Nach dem unschönen Abgang von Nikolaus Brender muss sich vom 1. April an Peter Frey als Chefredakteur beim ZDF beweisen. Kolumnist Bernd Gäbler wünscht sich in einem offenen Brief weniger Politik, dafür mehr Journalismus.

Peter Frey ist der neue Chefredakteur vom ZDF© Michael Kappeler/DDP
Lieber Herr Frey, jetzt sind Sie also der von Roland Koch tolerierte Sozialdemokrat. Das ist Ihre Rolle im ZDF-Farbenspiel. Tun Sie erstens sofort alles, um diesen Eindruck zu zerstören. Seien Sie unkonventionell. Schicken Sie ganz unerwartet einen konservativen Reporter zum SPD-Parteitag und Thomas Walde, der als neuer "Roter" in Berlin der Büroleiterin Bettina Schausten an die Seite gestellt wird, zur CDU/CSU-Fraktion. Lassen Sie aus Bayern einen Korrespondenten berichten, dessen Berufung nicht mit der CSU abgekaspert wurde - und überhaupt: Hören Sie damit auf, dass Berichterstatter dem Gegenstand ihrer Berichterstattung nahe stehen. Alle Welt hat in diesen Tagen kritisch über den Vatikan und den verhaltenen Hirtenbrief des Papstes an die irischen Katholiken berichtet - mit einer Ausnahme: Nur der ZDF-Vatikan-Korrespondent Peter Sydow lobte die Klarheit, die Offenheit und die Fähigkeit zur Selbstkritik. Fällt so etwas im ZDF schon gar nicht mehr auf? Dann müssen Sie eben auffällig werden.
Zweitens: Noch ist der "Fall Brender", wie die unerbittliche Intervention Roland Kochs und seines Freundeskreises in die Innereien des ZDF fälschlich genannt wird, keineswegs geheilt. Sie müssen Vertrauen wiederherstellen. Dazu gehört auch, dass das unseligste aller Gremien, der "Programmausschuss Chefredaktion", in dem sich der ZDF-Politikchef vor einer Runde verantworten muss, der zufällig alle Generalsekretäre der Parteien angehören, stillgelegt wird. Neben der zähen Diskussion um die zukünftige Zusammensetzung der ZDF-Gremien sollte ein weiterer Merkposten im Gedächtnis bleiben: Ausgerechnet der für Kultur zuständige Staatsminister hat dafür gestimmt, dass Nikolaus Brender in eigener Sache kein Gehör zu gewähren sei.
Drittens ist Ihre große Baustelle natürlich das Nachrichtengeschäft. Dabei steht das ZDF ja so schlecht nicht da. "heute" und "heute-journal" sind schicker, bunter, lockerer und oft auch boulevardesker als ihr jeweiliges ARD-Pendant - und doch liegt etwas im Argen. Vieles ist brav, gefällig, gewollt, wenig selbstverständlich und wirkt, als buhle man um die Zuschauergunst. Wie ein Pfahl rammt sich der jähe Avantgardismus der Studio-Deko ins Auge, lässt dann die Moderatoren zu Miniaturen werden.
Wozu dienen die sündhaft teuren Animationen, an denen Stunden über Stunden gebastelt wird, die also nie für die schnelle Nachricht taugen? Angeblich sollen komplexe Zusammenhänge so veranschaulicht und besser verständlich werden. Nennen Sie auch nur ein Beispiel für das Gelingen dieser Absicht. In der Regel verführt die aufwändige Grafik nämlich exakt zum Gegenteil: Irreführung durch scheinbare Evidenz. Zum Glück ist der allergrößte Blödsinn, das "Konjunkturbarometer" im Börsenbericht, in dem einfach völlig unzusammenhängende Tendenzen in ein gemeinsames Tortendiagramm gezwängt wurden, inzwischen aufgegeben worden.
Denken Sie viertens stets daran: Parteien sind wichtig, aber Politik-Berichterstattung ist nicht Parteien-Berichterstattung. Parteien sind beschränkt. Ihr Denken ist machtpolitisch überformt. Längst gibt es gesellschaftspolitische Initiativen anderer Natur; Menschen, die solidarisch miteinander leben, die Beispiele schaffen für gute Bildung, Energiesparen und gegenseitige Hilfe, die traditionelle Muster sprengen und Alternativen erproben, die konventionelle Politik nicht anzupacken wagt. Seien Sie darauf neugierig. Schicken Sie Ihre Journalisten und Reporter an die Basis der Gesellschaft, um diese zu untersuchen. Sprengen Sie die hermetische Abgeschlossenheit des ZDF auf dem Mainzer Hügel. Lassen Sie die Frischluft der gesellschaftlichen Bewegungen herein. Verankern Sie eigenwillige Filmsprachen auch im Berichterstattungs-Alltag.
Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.