Popstar aus Arkadien

10. November 2009, 12:48 Uhr

Sein Leben ist so spannend wie seine Dramen. Vor 250 Jahren kam Friedrich Schiller als Sohn eines Offiziers im Marbach am Neckar auf die Welt. Birgit Lahann hat lange für den stern gearbeitet und ein Buch über Schiller geschrieben. Sie folgte den Spuren des Dichters zu den Schauplätzen seines wilden Lebens.

Friedrich Schiller, 250. Geburtstag, Schiller

Der Idealist: der junge selbstbewusste Schiller©

Schiller steigt aus dem engen Feldbett, steht da in seiner dürftigen Bude, die ewig nach kaltem Rauch riecht, sucht zwischen leeren Flaschen, Büchern und Socken seine Sachen zusammen, schwingt sich dann mit Degen und Dreispitz in den Sattel und galoppiert auf Befehl nach Schloss Hohenheim.

Dort staucht ihn Württembergs Herzog Karl Eugen zusammen. Er weiß alles. Weiß, dass Schiller seine aufrührerischen "Räuber" nach Mannheim geschmuggelt hat, weiß, dass die Uraufführung ein Triumph war, fürchtet um Gehorsam und Disziplin und verbietet seinem rebellischen Regimentsmedikus, der da so stolz vor ihm steht, weiterhin Dramen zu schreiben. Ein für alle Mal. Und obendrein gibt's vierzehn Tage Haft.

Da sitzt der 21-Jährige nun eingesperrt in der Stuttgarter Hauptwache und könnte verzweifeln. Wie damals im Gefängnis seiner Jugend. Mit 14 wurde er vom Herzog gegen den Willen der Eltern einkassiert - in die militärische Pflanzschule, diese Sklavengaleere für künftige Führungskräfte. Todtraurig und mit wunder Seele unterwirft der Junge sich sieben Jahre lang dem Drill. Muss sich die Haare pudern, weil der Herzog rote Haare hasst. Und dauernd soll er sich waschen und seine Kleider sauber halten. Er will sich aber nicht waschen. Sollen sie ihn doch Schweinpelz nennen. Ist ihm so egal.

Damals erwacht in Schiller der Dichter mit Sturm und Drang. Nachts schreibt er an seiner Revolte, den "Räubern", und entlädt seine sturmgepeitschte Fantasie. Nachts ist es ruhiger. Und die Aufseher kontrollieren nur in Abständen. Er schmuggelt Kerzen in den Schlafsaal, legt Lehrbücher zum Überdecken seiner Räuber-Szenen bereit und schreibt wild und wolllüstig: Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, und stampft dazu im Rhythmus seiner Worte. Fritz, was ist? Was machst du da? Und schon sitzt Schiller am Bett des Kameraden mit kleckernder Kerze und liest flüsternd die frische Szene vor.

Als Schiller die Schule hinter sich hat und glaubt, endlich frei zu sein, steckt der Herzog den Medizinstudenten ins Regiment von General Augé. Das ist nun wirklich das Allerletzte. Augé ist das Krüppelregiment, sind Invaliden, in Schlachten zusammengeschossen und notdürftig geflickt, verwilderte Gestalten in zerlumpten Uniformen.

Friedrich Schiller, 250. Geburtstag, Schiller

Der Blick auf die Welt-Bühne des Weimarer Schlosses Belvedere©

Nach dem Dienst schreibt Schiller an seinem neuen Stück, an "Fiesko", oder er trifft sich mit alten Schulfreunden im "Ochsen". Da wird gequatscht, gekegelt und vorgelesen, Schach und Karten gespielt. Und natürlich haben die Kerls, die jahrelang nur mit Männern zusammenlebten, nun Lust auf das andere Geschlecht. Aber auch Manschetten vor dem, auf das sie niemand vorbereitet hat. So gehen sie denn erst mal ins Bordell - en companie. Und alle Lust, alles Verlangen, alle Sehnsucht entlädt sich nun in Schillers Lyrik: Deine Blicke - wenn sie Liebe lächeln,/ Könnten Leben durch den Marmor fächeln.

Je tiefer er in den Sog des Schreibens gerät, desto klarer wird ihm, dass er der Schikane des Herzogs entrinnen muss. Er muss weg aus Württemberg. Weiht seinen Freund Andreas Streicher ein, den Pianisten, der verlässlich ist und ihn begleiten wird. Als Streicher ihn am Tag der Flucht abholt, sitzt Schiller versunken zwischen Büchern und Manuskripten, sitzt auf der Erde und schreibt. Wir müssen packen!, sagt Streicher. Die Zeit drängt! Hör zu, sagt Schiller und liest ihm erst mal seine Ode vor.

Als hoch über Stuttgart auf des Herzogs Schloss Solitude für ein rauschendes Fest tausend Kerzen flackern, rollt unten durch die Stadt eine mit zwei Koffern, einem Klavier und der "Verschwörung des Fiesko zu Genua" beladene Kutsche in die Freiheit.

Sie fliehen nach Mannheim, nach Frankfurt, nach Oggersheim. Oft zu Fuß, meist knapp bei Kasse, immer in Angst vor den Spitzeln des Herzogs. Und doch arbeitet Schiller in billigen Gasthöfen lustvoll weiter an "Kabale und Liebe", seiner Luise Millerin. Sie ist seine Rachegöttin, die noch einmal mit dem Herzog abrechnet. Abrechnet mit Korruption, Willkür und zerstörten Lebensläufen. Das Trauerspiel ist die Wirklichkeit.

Abends legt er die Feder aus der Hand, denn er kann nichts mehr sehen, und für Kerzen haben die beiden kein Geld. Doch die Gedanken müssen in Bewegung bleiben, und das geht bei Schiller am besten mit Musik. Wenn es dunkel wird, setzt sich der Freund ans Klavier und improvisiert, und der Mond leuchtet durchs Fenster, und Schiller geht in der Kammer auf und ab und stößt, angefeuert von Streichers Spiel, unvernehmliche, begeisterte Laute aus. Erschöpft und hungrig schlafen sie dann im gemeinsamen Bett ein.

Buchtipp

Buchtipp Birgit Lahann hat 2005 "Schiller: Rebell aus Arkadien" geschrieben. Das Buch ist bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen und kostet 24,90 Euro

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