
Rudolstadt: Hier liebt Schiller Charlotte und Caroline© Ute Mahler
Der König wird am 21. Januar 1793 auf dem Schafott enthauptet. Da schreibt Schiller an Körner: Ich kann seit 14 Tagen keine französischen Zeitungen mehr lesen, so ekeln diese elenden Schinderknechte mich an.
Lotte Schiller ist schwanger. Ein Sohn wird geboren. Jubelbriefe werden verschickt. Der muntere Knabe, schreibt Schiller, soll ein Federheld werden, damit er den zweiten Theil zu den Werken schreiben kann, die sein Vater anfieng, und, wenn Gott will, noch anfangen wird. Der Knabe wird aber einmal Oberförster in Lorch. Eines Abends im Hochsommer hören Goethe und Schiller einen Vortrag in Jena. Es ergibt sich, dass sie zusammen rausgehen. Man grüßt sich, obwohl Goethe den Schreiber der "Räuber" nicht mag: Schiller war mir verhaßt. Und Schiller mag den arroganten Goethe, der stocksteif wie ein Gott durch Weimar wandert, auch nicht: Ich betrachte ihn wie eine stolze Prüde, der man ein Kind machen muß, um sie vor der Welt zu demütigen.
Nun spazieren sie gemeinsam ein Stück Über den Marktplatz, vertieft in Goethes Lieblingsthema: die Metamorphosen der Pflanzen. Und als Schiller ihn sanft kritisiert, hat Goethe eigentlich die Nase schon wieder voll. Aber dann ist er doch gefangen, denn Schiller ist so charmant, so liebenswürdig und so klug, dass er ihm lange zuhört. Und so ist denn dieser 20. Juli 1794 der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft.
Schiller weiss, dass Goethe seit 15 Jahren nur noch ein Denkmal ist, dass er einen Antreiber braucht, und Goethe ist beglückt, als der Feuerkopf ihm sagt: Es ist hohe Zeit, daß ich für eine Weile die philosophische Bude schließe. Er lädt Schiller nach Weimar ein. Der nimmt mit Vergnügen an, hat nur eine Bitte: Er muss unabhängig sein. Niemand darf mit ihm zu bestimmten Zeiten rechnen. Wegen seiner Krämpfe, die ihm nachts keine Ruhe lassen, braucht er den ganzen Morgen zum Schlafen. Er möchte wie ein Fremder behandelt werden, auf den keiner achtet. Die Ordnung, schreibt er, die jedem andern Menschen wohl macht, ist mein gefährlichster Feind. Und dann kommt der Satz: Ich bitte bloß um die leidige Freyheit, bey Ihnen krank seyn zu dürfen.
Goethe antwortet: Eine völlige Freiheit nach ihrer Weise zu leben werden Sie finden. Das muss man sich mal vorstellen: Goethe, der alle Unordnung hasst, der um jeden Leidenden einen Bogen macht, der ewig Angst hat, sich anzustecken, stimmt zu, dass ein Kranker seinen Tagesablauf durcheinander bringt.
So zieht Schiller denn ins prachtvolle Haus am Frauenplan, das im Saft der Antike steht. Salve für Juno, Nike, Zeus und Schiller. Die beiden Dichter speisen und plaudern zusammen, Goethe erzählt von seiner Farbenlehre, Schiller vom angefangenen "Wallenstein". Dann besprechen sie das Horen-Projekt, ein Literaturmagazin, das Schiller herausgeben wird. Was könnte da von Goethe gedruckt werden? Der holt gleich die "Römischen Elegien" und liest Schiller daraus vor: Uns ergötzen die Freuden des echten nacketen Amors/ Und des geschaukelten Betts lieblicher knarrender Ton...
