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Athen - Brutstätte für Krawallprofis

In Athen sind Krawalle, wie sie Hamburg gerade erlebt hat, beinahe Alltag. Die Randalierer gelten unter ihresgleichen als hartgesottende Straßenkämpfer und nicht wenige dürften wohl auch am Rande des G20-Gipfels ihr Unwesen getrieben haben.

Von Ferry Batzoglou, Athen

Athen Krawall

Szene vom Mai dieses Jahres aus dem Zentrum Athens - wo Krawalle beinahe  schon Alltag sind

Während in der Mob tobt, spielen sich exakt 2025 Kilometer Luftlinie entfernt ganz ähnliche Szenen ab: Tief in der Nacht zu Samstag attackieren mehrere Unbekannte die Polizeistation im dichtbesiedelten östlichen Athener Vorort Zografou. Die Polizeistation liegt unweit des weitläufigen Campus der Universität der griechischen Hauptstadt. Molotow-Cocktails fliegen, Sprengsätze detonieren. Alles geht ganz schnell. Es ist ein Blitzangriff. Ohne Ankündigung, ohne Vorwarnung, ohne erkennbaren Anlass. Verletzt wird zwar niemand. Der Sachschaden ist aber erheblich: Neun Motorräder sind abgebrannt, dazu noch ein Auto. Die Polizei nimmt fünf Tatverdächtige fest. Nur wenig später sind sie wieder frei. Es liegen keine Indizien gegen sie vor, schon gar nicht Beweise.

In Athen eskalierte die Gewalt auf die gekannte Weise

Für Athener Verhältnisse sind solche Vorfälle fast schon harmlos. Routine pur. Das war einmal anders: International geriet die Vier-Millionen-Metropole in Sachen Randale im großen Stil bereits im Dezember 2008 in die Schlagzeilen. Ein Polizist hatte den 15-jährigen Schüler Alexandros Grigoropoulos an einem Samstagabend im Szeneviertel Exarchia erschossen.  Für den Mob war dies Anlass genug, mit bis dahin nicht gekannter Gewalt zu wüten. Hunderte, gar Tausende Randalierer versetzten die gesamte Athener Innenstadt in einen Ausnahmezustand. Wochenlang. Vom Exarchia-Platz bis zur ehrwürdigen ''Boule der Hellenen'', dem Parlament am geschichtsträchtigen Verfassungsplatz, demolierten die Krawallmacher damals unzählige Geschäfte, plünderten sie, zündeten Autos an, verbreiteten Angst und Schrecken. 

Mit den Spezialeinheiten der griechischen Polizei MAT lieferte sich die Meute brutale Nahkämpfe. Erst durch den massiven Einsatz von Tränengas konnten die Ordnungshüter wieder Herr der Lage werden. Was die meist jungen Griechen damals bei diesem Gewaltausbruch antrieb: Sicher der tief sitzende Hass gegen die Polizei, ebenso der latente Frustüber den Staat, vielleicht noch der Unmut über die relativ niedrigen Löhne und Gehälter, mit denen vor allem viele junge Hellenen schon damals abgespeist wurden. Das einprägsame Stichwort damals: ''Wir sind die 700 Euro-Generation.'' Doch dann kam die desaströse Griechenlandkrise. Sie erschüttert Hellas seither in seinen Grundfesten. Bis heute.

Die griechische Tragödie eilt von Akt zu Akt zu Akt

Ein brutaler , den Griechen von der ungeliebten Gläubiger-Quadriga aus EU, EZB, IWF und neuerdings ESM aufgebürdet, soll das Euro-Sorgenkind wieder auf Vordermann bringen. Bisher vergeblich. Die griechische Tragödie eilt von Akt zu Akt. Und ein Ende, wenigstens eine Besserung ist nicht in Sicht. Die unsägliche Causa Hellas hat jedoch schon längst eine neue Generation kreiert: Die ''Generation K''. Das ''K'' steht für Krise. Viele junge Griechen wanderten und wandern aus, sie suchen ihr Heil fernab der Heimat. Die anderen bleiben zurück. Die meisten sind ohne Job, viele schon sehr lange. Quälend lange.


