Timo Boll - der geliebte Rivale

14. August 2008, 14:46 Uhr

Sportheld, Konkurrent und sogar Sex-Symbol: Tischtennisspieler Timo Boll wird in China wie ein Star verehrt - obwohl er der schärfste Widersacher der eigenen Sportler ist. Gerade ist Boll mit der Mannschaft ins Turnier von Peking gestartet. stern.de hat ihn bei seiner Olympia-Vorbereitung beobachtet. Von Alexandra Kraft

Gelungener Start: In Peking gelang Timo Boll zusammen mit seinen Mannschaftskameraden ein guter Auftakt ins olympische Tischtennisturnier

Dass Chinesen das "r" nicht aussprechen können, stimmt nicht. "Borr, Borr, Borr" hallt es an diesem Nachmittag durch die verschwitzte Luft in der "Luoho Sporthalle" der südchinesischen Stadt Shenzhen. Sogar die Sonnenbrillen tragenden Parteibonzen in der ersten Reihe haben sich aus ihren rotsamtigen Stühlen erhoben, einer mit Miniplie stimmt in den Chor ein: "Borr, Borr, Borr!"

In Wahrheit können Chinesen das "l" nicht aussprechen und der Bejubelte heißt Boll, Timo Boll. Kommt aus Deutschland, spielt Tischtennis, ist die Nummer sechs der Weltrangliste. Und soll gleich sein erstes Match beim größten Turnier des Landes, den "China Open", bestreiten. Jetzt steht Boll aber erst einmal winkend in der Halle - eingeklemmt zwischen Tischtennisplatte, Kamerateams und Fotografen. Über das jungenhafte Gesicht des 27-Jährigen huscht ein Lächeln.

Bolls Spiel wird live von "CCTV" im Fernsehen übertragen. Lei Lin, Reporter der Produktionsfirma "Great Sports Media", beobachtet Bolls Auftritt vom Halleneingang aus. Für das Spektakel hat er nur ein Kopfschütteln übrig. "Wissen Sie", sagt er mit viel Abneigung in der Stimme, "als dieser Deutsche beim letzten Mal gegen unseren Ma Lin in Führung lag, haben die chinesischen Zuschauer die Seite gewechselt und für Boll gejubelt." Wieder Kopfschütteln. Dann: "Ich war schockiert. Wie können sie für so einen applaudieren?"

Vor Boll zittern die Chinesen

Einen, der China dort attackiert, wo es besonders schmerzt? Im Tischtennis, dem Volkssport. Der ihnen bei den Olympischen Spielen in Peking die fest eingeplante Goldmedaille streitig machen kann. Vor dem sie zittern, auch wenn er nach einer Rücken- und Knieverletzung in den letzten Wochen manch bittere Niederlage gegen chinesische Spieler einstecken musste. Sie wissen, dass er über das Können und die Nerven verfügt, um die so stolze Nation vor den Augen der Welt zu erniedrigen. Schließlich prägten und dominierten ihre Athleten das Spiel mit dem Zelluloidball über Jahrzehnte. Siege sind im Tischtennis erklärtes Staatsziel. Lin fragt: "Warum jubeln sie für den Ausländer?"

Ihre Sportler verehren die Chinesen. Timo Boll dagegen lieben sie. Bei jedem seiner Auftritte demonstriert er, dass man neben dem absoluten Willen zum Sieg auch Gefühle zeigen kann. Dass man nicht, wie der chinesische Topspieler Ma Lin die Gegner humorfrei aus der Halle hämmern muss. Boll ist das erfrischende Gesicht neben den Tischtennis-Robotern, die mit kaltem und starrem Blick an die Platte treten - und bei denen jede Pleite über ihre Karriere entscheiden kann. So prophezeit der Vertreter des chinesischen Tischtennisverbandes Zhang Xiapeng: "Wenn Ma Lin in Peking kein Gold gewinnt, ist seine Karriere zu Ende." Der Deutsche ist Leistungssportler, weil er es sich ausgesucht hat. Die Chinesen, weil sie dafür ausgesucht wurden.

Nach dem Match sitzt Boll im Restaurant des Shangri-La-Hotels, er sagt strahlend: "Ich fühle mich in China immer sehr wohl." Die Tage in Shenzhen genießt Boll sichtlich. Punkte feiert er mit der nach oben gestreckten linken Faust und einem kleinen Sprung. Für chinesische Spieler gehört sich so etwas nicht. Sie haben auch keine netten Worte für die Fans, nehmen sie für Fotos nicht in den Arm.

Ins Herz schlossen die chinesischen Fans Boll vor zwei Jahren. Damals bei der Weltmeisterschaft in Shanghai hatte er im Achtelfinale gegen Liu Guozheng Matchball. Etwa 25 Millionen Chinesen schauten an den Fernsehern zu, als Guozhengs Return kaum sichtbar die Tisch-Kante auf Bolls Seite streifte. Der Schiedsrichter erklärte den Deutschen zum Sieger. Aber Boll korrigierte die Entscheidung, gab den Punkt zurück - verlor am Ende das Spiel und schied aus. Ohne die erwartete Medaille. Er gewann kein Preisgeld, keine Sponsorenprämien. "Wie hätte ich mich denn über einen solchen Sieg freuen können?", sagt er heute.

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
ritchie (14.08.2008, 16:53 Uhr)
Einer der Größten
Bei uns spielen einige tausend Leute Tischtennis, in China hunderttausende. Das Boll hier dagegenhalten kann ist eine unglaubliche Leistung.
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