17. Januar 2008, 15:16 Uhr

Die letzten Krieger

Ihr Ruf könnte nicht schlechter sein: gewalttätige Grizzlies auf Motorrädern. Doch die Hells Angels sind Teil der Zeitgeschichte. Dieses Jahr feiern sie in den USA ihr 60-jähriges Bestehen. Wie aus ein paar kalifornischen Rockern eine weltumspannende Organisation wurde. Von Kuno Kruse

"Da meinen die Idioten, sie müssten ihren Balkankrieg hier weiterführen", sagt Angel Uli. Der Riese ist schwer geworden, seit ihm eine Kugel die Bauchspeicheldrüse zerfetzt hat. Der Schütze hat seinen Zorn nicht überlebt©

Wenn es nach Benzin stinkt und verbranntem Gummi, und der stotternde Bass ihrer V-Zweizylinder die Luft vibrieren lässt, erscheinen die Hells Angels wie das letzte Aufgebot der großen Rebellion gegen das Spießbürgertum. Übrig geblieben und doch von gewaltiger Kraft.

Und nun machen Kämpfe der Rocker-Clubs gegeneinander Schlagzeilen. In Münster stehen in diesen Tagen zwei Mitglieder der verfeindeten Bandidos vor Gericht, beschuldigt, einen Motorradkonstrukteur in Ibbenbühren ermordet zu haben, nur weil er Mitglied der Hells Angels war. Vor allem in Berlin und Brandenburg gerieten Bandidos und Hells Angels im vergangenen Jahr immer wieder aneinander.

Der Krieg zwischen Bandidos und Hells Angels begann in den 90ern in Skandinavien. Doch die Rivalität ist so alt wie die Clubs selbst, die beide ihren Ursprung in Amerika haben, die einen in Texas, die anderen in Kalifornien. Wer aber sind die Hells Angels?

Brutale Außenseiter

60 Jahre gibt es den Club mit dem rot-weißen Schriftzug und dem "patch" (Aufnäher) mit dem "deadhead", dem geflügelten Totenkopf. Doch die Geschichte der Rocker beginnt bereits 1947 in Hollister, einem kleinen Nest in Kalifornien, 5000 Einwohner, die Hälfte sind Mexikaner.

Es ist ein heißer Julitag. 4000 Biker laufen auf ihren Enfields und Harleys zu Rennen und Party ein, viel Bier, ein paar Raufereien, drei Schwerverletzte bei riskanten Stunts. Polizeitruppen rücken an. Und Reporter. Zuerst Festnahmen wegen Trunkenheit und öffentlichem Urinieren. Am nächsten Tag Knüppeleinsatz. Ein gestelltes Foto im Life-Magazin, ein hindrapierter Kern, so volltrunken wie vollleibig, auf einem Motorrad, umstellt von leeren Bierflaschen. Ein Bild, das Amerika erschüttert. Der Chefredakteur der Biker-Zeitschrift "Motorcyclist" entschuldigte sich, nur ein Prozent der Motorradfahrer benehme sich wie diese Kerle. Seither nennen sich die unfügsamen Biker "Outlaw Racer" und tragen eine Raute an der "Kutte", wie sie ihre Westen nennen. Darauf steht: "1%".

Geburt der Angels

Neue "outlaw-chapter", Klubs, entstehen. Einer davon 1948 in San Bernadino: die Hells Angels. Statt "chapter" nennen sie sich "charter". Auch diese sind von einer Gruppe Kriegsveteranen gegründet worden, darunter Flieger der 303. U.S.-amerikanischen F 17 Bomber-Staffel. Diese hatten sich noch während des Krieges, nach einem alten Howard Hughes Film, Hells Angels genannt. Der Schriftzug "Hells Angels" zierte Flugzeuge, die während des zweiten Weltkrieges Bomben auf Deutschland abwarfen. Den geflügelten Totenkopf steuerte die 366-BF-305 Fliegerstaffel bei.

Das patch mit dem geflügelten Totenkopf, das Zeichen der Angels. Die Schrift, immer rot auf weiß, sagt aus welchem Land und welcher Stadt sie kommen©

Nach dem Krieg haben viele Veteranen die warme Sonne Kaliforniens für sich entdeckt und steigen auf Motorräder. Sie wollen Spaß, Bier, Rennen und Kameradschaft. Aus den "brothers in arms" (Kriegskameraden) werden Brüder auf Rädern.

