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14. August 2008, 06:33 Uhr

Zu allem entschlossen

Starke Posen erlaubt er sich, starke Sprüche nicht. Und doch scheint klar: Fabian Hambüchen holt in Peking Gold am Reck - auch wenn er heute im Mehrkampffinale einen leichten Rückschlag hinnehmen musste. Wie aus dem süßen Turnfloh ein Kerl wurde - und das deutsche Gesicht Olympias. Von Wigbert Löer

Fabian Hambüchen, 20, beim stern-Shooting vor dem Fangzaun einer Baseballwiese in Wetzlar© Dieter Eikelpoth

Was soll er ihnen sagen, all denen, die nun auf ihn hoffen? Die Olympische Spiele mit magischen Momenten verbinden, mit dem Biss in die Medaille, mit glückseligen Sportleraugen. Er ist der einzige Star unter Deutschlands Gold-Aspiranten. Soll er sie einschwören? Ihnen sagen: Am Reck ist keiner besser! Ich bin in Topform! Ich hole Gold in Peking! Es klänge nicht mal anmaßend. Der Turner Fabian Hambüchen, der an diesem Samstag um 13 Uhr zum ersten Mal in Peking startet, hat viel nachgedacht über diese Frage. Vor vier Jahren in Athen wurde er wie aus dem Nichts Olympia- Siebter am Reck, Deutschlands schnuckeliger Turnfloh, ein Athlet mit Strahlkraft. Er war 16 Jahre alt, niemand hatte etwas von ihm erwartet. Nun ist er 20, er misst noch immer nur 1,63 Meter, einen halben Meter weniger als das Basketball-Idol Dirk Nowitzki. Doch es ist Hambüchen, der der deutschen Olympia-Mannschaft in China ein Gesicht geben wird.

"Ich werde Gold holen", sagt er, "diesen Satz hört von mir niemand." Fabian Hambüchen steht, die Trainingsschrammen überschminkt, die Haare noch nicht auf Olympia-Maß geschoren, auf einer Baseballwiese, wo ihn der Fotograf Dieter Eikelpoth in Szene setzen wird. Links fließt die Lahn, rechts steht die Halle, in der er turnt, seit er fünf ist. Wetzlar, Hessen, grüne Hügel, weiße Wolken. Zehn Wochen bis Peking. "Ich will! Ich werde! Eigentlich finde ich es gut, wenn die Amerikaner so reden." Aber er erlaubt sich das nicht. Zwei Monate später trainiert er mit raspelkurzem Haar im Bundesleistungszentrum Kienbaum in Brandenburg. Die Luft in der Halle ist stickig, Hambüchen hat gerade drei Stunden an Barren, Reck und Ringen hinter sich, Feinschliff. Ist es nun da, das Gefühl, Gold zu holen? Er zögert, sagt immerhin: "Es wird verdammt schwer. Aber mein Bauchgefühl ist gut."

Die neue Vorstellung knallt

Er wägt die Worte ab, weil er weiß, was sie bewirken können. Damals, nach dem siebten Platz in Athen, ließ er sich im Fernsehen bei "Beckmann" zu seiner Freundin ausfragen. Die gebe es nicht mehr, er habe am Telefon Schluss gemacht, antwortete Hambüchen. Es sprudelte einfach so aus ihm raus. "Da war ich noch ein Kind", sagt er heute. Er findet, dass vom süßen Kerlchen mit Löckchen und Harry-Potter-Brille nicht viel übrig geblieben ist. An der Lahn hatte er sich über den Laptop gebeugt, auf dem die Bilder gespeichert wurden. Ein Rambokörper ist auf den Fotos zu sehen, mit Brustmuskeln, die zwei Zentimeter herausstechen. Das Gesicht schaut ernst, manchmal beinahe grimmig. "Geile Fotos", sagte er. Er ist ein 20-Jähriger. Er möchte cool wirken.