Die real existierende Krise in Hellas ist vor allem für die jungen Griechen verheerend. Rund die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen hat in keine Arbeit - und damit kein Einkommen. Denn zu Füßen der Akropolis erhält nur ein Bruchteil das ohnehin magere Arbeitslosengeld in Höhe von 360 Euro pro Monat. Nach zwölf Monaten ist auch damit Schluss. Es existiert keine Grundsicherung in Griechenland. Es droht der totale Absturz.

Chaos ist Athen längst Ritual

Griechenland bietet so den idealen Nährboden für Globalisierungsgegner, Kapitalismuskritiker, Autonome, Anarchisten, Extremisten. Und immer mehr aus der Szene scheuen auch nicht vor Gewalt, vor immer brutalerer Gewalt zurück. Es ist in  schon längst ein Ritual, wenn sich bei den vielen Großdemonstrationen gegen den Sparkurs der Athener Regierungen zuerst militante Gruppen unter die ansonsten friedlichen Protestler mischen - bis das Chaos ausbricht. Der Schwarze Block lässt grüßen. Auch in Griechenland ist er eine feste Größe. Apropos Exarchia: Sie ist die Hochburg der Andersdenkenden, das Schanzenviertel auf Griechisch. Nur noch radikaler.

Exarchia ist zum ''Avaton'' geworden, wie hierzulande die Kritiker monieren. Neudeutsch: Eine ''No Go-Area''. Auch für die griechische Polizei. Mitten in Athen. Experten gehen davon aus, dass der harte Kern der gewaltbereiten Linksextremisten, Autonomen und Anarchisten, die sich in Exarchia eingenistet haben, mehrere Hundert Personen umfasst. Die Zahl der Sympathisanten geht in die Tausende.  Insidern zufolge haben sie zumindest Verbindungen zu linksextremen Terrorgruppen, die auch nach der spektakulären Zerschlagung der gefürchteten Terrorgruppe ''17. November'' im Jahr 2002 ihr Unwesen treiben. Die neuen Terrororganisationen heißen ''Volksaktion'', ''Revolutionärer Kampf'' und ''Sekte der Revolutionäre''. Ihre Brutstätte ist auch hier: Exarchia. 

Die Gewalt nimmt immer krudere Formen an

Die gefährlichste griechische Terrororganisation ist aktuell die ''Verschwörung der Feuerzellen''. Sie ist seit 2007 aktiv. Europaweit bekannt wurde sie, als sie im November 2010 Briefbomben an griechische Politiker und Regierungseinrichtungen in Deutschland und Frankreich verschickte.  Ihre führenden Köpfe sitzen zwar im Knast. Eine nicht näher bezifferbare Zahl von Mitgliedern der Terrororganisation soll aber noch frei sein. Die Lage in und um Exarchia hatte sich zuletzt immer weiter zugespitzt. Die Gewalt hat dabei immer krudere Formen angenommen. 

Was am Samstagmorgen mit dem Hamburger Linienbus E86 zwischen Bahnhof Altona und Teufelsbrück fast passiert wäre, ist in Athen schon zuvor schaurige Realität geworden: In jüngster Zeit stürmen Vermummte im Athener Zentrum Linienbusse, fordern Fahrer und Passagiere zum sofortigen Aussteigen auf, bevor sie die Fahrzeuge anzünden.

Drei Busse brannten auf einmal

Vorläufiger Höhepunkt: Im Dezember 2016 brannten im Herzen Athens auf diese Weise gleich drei Trolleybusse auf einmal ab. Möglich, dass das know-how der Griechen auch in Hamburg zum Tragen kommen sollte. Dutzende, mitunter Hunderte Autonome und Anarchisten haben sich ferner in den letzten Wochen am Athener Polytechnikum, ihrer bevorzugten Spielwiese unweit des Exarchia-Platzes, immer wieder heftige Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Natürlich vermummt. Natürlich mit Molotow-Cocktails, aber auch mit Eisenstangen und Hammern. Ihr Credo: Immer härter, immer aggressiver. Einfach so - auch hier ohne erkennbaren Anlass. Spontan möchte man meinen, das alles könnte nur ein Aufwärmen für einen Einsatz beim G20-Gipfel in Hamburg gewesen sein. Verwunderlich wäre es jedenfalls nicht, wenn griechische Krawallmacher auch im fernen Hamburg an vorderster Front aktiv geworden sind. 