Die Biker werden berühmt

1953 entdeckt auch Hollywood die Biker. Marlon Brando ist jetzt: "Der Wilde". Der Film-Plot: Eine Gruppe unbändiger Jungen in Lederjacken fällt auf Motorrädern zur spontanen Party in ein Western-Nest ein, in dem nur eine Musikbox den Anschluss an das 20. Jahrhundert verrät und sehnsüchtige Mädchen in Langeweile ersticken. Eine zur Lynchjustiz angestachelte Kleinbürgerwehr jagt den Anführer, in den sich das schönste Kind der Stadt längst verliebt hat. Die "Halbstarken" sind geboren.

Knapp zehn Jahre nach der Gründung der Hells Angels gelingt es dem jungen Lagerarbeiter Sonny Barger aus Oakland, dessen Motorrad-Gang den Namen kopiert hatte, tatsächlich von den Veteranen anerkannt zu werden. Bargers Club in Oakland verwandelt die Hells Angels in eine wilde Gang auf polierten Harleys, umweht von Schweiß-, Öl- und Bierfahnen. Kerle, die zum Duschen einfach durch den Regen rasen. Sie sollen wie kein anderer Biker-Club zur Legende werden. Gleichzeitig entsteht ein Hells-Angels-Charter auf der anderen Seite der Bay Bridge in San Francisco.

Rock und Rocker gehören zusammen

Wieder hilft Hollywood, den Mythos weltweit zu verbreiten. Die Hells Angles selbst, Sonny Barger an der Spitze des Motorradgeschwaders, präsentieren sich 1967 in einem Rocker-Film mit Jack Nicholson: "Hells Angels on Wheels". Im selben Jahr rasen auch Nancy Sinatra und Peter Fonda als "The wild Angels" über die Leinwand. Zwei Jahre später sieht man Nicholson auf dem Sozius von Peter Fonda und Dennis Hopper. Der "Chopper" mit der langen Gabel wird für Rocker über Jahre stilbildend, doch der Film "Easy Rider" bleibt für die Hells Angels ein Ärgernis. Statt einer Bruderschaft zeigt er zwei motorisierte Hippies auf Egotrip. Jimi Hendrix, der ein Lied zum Film beigesteuert hatte, schreibt jetzt auch einen Song für die Hells Angels. Er heißt Ezy Rider.

Anfangs haben die Angels aus Oakland noch auf Anti-Vietnamkriegs-Demonstranten eingeprügelt. Doch die Hells Angels in San Franzisko sind längst vom Zeitgeist der 68iger eingefangen. Rock und Rocker gehören nun zusammen. Eric Burdon, Donovan, Canned Heat, Janis Joplin, längere Zeit mit einem Hells Angel liiert, alle singen ihnen Lieder. Die Gruppe Greatful Dead lebt mit den Angels im selben Viertel und engagiert sie immer wieder als starke Begleiter.

Der Tote auf dem Stones-Konzert

Auch auf dem Altamont Free Concert 1969 in Kalifornien, der Antwort der Band auf Woodstook, sind Hells Angels als Ordner engagiert. Honorar: 500 Liter Bier. Sie hängen vor und auf der Bühne. Hitze, Drogen, Alkohol, dann Schlägereien, als ein paar Hippies auf die Motorräder der Rocker klettern, Angels mit Knüppel und ein wütender Faustschlag gegen den Sänger von Jefferson Airplane.

Jefferson Airplane und auch Crosby, Stills, Nash and Young sind längst von der Bühne. Die Stones aber lassen die Fans jetzt stundenlang in der Gluthitze stehen. Hofften sie auf den besonderen Lichteffekt einer untergehenden Sonne, wie Angel-Präsident Sonny Barger vermutete? Oder warteten sie wirklich noch immer auf den von Flugangst geplagten Bassisten Bill Wyman, der im Stau stand, wie Mick Jagger später erklärt?

