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30. April 2010, 18:21 Uhr

Europa lüftet den Schleier

Belgien ist vorgeprescht und will nun Burkas verbieten. Frankreich dürfte bald folgen. In anderen Ländern tobt die Diskussion darüber noch, wie viel oder wie wenig Religion in der Öffentlichkeit zu sehen sein soll. Von Niels Kruse

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Im pakistanischen Peschawar gehört die Burka zum Stadtbild - in Belgien ist die Tracht in der Öffentlichkeit nun verboten worden© Arschad Arbab/DPA

Ich beginne mich wie Frauen zu bewegen, die ich nur aus Dokumentationen kenne: Ich husche. Den Kopf gesenkt, die Schultern gebeugt. Unter einem Stück Stoff, das einem jede Identität raubt, geht man nicht erhobenen Hauptes." Dieses Stück Stoff sind: "452 Gramm hellblauer Polyester, hinten bodenlang, vorne bis zur Hüfte reichend: das Gefängnis to go."

So beschreibt "Neon"-Autorin Annabell Dillig ihren Selbstversuch, in eine Burka verhüllt am öffentlichen Leben Münchens teilzunehmen. Es ist das Protokoll einer verstörenden Selbstbeschränkung, die der westlichen Vorstellung von Offenheit in so ziemlich allen Bereichen zuwiderläuft - und zudem die gängige Annahme bestätigt, dass die Burka, die extremste Form weiblicher Verschleierung, allein zur Unterdrückung der Frau dient.

Seit Monaten diskutieren Rechte wie Linke, Parteien, Kirchen, Frauenrechtler und Forscher in ganz Europa über die Frage, ob diese Garderobe gewordene Diskriminierung verboten gehört oder nicht. Vor allem in Frankreich, dem Land mit dem größten muslimischen Bevölkerungsanteil in der EU, tobt der Streit besonders heftig. Nun aber ist Belgien in Sachen Burka-Verbot vorgesprescht: Als erstes europäisches Land will es muslimischen Frauen das Tragen von so genannten Ganzkörperschleiern untersagen.

Zwar ist die Verordnung erst im Parlament verabschiedet worden, doch auch der belgische Senat wird dem Vorschlag wohl folgen, denn das Verbot wird parteiübergreifend begrüßt. Neben der Ganzkörperverhüllung soll auch das Tragen von Gesichtsschleiern unter Strafe stellt werden. Im Fall einer Missachtung droht eine Geldbuße in Höhe von bis zu 25 Euro oder ersatzweise bis zu sieben Tage Haft. Interessanterweise begründen die Befürworter das Verbot damit, dass Schleier die Identifikation der Person unmöglich machten und damit ein Sicherheitsrisiko darstellten.

Zumindest auf der formalen, gesetzgeberischen Ebene soll es also nicht darum gehen, mit der Zwangsentschleierung die Würde der Frau wahren zu helfen - ein Argument, das in vielen anderen Ländern Europas als Hauptgrund für ein mögliches Burka-Verbot genannt wird. Etwa in Frankreich, wo demnächst ein ähnliches Gesetz verabschiedet werden wird, wenngleich mit saftigeren Strafen als beim Nachbarn Belgien. Danach schlägt jeder Verstoß mit 150 Euro zu Buche und Männer, die ihre Frauen hinter das Stoffgitter zwingen, sollen bis zu 15.000 Euro Strafe zahlen.

Ein Strafzettel löste die Diskussion aus

In Frankreich begann die Debatte Anfang April wegen eines Strafzettels, den eine zum Islam konvertierte Frau kassiert hatte. Sie trug beim Autofahren einen Niqab, einen Ganzkörperschleier mit Augenschlitz, der nach Ansicht des Polizisten ihre Sicht zu sehr eingeschränkt habe. Die Dame fühlte sich deswegen diskriminiert, ging an die Öffentlichkeit und löste damit eine regelrechte Hetzjagd aus. An deren Ende wurde ihr Ehemann wegen Vielweiberei, Erschleichung von Sozialleistungen und möglicher Verbindung zu radikalen Islamisten an den Pranger gestellt. Demnächst will Frankreich als zweites EU-Land die Vollverschleierung verbieten.

Seite 1: Europa lüftet den Schleier
Seite 2: Burka als Symbol radikalen Islamismus
 
 
 
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