwischenhändler, die für Albaner Geldwäsche betrieben.

Verfahren gegen Mehles wird eingestellt

Das erzählt er Thomas Menk, damals neu zuständig für die weltweite Konzernsicherheit. Mehles empfiehlt, verdeckte Ermittler in Mercedes-Niederlassungen einzuschleusen.

Den Auftrag bekommt er am Ende nicht. Der Vortrag der Firma Prevent, so ein Daimler-Sprecher heute, habe "eher unseriös" gewirkt. Die Albaner-Geschichte erweist sich als falsch.

Daimler informiert die Hamburger Innenbehörde. Das LKA verdächtigt seinen früheren Top-Mann des Geheimnisverrats.

Doch das Verfahren gegen Mehles wird eingestellt.

Im Januar 2005 kontaktiert Prevent den Inhaber einer Maschinenbaufirma in der Schweiz. Der Mann ist Opfer von Anlagebetrügern.

Die stecken angeblich in Rio, Prevent bietet an, das Geld zurückzuholen. Der Schweizer willigt ein. Flugs sind die Leute von Prevent an der Copacabana - ohne Erfolg. Der Kunde vom Zürichsee nennt sie heute "Abzocker".

Kunden systematisch betrogen

Fürs "Projekt Zuckerhut" bekam er eine Rechnung über 60.000 Euro, die er auf 27.000 Euro herunterhandeln kann.

Auch einem hochrangigen Angestellten von Prevent fallen Mitte 2005 überzogene Rechnungen auf. Er weist den Aufsichtsrat per Fax auf die Praxis hin. Das Kontrollgremium befragt das Gros der Angestellten - und diagnostiziert eine Intrige gegen Mehles. Ein weiterer Mitarbeiter traut dem Aufsichtsrat nicht und erstattet am 11. Juli 2005 eine akribisch vorbereitete Strafanzeige gegen seinen Arbeitgeber. Das Papier liegt dem stern vor. Kunden wie Rewe, Rheinmetall oder Sportfit sollen systematisch betrogen worden sein. Den Firmen seien nicht erbrachte Leistungen berechnet worden. Bei Observationen seien mehr Tage abgerechnet worden, als gearbeitet wurde. Für Abschlussberichte an Kunden habe eine Losung von Mehles gegolten:

"Wir müssen das aufpusten!" Prevent weist alle Vorwürfe als haltlos zurück.

Nach der Betrugsanzeige bespricht sich Innensenator Udo Nagel mit der Polizeiführung. Nagel war früher selbst Polizeipräsident.

Natürlich kennt er Mehles.

Sonderkommission in Hamburg

Vor zwei Monaten saß er mit dessen Personal im Flieger nach München. Bei der Einweihung der Prevent-Filiale am Promenadeplatz hielt Nagel eine Lobrede.

In Hamburg wird eine Sonderkommission gegründet. Nicht im Polizeipräsidium, sondern diskret in der Innenbehörde.

Zuständiger Staatsanwalt ist Karsten Hoffmann. Unter Ermittlern gilt er als Experte für Vermögensabschöpfung.

Die Soko besteht aus vier Fachleuten für Wirtschaftskriminalität, Betrug, Korruption. Obwohl sie die Anzeige und ihren Urheber als glaub- würdig werten, wird kein Durchsuchungsantrag für Prevent-Büros gestellt. Die Staatsanwaltschaft begründet das damit, dass Prevent von "dritter Seite" Kenntnis von der Ermittlung erlangt habe und eine Durchsuchung keinen Erfolg mehr versprochen habe.

Stattdessen übergibt Mehles selbst Unterlagen. Die Soko vernimmt Prevent-Mitarbeiter und wundert sich, wie gleichgeschaltet die qualifizierten Männer und Frauen wirken. Alle benutzen die gleichen Formulierungen.