Abends endlich: Die Rolling Stones. Fans klettern immer wieder auf die niedrige Bühne und werden von den Angels zurückgeschubst. Mick Jagger singt gerade "Under My Thumb". Der 18-jährige Schwarze Meredith Hunter richtet auf "speed" eine Pistole auf den Jagger. Der 21-jährige Alan Passaro hechtet auf den Schützen und sticht fünfmal zu. Vor Gericht wird er freigesprochen: Notwehr. Seitdem aber haftet das Killerimage an dem Motorradclub. (Dokumentarfilmer haben den Moment Konzertfilm Gimme Shelter festgehalten.) Passaro soll danach christlicher Prediger geworden sein. Man kann ihn nicht mehr fragen, er ist 1985 ertrunken.

Die deutschen Angels

Auch in Deutschland, vor allem in Hamburg, wuchsen Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahren die "Halbstarken" heran. "Die Rocker kamen aus proletarischen Stadtteilen, wie Hamburg Horn, Barmbek und Harburg, dorther, wo Gewalt niemandem fremd war", sagt Wolf Kemper, Sozialwissenschaftler an der Universität Lüneburg und Rocker-Experte. In Zimmermannshosen saßen sie auf ihren NSU und Zündapps, später dann auf einer großen Triumph, BSA oder BMW. Sie trafen sich in Parks und rebellierten gegen das Schild an den Tanzbars: "Eintritt für Jugendliche in Lederkleidung verboten". Diese nähte, mit Schlaghose und Nieten, Schneidermeister Paulsen im Hamburger Hafenarbeitviertel Veddel.

1972 tritt in dem Kult-Film "Die Rocker" von Klaus Lemke der Hamburger Motorrad-Club "Bloody Devils" auf. Ein Jahr später bildet er den ersten deutschen Charter der Hells Angels. Ein Mitglied der Bloody Devils, genannt Blues, ist in Kalifornien vorstellig geworden.

Im aktuellen stern...

Im aktuellen stern... ... berichten Reporter Kuno Kruse und Fotograf Jens Gläscher über die Hells Angels in Deutschland. Monatelang haben die beiden auf Harley-Treffen, in Biker-Kneipen, auf Clubpartys in Motorradwerkstätten, Tattoo-Studios und Bordellen recherchiert. Mit einem überraschenden Ergebnis: Die modernen Hells Angels sind weitaus bürgerlicher als ihr Ruf.

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KOMMENTARE (10 von 11)
 
