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7. März 2008, 10:10 Uhr

Der oberste Steuerfahnder

Die SPD hat das Thema Steuergerechtigkeit für sich entdeckt. Johannes Röhrig beschreibt in seiner Freitags-Kolumne auf stern.de was dabei heraus kommt, wenn Finanzminister Peer Steinbrücks harter Kurs auf österreichische Nonchalance trifft.

"Fasst die Steuerhinterzieher" - Finanzminister Peer Steinbrück geht es um mehr, als ums Kassieren© Marcus Brandt/DDP

Finanzminister Peer Steinbrück verbreitet Angst. Wie ein Schlossgespenst poltert er durch die Steuer-Landschaft, droht mit "Folterinstrumenten" und freut sich, wenn jemandem der Schreck in die Glieder fährt. Seit Mitte Februar, seit der damalige Postchef Klaus Zumwinkel wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung hochgenommen wurde, treibt der SPD-Politiker dieses Spiel mit wachsendem Vergnügen. Sein Signal ist klar: Wer je mit dem Gedanken spielte, Geld vor dem Fiskus zu verstecken, sollte sich das wieder aus dem Kopf schlagen. Wer die Kohle schon diskret gebunkert hat, dem hilft nur eine Selbstanzeige. Sonst kommt Steinbrück.

Diese Woche debattierten die EU-Finanzminister in Brüssel über Zinsabgaben und Steuerflucht. Steinbrück versuchte, den Druck auf jene Länder auszudehnen, die Steuerverkürzung begünstigen wie etwa Liechtenstein und Schweiz, aber auch wie Österreich und Luxemburg. Das misslang bei einigen; vor allem Austria ließ sich nicht erschrecken: "Das Bankgeheimnis steht nicht zur Disposition", sagte Österreichs Vizekanzler Wilhelm Molterer (ÖVP): "Wir lassen uns grundsätzlich nicht unter Druck setzen."

Der Auftritt der Deutschen ist dennoch bemerkenswert. Er macht deutlich, was der Sozialdemokrat mit dem ausgeprägten Hang zu Bargeld ("I love cash") tatsächlich mit den gestohlenen Bankdaten vorhat, die ein ehemaliger Liechtensteiner Treuhand-Beschäftigter dem Bundesnachrichtendienst verkaufte: Steinbrück, der für den heiklen BND-Deal die Finanzierung absicherte, geht es nicht allein ums Geld-Eintreiben. Er macht mit der heißen Ware vor allem Politik.

Die Razzia vor laufenden TV-Kameras, die in den frühen Morgenstunden des 14. Februar gegen Postmann Zumwinkel lief, passt in dieses Bild. Die Zurschaustellung staatlichen Durchgreifens widerlegt zum einen all jene Vorbehalte in der Bevölkerung, es würden immer nur die Kleinen gehängt. Hier konnte jeder sehen: Die Razzia - früher eher im Rotlichtmilieu zelebriert - hat die Villen der High Society erreicht. Gleichzeitig geht es in diesem Fall um die Frage nach Arm und Reich - also um Gerechtigkeit. Nur für den, der viel besitzt, kann der Weg nach Liechtenstein lohnend sein. Die Masse hat keine Wahl. Sie zahlt in Deutschland.

Das hat die SPD schnell verstanden: Nach Heuschreckendebatte und Mindestlohn ist auch Steuer-Gerechtigkeit ein Feld, auf dem sich Sozialdemokraten spürbar wohler fühlen als die Konservativen. Finanzminister Steinbrück jedenfalls hat politisch endlich "Zug im Kamin", wie er in Brüssel sagte. Er wird den Schlot so lang wie möglich qualmen lassen.

***

Die EU-Kommission will sich besser vor dem Einfluss von Lobbyisten schützen. Das kann man nur begrüßen. Schade ist, dass sie die Sache wieder nur halbherzig anpackt.

Künftig soll für die von Lobbyisten umgarnten Kommissions-Mitarbeitern zum Beispiel eine "Ethik Webseite" geben, auf der zusammengefasst ist, was sich gehört und was nicht. Auch "Ethik-Schulungen" und einen Ethik-Rat schlägt der für Verwaltung und Betrugsbekämpfung zuständige Kommissar Siim Kallas vor. Das klingt alles ganz nett. Wichtiger als Moralunterricht wären klare Regeln.