Fragwürdige Ermittlungen

Merkwürdig ist auch, dass der Staatsanwalt es nicht für nötig hielt, angeblich geschädigte Prevent- Kunden zu befragen. Die Unternehmen Rheinmetall, Rewe und Jette Joop Europe bestätigen dem stern, dass sie im Zuge der Ermittlungen nicht kontaktiert wurden. Die Staatsanwaltschaft gibt an, dass alle wesentlichen Zeugen vernommen worden seien.

Immerhin hört die Soko Arndt Umbach, den Wanzenfachmann.

Er belastet seinen Auftraggeber Prevent, nimmt dann aber die Aussage zurück, mithilfe eines Notars und einer Versicherung an Eides statt. Ende September 2006 stellt Staatsanwalt Hoffmann das Verfahren AZ 6500 Js 85/05 ein.

Darauf verweist die Prevent AG auch in ihrer Stellungnahme gegenüber dem stern.

Hamburgs Innensenator Udo Nagel lässt sich im September 2008 als Berater und Vorstand von der Prevent AG anheuern.

Illegale Methoden kommen ans Licht

Das Unternehmen floriert. Zu den Kunden zählen der Bauer-Verlag und die Investment-Gesellschaft Permira (Pro Sieben Sat 1 Media, Jet Aviation), die zahlreiche Firmen aufkauft. Dazu kommen die lukrativen Aufträge der weitgehend staatlichen HSH Nordbank.

Im Sommer 2010 wird publik, dass Arndt Umbach für Prevent bei Bespitzelungen des HSH-Vorstands Frank Roth mit illegalen Methoden gearbeitet haben soll.

In Hamburg ist für die Ermittlungen Oberstaatsanwalt Karsten Hoffmann zuständig. Auch in Kiel läuft ein Verfahren. Dort will Umbach am 29. Juli 2010 auspacken über seine Sonderaufträge von Mehles bei der Bank. Doch Umbach fordert eine Gegenleistung, wie eine Staatsanwältin notiert:

"keine nennenswerten strafrechtlichen Konsequenzen". Den Persilschein bekommt er nicht.

Wenig später werden die angeblichen Machenschaften von Prevent für die HSH Nordbank publik, bis hin zum konstruierten Kinderpornoverdacht gegen den Leiter der Filiale New York. Prevent weist alle Vorwürfe als haltlos zurück. Seitdem hat die HSH ihre Zusammenarbeit mit Prevent aufgekündigt. Sie verlangt Millionenhonorare zurück und prüft eine Klage auf Schadensersatz.

"Rufmord mit unbewiesenen Gerüchten"

Die Zentrale der Prevent AG im ersten und zweiten Stock eines Bürogebäudes am Münchner Altstadtring wirkt wie verwaist. Im Büro von Vorstandschef Peter Wiedemann stapeln sich Umzugskartons aus der Hamburger Filiale, die gerade geschlossen wird.

Aufsichtsrat Jürgen Gramke beklagt "einen Rufmord mit unbewiesenen Gerüchten" an der Firma, die "führend war unter den Sicherheitsunternehmen in Festlandeuropa".

Thorsten Mehles ist vom Vorstandschef zum "Senior Advisor" mutiert. Im Handelsregister Henstedt-Ulzburg hat er eine Immobilienfirma am 6. September 2010 umwandeln lassen.

Geschäftsgegenstand: "Strategische Beratung von Unternehmen mit der Analyse und Bewertung von Risiko- und Reputationsermittlungen".

Arndt Umbach lässt auf Mehles nichts kommen. Ging es schlecht, rief Mehles ihn an. Sein Porsche Cayenne, die Aufträge - alles von Mehles. "Der hält mich für einen Schlumpf in Lederjacke", sagt Umbach, "aber er kennt meine technischen Qualitäten." Thorsten Mehles hat eine schwere Operation hinter sich.

Nun geht es um sein Lebenswerk.

Noch in der Schonzeit jagt er von Termin zu Termin.

Von Johannes Gunst, Nina Plonka, Uli Rauss, Oliver Schröm, Dirk Liedtke und Andreas Mönnich

Mitarbeit: Martin Knobbe, Johannes Röhrig

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