Ihr Ruf könnte nicht schlechter sein: gewalttätige Grizzlies auf Motorrädern. Doch die Hells Angels sind Teil der Zeitgeschichte. Dieses Jahr feiern sie in den USA ihr 60-jähriges Bestehen. Wie aus ein paar kalifornischen Rockern eine weltumspannende Organisation wurde. Von Kuno Kruse

"Da meinen die Idioten, sie müssten ihren Balkankrieg hier weiterführen", sagt Angel Uli. Der Riese ist schwer geworden, seit ihm eine Kugel die Bauchspeicheldrüse zerfetzt hat. Der Schütze hat seinen Zorn nicht überlebt© Lutz Schelhorn
Wenn es nach Benzin stinkt und verbranntem Gummi, und der stotternde Bass ihrer V-Zweizylinder die Luft vibrieren lässt, erscheinen die Hells Angels wie das letzte Aufgebot der großen Rebellion gegen das Spießbürgertum. Übrig geblieben und doch von gewaltiger Kraft.
Und nun machen Kämpfe der Rocker-Clubs gegeneinander Schlagzeilen. In Münster stehen in diesen Tagen zwei Mitglieder der verfeindeten Bandidos vor Gericht, beschuldigt, einen Motorradkonstrukteur in Ibbenbühren ermordet zu haben, nur weil er Mitglied der Hells Angels war. Vor allem in Berlin und Brandenburg gerieten Bandidos und Hells Angels im vergangenen Jahr immer wieder aneinander.
Der Krieg zwischen Bandidos und Hells Angels begann in den 90ern in Skandinavien. Doch die Rivalität ist so alt wie die Clubs selbst, die beide ihren Ursprung in Amerika haben, die einen in Texas, die anderen in Kalifornien. Wer aber sind die Hells Angels?
60 Jahre gibt es den Club mit dem rot-weißen Schriftzug und dem "patch" (Aufnäher) mit dem "deadhead", dem geflügelten Totenkopf. Doch die Geschichte der Rocker beginnt bereits 1947 in Hollister, einem kleinen Nest in Kalifornien, 5000 Einwohner, die Hälfte sind Mexikaner.
Es ist ein heißer Julitag. 4000 Biker laufen auf ihren Enfields und Harleys zu Rennen und Party ein, viel Bier, ein paar Raufereien, drei Schwerverletzte bei riskanten Stunts. Polizeitruppen rücken an. Und Reporter. Zuerst Festnahmen wegen Trunkenheit und öffentlichem Urinieren. Am nächsten Tag Knüppeleinsatz. Ein gestelltes Foto im Life-Magazin, ein hindrapierter Kern, so volltrunken wie vollleibig, auf einem Motorrad, umstellt von leeren Bierflaschen. Ein Bild, das Amerika erschüttert. Der Chefredakteur der Biker-Zeitschrift "Motorcyclist" entschuldigte sich, nur ein Prozent der Motorradfahrer benehme sich wie diese Kerle. Seither nennen sich die unfügsamen Biker "Outlaw Racer" und tragen eine Raute an der "Kutte", wie sie ihre Westen nennen. Darauf steht: "1%".
Neue "outlaw-chapter", Klubs, entstehen. Einer davon 1948 in San Bernadino: die Hells Angels. Statt "chapter" nennen sie sich "charter". Auch diese sind von einer Gruppe Kriegsveteranen gegründet worden, darunter Flieger der 303. U.S.-amerikanischen F 17 Bomber-Staffel. Diese hatten sich noch während des Krieges, nach einem alten Howard Hughes Film, Hells Angels genannt. Der Schriftzug "Hells Angels" zierte Flugzeuge, die während des zweiten Weltkrieges Bomben auf Deutschland abwarfen. Den geflügelten Totenkopf steuerte die 366-BF-305 Fliegerstaffel bei.

Das patch mit dem geflügelten Totenkopf, das Zeichen der Angels. Die Schrift, immer rot auf weiß, sagt aus welchem Land und welcher Stadt sie kommen© Lutz Schelhorn
Nach dem Krieg haben viele Veteranen die warme Sonne Kaliforniens für sich entdeckt und steigen auf Motorräder. Sie wollen Spaß, Bier, Rennen und Kameradschaft. Aus den "brothers in arms" (Kriegskameraden) werden Brüder auf Rädern.
1953 entdeckt auch Hollywood die Biker. Marlon Brando ist jetzt: "Der Wilde". Der Film-Plot: Eine Gruppe unbändiger Jungen in Lederjacken fällt auf Motorrädern zur spontanen Party in ein Western-Nest ein, in dem nur eine Musikbox den Anschluss an das 20. Jahrhundert verrät und sehnsüchtige Mädchen in Langeweile ersticken. Eine zur Lynchjustiz angestachelte Kleinbürgerwehr jagt den Anführer, in den sich das schönste Kind der Stadt längst verliebt hat. Die "Halbstarken" sind geboren.