Schon im Mai turnte Hambüchen in Topform - und holte in Lausanne seinen dritten EM-Titel am Reck© DPA

Sportlich hat Hambüchen vorgelegt. An den siebten Platz von Athen reihte er drei EM-Titel, 2007 in Stuttgart wurde er gar Weltmeister am Reck. Gleich danach tüftelte er mit seinem Vater, der ihn trainiert, wie sie das Niveau höherschrauben könnten. Das Ergebnis ist ein Rekordprogramm, das Hambüchen erst im olympischen Finale zeigen will. Darin kombiniert er das Markelov-Flugteil direkt mit der gesprungenen Rybalko-Drehung, ersetzt er den Adler durch einen Adler mit halber Drehung. Was hinter diesen Fachbegriffen steckt: Die neue Vorstellung knallt. 48 Sekunden, eine Hatz der Höhepunkte. Hambüchen scheint die Schwerkraft nicht zu überlisten - mit diesem Programm verspottet er sie. Sein Schwierigkeitsgrad liegt bei 7,3. Man weiß von keinem anderen Turner, der mit einer 7,3 in einen Wettkampf ging.

Der Rest ist Kopfsache

Das Reck ist die Disziplin im Geräteturnen, die Zuschauer am meisten beeindruckt. Eine Stange nur, mehr braucht es nicht, dass der Athlet durch die Luft schneidet, mal langsam schwingt, mal Salti schlägt. Doch das Reck ist auch ein tückisches Sportgerät. Die Stange wirkt wie ein Katapult, wenn die Turner zum richtigen Zeitpunkt loslassen. Ihre Kunst nennen sie "die Auslenkung der Stange beeinflussen": Erst speisen sie durch Riesenfelgen Energie ein, lassen sich dann in die gewünschte Richtung feuern, verschrauben den Körper - und packen im Fallen die Stange. Die Hambüchens arbeiten im Training mit einer biomechanischen Messanlage: Der Coach erkennt am Laptop, welche Kräfte der Athlet optimal nutzt. Die beiden Neuerungen sitzen, sagt Fabian, sagt auch sein Vater Wolfgang Hambüchen. Bis zum Reck-Finale wird der Turner die neue Übung 20-mal absolviert haben. Er wird sie beherrschen an jenem 19. August, einem Dienstag. Wenn er sie fehlerfrei präsentiert, müsste das Gold bedeuten. Der Rest ist Kopfsache.

Der Kopfsache allerdings kommt hohe Bedeutung zu. Das sagt Fabians Onkel Bruno Hambüchen, 55, Diplompädagoge und Mentalcoach. In seinem Büro über den Dächern von Krefeld schildert er, "wie wir den Fabian immer stabiler bekommen haben“. Es gehe bei ihm nicht ums Heißmachen. "Wir betreiben Vorbeugung." Der Athlet und sein Berater haben sich schon vor Wochen gedanklich nach Peking versetzt, sind durchgegangen, was alles hineinplatzen könnte in die Operation Olympia. Die Kulisse ist so ein Punkt - die Zuschauer werden ihn nicht tragen wie bei der WM in Stuttgart. Hitze und Luftfeuchtigkeit könnten ihm den Schlaf rauben. Onkel und Neffe haben auch über das gesprochen, was Bruno Hambüchen "Medailleneinplanung" nennt.

Angetrieben hat er sich stets selbst

Du schaffst das, du bist jetzt mal dran, das kann gar nicht schiefgehen - solche Bekundungen sind laut Bruno Hambüchen fatal. "Ich warne Fabian vor solchen Sätzen, weil sie falsche Sicherheit vorspiegeln. So ein olympischer Wettkampf ist nicht vollständig planbar." Und doch, man kann ein Leben auf ein einziges, großes Ziel ausrichten, jedes Jahr und jeden Tag von Neuem. Fabian Hambüchen, Sohn eines Paares aus dem Rheinland, das es beruflich nach Hessen verschlug, hat das getan. Zwar stand ihm früh der perfekte Entwickler zur Seite: sein Vater, der selbst 1980 durch Deutschlands Boykott um seine Olympia-Teilnahme gebracht wurde und der laut US-Trainerinstanz Valeri Liukin als "wahrer Professor des Turnens" gilt. Angetrieben aber hat sich der Sohn stets selbst. "Fürs Turnen", sagt Fabian Hambüchen eher stolz als bedauernd, "habe ich alles andere weggehauen."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 33/2008

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