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10. November 2009, 12:48 Uhr

Popstar aus Arkadien

Friedrich Schiller, 250. Geburtstag, Schiller

Dresden: Hier erlebt der junge Schiller ein Liebesdrama© Ute Mahler

Und da steht er nun, der 29-jährige Dichter, wie immer etwas nachlässig gekleidet und die Haare etwas wirr, was ein paar strenge Gelehrte mit Befremden registrieren, aber die Studenten sind neugierig und gespannt. Und Schiller spricht mit Schwung. Er hat nichts mehr vom Räuberhauptmann, der das tintenklecksende Säkulum beklagt. Selbst von seiner stets so besungenen Antike löst er sich und singt das Hohe Lied der Gegenwart, preist dieses bröckelige Deutsch-Römische Kaiserreich, das mehr wert sei als sein schreckhaftes Urbild im alten Rom. Und er lobt die europäischen Staaten, die eine große Familie sein sollten. Die Hausgenossen können einander anfeinden, aber hoffentlich nicht mehr zerfleischen. Das sagt er am 26. Mai 1789. Am 14. Juli stürmen die Franzosen die Bastille.

Die Zeitungen sind bald voll vom Sturm auf das Staatsgefängnis, und Schiller, der Idealist, glaubt sogar an einen Vernunftstaat, wie Kant ihn fordert. In Diskussionen aber hält er sich zurück. Abschaffung des Adels ist kein Thema für Hofgesellschaften, in denen Schiller sich ja immer wieder bewegt, wenn er zu den Freundinnen nach Rudolstadt reitet.

Er hatte das ganze Jahr über an seine beiden Lieblingsfrauen geschrieben. Mal an Lotte, mal an Caroline, meist an beide. Und immer endet er schwärmend: Ich küsse euch hunderttausendmal. Ja, er liebt beide. Wie hatte Charlotte von Kalb abfällig und eifersüchtig gesagt? Schillers Doppelliebe. Und dieses Verhältnis zu zwei Frauen ist der Stoff für den allerschönsten Klatsch.

Als Schiller sich dann doch entscheidet und sich mit Lotte verlobt, ist die Braut eher unglücklich. Sie fühlt sich dem Dichter nicht gewachsen. Wenn er nach Rudolstadt kommt, ist es die Schwester, die überquillt von Geschichten. Und wie glänzend sie erzählen kann. Und alle sehen, dass Schiller in innigen Augenblicken Caroline feuriger küsst als sie. Und so überlegt Lotte denn schon, ihn an die Schwester abzutreten. Da schreibt Schiller ihr: Was Caroline vor dir voraushat, musst Du von mir empfangen; Deine Seele muss sich in meiner Liebe entfalten, und mein Geschöpf mußt Du sein. Schiller als Pygmalion.

Am 22. Februar 1790 heiraten die beiden still, fast heimlich. Das junge Paar will erst mal in der Schrammei bleiben, auch wenn sie kein Zimmer dazumieten können. Und so platzt denn Schillers Wunsch, seine Schwägerin mit in die Mänage zu nehmen. Doch die Schšne mit dem vollen Busen bezieht ein Logis ganz in der Nähe und kommt dauernd zu Besuch. Wenn ich Caroline ansah, Über ihn gelehnt, das Auge schimmernd in Tränen, den Ausdruck der höchsten Liebe in jedem Zuge - ach ich kanns Dir nicht schildern, schreibt Wilhelm von Humboldt, mit dem Schiller sich in Jena angefreundet hat, an seine Verlobte.

Doch langsam gewinnt die sanfte Lotte das Spiel. Sie fordert nicht, sie nervt nicht, sie hört zu, spielt Klavier, liest, ist die Ruhe, die Schiller für seine Arbeit braucht. Sie ist sein Ehe-Ideal aus der "Glocke": Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau... Das ist nicht die Rolle einer Caroline. Die kehrt enttäuscht nach Rudolstadt zurück und wirft sich in eine neue Liaison.

