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5. Juni 2008, 13:14 Uhr

Komasaufen aus Tradition

Seit Anfang Juni darf in der Londoner U-Bahn kein Alkohol mehr getrunken werden. Anlass genug für tausende Londoner, sich noch einmal so richtig zu betrinken - was an sich nichts besonderes ist, sondern nur ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte der Briten und ihrem Verhältnis zu Alkohol. Von Cornelia Fuchs, Wales

Alkoholkonsum ist in der Londoner U-Bahn verboten worden: ein junger Mann zelebriert das Ende einer 'Ära'© Daniel Berehulak/Getty Images

Es war die Nacht in der Alkohol aus der Londoner U-Bahn verschwinden sollte. Stattdessen feierten sich Tausende trunken - so lange, bis der Spaß zum Exzess wurde. Oder, wie ein 25-jähriger Webprogrammierer aus Hoxton einem Journalisten ins Notizbuch diktierte: "Es ist wie in der Rushhour, mit mehr Spaß. Ich hatte lauter schwitzende Unterarme in meinem Gesicht, aber das machte nichts, weil ich mich gerade betrunken habe."

Der gute Mann bringt auf den Punkt, was in Großbritannien schon längst eine Art von Normalität gefunden hat: Viele Briten betrinken sich, und das regelmäßig. Um zu vergessen, um zu entspannen, um Spaß zu haben und nicht wenige auch, um eine Entschuldigung zu finden, sich einmal so richtig zu prügeln. Wie am vergangenen Wochenende in den Londoner U-Bahnen, wo das Egal-Gefühl des fröhlichen Trunkenseins in der Hitze der Menge schnell in Massen-Randale umschlug.

Vom Schreibtisch direkt an den Tresen

Nun ist das Betrinken an sich, wie gesagt, nichts Besonderes. Jeden Freitag gegen fünf Uhr nachmittags stehen die Büroangestellten, die Versicherungsmakler und Medienschaffenden vor und in den Pubs und trinken. Sie kommen direkt von der Arbeit, noch in Anzügen und Röcken, mit Stilettos und feinen Schnürschuhen. Bis zum Abend zerknittern die Anzüge und verrutschen die Röcke. Wer dann um kurz nach elf Uhr an einem Freitagabend mit der U-Bahn fährt, der sieht die Überreste dieser Feierabend-Kultur auf dem Weg nach Hause.

Da rutschen Frauen halb bewusstlos und völlig aufgelöst an den Festhalte-Stangen herab zum Boden, junge Männer singen Chelsea-Fußballsongs an der Arsenal-Haltestelle, ohne Rücksicht auf Verluste und verletzte Eitelkeiten. Und jeder Nüchterne hofft darauf, dass sein Abteil vor Übelkeiten bewahrt bleibt, denn häufig sehen die Feierabend-Feierer zu diesem Zeitpunkt sehr grün aus im Gesicht.

Noch immer schließen die meisten Pubs zur traditionellen Sperrstunde um elf Uhr, auch wenn es das dazugehörige Gesetz seit einigen Jahren nicht mehr gibt. Politiker geben gerne der Änderung des Sperrgesetzes die Schuld an der überbordenden Trink-Kultur. Dabei verkennen sie jedoch, dass die enormen Alkoholmengen in den Jahrzehnten davor vor allem deswegen von Briten so schnell und effizient getrunken wurden, weil sie den gewollten Alkohol-Level eben vor elf Uhr abends intus haben mussten - danach gab es nichts mehr. Diese Gewohnheiten scheinen sich auch im Zeitalter des gesetzlichen 24-Stunden-Trinkens zu halten.

Alle fragen, keiner antwortet

Nun ist es nicht so, dass Massen-Ausfälle wie das U-Bahn-Kampftrinken oder die Randale vor den Leinwänden in Manchester bei der Übertragung des Champions-League-Finales unkommentiert blieben in der britischen Presse. Ganz im Gegenteil. Überall wird diskutiert über die "Bingedrinking"-Kultur, die Zunahme des Koma-Saufens. Vornehmlich geht es dabei um die Frage, was dagegen getan werden könne. Und bisher sind alle eine praktische Antwort auf diese Frage schuldig geblieben.

Das mag auch daran liegen, dass sich die Briten das Trinken nun einmal nicht verbieten lassen wollen. Und das schließt nicht nur wilde Party-Gänger in der Londoner U-Bahn ein. In der Radiosendung "Today", zum Beispiel, in der sonst der Premierminister Interviews gibt, und deren Interviewer bekannt sind für ihre intellektuell fordernden Fragen, diskutierten eben diese Moderatoren anlässlich einer neuen Gesundheits-Werbekampagne gegen Alkoholmissbrauch, ob es überhaupt so etwas wie "zuviel Alkohol" geben kann.