Da schreibt Schiller an Lotte, seine Maus: Er las mir seine Elegien, die zwar schlüpfrig und nicht sehr decent sind, aber zu den beßten Sachen gehören, die er gemacht hat. Zwei Wochen leben die beiden aufs Engste zusammen, und ihr Verhältnis nimmt fast intime Formen an: ich bin Ihnen nahe mit allem, was in mir lebt und denkt, schreibt Schiller. Und Goethe antwortet: Leben Sie wohl und lieben Sie mich, es ist nicht einseitig.
Goethe zieht nun für Monate nach Jena. Er will Schiller nah sein und besucht ihn jeden Nachmittag gegen vier. Tritt schweigend ein und setzt sich. Manchmal krabbelt der Goldjunge ein wenig auf dem Olympier herum, aber Lotte nimmt den Sohn mit, wenn Tee und Punsch auf dem Tisch stehen und das Gespräch mit Schiller beginnt. Der ist ein unruhiger Geist. Läuft meist im Zimmer herum, denn wenn er sich setzt, sind seine Krämpfe nicht zu ertragen, und wenn er keine Luft mehr bekommt, geht er raus und nimmt ein Medikament. Wenn aber ein Gedanke zu Ende gedacht werden muss, zwingt er sich unter Schmerzen zum Durchhalten.
Ja, Schiller und Goethe sind ein Paar. Und sie beginnen nun, eine Schlacht mit Xenien zu schlagen. Xenie heißt Gastgeschenk, doch was die beiden produzieren, sind verbale Bomben gegen schlechte Autoren, politische Schwärmer, bigotte Geistliche, Kritiker und den Zeitgeist. Und die Beschimpften nennen Schiller und Goethe die Sudelküche von Jena und Weimar, den einen Kants Affen, den anderen einen stößigen Bock. Und als Schiller auch noch Goethes "Römische Elegien" drucken lässt, geht ein Aufschrei durchs Land, und Weimar steht Kopf. Was für ein Niedergang der Sitten. Da wird ja geküsst und geliebt, und Frauen geben sich einfach so hin. Herder meint, die "Horen" müssten nun mit "u" geschrieben werden.
Schiller schreibt seinen "Wallenstein". Steigt Abend für Abend nach dem Essen ins Arbeitszimmer hoch. Sein Bursche hat im Eisenofen Feuer gemacht, hat zwei, drei Äpfel in die Bratröhre gelegt, einen Likör oder Wein bereitgestellt, Kerzen angezündet, und nun stürzt Schiller sich in eine neue Nacht der Unruhe, in seinen widerspenstigsten Stoff, in die hochexplosive Stimmung von Pilsen. Nie hat er mit einem Text so gewütet wie mit diesem. Läuft Über die knarrenden Dielen, denkt nach, liest nach, streicht durch, schreibt neu. Wie will ich dem Himmel danken, wenn dieser Wallenstein von meinem Schreibtisch verschwunden ist.
Im April 1799 ist die Uraufführung in Weimar. Der ganze Hof ist anwesend, und Goethe, der inszeniert hat, kommt während der Vorstellung ein paarmal hochbeglückt in Schillers Loge. Ja, es wird ein Erfolg, die Leute gehen mit, Weimar erwacht zu neuer Kultur, und gefeiert wird im "Elefanten".
Nach hymnischen Kritiken, Glückwünschen des Herzogs, Einladungen bei Hofe, nach Geselligkeiten, Tees und täglichen Besuchen bei Goethe kehrt Schiller im Triumph nach Weimar zurück, und der Herzog erhöht sein Gehalt um 200 Taler.
Goethe ist ganz beglückt. Zusammen werden sie das Hoftheater schmeißen. Er als Direktor, Schiller als Dramaturg. Wie gern gibt er sich wieder ganz in des Freundes Arme. Schiller hat ihn doch gerade erst angetrieben, seinen "Faust" aus der Versenkung zu holen. Und die beiden, die in den letzten Jahren ihr Jahrhundert in die Schranken gefordert haben, beenden es nun gemeinsam.