Schiller macht bald eine Reise - beinahe in den Tod. Er bricht jeden Bissen aus - auf dem ersten und dem zweiten Wege. Wenn er Luft holt, glaubt er, die Lunge zerplatzt ihm. Wenn sie ihn aus dem Bett heben und zum Nachtstuhl tragen, füllt er von einer Ohnmacht in die nächste. Er wird purgiert und vomiert, bekommt Blutegel, Brechmittel, Klystiere und Opium in hohen Dosen.

Der Herzog von Weimar lässt sechs Flaschen Madeira liefern - zum Aufpäppeln. Frau von Stein schickt das gute Selterwasser. Und nachts, wenn Charlotte Schiller erschöpft ins Bett fällt, bewachen Studenten ihren Professor. Sie lösen einander ab, kühlen den Fieberkopf, unterhalten ihn, wenn er zu sich kommt, heben ihn hoch, schütteln das Kissen auf. Einer von ihnen ist der junge Baron von Hardenberg. Unter dem Namen Novalis wird sein Held Heinrich von Ofterdingen bald die blaue Blume der Romantik suchen. Schiller zu gefallen, schreibt Novalis, hätte er alles getan. Sein Wort hätte Funken zu Heldentaten in mir geschlagen.

Die Krankheit samt Erholung in Karlsbad kostet 1400 Taler. Das ist mehr, als Schiller sonst in einem Jahr verbraucht. Woher soll er das Geld nehmen? Die Rettung kommt aus Kopenhagen. Der dänische Erbprinz Friedrich Christian ist entsetzt, dass der berühmte Dichter bis zum Umfallen arbeiten muss, um leben zu können. Und so etwas kommt vor im Zeitalter der Aufklärung! Schiller erhält aus der Dänischen Staatsschatulle von 1792 bis 1794 jährlich 1000 Taler.

Ich erhalte endlich die so lange und so heiß gewünschte Freiheit des Geistes, schreibt er, öffnet seine philosophische Bude und beginnt mit der Lektüre der "Kritik der reinen Vernunft" von Immanuel Kant. Bei ihm sucht Schiller Antworten auf die Fragen: Was ist Schönheit? Warum empfinde ich etwas als anmutig? Und was ist das Überhaupt - dichten?

Doch Schiller sitzt nicht nur am Schreibtisch. Er braucht zum Gedanken das Gespräch. Trifft sich abends in der Küche der Schramm-Fräuleins mit ein paar Bewohnern aus dem Haus. Auch Wilhelm von Humboldt kommt oft vorbei, und Lotte kocht, und Schiller sitzt meist im Schlafrock am Tisch. Schiller, sagt Wilhelm von Humboldt, war für das Gespräch ganz eigentlich geboren. Und nie sucht er krampfhaft nach einem Stoff, er überließ es mehr dem Zufall, den Gegenstand herbeizuführen. Aus Frankreich kommt in jenen Tagen eine merkwürdige Ehrung. Monsieur Gille, was Schiller heißen soll, Autor der "Räuber", erhält die französische Staatsbürgerschaft - unterzeichnet vom Revolutionseinpeitscher Danton. Weimars Adel ist pikiert. Für ihn ist französisches Bürgerrecht Banditengesetz!

Das ist es für Schiller natürlich nicht. Oder noch nicht. Noch hat er nur Probleme mit der großen Parole Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Gleichheit? Kann er sich nicht recht vorstellen. Freiheit ja. Die galt für ihn immer. Und alle Menschen werden Brüder ... ja. Aber nicht gleich. Und seine Sympathie für die Revolution endet, als Ludwig XVI. unter der Guillotine sterben soll.

Da will Schiller sich einmischen. Will den König verteidigen. Fragt seinen Freund Humboldt, ob der ihn nicht begleiten kann. Ja, nach Paris. Er möchte seine Verteidigungsrede im Konvent halten. Im Nationalkonvent? Schiller? Vielleicht noch mit der blau-weiß-roten Kokarde am Hut? Sieht er sich tatsächlich im dampfenden Kessel Paris neben Danton, Robespierre und Saint Just, den Schlächtern der Revolution, Ludwig XVI. verteidigen? Er, der in Jena kaum sein Zimmer verlässt, weil er nicht weiß, wann die nächste Kolik kommt?

 
 
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