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26. August 2010, 20:45 Uhr

Vom Ende der Verblödung

Wird das Fernsehen immer dümmer? Sendungen wie "X Factor" zeigen, dass Macher und Publikum ständig neu über die Grenzen verhandeln. Bernd Gäbler entlarvt die Mär der immer blöder werdenden TV-Shows.

 
Medienkolumne, Bernd Gäbler, Sat1,  RTL, X Factor, ProSieben, Privatsender

Bei "X Factor" geht es nicht in erster Linie darum, Kandidaten herunterzuputzen© DPA

Jochen Starke, der Geschäftsführer des Senders RTL 2, hat die Öffentlichkeit vor einigen Tagen überrascht. In einer Pressemitteilung des Senders, in der auch die Trennung von der bisherigen Unterhaltungschefin Julia Nicolas angekündigt wurde, tauchte das Wort "Qualitäts-Management" auf. So etwas gibt es also bei diesem Sender! Dabei gilt doch dessen Programm vielen Kritikern als Synonym für "absonderlich", "unterste Schublade" oder "Unterschichten-Fernsehen". Noch mehr überraschten aber weitere Vokabeln in dieser Pressemitteilung: Von einem "Gespür für Mitgefühl" und "gesellschaftlicher Verantwortung" war da die Rede. Huch! Ist da bei RTL 2 jemand in den Weihwassertopf gefallen?

RTL 2 gefällt das eigene Programm nicht mehr

Nein, der Anlass für die neue Wortwahl war wohl eher die Tatsache, dass einige neue Sendungen weder dem Publikum behagten noch der Werbeindustrie. "Kontrovers" soll das Unterhaltungsangebot von RTL 2 sein, ist aber oft mindestens so bizarr wie die zitierte Pressemitteilung. In "Abenteuer Afrika" geht es vor allem darum, stark übergewichtige junge Teilnehmer vorzuführen. Nicht einmal fünf Prozent der jungen Zuschauer mögen das noch sehen. Noch weniger schauen bei der absolut bescheuert gedachten und gemachten Sendung "Das Tier in mir" zu. Menschen sollen sich Tierherden anpassen, weswegen die Dragqueen Olivia Jones zur Geruchs-Anpassung zunächst einmal mit Kamel-Dung vollgeschüttet werden muss.

Etwas besser eingeschaltet wurde das allerdings extrem langatmige "Tattoo-Attack - Deutsche Promis stechen zu", wo sich Carsten Spengemann oder Alida Kurras Bildchen aussuchen und dann in die Haut stechen lassen. Nun setzt RTL 2 ein Signal: Solche Sendungen seien zu schlecht für das Positiv-Image ("It's fun") des Senders. Das Beklemmende nur: Sie sind eigentlich genauso wie viele andere RTL-2-Formate auch. Also: wenig bedacht, ohne große Sorgfalt zusammen gekleistert, Hauptsache irgendwie "extrem". Das Unwohlsein von RTL 2 an sich selbst zeigt aber auch - es geht nicht immer weiter nur in die eine Richtung, die da heißt: immer lauter, immer "krasser", immer blöder.

Extrem statt kreativ

Dieser Extrem-Wettbewerb ist bisher fast ein Gesetz der angeblichen "Kreativ"-Branche. Gibt es "Big Brother" muss bald "Big Brother XXL" her, egal, ob es nun "Die Alm" heißt oder "Solitary" (beide ProSieben). Wenn es ein "Dschungelcamp" gibt, muss morgen in einer Tierherde gestunken und gefressen werden. Alles was da ist, wird kopiert und dabei "verschärft" - meist dadurch auch noch konstruierter, noch schlimmer. Das ist eine Tendenz bei den Fernsehmachern, aber sie läuft sich tot. In einem anderen Genre, bei der Comedy, musste das schon Ingo Appelt erfahren. Am Ende stand er nur noch auf der Bühne und rief laut: "Ficken, ficken, ficken". Das ließ sich kaum noch weiter treiben.

So ein billiger Extremismus ist auf Dauer auch schlicht erwartbar und ermüdend. Da machen die Zuschauer dann auch nicht mehr mit. Was als "Skandal" starten sollte, landet als Quotendesaster. Die letzte Ausgabe von "Solitary" haben nicht einmal mehr eine Million junge Zuschauer eingeschaltet. Auch die RTL-2-Formate zeigen: Zumindest muss eine andere Attitude her. Das ist wohl gemeint mit "Qualitäts-Management": Die TV-Zuschauer lassen vieles mit sich machen, aber eben doch nicht alles.

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Die Medienkolumne

Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

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