***

Frauen gehen häufiger ins Theater und lesen auch mehr Bücher als Männer. Dafür stehen Männer lieber auf dem Sportplatz rum. Zum internationalen Frauentag an diesem Sonnabend hat die EU ein paar Daten zu den offenbar immer noch recht unterschiedlichen Lebenswelten der Geschlechter zusammengestellt. Die zentrale Feststellung dabei ist eine alt bekannte: Frauen sind in Führungspositionen unterrepräsentiert!

Allerdings ist dieses Phänomen nicht überall gleich ausgeprägt: In Zypern greift Tradition noch am stärksten: Nur 16 Prozent der Manager sind weiblich. In den baltischen Ländern Lettland und Litauen macht der Frauenanteil in der Top-Etage allerdings gut 40 Prozent aus. In Deutschland ist rund jeder vierte Managerposten mit einer Frau besetzt; im EU-Vergleich ist das leicht unterdurchschnittlich.

Immerhin ist die Natur gnädig mit dem weiblichen Geschlecht: Frauen leben gut sechs Jahre länger als Männer. Am höchsten ist die Lebenserwartung in Spanien und Frankreich: 84,4 Jahre. Leider bricht die Statistik an dieser Stelle ab. Über den Effekt eines Umzugs in den Süden sagt die EU nichts.

Johannes Röhrig

Johannes Röhrig Johannes Röhrig ist stern-Korrespondent in Brüssel. In seiner Kolumne "Brüssel en bloc" schreibt er regelmäßig über Figuren, Hintergründe und Skurrilitäten im EU-Zirkus.

 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
wmebh (08.03.2008, 09:58 Uhr)
Lichtenstein und Österreich
Man sollte diese Staaten wieder heim ins Reich holen.Autonom machen sie doch nur Dummheiten.
Reality (07.03.2008, 21:26 Uhr)
Es geht um die Glaubwürdigkeit der Politiker...
Es bedarf massivster Anstrengungen
von Seiten verantwortlicher Politiker um das Vertrauen, die Glaubwürdigkeit, bei den Bürgern und den noch verbliebenen Wählern, zurück zu gewinnen.
Es bedarf einer Umkehr,
keine Vetterleswirtschaft,
keine Lobbyhörigkeit mehr.
Es ist höchste Zeit.!
Hoffentlich verstehen dies die Verantwortlichen in den Parteien.
..................
"Wer nach sittlichen
Grundsätzen regiert,
ist dem Polarstern vergleichbar.
Er steht stille an seinem Platz,
und alle Sterne
neigen sich vor ihm."
Worte des Konfuzius, aus.:
"Die sittlichen Grundsätze"
Aufgeschrieben vor über 2 500 Jahren.
Sie haben von ihrem Wahrheitsgehalt nichts verloren.
guinness.1 (07.03.2008, 19:47 Uhr)
Omas Sparstrumpf war doch nicht so schlecht...
... obwohl der natürlich auch nicht razzia-sicher unter der Matratze ist!
Im übrigen habe ich die Erfahrung gemacht, der der lauteste Schreihals immer die meisten Leichen im Keller hat. Und einige Politiker schreien zur Zeit ja ganz ganz laut.....
Tomatstern (07.03.2008, 19:13 Uhr)
Wer tief genug gräbt...
findet auch die Leichen in Peer Steinbrücks Keller.
Schöner Vorsatz Herr Finanzminister Saubermann, doch wer glaubt heute eigentlich noch einem Politiker
powderC (07.03.2008, 18:55 Uhr)
Steuergerechtigkeit
Das deutsche Steuerrecht ist eher schikanös als gerecht. Selbst als Rentner sitze ich jedes Jahr viele Stunden davor. Und was macht die einsame alte Frau, die (wie ungerecht!) Einkünfte aus Vermietung und/oder vielleicht auch Kapitalenkünfte versteuern muß? Sie zahlt, wenn die neue Abgeltungssteuer kommt, drauf.
Übrigens: das deutsche Steuerrecht gilt international als as rückständigste. Und daran wird sich nichts vorerst ändern. Denn im letzten Wahlkampf hat Herr Schröder alle Reformpläne diffamiert und damit zunichte gemacht.
 
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