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10. November 2009, 12:48 Uhr

Popstar aus Arkadien

Friedrich Schiller, 250. Geburtstag, Schiller

Jena: Schillers Arbeitszimmer unterm Dach mit Stehpult© Ute Mahler

Goethe bittet Schiller, Silvester 1799 auf 1800 mit ihm zu verbringen. Nur sie beide. Allein. Ein Gläschen Punsch soll der warmen Stube zur Hilfe kommen, ein frugales Abendessen steht nachher zu Befehl. Und Schiller, der schon wieder am nächsten Stück sitzt, schreibt zurück, dass er nach sechs Uhr kommen wird. Bis dahin will ich suchen, einen meiner Helden noch unter die Erde zu bringen. Es ist der arme Mortimer, der Maria Stuart liebt, verraten wird und sich bei seiner Verhaftung ersticht. Und Goethe antwortet, Schiller soll sich in einer Sänfte zu ihm tragen lassen, damit er sich nicht erkältet.

Und da sitzen sie nun, die zwei größten Dichter der Deutschen, Freunde, die sich immer gesiezt haben. Goethe leger im Hausrock und Schiller auch recht zwanglos, sitzen zu zweit und ins Gespräch vertieft. Nach Mitternacht trennen die beiden sich herzlich an der Haustür, und Goethe schreibt dem Freund am 1. Januar, wie froh er gewesen sei, mit Schiller das Jahrhundert zu schließen.

Schiller schreibt nun im Akkord. Nachts vergräbt er sich und arbeitet bis in die frühen Morgenstunden gegen seine Lebensuhr an, beendet "Maria Stuart", beginnt "Die Jungfrau von Orleans": Kriegsgebrüll, Trompeten, Fahnen, Blut und Leichen - wie ein Orkan fegt seine Johanna übers Schlachtfeld.

Und Herzog Carl August jubelt: Die betrübte deutsche Sprache ist in die schönste Melodie gezwungen. Und doch wird das Stück nicht in Weimar uraufgeführt, sondern in Leipzig. Warum? Weil nur Karoline Jagemann, die Geliebte des Herzogs, die Rolle hätte spielen können. Aber sie - eine Jungfrau? Das Publikum hätte sich totgelacht und aus dem romantischen Trauerspiel eine Komödie gemacht.

Für die nächsten Wochen und Monate stockt die Produktion, denn Schiller hat ein Haus an der Esplanade gefunden. Er ist jetzt 42 und gibt sich noch acht Lebensjahre. Bis 50 will er durchhalten für all die Theaterpläne, die in seiner Schublade liegen. Wenn Lotte mit den Kindern bei der Mutter ist, kümmert Schiller sich um alles. Lässt neue Dielen legen, das harte Sofa mit Pferdehaar polstern und die alten Tische frisch furnieren.

Eines Tages klingelt ein Bote des Herzogs an der Tür und Überreicht dem Dichter eine Schatulle: den Adelsbrief, auf den seine Frau seit Jahren hofft. Lolo ist jetzt recht in ihrem Element, da sie mit ihrer Schleppe am Hofe herumschwänzelt, schreibt Schiller an Humboldt.

Für sein nächstes Stück, für "Wilhelm Tell", setzt Schiller auf Massenszenen und wildromantische Natur. Er fing damit an, alle Wände seines Zimmers mit Specialkarten der Schweiz zu bekleben, schreibt Goethe, der ihm den Stoff geschenkt hatte. Und Schiller ist sicher, dass sein Stück Über freie Bürger und den Mut des Einzelnen gegen seine Unterdrücker, den Apfelschuss und die Bestrafung in der hohlen Gasse - es führt kein andrer Weg nach Küßnacht -, dass dieses Stück ein mächtiges Ding wird.

Einmal kommt Goethe zu Schiller, als der nicht im Haus ist. Er wartet an dessen Schreibtisch, um mir dieses und jenes zu notieren. Nach kurzer Zeit wird ihm übel, so übel, daß ich endlich einer Ohnmacht nahe war. Der Geruch kommt aus der Schublade. Als Goethe sie öffnet, fand ich zu meinen Erstaunen, daß sie voll fauler Äpfel war. Er kann sich gerade noch ans Fenster schleppen, es öffnen und nach Luft schnappen. Da kommt Charlotte Schiller ins Zimmer und sagt zu Goethe, ihr Mann brauche diesen Geruch, ohne ihn könne er nicht arbeiten.

 
 
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