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20. Januar 2009, 23:23 Uhr

Die größte Party der Welt

Etwa zwei Millionen Menschen aus allen Teilen Amerikas verfolgten die Amtseinführung Barack Obamas live auf der National Mall. Sie weinten und tanzten, sie jubelten und pfiffen und wollen nun Teil der Erneuerung Amerikas sein. Von Jan Christoph Wiechmann, Washington

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Etwa zwei Millionen Menschen verfolgten auf der National Mall in Washington die Amtseinführung von Barack Obama© Jessica Rinaldi/Reuters

Linda Richards ist schon um drei Uhr in der Früh zur National Mall gekommen. Sie ist mit dem Auto durch die Nacht gefahren, 600 Kilometer aus North Carolina, gemeinsam mit ihrer Tochter und Tante, zwei Enkeln und einem Schild: "O-Ba-Ma - Alles wird gut."

Carla Rahm hat ihr Mutter aus Kansas City nach Washington einfliegen lassen, "bevor sie bald sterben wird". Die Mutter hat die Rassentrennung noch erlebt und war aktiv in der Bürgerrechtsbewegung. Nun hat sie Krebs, sie sitzt im Rollstuhl, aber Obamas Wahlsieg ließ sie sich von der Krankheit ebensowenig nehmen wie diese Inauguration. Jetzt könne sie irgendwann beruhigt einschlafen, sagt Carla Rahm. "Diesen Tag wollte sie noch mitnehmen."

Peter Wagner, 32 und Cindy Leery, 27, feiern ihre Verlobung in diesen Tagen der Amtseinführung. Sie haben sich im Wahlkampf kennen gelernt und konnten sich für die Verlobung nichts Passenderes vorstellen als Obamas Inauguration am 20.Januar. Peter, ein Weißer aus Kalifornien, und Cindy, eine Schwarze aus Georgia, wollen noch ihren Kindern davon erzählen, ihren "Mutts", wie Obama sich selber nennt - ihren Mischlingen.

Die Inauguration des 44.Präsidenten auf der National Mall von Washington DC ist eine Mischung aus Volksfest, Staatsakt und Völkerwanderung. Etwa zwei Millionen Menschen sind gekommen, aus allen Teilen Amerikas, manche, wie Rory Langler aus Oregon, haben einen Kredit aufgenommen, um die Anreise zu bezahlen. Eine Brasilianerin hat sich in die brasilianische Fahne eingewickelt, ein Inder trägt die Landesfarben Indiens, selbst ein Mann aus Bayern ist dabei mit einem selbst gestrickten Pullover: "Tegernsee for Obama". Diese Amtseinführung gehört auch der Welt.

Als die Menschenmenge sich nach drei Stunden in der Kälte etwas erwärmen und erheitern will, kommen Rufe von allen Seiten: "Oklahoma", "Nebraska", "North Dakota", "Michigan", "Trinidad" - "Obama". Es sind ihre Heimatstaaten. Die Rufe werden zu einem spontanen Lied, immer lauter, immer zahlreicher. Es ist wie eine Hymne für die neu gewonnene Einheit Amerikas.

An diesem 20.Januar, das ergeben die Interviews, fühlen sie sich tatsächlich vereint. Umarmt von der Geschichte. Befreit von einer Last. Wiedervereinigt mit der Welt. Viele Menschen liegen sich in den Armen, einige haben Tränen in die Augen, vor allem Schwarze. Sie sind meist als Familie angereist, es ist der Jahresurlaub in eine bessere Zukunft. Sie zeigen sich weniger triumphierend als vielmehr erleichtert, dass die düsteren Jahre nun endlich vorbei sind. Es wirkt fast so, als hätten sie einen Diktator in die Knie gezwungen, sie atmen auf, sie können wieder atmen, wieder vertrauen. Einige tragen Schilder mit dem Aufdruck "End of an Error", Ende eines Fehlers, in Umwandlung des Satzes "End of an Era".

Pfiffe für George W. Bush

Als George W. Bush auf der Großbildleinwand eingeblendet wird, pfeifen ihn die Zuschauer aus und belegen ihn mit lauten Buh-Rufen. Der Regisseur blendet schnell auf Michelle Obama um, um die Zuschauer zu beruhigen und die Szene nicht zur völligen Erniedrigung des Ex-Präsidenten verkommen zu lassen. "Selbst in diesen letzten Minuten verdient Bush nicht unseren Respekt", sagt Joseph O'Neal, der aus Ohio angereist ist. "Die Wunden sind einfach zu tief." Später, als George und Laura Bush mit dem Hubschrauber entschwinden, singen ihm die Massen am Boden hinterher: "Nananana, nananana, hey hey hey - Good Bye."

