Hühnchen in Chlor-Sauce

6. Juni 2008, 15:26 Uhr

Brüssel hat Hunger auf chemiebehandeltes Geflügel aus den USA. Nicht etwa, weil die Hühnchen besonders gut schmecken, sondern weil eine Importerlaubnis die Handelsbeziehungen mit Amerika verbessert. Von Johannes Röhrig, Brüssel

Der Biobauer Manfred Nafziger mit einem Huhn. Statt Biohühnern könnten Deutsche bald Chlorhühner auf ihren Tellern haben©

Der mit 32 Lebensjahren noch recht jugendliche Europapolitiker Daniel Caspary bricht eine Lanze für den freien Hühnchen-Handel. "EU muss Import von Geflügel aus den USA erlauben", fordert er; die Pressemitteilung hebt ihn als "Handelsexperten der CDU/CSU-Gruppe" aufs Schild der Konservativen im Europäischen Parlament. Die Caspary-Depesche trägt das verheißungsvolle Schlagwort: "Chlorfleisch" und flattert just im Vorfeld des EU-USA-Gipfels auf den Tisch, der kommenden Dienstag stattfindet.

Politik ist besonders in Brüssel eine Disziplin von Geben und Nehmen, so auch in diesem Fall: "Wir müssen strategisch abwägen", hat Caspary festgestellt: "Das wäre ein wichtiges symbolisches Entgegenkommen an unsere amerikanischen Partner." Ob seine Hühnchen-Politik auch abseits von Amerika Anklang findet, zum Beispiel bei der Bevölkerung im badischen Stutensee, wo Caspary im Stadtrat sitzt, ist nicht überliefert.

Der CDU-Politiker kämpft längst nicht allein gegen den guten Geschmack. Die Kommission ist genauso weit: Der britische Handelskommissar Peter Mandelson und der deutsche Industrie-Kommissar Günter Verheugen denken ähnlich über den Import von chemisch behandeltem Hühnchenfleisch und wollen ihn gestatten. Mit dieser Sicht haben sie sich in der EU-Kommission durchgesetzt: Die will das Embargo nun unter bestimmten Bedingungen aufheben.

Chlorwasser wegen laxer Hygiene-Bestimmungen

Die Geflügelindustrie in den USA tunkt Masthähnchen nach dem Zerlegen in eine Chlorlauge, um auch jeden Keim sicher abzutöten. In Europa sind solche Methoden bislang verboten. Hier sind die Hygiene-Bestimmungen bei Haltung, Mast und Verarbeitung der Tiere schärfer als in den USA. Daher reicht es üblicherweise, wenn das Geflügel vor dem Einfrieren oder Kühl-Verpacken nur mit Eiswasser abgespült wird.

Seit nunmehr elf Jahren können amerikanische Betriebe chlorbehandelte Hühnchen und Geflügelteile also nicht in die Union ausführen. Sie sehen hierin eine Marktabschottung. Die EU führte gesundheitliche Bedenken an. Es geht in dieser Frage aber auch um die intensive Art der Massentierhaltung in den USA, die in Europa weitgehend abgelehnt wird. Ein konkretes Gesundheitsrisiko durch das Chlorbad ist nicht nachgewiesen; möglicherweise kommt es durch den Verzehr des auf diese Weise dekontaminierten Hühnchenfleischs aber leichter zu Resistenzen bei Antibiotika.

Mehrzahl der Agrarminister gegen gelockertes Einfuhrverbot

Setzt sich der Vorschlag der EU-Kommission durch, so sollen die Hühnchen im Handel künftig als "chemisch behandelt" oder "mit Chlor behandelt" gekennzeichnet werden. Ob es zur einer Import-Genehmigung kommt, ist allerdings noch offen: Die Mehrzahl der EU-Agrarminister spricht sich bislang gegen die Lockerung des Einfuhrverbots aus; darunter der deutsche Ressortleiter Horst Seehofer (CSU) und sein französischer Amtskollege Michel Barnier. Frankreich führt in der zweiten Jahreshälfte die EU-Geschäfte. Ob es gelingt, auch den weniger kulinarisch geprägten Nationen den Appetit auf Hühnchen in Chlor zu vergällen, hängt nun also an Barnier.

Scheitert der Franzose, dürfte das Chemiehühnchen bald auch aus Deutschen Landen frisch auf den Tisch kommen. Denn was den USA erlaubt wird, kann innerhalb der Union nicht verboten bleiben: So muss Brüssel den heimischen Geflügelbetrieben ebenfalls die chemische Keule in die Hand geben. Hygiene ist teuer, Chlor billig. Da mag sich jeder selbst ausrechnen, welche Art von Hünchen bald im Kühlregal landet. Freihändler wie CDU-Mann Caspary möchten die Entscheidung pro oder contra Chlor-Huhn lieber dem Verbraucher überlassen. Das überrascht wenig. Immerhin zeigt die Erfahrung: Der Verbraucher schluckt alles, wenn der Preis stimmt.