Auch Schwangere sollen trinken dürfen

In Großbritannien geht in diesen Diskussionen stets um "Units", um Einheiten von je acht Gramm Alkohol. Ein Glas Weißwein hat zum Beispiel anderthalb Units, ein Pint Bier mit etwa fünfhundert Millilitern bringt es auf fünf. Frauen sollen nach den Empfehlungen des Gesundheitsministeriums am Tag nicht mehr als drei dieser Einheiten trinken, also immerhin zwei Gläser Wein, Männer nicht mehr als vier, also noch nicht einmal ein großes Glas Bier.

Woran sich in der Radiosendung die Gemüter der Moderatoren vor allem erhitzten, war die Frage, wie viel Alkohol schwangere Frauen trinken dürfen. Dabei ging es, wohlgemerkt, nicht um die Frage, ob sie überhaupt Alkohol trinken sollen. Sondern ob die Empfehlung von höchstens zwei Gläsern Wein zweimal die Woche nicht viel zu wenig sei und schwangeren Frauen ein unnötig schlechtes Gewissen mache. Sicherlich sei es kein Problem, jeden Abend ein oder zwei Gläser Wein zu trinken, fragte der Moderator, auch als Schwangere?

Wer nicht trinkt, ist seltsam

Wer die Briten und den Alkohol verstehen will, der muss sich klar machen, dass Alkohol ein wesentlicher Bestandteil jedes gesellschaftlichen Ereignisses ist. Und es geht hier nicht um den Schluck Sekt, der auch in Deutschland bei Empfängen gereicht wird. Es geht um so viele Mengen Alkohol, dass sich erst Krawatten-Knoten lockern und dann die Zungen.

Bei Dinnern an hochwürdigen Colleges in Oxford werden erst ein oder zwei Sherry vor dem Essen gereicht, dann gibt es mehrere Gläser Wein von Rot über Rosé bis Weiß zu jedem Gang, dann einen, zwei oder drei Gläser Port und schließlich noch ein paar Bier im Pub auf dem Weg nach Hause. Wer nicht mittrinkt, erscheint als ein noch seltsamerer Kauz als der Geschichts-Dozent, der seit Jahren nur noch über den Einfluss der punischen Kriege auf die Agrarwirtschaft des römischen Reiches diskutieren will.

Von Kelten und Wikingern

Was am Wochenende in der Londoner U-Bahn passierte, war also keine Ausnahme, sondern die Regel. Besonders war nur, dass sich alle Betrunkenen nun gleich in den Transportmitteln vollaufen ließen, die sie ansonsten erst betreten, wenn sie selber schon längst voll sind. Das Alkoholverbot in der U-Bahn, eine Idee des neuen Bürgermeisters Boris Johnson, wird daher an der Zahl der Betrunkenen kurz vor Betriebsschluss am Freitag- oder Samstagabend nichts ändern.

Oder, wie mir einmal ein bereits bis in die Schieflage getrunkener Mann aus London in der Sauf-Metropole Blackpool im Nordwesten Englands bekannt gab: "Wir Briten trinken gerne, weil wir uns gerne prügeln, wenn wir ein bisschen betrunken sind. Und wir trinken weiter, weil wir uns dann wieder versöhnen können mit denen, die wir gerade noch verprügelt haben. Das liegt in unseren Genen, Kelten und Wikinger und so, weißt Du?"

Cornelia Fuchs

Cornelia Fuchs London ist der Nabel der Welt und Europa immer noch "der Kontinent". stern-Korrespondentin Cornelia Fuchs beschreibt in ihrer wöchentlichen stern.de-Kolumne das Leben zwischen Canary Wharf und Buckingham Palace, zwischen Downing Street und Notting Hill.

Von Cornelia Fuchs, Wales
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
Kontrabass (06.06.2008, 11:47 Uhr)
Die englische "Trinkkultur"
Im 19. Jh. gab es auf die damalige Alkoholnot eine Reaktion von Seiten der Frauen. Ihre Aktivitäten (Suffragetten)führten zum Frauenstimmrecht, zum Erstarken von Abstinentenorganisationen und zur Alkoholgesetzgebung, die eine Besserung brachten. Nach dem 2. Weltkrieg führte die Alkoholindustrie mit der Werbebranche, der Liberalisierung und und der Entsolidarisierung der Gesellschaft die heutigen Zustände herbei. Bei den Jungen gibt es sicher auch den No-Future-Effekt, je nach Wirtschaftslage. Alle diese Erscheinungen sehen wir auch mehr oder weniger stark in andern Industrie-Ländern. In England ist der Einfluss der Industrie immer noch so stark, dass statt wirksamen Massnahmen immer noch Alibimassnahmen ergriffen werden, obwohl Gesundheitskreise die richtigen Massnahmen empfehlen. Auch dies gilt für die meisten andern Länder mehr oder weniger auch. Es ist eine Frage der Zeit. Irgendwann wird auch der letzte Politiker merken, was er zu tun hat, wenn das Volk genügend Druck macht. (Wie es heute beim Rauchen geschieht.) Bis es soweit ist, zahlt das Volk weiterhin einen hohen Blutzoll, Tränen und viel Geld an Sozialkosten.
peterpan1001 (06.06.2008, 02:46 Uhr)
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die spinnen , die briten !
aber ich würd mir das trotzdem gerne mal anschauen
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