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31. August 2011, 09:40 Uhr

Hamburg legt seinen Nahverkehr trocken

Gelage in der U-Bahn, ein Wegbier im Bus? Das ist in Hamburg bald passé. Die Verkehrsunternehmer sagen dem Alkohol den Kampf an und provozieren den Zorn feierfreudiger Nachtschwärmer. Von Mareike Rehberg

Alkoholverbot, Hamburg, HVV, Alkohol, Hamburger Verkehrsverbund, U3, Facebook, Busse, Bahnen

Mit dem Wegbier in der U-Bahn nach Hause - das ist in Hamburg ab September verboten© Bodo Marks/DPA

Ach, was waren sie gemütlich, diese Samstagnächte, in denen das Hamburger Partyvolk kollektiv angeschickert in der U3 hin und her gondelte. Als Steffi und Susa aus der Veddel-Vorstadt morgens um vier Uhr mit abgebrochenem Absatz und verschmierter Wimperntusche, Vogelnest auf dem Kopf und Limo-Wodka-Gemisch in der Hand in die Bahn fielen und sich von St. Pauli bis Hauptbahnhof grölend und jammernd über ihre Verflossenen austauschten. Oder als die Junggesellenabschiedsgesellschaft aus Lüneburg im Takt auf und ab hüpfend "Bier her, Bier her" intonierte und dabei versuchte, nicht das Astra auszukippen.

Aber vorbei, all das wird bald nur noch trübe Erinnerung sein. Denn als erste deutsche Großstadt hat Hamburg ein Alkoholverbot mit Strafandrohung in allen Bussen und Bahnen des öffentlichen Nahverkehrs beschlossen. Ab September muss sich der ehrliche Arbeiter, der auf dem Nachhauseweg einfach nur sein Feierabendbier zischen will, auf freundliche, aber bestimmte Abmahnungen des Sicherheitspersonals gefasst machen. Plakate und Piktogramme erinnern an das Tabu, ab Oktober gibt’s dann kein Pardon mehr. Wer mit Flasche am Hals erwischt wird, muss 40 Euro blechen. Taschen- und Körperkontrollen soll es zwar nicht geben, versichert der Hamburger Verkehrsverbund (HVV), angebrochene alkoholische Getränke sollen die Fahrgäste aber nicht - oder zumindest nicht sichtbar - mit sich herumtragen.

Der Damenkegelclub hat nichts zu befürchten

Was das bringen soll? Christoph Kreienbaum von der Hamburger Hochbahn AG drückt es diplomatisch aus: "Ziel ist die Steigerung des subjektiven Sicherheitsgefühls der Fahrgäste." Außerdem hofft die Hochbahn, dass übler Geruch und Partymüll in den Bahnen weniger werden. Und ob das funktioniert? Ja, glaubt Kreienbaum. "Ich bin FC-St.-Pauli-Fan. Da trinke ich auch mein Bier vor dem Spiel und entsorge die Flasche, bevor ich ins Stadion gehe." Kreienbaum ist sicher, dass sich die Menschen, ähnlich wie beim Rauchverbot, an die neue Regel gewöhnen und einsichtig zeigen werden.

Außerdem, so Kreienbaum zu stern.de, sei das Sicherheitspersonal dazu angehalten, je nach Situation zu entscheiden und die Leute anzusprechen. Wenn sich die Damen des Kegelclubs aus der Provinz in der S-Bahn ein Gläschen Piccolo genehmigten, würden sie ermahnt, aber nicht gleich zur Kasse gebeten - sofern die Frauen den Sekt gleich entsorgen. Auch Geschmacks- oder Geruchsproben verdächtiger Flüssigkeiten hätten die Fahrgäste nicht zu befürchten. Eines ist jedoch auch den Verkehrsunternehmen klar: Wirkliche Gefahr geht nicht von Leuten aus, die in 15 Minuten Bahnfahrt ein Bier trinken. Gewalttätig werden meistens die, die schon betrunken und aggressiv einsteigen.

Protest gegen "Bevormundung der Bürger"

Die Gegner des Alkoholverbots lässt die differenzierte Betrachtung des Problems ohnehin kalt. Zahlreiche Anti-HVV-Gruppen haben sich bereits auf Facebook gebildet, die größte von ihnen ruft zum "HVV-Abschiedstrinken" am 30. September auf - einen Tag später wird für den verbotenen Alkoholkonsum in Bus und Bahn die Geldstrafe fällig. Knapp 5200 Feierwillige haben sich bisher zum fröhlichen öffentlichen Trinken angemeldet, einer früher angekündigten, aber bereits gelöschten Veranstaltung sagten sogar 19.000 Menschen zu. Auf Sicherheitskräfte und Polizei dürfte also einiges an Arbeit zukommen. Die entsprechenden Stellen reagieren aber noch besonnen auf den Massenaufruf - man werde Facebook "beobachten", heißt es unisono bei HVV und Polizei.

Doch während Hamburgs Nachtschwärmer noch gegen die "Bevormundung der Bürger" protestieren, könnte die Strategie auch anderswo Schule machen. Hat das Alkoholverbot in Deutschlands zweitgrößter Stadt Erfolg, so würde beispielsweise auch die Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) eine ähnliche Regelung in Betracht ziehen. Der übergeordnete Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) lehnt ein striktes Verbot dagegen ab. Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) könnte sich ein Verbot vorstellen, auch die Deutsche Bahn beobachtet das Hamburger Projekt mit Interesse. Bisher schließt sie aber ein generelles Alkoholverbot in ihren Zügen aus. Seit Anfang Juli läuft zudem im Hauptbahnhof von Hannover ein Pilotprojekt: Dort haben sich die Geschäfte freiwillig verpflichtet, drei Monate lang freitags und samstags von 22 bis 6 Uhr keinen Alkohol zu verkaufen.

Im Ausland ist das Verbot alkoholischer Muntermacher längst nicht so umstritten wie hierzulande. In Londons "Tube" dürfen Hochprozentiges, Bier und Wein ebensowenig konsumiert werden wie in Moskau, Athen, Budapest oder Washington. Apropos Amerika: Da gilt seit Jahrzehnten in vielen Bundesstaaten ein absolutes Alkoholverbot auf Straßen und in öffentlichen Anlagen. Was zu den in den USA mittlerweile alltäglichen Szenen führt, in denen Jugendliche und Erwachsen ihren Drink verkleidet in braunen Tüten aus dem Liquor Store zu sich nehmen.

Bionade-Trinker statt Gerstensaftliebhaber

In Deutschland hatte die Idee der Abstinenz ein Bahn-Konkurrent angestoßen: In Zügen der niedersächsischen privaten Eisenbahngesellschaft Metronom dürfen die Reisenden bereits seit November 2009 nicht mehr bechern. Seitdem freut sich der Bahnbetreiber über sauberere Waggons und weniger Ärger mit angetrunkenen Fahrgästen. Allerdings, gibt eine Sprecherin zu bedenken, könne man Metronom und HVV nur schwer miteinander vergleichen, schließlich seien Bahnreisende länger unterwegs. Läuft es aber gut für den HVV, so sitzen in ein paar Monaten in der Nacht von Samstag auf Sonntag nur noch Reclamheftchen-lesende Bionade-Trinker in der U3. Frische Luft ist für Besoffene mit Buddel in der Hand ohnehin viel gesünder.

mit Agenturen
 
 
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