Es sind Menschen aller Hautfarben auf der National Mall, aber besonders viele Schwarze. Für sie endet ein Teil der Geschichte und beginnt nun ein neuer. Frank McKinney hat seine ganze Familie mitgebracht, selbst seine alte Mutter, "die noch auf nach Rassen getrennte Schulen gegangen ist. Für mich ist das auch eine Form der Gerechtigkeit", sagt er. "Sie und ihre Vorfahren haben so viel erleiden müssen, so viel Erniedrigung. Ihr Selbstbewusstsein wird nie so groß sein wie meines oder das meiner Kinder, aber dieses einmalige Gefühl, diesen Abschluss ihres Leidens wollte ich ihr noch schenken."

Ausflug in die Geschichtsbücher als Gruppenerlebnis

Sie tragen Obama-Schals und Obama-Pullover, Obama-Ohrringe und Obama-Krawatten, viele mit dem Siegel des US-Präsidenten und dem Weißen Haus darauf. Aus dem Slogan "Yes we can" wird "Yes we did" oder "Yes you can". Sie sind stolz auf Obama, aber mindestens genau so stolz auf sich selber. Sie sind auferstanden. Sie haben Obama zum Wahlsieg geführt und hierher nach Washington. "I am part of history", steht auf ihren Buttons, und sie meinen es ernst: Ich bin Teil der Geschichte. Es ist ihr Ausflug in die Geschichtsbücher, als Gruppenerlebnis. Es ist ihr Tag, dieser historische Dienstag, dieser 20. Januar 2009, den sie wie eine heilige Zahl auf ihren Mützen, Jacken und Stickern tragen: 01.20.09.

Natürlich scheint die Sonne, als Obama spricht. Sie leuchtet majestätisch schön aufs Capitol und erwärmt die frierenden Menschen und weinenden Kinder. Es ist Obama-Wetter wie schon am Wahlabend im November und eigentlich immer, wenn er die Sonne für Großkundgebungen braucht. Den größten Beifall bekommt er für seine Aufrufe, das Land zu erneuern, die Welt wieder zu umarmen, den Moment der Geschichte zu nutzen für eine Radikalkur: "All this we can do. All this we must so." Und: "This world has changed and we must change with it." Er will, dass die Menschen anpacken, und sie rufen: "Yes we can." Und "Yes we will." Während der Rede fließen immer wieder Tränen bei der 79jährigen Linda Richards aus North Carolina, und sie wird später sagen, dass alles von ihr abfällt, wie in einer Art Therapie.

Wer mit den Zuschauern spricht, merkt schnell, wie ernst sie es meinen, wenn es um den Neuaufbau Amerikas geht. In seiner Rede fordert Obama sie auf: "Dies ist ein Moment, der eine Generation definieren wird. Er spricht von einer "neuen Ära der Verantwortung". Viele im Publikum haben längst damit begonnen. Carla Rahm hilft Jugendlichen, die Schwierigkeiten in der Schule haben. Frank McKinney renoviert mit seiner Tochter kostenlos die Häuser älterer Menschen, die Opfer von Subprimekrediten wurden. Peter Wagner und Cindy Leery warten auf die Marschbefehle Obamas, um dort zu helfen, wo sie dringend gebraucht werden, womöglich im Peace Corps in Afrika. "Vielleicht muss man als Land erst im Dreck liegen, um sich wieder herauszuziehen", sagt McKinney. "Wir werden dieses Land von Grund auf erneuern. Jetzt können wir Obama nicht im Stich lassen."

Von Jan Christoph Wiechmann, Washington
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
hevosenkuva (21.01.2009, 10:48 Uhr)
@"DerExperte"
Wofür eigentlich? Es ist umstritten, ob D JA geschrieen hat, damals. Bei Veranstaltungen dieser Art sind in allen Diktaturen ausgesuchte Getreue anwesend, damit das Ergebnis auch ganz bestimmt so ausfällt wie befohlen. Ja, die Macht der Bilder...
hevosenkuva (21.01.2009, 10:45 Uhr)
Loveparade?
Und ich hatte gehört, die fällt dieses Jahr aus. So, es gibt zwar nichts schöneres als hysterischen Journalismus, aber nun ist gut mit Obama.

Dann gibts hier vielleicht auch mal wieder ein paar weniger dieser kindischen Beiträge. Obwohl... wahrscheinlich auch nicht. Quengeln lässt sich immer.

