
Eine der vielen Residenzen Herzog Karl Eugens: Schloss Ludwigsburg© Ute Mahler
Als Schillers Angst vor des Herzogs Schergen zu groß wird, bittet er Henriette von Wolzogen um Asyl. Sie ist die Mutter eines Schulfreundes und besitzt ein kleines Gutshaus in Thüringen. Dorthin reist er nun mit der Postchaise. Es ist Dezember, es zieht durch alle Ritzen, und Schiller hat nur diesen leichten Überrock. Nach elenden sieben Tagen kommt er im tief verschneiten Bauerbach an. Seine Gönnerin hat alles vorbereiten lassen: zwei Zimmer, der Ofen glüht, und das Bett ist frisch bezogen. Hier nun will er schreiben, schreiben, schreiben.
Und zwischen Rausch und Melancholie beginnt er sein viertes Stück, dessen Titelheld seine große Liebe ist: Don Carlos, der Infant von Spanien, der Kronprinz eines Weltreichs, der müde Idealist, der zusammen mit Freund Posa, einem Malteserritter, das von Spanien gedemütigte Flandern befreien will: Arm in Arm mit dir, So fordr ich mein Jahrhundert in die Schranken.
Mit Carlos verbringt er seine Tage. Mit Carlos spricht der 23-jährige Dichter: Dreiundzwanzig Jahre, Und nichts für die Unsterblichkeit getan! Nie wieder hat Schiller eine Figur auf so hohem Seil tanzen lassen: Die Seele, sagt er, hat Carlos von Shakespeares Hamlet und den Puls von mir.
So gehen die Wochen, die Monate dahin. Schiller atmet die Freiheit und schluckt schwer an der Liebe. Denn im Mai 1783 reist seine Gönnerin Henriette von Wolzogen mal wieder mit ihrem Töchterchen an, der hübschen Charlotte, die der Dichter anbetet.
Ja, er will sie heiraten, die kokette Aristokratin, er, der Bürgerliche ohne Geld. Doch Henriette von Wolzogen hat andere Pläne mit ihrer Tochter. Auf einem langen Spaziergang sagt sie ihm, dass alles doch nur Schwärmerei ist. Und wo will er hier in diesem Dorf denn Anregungen herkriegen?
Und in Mannheim hat sich herumgesprochen, dass Schiller "Kabale und Liebe" abgeschlossen hat. Ein Sittendrama. Wenn das nichts ist fürs Publikum! Also Heribert von Dalberg, der Intendant, bietet ihm einen Posten als Theaterdichter an. 300 Gulden für ein Jahr und drei Stücke. Ein schäbiges Angebot, aber Schiller ist selig.
Die Hitze der Sommerwochen ist unerträglich. Festungsgräben faulen, Brunnen sind vergiftet, jeder dritte Mannheimer ist krank, und die Todesfälle häufen sich. Auch Schiller hat die Seuche. Er sitzt mit Fieber am Schreibtisch, Überarbeitet seinen "Fiesko" und therapiert sich mal wieder selbst. Wassersuppe heute, Wassersuppe morgen. Und Fieberrinde eß ich wie Brot.

Der Weg nach Bauerbach: In dem thüringischen Nest findet Schiller Zuflucht vor den Spitzeln des württembergischen Herzogs© Ute Mahler
Eines Morgens schaut der besorgte Verleger Christian Friedrich Schwan bei Schiller vorbei. Er glaubt, der Patient liegt brav im Bett. Aber was für ein Getöse ist das! Und was für ein Anblick! Die Fensterläden sind runtergelassen. Zwei Kerzen brennen auf dem Tisch, eine Flasche Burgunder steht zwischen Manuskripten, und der Dichter rennt wie ein Verrückter im Zimmer hin und her. Gestikulierte und krakeelte ganz barbarisch. Schwan ist entsetzt. Aber, lieber Schiller, sagt er, was treiben Sie denn, daß sie hausen wie ein Türke. Schiller hört auf zu schnaufen und sagt, dass er gerade den Mohren am Kragen gepackt habe, der Fiesko ermorden wollte. So eine Szene, sagt Schiller zu Schwan, kann er nicht bei Tageslicht schreiben.
Doch sein "Fiesko" wird amputiert: keine Vergewaltigung durch den Tyrannen, kein Mord am Fürsten. Wird alles gestrichen. Die Leute sollen doch einen netten Abend verleben. Dafür geht dann die ganze Ideologie zum Teufel. Ach, da denkt er manchmal schon daran, alles hinzuwerfen und wieder Arzt zu werden. Wer will denn schon seine Menschheitsgedanken hören, seine kühnen politischen Ideen? Doch immer wieder löst sich die Schwermutskruste, und die Flamme lodert erneut, lodert für Posa, der vor dem spanischen König kniet und sagt, was über zwei Jahrhunderte hinweg ein gefürchteter Satz für alle totalitären Regime wird: Geben Sie Gedankenfreiheit.
In der Liebe hatte Schiller bisher wenig Glück. Doch dann lernt der 23-Jährige die ein Jahr jüngere Charlotte von Kalb kennen. Eine Romantikerin mit üppigem blondem Haar, pompös, schön, exaltiert, verheiratet. Schiller und Charlotte werden unzertrennlich. Er liest ihr vor, und sie bringt ihm höfische Manieren bei, schleift den Diamanten, zähmt den Widerspenstigen. Und oft bleibt der bis in die Nacht hinein, während ihr Ehemann auf Reisen ist.
In dieser Zeit trägt er seine große Rede über "Die Schaubühne als eine moralische Anstalt" vor. Es ist dieser stolze und unnachahmliche Schillerton, der durch den ganzen Text weht - leidenschaftlich, fordernd, verführerisch. Und am Ende, sagt er, wird der empfindsame Weichling zum Manne, und der rohe Unmensch fängt an zu empfinden. Das sei der Triumph des Theaters, wenn alle nur noch eine Empfindung haben: ein Mensch zu sein.
So viel sprudelnde Sprache, so viel lodernder Idealismus schreckt die Herren. Und warum läuft der Mensch auch so unordentlich rum, und die Haare sind immer irgendwie schlecht onduliert. Und dann leiht er sich ja wohl auch Überall Geld. Und diese albernen Liebeleien. Und kann er sich nicht endlich mal das Schwäbeln abgewöhnen?
Der Vertrag wird nicht verlängert. Schiller steht da ohne Geld und mit Schulden. Charlotte umklammert ihn und wird zur Fessel. Da flieht er mal wieder, flieht nach Leipzig zu vier Verehrern, die ihn eingeladen haben: Gottfried Körner und seine Braut Minna Stock und Ferdinand Huber mit seiner Braut Dorothea Stock, Minnas Schwester.