guzziman (21.01.2008, 11:18 Uhr)
Ach ja...
den anderen kann ich übrigens nur voll zu stimmen.
P.S.:
Abgelehnte und gelöschte Kommentare könnt ihr hier veröffentlichen: xxxx://kommentarabgelehnt.blog.de/
guzziman (21.01.2008, 10:43 Uhr)
@DocTerrible
Oh, mann, was DU alles verpasst hast.... :-))
Daisan (20.01.2008, 12:45 Uhr)
@Doc Terrible
schon mal gedacht, daß kein Mensch dem anderen gleicht? Wieso scherst Du jeden der ne Kutte trägt über einen Kamm?
Wirst es nicht glauben aber die meisten haben einfach Spaß an ihrem Moped und an der "togetherness" und gehen "neben" der Freizeit einem Beruf nach (Facharbeiter, Werkzeugmacher, Mechaniker nicht wenige...)
Und schlimme Finger gibts in jeder Schicht der Gesellschaft, das ist kein spezielles Problem auf Biker beschränkt.
Die schlimmsten sind die "Herrschaften" in Politk und Wirtschaft, die das Gesetz in ihrem Sinne verbiegen um die Leute auszuplündern und zu entrechten (Erpressung durch Arbeitslosigkeit und die ach so mildtätige Hilfe durch "Hartz IV" - bezeichnend daß dies den Namen eines rechtskräftig verurteilten Verbrechers trägt).
Aber wie heißt´s so schön:
Glückliche Sklaven sind erbitterte Feinde der Freiheit...
VanLinden (20.01.2008, 04:47 Uhr)
@DocTerrible
Tja Doc, hört sich so an als seist Du mal irgentwann bei den Angels abgeblitzt und lässt jetzt hier Deinen Frust raus. Ich kenne hier in Hannover auch eine Menge Angels und das sind alles nur geile Typen auf alle Fälle haben sie dafür gesorgt das hier am hannoverschen Kiez Ruhe und Ordnung herrscht, wie Bernd auch schon geschrieben hat. Leider bin ich ein alter Sack von knapp 59 Jahren sonst wär ich wohl auch dabei. Freiheit, ja das leben die Angels aus und innerhalb der Gemeinschaft gibt es eben Regeln die hart aber auch fair sind, wer sich nicht dran hält ist raus. Für viele sind die Angels auch ein Familienersatz und das schönste ist, die fühlen sich da wohl. Das Bild das die Sensationspresse von den Angels versucht hat zu erstellen kann höchstens noch Oma und Opa schocken, ich weiss aus eigener Erfahrung das die Angels reichlich Sympathisanten in allen Bevölkerunfsschichte haben, und das ist gut so. Meinen Respekt haben die Angels auf alle Fälle.
Gruß VanLinden
BAERbeli (19.01.2008, 20:47 Uhr)
@DocTerrible
Du machst deinem Namen alle Ehre! Dein Komentar ist "terrible"! Du bist doch auch nur einer von denen, die schreiben, ohne vorher zu denken oder zu lesen, denn das, was du in deiner mail schreibst, zeugt eindeutig von Unwissenheit und Vorurteilen.
DocTerrible (19.01.2008, 18:33 Uhr)
Mir kommen gleich die Tränen...
Rocker als Kämpfer gegen das Spießbürgertum und für die Freiheit, da muß ich was verpasst haben. Clubleben besteht aus Saufen, Koksen, sich gegenseitig anschnorren, und der jämmerliche Versuch, eine Aura der Gefährlichkeit um sich herum aufzubauen. Das ist wichtig, wenn man sonst schon nichts Nennenswertes hinbekommt im Leben. Und der böse Staat verfolgt die unschuldigen Rocker aus purer Lust am Quälen, obwohl doch jeder weiß daß kein einziger Club Waffen hortet, daß kein Club die Nähe zum Rotlicht sucht, absolut niemand jemals was mit Drogen zu tun hatte, und überhaupt nie jemand aus Suff, zur Diszplinierung oder sonstigen faulen Ausreden Gewalt angewendet hat. Komisch, daß fast jeder Club ständig Member im Knast hocken hat. Alle unschuldig, vermutlich.
"Respekt" ist das, was jeder Biker sucht. Das mag seine Gründe haben. Ich sag euch eins: ihr seid von der Freiheit weit entfernt, schaut euch mal eure Clubregeln an. Ihr müsst euch Respekt erprügeln, erkoksen oder ersaufen. Hut ab, sag ich da...
Turmfalke (19.01.2008, 16:14 Uhr)
@guzziman
Dann müsste die Schafherde aber denken und das liegt ihr nicht, lieber trotteln sie verstaubten Politikern nach.
bernd1 (18.01.2008, 19:16 Uhr)
bernd
es ist supi beitrag muss aber eins zufügen finde es einfach scheisse von der polizei das sie immer wieder verfolgt werden
in hannover ist es einfach super auf dem kizz geworden seid die sngels da sind es KÖNNEN ENDLICH FRAUEN ALLEINE DORT HINGEHEN ohne angemacht zu werde
dafür ein dank an die angels
guzziman (18.01.2008, 16:01 Uhr)
Gut gemachter bericht.
Ein Lob an den Stern. Ich bin selber seit 29 Jahren in der Rockerszene und kenne diese daher sehr gut. Seit 29 Jahren führe ich meine eigene, perönliche Demo gegen dieses Spiessbürgertum in unserem Land. Deswegen kann ich über die ganze Sch...e die hier abgeht auch nur lachen. Hätten die Deutschen Normalbürger (also 99% ;-)) nur ein bisschen Arsch in der Hose, würden unsere Berliner Politiker heute von Hartz VI leben müssen.
Die Faust zum Gruß im Wind, Ein Rocker.
Think-Smart (18.01.2008, 13:49 Uhr)
Toller Beitrag
Schöne Dokumentation, wie unser Staat, grundsätzlich und schon immer, jegliche gesellschaftlichen Außenseiter zu Gesinnungs- und Staatsfeinden erklärt.
Tatsächlich sieht ein Großteil der Deutschen in jenem "Werner Milieu" eine mentale Insel, den Schlagring und Aufschrei gegen das reglementierende Rechtssystem, wie ein Geistesfick.
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