Administrator (21.01.2009, 09:05 Uhr)
@albundy
Lieber albundy,
da haben Sie etwas missverstanden: Wir löschen nicht per se Kommentare, die Obama kritisieren, wir löschen Ihre Beiträge. Und das liegt nicht daran, dass Sie kritisieren, sondern wie Sie dies tun. Sofern Sie sachlich bleiben und sich somit an unsere Hausordnung halten, bleiben auch Ihre Kommentare stehen. Das haben wir Ihnen gestern abend bereits per Mail geschrieben.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihre stern.de-Admins
DerExperte (21.01.2009, 09:03 Uhr)
@ postit (21.1.2009, 8:36 Uhr)
postit (21.1.2009, 8:36 Uhr)
schöne reden
Schön babbeln konnte Hitler auch.
>
Was ich auf altem Filmmaterial von Hitler hoerte kann man nicht als schoen bezeichnen - und hat D nicht auch JA geschrien als gefragt wurde: Wollt ihr den totalen Krieg?
>
Deutschland ist Deutschland und Noergelland!
>
Amerika verdient etwas besseres als es hatte. Es waere wuenschenwert und das ist in den Koepofen vieler Amerikaner, das die USA sich mit ihrem Geld und auch Militaer auf den eigenen Kontinent zurueckzieht. Dies und z.b. verbunden mit eigenen Autos die weniger sprit verbrauchen -und mit auf schlag hoeherem Miliaraufwand in Europa um sich selber zu sichern - dann wollen wir mal abwarten wie lange D und Europa auf heutigem level ueberlebt.
albundy69 (21.01.2009, 08:48 Uhr)
Bravo POSTIT
BRAVO BRAVO BRAVO
Aber Warnung : Gleich fliegen Sie raus, den jeder der hier was gegen Hussein B. Obama schreibt, der fliegt !
postit (21.01.2009, 08:36 Uhr)
schöne reden
Schön babbeln konnte Hitler auch. Oft sieht man halt erst später, was hinter euphorischen Reden steckt,gel? Das müssten wir Deutsche doch am besten wissen!
Mit Gefühlsdusseleinen auf so ein Geschwätz zu reagieren zeigt von Naivität und arg schlichtem Gemüt! Wenn Obama nach 4 Jahren einige seiner Versprechen eingehalten hat, dann feier ich Ihn auch!
Hajo53 (21.01.2009, 08:26 Uhr)
Was kostet die Welt
Die Party soll 150 Millionen gekostet haben. Ich finde, das ist unangemessen viel, wenn man bedenkt,das die USA jeden Tag 3 Milliarden vom Ausland braucht um überhaupt überleben zu können. Hier hätte Konkursverwalter Obama ein erstes Zeichen setzen könn
audio001 (21.01.2009, 07:20 Uhr)
Und wen haben wir?
Eine brilliante Rede auf den Stufen des Kapitols.- Irgendwie beschleicht einem, ob dieses Barack Obamas, ein Gefühl des Neides und der Wunsch, Politiker clonen zu können.
Die USA hat Barack Obama! Und wir haben Angela Merkel……
DerExperte (21.01.2009, 07:12 Uhr)
Mit Traenen in den Augen... 2
Noch ein Grund nicht nach Muenchen zu gehen.
>
Fur das braune Muenchen noch ein besonderer Artikel:
>
Besuch im Kriegsgebiet: UN-Chef schockiert über zerstörtes Gaza.
>
Wenn dieser Artikel des Stern den Eindruck hinterlaesst - hier sind Kriegsverbrechen begangen worden dann ist dies wohl gewollt. Wenn Deutschland dies nicht mit anklagt - dann ist man eben zu recht Duckmaeuser und lasst euch lieber mit Dreck bewerfen und zu jedem jaehrlichem Weihnachstag die Leviten lesen und fast das Fest versauen.
>
Wie man dieses geschehen in D von gewissen Organisationen auf deren Web seite noch verteidigt und auf gleicher Seite ueber die UN luegt und dieses als rechtens empfindet, empfinde ich - als Heuchelei. Also auf ins Hofbraeuhaus- Sternherz.
DerExperte (21.01.2009, 06:25 Uhr)
Mit Traenen in den Augen...
Nein - ich moechte nicht in Muenchen leben. Zu teuer - zu ueberlaufen - zu weit vom Wasser. Aber Sie duerfen dort, im engstirnigen Bayern, dem Land der Weisswuerste die ich nicht esse, gerne sterben. Viel spass dabei.
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