Ach, warum auch nicht! Recht haben sie. Die Amis essen das Hühnchen doch auch und werden nicht krank. Und wenn der fiese Chemie-Sticker mit dem Totenkopf auf der Verpackung nicht so groß ausfällt; und wenn die Folie erst mal vom Fleisch gerissen ist, und die Hühnchenschenkel dann auf dem Grill liegen, und die Sonne hinter Balkonien versinkt: Da sag noch mal einer was gegen den American way of life.

Johannes Röhrig

Johannes Röhrig Johannes Röhrig ist stern-Korrespondent in Brüssel. In seiner Kolumne "Brüssel en bloc" schreibt er regelmäßig über Figuren, Hintergründe und Skurrilitäten im EU-Zirkus.

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KOMMENTARE (10 von 11)
 
redunicorn (07.06.2008, 15:14 Uhr)
Mal abgesehen
von der Chemie, die möglicherweise resistent gegenüber Antibiotika macht: Können wir in Europa uns nicht selbst mit Geflügel versorgen ? Was sollen diese Transporte ?
langsam-reicht-es (07.06.2008, 14:07 Uhr)
so ein Depp
hängt dem CDU-Deppen mal sein Stück in Chlor-dann ist auch dieses Thema schnell wieder aus seinem Hirn.
Was fällt diesen hirnlosen Affen eigentlich sonst noch alles ein?
tricky_dude (07.06.2008, 13:56 Uhr)
Pfui bäh!
Ich kaufe nie abgepacktes Hendl in den USA!! Zum Glück kenne ich dort ein paar kleine Züchter mit Freilandhaltung.
Ansonsten sollte man einfach auf die Ettiketten schauen und auch bei uns gibt es kleine, gute Züchtereien die nicht mal viel teurer sind.
OttoB (07.06.2008, 12:55 Uhr)
Womit wir wieder beim Profit sind
Hygiene ist teuer, Chlor billig.
Schon wieder steht Profit im Vordergrund.
Armes Deutschland, arme EU, danke Amerika.
German_by_nature (07.06.2008, 10:31 Uhr)
Am US-amerikanischen Wesen wird die Welt verwesen...
Wieder mal ein tauiges Beispiel unserer degenerierten, selbstherrlichen deutschen/europäischen Politikerkaste und ihrem US-Vasallentum.
elliottsmith (07.06.2008, 10:05 Uhr)
@1ullameyko
Nein, ich denke es ist viel mehr so wie der Artikel am Ende suggeriert, nämlich dass der Verbraucher im Zweifelsfall einen kleinen Sticker ignoriert, nicht über die möglichen Risiken informiert ist oder einfach den günstigeren Preis bevorzugt. Letzteres war noch immer das stärkste Argument und im Grunde kann doch "nicht wirklich" schlecht sein was in deutschen Läden zu finden ist oder???
S-achte (07.06.2008, 10:01 Uhr)
Klar kann man es einfach nicht kaufen,
es stellt sich mir aber andersherum die Frage, warum wir uns einen so unfähigen aber überbezahlten Versagerhaufen leisten, wenn wir uns dann doch nur permanent gegen die rückenmarksgesteuerten Entscheidungen von denen wehren müssen.
Warum entlassen wir die nicht einfach? Kommt billiger ...
1ullameyko (07.06.2008, 09:45 Uhr)
dann kauft's halt nicht
Ich versteh das Geschrei nicht. Wir haben als Verbraucher doch die Wahl.
Wenn die Chlor-Hähnchen nicht gekauft werden, dann importiert sie auch keiner mehr, selbst wenn's erlabt wäre. So einfach funktioniert Markt. Aber wahrscheinlich würde dann der Seehofer durchsetzen, dass die Herkunft verschleiert werden darf....
Ernst1 (07.06.2008, 09:44 Uhr)
Richtige Bezeichnung ist
Ansprechpartner für Lobbyistenverbände und nicht Handelsexperten.
steinhaus (07.06.2008, 09:37 Uhr)
Gechlortes Hähnchen - lecker!
Immer zu. Gechlortes Hähnchen wollte ich schon immer essen...
Da meint wohl jemand, dass ich bescheuert bin! Seitdem englisches Rindfleisch in Europa gehandelt wird, haben wir den Verzehr von Rindfleisch eingestellt. Es hat sich gezeigt, dass diese Vorsicht berechtigt war. Müssen wir jetzt auch den Verzehr von Geflügel einstellen? Mögen die gechlorten Hühnerbeine nur kommen - wir essen dann auch kein Geflügel mehr. Basta!
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