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10. November 2009, 12:48 Uhr

Popstar aus Arkadien

Die Tell-Premiere 1804 ist ein Succeß, wie noch keins meiner Stücke, schreibt Schiller. Und aus keinem seiner Stücke werden so viele Sätze zu geflügelten Worten: Der kluge Mann baut vor - Früh übt sich, was ein Meister werden will - Die Axt im Haus erspart den Zimmermann - Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt. Goethe hat es so gesagt: Es ist bei Schillern jedes Wort praktisch, und man kann ihn im Leben Überall anwenden.

Schiller quälen Todesgedanken. Er fühlt doch längst, dass er nicht mehr viel Zeit hat. Und der Winter ist so ein düstrer Gast und enget einem das Herz. Dabei will er doch noch so viel schaffen. Hat sich eine lange Liste gemacht mit lauter ungeschriebenen Stücken: Themistokles und Agrippina, Charlotte Corday, die Französin, die Marat erstach, Heinrich der Löwe und Rudolf von Habsburg - Kabale, Mord und Liebe in Frankreich, England, Russland, Zypern, Venedig. Schiller hat die ganze Welt in der Schublade. Als Lotte am 25. Juli 1804 ihr viertes Kind zur Welt bringt, Emilie, liegt Schiller im Nebenzimmer und kämpft mit dem Tod. Die Krämpfe und Koliken sind so schrecklich, dass er vor Schmerzen schreit: Wenn es nur schon aus wäre! In langen Fiebernächten sitzt Heinrich Voß, Sohn des Homer-Übersetzers, an Schillers Bett und reist mit ihm Übers Meer und in südliche Sehnsuchtsländer. Die Adria wird mir zu teuer, sagt Schiller, und Voß erzählt dem Kranken von Cuxhaven, wo es auch schön ist.

Süden, Sonne, Wärme. Er soll wieder nach Italien gehen, lässt er dem ebenfalls schwer kranken Goethe ausrichten. Der hat doch nie glücklicher erzählt als von diesem Land. Und Goethe schickt ihm ein Bündel Reisebeschreibungen und Literatur.

Da ist es wieder, das seltsame Paar. Die Dioskuren, die Sühne des Zeus, die himmlischen Zwillinge vom Olymp. Nicht mehr wie einst stürmische Helden, eher sanft und besorgt. Am 1. März begleitet Voß Schiller von der Esplanade zum Frauenplan, zu Goethe. Wie lange haben sie sich nicht gesehen. Und wie nah sind sie beide dem Tod gewesen. Nun gehen sie langsam aufeinander zu, und beide, so berichtet Voß, beide fielen sich um den Hals und küßten sich mit einem langen herzlichen Kusse, bevor sie ein Wort sagen konnten.

Am 1. Mai geht Schiller ins Theater. Vor der Haustür trifft er Goethe. Sie verabschieden sich nach ein paar freundlichen Worten. Sie werden sich nicht wiedersehen. Als der besorgte Voß den Dichter am Ende der Vorstellung abholen will, sitzt der in seiner Loge mit Schüttelfrost und klappernden Zähnen. Zu Hause trägt man sein Bett ins Arbeitszimmer, stopft ihm Kissen in den Rücken, damit er besser atmen kann.

Und Schiller dämmert dahin, fantasiert, ruft plötzlich: Ist das euer Himmel, ist das eure Hölle? Er möchte die kleine Emilie sehen, seine Jüngste, küsst sie, weint in die Kissen hinein und verliert das Bewusstsein.

Als er erwacht, flößt der Doktor ihm ein Glas Champagner ein, er hat ja kaum noch einen Puls. Lotte kniet an seinem Bett. Schiller sucht ihre Hand. Und sie wird schreiben, dass er sie noch einmal geküsst hat. Ach Gott! Dieß war das letzte Zeichen seines Gefühls für mich. Um halb sechs Uhr abends geht ein Schlag durch Schillers Körper. Sie reiben ihn mit Moschus ein. Es hilft für eine Viertelstunde. Dann folgt der zweite Schlag. Und Schiller stirbt. Es ist er 9. Mai 1805.

Die beiden Ärzte, die den Toten am nächsten Tag obduzieren, sind sprachlos, dass ein Mensch so Überhaupt noch hat leben können. Der linke Lungenflügel ist völlig zerstört, Galle und Milz sind vergrößert, der Darm deformiert, die Nieren fast aufgelöst, das Herz zu einem muskellosen Rest geschrumpft. Doch die Totenmaske zeigt Schiller lebendig, stark, entschlossen - unbesiegbar.

Der Text ist 2005 anlässlich des 200. Todestages von Friedrich Schiller im stern erschienen

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