Denn die Griechen sind international bestens vernetzt. Besonders zu Italienern und Spaniern sollen sie enge Kontakte geknüpft haben. Und die waren auch in Hamburg vor Ort. Die hellenischen Rowdies haben sich zudem in der internationalen Krawallmacherszene einen berühmt-berüchtigten Ruf erworben, so wird hier in Athen kolportiert. Selbst hartgesottene Kameraden aus dem Ausland sollen ins Schwärmen geraten, wenn sie über die Qualitäten der Griechen im Straßenkampf sinnieren.

G20 - wo die Griechen nicht fehlen wollen

Auf einer derart attraktiven Bühne wie einem G20-Gipfel wollten die Hellenen da offenbar nicht fehlen. Der Dauerkrise in der Heimat zum Trotz: Das nötige Reisegeld dafür haben sie noch. Und mit EU-Pass - und damit ohne Visazwang - ist der Trip für Griechen ohnehin kein Problem. Und: Die Pässe der Athener Randalierer werden ihnen daheim nicht entzogen. Hintergrund: Bei den Ausschreitungen in Athen kommt es stets nur zu sehr wenigen Festnahmen. Noch merkwürdiger ist, dass noch weniger Haftbefehle erlassen werden. Anklagen sind so selten wie ein Schneetreiben auf Mykonos - trotz regelmäßig großer Verwüstungen des Athener Zentrums. 

Doch damit nicht genug: Personaldaten, gar Polizeifotos von mutmaßlichen Tätern werden in Griechenland nicht publiziert. Für die hellenischen Chaoten heißt das: Freie Bahn. Gerne auch jenseits der Landesgrenzen. Um sich auszutoben. So wundert es nicht, dass sich die seit Januar 2015 amtierende Athener Regierung unter Premierminister Alexis Tsipras vom ''Bündnis der Radikalen Linken'' angesichts der sich häufenden Gewaltexzesse in den Athener Straßen in puncto Umgang mit den Rowdies seit geraumer Zeit harsche Kritik von der Opposition gefallen lassen muss. Der schlimme Vorwurf: Tsipras und Co. hätten mit den Linksextremen in Exarchia nicht nur ideologisch kaum Berührungsängste. Bei den Chaoten, den sogenannten ''Bachalakides'', handele es sich zudem um durchaus ''bekannte Unbekannte''. Dies werfe mit Blick auf das chronisch laxe Vorgehen der Athener Behörden gegen die Randalierer, sehr zum Ärger der friedlichen Anwohner in Exarchia und anderswo, immer drängendere Fragen auf.

Die Protestaktion der Polizei platzte

Zum Eklat kam es erst Ende Juni, als die Regierung Tsipras eine angemeldete Demonstration von Polizeigewerkschaftern ausgerechnet in Exarchia im letzten Moment kurzerhand verbot. Sie sah darin, genau wie die einschlägige Szene in Exarchia, schlicht nur eines: eine Provokation. Was die Polizisten mit garantiert hoher Medienpräsenz hingegen nur wollten: gegen das ''Avaton'' in Exarchia protestieren. Doch die Protestaktion der Polizei platzte. Für die Chaoten in Exarchia war das ein gefühlter Sieg, ohne dass sie auch nur einen Molotow-Cocktail zu werfen hatten.

Wer derweil glaubt, in Griechenland seien auch nur vereinzelte Stimmen aus der linksextremen Szene zu hören, die sich von dem immer härteren Vorgehen der griechischen Randalierer auch nur ansatzweise distanzieren oder diese klar strafrelevanten Praktiken sogar verurteilen, der irrt gewaltig. Fest steht aber: Die chaotischen Szenen aus Hamburg am Rande des G20-Gipfels nahmen die Griechen unisono betont gelassen zur Kenntnis. ''Irgendwie normal. Das kennen wir doch zu gut'', so der Tenor allenthalben in Athen.

Kein Kommentar zu G20 in Hamburg

Mit Blick auf das G20-Gewaltchaos in der Hansestadt hüllt sich die Szene in Exarchia bis dato in Schweigen. Keine Auskunft, kein Kommentar, keine Reaktion. Für Verdruss dürften die Wirren in Hamburg im fernen Athen aber nicht gesorgt haben. Getreu dem Motto: ''Ist doch total normal.'' Nun hat es eben Hamburg erwischt.

 

 

 

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