
An der Elbe bei Loschwitz: In dem Dresdner Nobelvorort findet Schiller eine Zeit lang Ruhe© Ute Mahler
Die neuen Freunde erwarten ihn mit Herzklopfen. Wie mag er wohl aussehen? Na, wie sein Räuberhauptmann Karl Moor natürlich, sagt Minna, mit Kanonenstiefeln und dem rasselnden Schleppsäbel an der Seite. Und dann sind sie doch sehr überrascht. Steht da ein langer, rotblonder, blauäugiger, schüchterner Mensch vor ihnen. Überhaupt nicht zum Fürchten. Körner wird der wichtigste Mann in Schillers Leben. Der drei Jahre Ältere ist vermögend und hat diese schwärmerische Liebe zur Literatur: Wir sind Brüder durch Wahl, hatte er Schiller geschrieben, mehr als wir es durch Geburt sein könnten. - Ich wünsche dir Glück, Freund.
Das Glück der ersten Tage ist Erholung. Huber zeigt Schiller die Stadt, und sie landen am Ende immer im Kaffeehaus. Und Schiller, der berühmte Räuber-Dichter, ist umschwärmter Mittelpunkt, wird angehimmelt, ist der Popstar seiner Zeit, ist Kult in ganz Deutschland. Und Körner, der inzwischen Schillers miserable finanzielle Lage kennt, möchte, dass er fr ein Jahr sein Gast ist, mšchte, dass Schiller frei leben, wohnen und schreiben kann. Ohne Druck. Schiller kann es nicht glauben. Wie berauscht schreibt er die Hymne, die seinen Namen in alle Welt tragen wird: Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium...
Die Freunde ziehen nach Dresden, und Schiller fühlt sich wohl wie nie. Hat eine Familie. Aber ruhelos ist er noch immer. Wenn der Schreibschub kommt, sitzt er Tage und Nächte an Prosa und Jamben. Und die Freunde sind schon besorgt, wenn er nach dem Essen auf dem Sofa einfach so wegsackt und einnickt. Sie läsen ihm dann vorsichtig die eng anliegenden KniegÜrtel und lassen ihn schlafen.
Doch wehe, wenn Körner auf Reisen und Schiller allein ist, dann legt sich das Gespenst der Melancholie Über ihn. Dann möchte er am liebsten nicht mehr leben, wenn es der Mühe verlohnte, zu sterben. Doch dann steigt am Horizont seines Schreibtisches "Der Geisterseher" auf, ein Roman, der ihn noch populärer machen wird als die "Räuber": Es ist Karneval in Venedig. Es ist spät am Abend. Die letzten Masken huschen über den Markusplatz. Bald sind nur noch der Prinz und der Erzähler unterwegs, und die beiden haben längst bemerkt, dass sie von einer armenischen Maske verfolgt werden.
Schiller peitscht die Leser nur so durch seine Spukgeschichte und gerät dann selbst in einen Maskenball. Der so schnell Entflammbare brennt lichterloh, als eine Schöne, als Zigeunerin verkleidet, ihm aus der Hand liest. Es ist Henriette von Arnim. Minna Körner ist entsetzt und klärt den Verliebten auf: Die Mutter ist eine Kupplerin und Schiller nicht der einzige Freier. Aber der Verliebte rennt Abend für Abend mit Geschenken zur Angebeteten, bis Frau von Arnim dem armen Poeten einschärft, dass er bitte nicht anklingeln möchte, wenn ein Licht im Fenster brennt. Dann sei ihre Tochter beschäftigt. Und der GedemÜtigte schleicht nach Hause und verkriecht sich.
So endet die Liaison langsam, und beendet ist auch das Leben der seligen fünf. Schiller braucht eine Luftveränderung für den Geist. Der Rabenvogel, der schwarze Genius meiner Hypochondrie, ist davongeflogen.
Nun fliegt auch der Dichter fort - nach Weimar. Dort lebt inzwischen Charlotte von Kalb, die Geliebte von einst. Warum sollte er sie nicht wiedersehen? Die kleine Stadt döst in der Julisonne vor sich hin, als Schiller 1787 dort eintrifft. Sie ist Deutschlands Musenhof. Und auf dem ist Goethe Jupiter, Herder Oberpriester, Wieland Weltmann. Und Schiller fühlt sich wohl, ist häufiger Gast bei der Herzogin-Mutter, macht auch kein Geheimnis aus seiner Liaison. Mein Verhältnis mit Charlotte fängt an, hier ziemlich laut zu werden und wird mit sehr viel Achtung für uns beide behandelt. Was will er mehr.
Und dann gibt es im Dezember 1787 einen Abend bei der Familie von Lengefeld in Rudolstadt, der Schillers Leben verändern wird. Mit seinem alten Schulfreund Wilhelm von Wolzogen war er bei Eiseskälte durch ThÜringen galoppiert, um dessen Cousinen Caroline und Charlotte zu besuchen. Sie sind nicht schön, wird Schiller gleich den Dresdener Freunden berichten, aber sie sind anziehend und gefallen mir.
Zurück in Weimar, legt sich dann die Melancholie wieder wie Mehltau auf sein Gemüt. Du glaubst nicht, wie sehr ich seit 4 oder 5 Jahren aus dem natürliche Geleise menschlicher Empfindungen gewichen bin; schreibt er an seinen Freund Huber, diese Verrenkung meines Wesens macht mein Unglück, weil Unnatur nie glücklich machen kann. Er spricht von der großen Verwüstung seines Gemüts. Von der fatalen Kette von Spannung und Ermattung, Opiumschlummer und Champagnerrausch.
In dieser Stimmung trifft er die schüchterne Charlotte von Lengefeld auf einem Maskenball wieder. Sie soll hier in Weimar an allen Redouten teilnehmen, denn sie ist zwanzig und muss langsam an eine standesgemäße Heirat denken. Als sie ohne Eroberung nach Hause aufbricht, fragt sie Schiller, ob er den Sommer nicht bei ihnen verbringen möchte. Und ob er möchte! Und von nun an erwarten ihn die Schwestern täglich mit rauschenden Röcken an der Brücke unterm Schloss.
Es sind unvergessliche Stunden in ihrem gemütlichen Landhaus. Zärtliche Briefe gehen hin und her, und das Wetter ist schön, und Schiller badet in der Saale, lebt gesund wie selten, braucht nur manchmal ein bisschen Opium zum Einschlafen.
Im Dezember 1788 kommt die Anfrage, ob Schiller Geschichtsprofessor in Jena werden will. Als er zusagt, sorgt Minister Goethe - der lieber ohne Konkurrenz in Weimar ist - dafür, dass alles schnell Über die Bühne geht. Anfang Mai 1789 schwingt der Professor sich aufs Pferd, reitet nach Jena und mietet bei den Jungfern Schramm eine gemütlich eingerichtete Wohnung. Seine Antrittsvorlesung, "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?", ist abends um sechs Uhr. Und die Jenaer Studenten strömen nur so in die Universität. Um halb sechs platzt der Hörsaal bereits, und dreihundert Leute stehen noch draußen dicht gedrängt im Flur und auf den Treppen. Also alle raus und rüber ins andere Gebäude am Ende der Straße, ins Auditorium Maximum. Der Lärm ist so gewaltig, dass die Leute an den Fenstern hängen und glauben, irgendwo sei ein Feuer ausgebrochen. Sogar die Wache am Schloss wird unruhig. Was ist? Wo brennt's? Nichts brennt. Alle wollen den berühmten Schiller sehen.