John McCain ist wütend: Sein Kampagnenchef Steve Schmidt lässt den Präsidentschaftskandidaten nicht gut aussehen. Schmidt, der massige Mann mit dem Spitznamen "The Bullet", kämpft nicht mehr für McCain - sondern gegen Obama. Und dabei sind ihm alle Mittel recht. Ein Porträt. Von Giuseppe Di Grazia, New York

Der Mann hinter Präsidentschaftskandidat McCain: Steve Schmidt© Mary Altaffer/AP
Steve Schmidt steht vor dem Hauptquartier der McCain-Campaign in Arlington, Virginia, raucht und sagt nichts. Es ist die Woche vor den Wahlen. Nach dem fünften Zug an der Zigarette murmelt er etwas vor sich hin: "Nur noch sechs Tage. Nur noch sechs Tage." Er blinzelt in die Herbstsonne, er sieht verdammt müde aus, seinen sonst kahlen Schädel muss er seit Tagen nicht rasiert haben, im Gesicht wuchern die Bartstoppeln. Der Mann ist erschöpft. Erschöpft vom Kampf gegen Barack Obama.
Denn es ist ja ein Kampf gegen Obama, den Steve Schmidt da führt, nicht für McCain. Es ist ein Kampf, der mittlerweile eine verzweifelte Aufholjagd geworden ist. Und bei der Steve Schmidt alle Mittel recht sind. Als John McCain Anfang des Sommers in den Umfragen zurücklag, entschloss sich der republikanische Kandidat die Kampagne Leuten anzuvertrauen, die ihn bei seinem ersten Präsidentenrennen im Jahr 2000 verunglimpft und niedergemacht hatten. Es waren Leute, die für George W. Bush arbeiteten, und diese sollten nun Obama systematisch auseinandernehmen mit haltlosen Behauptungen und Gerüchten. Diese Taktik kann man auch Charaktermord nennen. Schmidt ist der Mann, der dafür verantwortlich ist. Er ist es, der diese hämischen, fiesen Wahlkampfspots drehen lässt. Verliebt-schmachtende Reporter vor Obama. Obama als Erlöser. Obama als Moses. Obama als so publikumsgeil wie Paris Hilton oder Britney Spears. Macht nichts, dass selbst McCains 96 Jahre alte Mutter den Hilton-Spot "stupid" findet. Er ist es, der McCain und vor allem dessen Kandidatin fürs Amt der Vize-Präsidentin, Sarah Palin, immer wieder dazu antreibt, Obama als Terroristenfreund, als Sicherheitsrisiko, als Sozialisten darzustellen.
Sarah Palin spielt für Schmidt den Pitbull mit erschreckendem Erfolg. Sie attackiert und diffamiert Obama auf ihren Wahlkampfveranstaltungen derart, dass manche im Publikum völlig ausflippen und Obama beschimpfen. Bei einem Event in Florida ließ sich ein Mann sogar zum Ausruf hinreißen: "Bringt ihn um!" Es sind alles verzweifelte Akte eines schmutzigen Wahlkampfes.
Schmidt hat nun auch Joe, den Klempner, diesen vermeintlichen Kronzeugen für die angebliche Steuertreiberei des Rivalen Barack Obama, die dem Durchschnittsamerikaner die Verwirklichung des amerikanischen Traumes verwehre, für seine Zwecke eingespannt. Er tourt für die McCain-Campaign durch seinen Heimatstaat Ohio und soll McCain im Schlussspurt helfen, doch noch das Unerwartete zu schaffen: Einen Sieg in Ohio und damit auch den Sieg im ganzen Land. Doch Joe Worzelbacher ist ein Mann, der es mit der Steuermoral zuletzt nicht so genau nahm. Gerichtsakten belegen US-Medien zufolge, dass er mit der Zahlung von nahezu 1200 Dollar Steuern im Rückstand ist. Das Finanzamt von Ohio ging deswegen im Januar 2007 gegen Worzelbacher vor, das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.
Joe, der Klempner, passt zum Gesamtbild der McCain-Campaign. Es zählen nicht die Fakten, es zählt nur das Ziel: Der Sieg. Egal, wie. McCain und seine Helfer erzählen, dass McCain bei den Fernseh-Debatten der klare Sieger gewesen sei. Sie erzählen, dass McCain nun die Stimmung im Lande gedreht habe. Sie erzählen, dass die Umfrageergebnisse immer enger würden. Sie erzählen, dass McCain auf dem Weg sei, zu gewinnen. Sie erzählen Lügen und Halbwahrheiten. Man wundert sich, wie dreist sie sind; für wie dumm sie die Leute hier halten. Doch die Menge auf den Wahlkampfveranstaltungen johlt bei diesen Sätzen, sie schreit "Yeah", keiner muckt auf, keiner brüllt: "Das ist doch Bullshit. Wollt ihr uns verarschen?" Die Leute lassen sich von klassenkämpferischen Parolen in einen Rausch reden. Es ist ein Rausch, gespeist aus einfachen Worten, simplen Verdrehungen, banalen Lügen. Es ist lächerlich. Es ist jämmerlich. Es ist republikanisch. Es ist der Schmidtsche-Wahlkampf.
Man würde gerne mit Steve Schmidt über all das sprechen, aber er redet nicht über sich, er gibt keine Interviews zu seiner Rolle. Er mag nicht mal fotografiert werden. Er mag die Medien derzeit überhaupt nicht. Er macht sie für das schlechte Image seines Kandidaten verantwortlich. Er wirft ihnen vor, Obama hörig zu sein. Schmidt arbeitet seit Wochen nicht mit den Medien, sondern gegen sie. Während des Sommers ließ er McCain 40 Tage lang keine Pressekonferenz geben. Die Medien tobten, McCain selbst war das unangenehm. Schmidt sagte zu ihm: "Die Reporter sind nicht deine Freunde."
Steve Schmidt ist 37 Jahre alt, massiger Körper, er trägt meistens das Headset seines Handys auf dem Kopf. Er hat sein Handwerk bei Karl Rove, "Bush's Brain", gelernt, Rove ist verantwortlich für die bösartigsten Kampagnen in der Geschichte der US-Wahlen. Schmidt hat danach für so unterschiedliche Leute wie Dick Cheney, die Dampfmaschine Bushs, oder den liberalen Republikaner Arnold Schwarzenegger, den Gouverneur von Kalifornien, gearbeitet. Er legt Wert auf Disziplin und Hierarchie. Er führt das McCain-Team mit harter Hand. McCain nennt ihn Sergeant Schmidt. Er kann im Gespräch sehr jovial sein, aber von einer Sekunde auf die andere streitlustig. Schmidt stammt aus New Jersey, studierte politische Wissenschaften und wurde schnell zu einem Polit-Berater für republikanische Kandidaten. Er lebt heute mit seiner Familie in Kalifornien, in der Nähe von Sacramento, sein Büro liegt ein paar Blöcke vom Capitol, neben einem Tattoo-Laden. An den Wänden hängen Danksagungen von Karl Rove oder Dick Cheney. Er selbst gehört innerhalb der Republikanischen Partei zu den Gemäßigten, dem linken Flügel an. Seine Schwester ist lesbisch, während des Parteitages hielt Schmidt eine Rede vor republikanischen Homosexuellen und sicherte ihnen seine Unterstützung zu. Er sagte zu ihnen: "Ihr seid ein wichtiger Teil der Partei, ich ermutige euch, für eure Rechte zu kämpfen, für das, an was ihr glaubt."