Knapp zehn Jahre nach der Gründung der Hells Angels gelingt es dem jungen Lagerarbeiter Sonny Barger aus Oakland, dessen Motorrad-Gang den Namen kopiert hatte, tatsächlich von den Veteranen anerkannt zu werden. Bargers Club in Oakland verwandelt die Hells Angels in eine wilde Gang auf polierten Harleys, umweht von Schweiß-, Öl- und Bierfahnen. Kerle, die zum Duschen einfach durch den Regen rasen. Sie sollen wie kein anderer Biker-Club zur Legende werden. Gleichzeitig entsteht ein Hells-Angels-Charter auf der anderen Seite der Bay Bridge in San Francisco.
Wieder hilft Hollywood, den Mythos weltweit zu verbreiten. Die Hells Angles selbst, Sonny Barger an der Spitze des Motorradgeschwaders, präsentieren sich 1967 in einem Rocker-Film mit Jack Nicholson: "Hells Angels on Wheels". Im selben Jahr rasen auch Nancy Sinatra und Peter Fonda als "The wild Angels" über die Leinwand. Zwei Jahre später sieht man Nicholson auf dem Sozius von Peter Fonda und Dennis Hopper. Der "Chopper" mit der langen Gabel wird für Rocker über Jahre stilbildend, doch der Film "Easy Rider" bleibt für die Hells Angels ein Ärgernis. Statt einer Bruderschaft zeigt er zwei motorisierte Hippies auf Egotrip. Jimi Hendrix, der ein Lied zum Film beigesteuert hatte, schreibt jetzt auch einen Song für die Hells Angels. Er heißt Ezy Rider.
Anfangs haben die Angels aus Oakland noch auf Anti-Vietnamkriegs-Demonstranten eingeprügelt. Doch die Hells Angels in San Franzisko sind längst vom Zeitgeist der 68iger eingefangen. Rock und Rocker gehören nun zusammen. Eric Burdon, Donovan, Canned Heat, Janis Joplin, längere Zeit mit einem Hells Angel liiert, alle singen ihnen Lieder. Die Gruppe Greatful Dead lebt mit den Angels im selben Viertel und engagiert sie immer wieder als starke Begleiter.
Auch auf dem Altamont Free Concert 1969 in Kalifornien, der Antwort der Band auf Woodstook, sind Hells Angels als Ordner engagiert. Honorar: 500 Liter Bier. Sie hängen vor und auf der Bühne. Hitze, Drogen, Alkohol, dann Schlägereien, als ein paar Hippies auf die Motorräder der Rocker klettern, Angels mit Knüppel und ein wütender Faustschlag gegen den Sänger von Jefferson Airplane.
Jefferson Airplane und auch Crosby, Stills, Nash and Young sind längst von der Bühne. Die Stones aber lassen die Fans jetzt stundenlang in der Gluthitze stehen. Hofften sie auf den besonderen Lichteffekt einer untergehenden Sonne, wie Angel-Präsident Sonny Barger vermutete? Oder warteten sie wirklich noch immer auf den von Flugangst geplagten Bassisten Bill Wyman, der im Stau stand, wie Mick Jagger später erklärt?
Abends endlich: Die Rolling Stones. Fans klettern immer wieder auf die niedrige Bühne und werden von den Angels zurückgeschubst. Mick Jagger singt gerade "Under My Thumb". Der 18-jährige Schwarze Meredith Hunter richtet auf "speed" eine Pistole auf den Jagger. Der 21-jährige Alan Passaro hechtet auf den Schützen und sticht fünfmal zu. Vor Gericht wird er freigesprochen: Notwehr. Seitdem aber haftet das Killerimage an dem Motorradclub. (Dokumentarfilmer haben den Moment Konzertfilm Gimme Shelter festgehalten.) Passaro soll danach christlicher Prediger geworden sein. Man kann ihn nicht mehr fragen, er ist 1985 ertrunken.
Auch in Deutschland, vor allem in Hamburg, wuchsen Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahren die "Halbstarken" heran. "Die Rocker kamen aus proletarischen Stadtteilen, wie Hamburg Horn, Barmbek und Harburg, dorther, wo Gewalt niemandem fremd war", sagt Wolf Kemper, Sozialwissenschaftler an der Universität Lüneburg und Rocker-Experte. In Zimmermannshosen saßen sie auf ihren NSU und Zündapps, später dann auf einer großen Triumph, BSA oder BMW. Sie trafen sich in Parks und rebellierten gegen das Schild an den Tanzbars: "Eintritt für Jugendliche in Lederkleidung verboten". Diese nähte, mit Schlaghose und Nieten, Schneidermeister Paulsen im Hamburger Hafenarbeitviertel Veddel.
1972 tritt in dem Kult-Film "Die Rocker" von Klaus Lemke der Hamburger Motorrad-Club "Bloody Devils" auf. Ein Jahr später bildet er den ersten deutschen Charter der Hells Angels. Ein Mitglied der Bloody Devils, genannt Blues, ist in Kalifornien vorstellig geworden.
Im aktuellen stern... ... berichten Reporter Kuno Kruse und Fotograf Jens Gläscher über die Hells Angels in Deutschland. Monatelang haben die beiden auf Harley-Treffen, in Biker-Kneipen, auf Clubpartys in Motorradwerkstätten, Tattoo-Studios und Bordellen recherchiert. Mit einem überraschenden Ergebnis: Die modernen Hells Angels sind weitaus bürgerlicher als ihr Ruf.