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11. Dezember 2006, 15:51 Uhr

Deutsche Nazis fremdeln

"Sechs, vier oder drei Millionen. Gaskammern oder keine Gaskammern – das ist doch nicht so wichtig": In Teheran treffen sich auf dem schicken Campus eines anerkannten Instituts internationale Holocaust-Leugner. Die angereisten deutschen Nazis scheinen sich allerdings nicht so wohl zu fühlen. Von Steffen Gassel, Teheran

In Teheran findet eine Konferenz zum Holocaust statt, die auch von deutschen Nazis besucht wird© ABEDIN TAHERKENAREH/DPA

Der Veranstaltungsort ist mit Bedacht gewählt. Die Organisatoren im iranischen Außenministerium, die für heute und morgen zur Konferenz "Neubeurteilung des Holocaust – Globale Perspektiven" nach Teheran eingeladen haben, hätten eines der gesichtslosen Kongresszentren der iranischen Hauptstadt buchen können. Stattdessen stellen sie für die Veranstaltung eines der renommiertesten Foren zur Verfügung, das die islamische Republik zu bieten hat: Das "Institut für Politische und Internationale Studien" (IPIS) ist die außenpolitische Denkfabrik Islamischen Republik und genießt auch im Westen einen guten Ruf. Hier forschen Politologen und Ex-Diplomaten - viele mit besten Kontakten in den Westen.

Manchem von ihnen ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass sich ausgerechnet auf ihrem schicken Campus im Teheraner Norden und noch dazu am "Tag der Menschenrechte" die Clique der internationalen Holocaust-Leugner und Nazi-Revisionisten ein Stelldichein gibt. "Das Institut hat sich diese Veranstaltung nicht ausgesucht", sagt ein IPIS-Forscher hinter vorgehaltener Hand. "Sie wissen doch. Hier ist alles so politisiert."

Die Konferenz der Geschichtsklitterer hat höchsten Segen im Mullah-Staat: Vom notorischen Israel-Hasser Mahmud Ahmadinedschad, der seit seinem Amtsantritt vor eineinhalb Jahren nicht müde wird zu provozieren: "Der Holocaust ist ein Märchen." Und: "Israel muss von der Landkarte verschwinden." Ahmadinedschad hat keinen guten Ruf mehr zu verlieren – das IPIS schon.

"Welt ohne Zionismus"

Doch in diesen Tagen führen unter den Kronleuchtern im Tagungsräumen nicht Diplomaten das Wort, sondern Männer wie Mohammed-Ali Ramin. Der 53-Jährige mit rotblondem Vollbart und penibel gefeilten Fingernägeln trägt gern Anzüge mit Stehkragen, die ihn aussehen lassen wie einen protestantischen Landpfarrer vor 200 Jahren. Heute ist Ramins großer Tag. Der Tag, auf den er mehr als ein Jahr hingearbeitet hat, seit Präsident Ahmadinedschad im Dezember 2005 auf einer anderen Konferenz mit dem Titel "Eine Welt ohne Zionismus" erstmals den Holocaust vor großem Publikum leugnete – in einer Rede, die, wie in Teheran gemunkelt wird, aus Ramins Feder stammte.

Bestätigen will Ramin das nicht. Aber zu Sinn und Zweck der Holocaust-Konferenz gibt er gerne Auskunft: "Die Folgen des Holocaust betreffen uns Muslime. Sonst hätten wir gesagt: Das geht uns nichts an. Aber sehen Sie: Palästina ist besetzt – und als Grund dafür wird immer der Holocaust angegeben. Deshalb hat Präsident Ahmadinedschad ihn als Märchen bezeichnet. Er will den Westen nicht provozieren, sondern klarstellen, dass die Kolonialzeit vorbei ist."

Und damit ist auch schon ziemlich klar, worum es den Veranstaltern dieser Konferenz eigentlich geht: Darum, das Existenzrecht Israels zu in Frage zu stellen – und das mit Hilfe haarsträubender Verschwörungstheorien. Ramin etwa hat einen Vortrag mit dem Titel "Die Notwendigkeit der Behandlung des Holocaust in der internationalen Arena zur Sicherheit des jüdischen Volkes" vorbereitet. Darin vertritt er die wirre These, der Westen schüre den Konflikt zwischen Israel und der islamischen Welt. Eines Tages würde so ein endzeitlicher Kampf zwischen Muslimen und Juden unvermeidlich, den aber könnten die zahlenmäßig unterlegenen Juden nur verlieren. "Dann haben die Europäer das erreicht, was selbst die Nazis nicht geschafft haben: Den Untergang der Juden. Sie sehen: Das Existenzrecht Israels gefährdet das Überleben des jüdischen Volkes." Und dann behauptet Ramin: "Ich habe Angst um das Schicksal des jüdischen Volkes."

Die hat auch Moshe Friedman. Der Oberrabbiner der Orthodoxen Jüdischen Kultusgemeinde Wien ist überzeugt: "Der Staat Israel wird untergehen, vielleicht schon sehr bald." Zusammen mit einer Handvoll andere Ultra-Orthodoxer ist er zur Holocaust-Konferenz nach Teheran gereist. Sie alle sind überzeugt: Gott hat die Juden auf ewig zum Leben in der Diaspora bestimmt. Die Gründung des Staates Israel sei ein Ausdruck des Hochmuts gegen Gott gewesen. Sein Existenzrecht sei weder historisch noch religiös zu rechtfertigen.

Holocaust leugnen ist "nicht so Super-Idee"

Solche Reden hören Nazis und Islamisten gern. Und Juden mit Schläfenlocken, Hüten und schwarzen Gehröcken, die so reden, sind natürlich ein besonderer Clou. Die angereisten iranischen und arabischen Fernsehteams werden nicht müde, Rabbi Friedmann und seine Freunde zu interviewen. Die spielen gerne mit. Und finden auch nichts dabei, auf dem Podium zwischen dem berüchtigten französischen Holocaust-Leugner Robert Faurisson und dem iranischen Gründervater der Hisbollah, Ali Mohtashemipour, Platz zu nehmen. Den Holocaust zu leugnen, das ist für Moshe Friedman zwar "nicht so eine Super-Idee". Aber er nickt, wenn neben ihm der US-Rabbi Moshe Weiss sagt: "Sechs, vier oder drei Millionen. Gaskammern oder keine Gaskammern – das ist doch nicht so wichtig."

Dass den Ahmadinedschad und den Seinen Geschichtsfälscher aus Deutschland Österreich und Frankreich und sogar aus so Australien oder Mexiko mit wirren Thesen zur Seite springen – das ist auch das Verdienst Mohammed-Ali Ramins. Seit Jahren hält er vom Iran aus den Kontakt zur internationalen Holocaust-Leugner-Szene. Da ist es nützlich, dass er fast akzentfrei Deutsch spricht. 17 Jahre, von 1978 bis 1994, hat Ramin in Deutschland gelebt. In Clausthal-Zellerfeld erwarb er einen Abschluss in Maschinenbau und Verfahrenstechnik. Seit 2003 hat Ramin Einreiseverbot in Deutschland. Mit seinen Nazifreunden hält er seitdem nur noch telefonisch Kontakt – außer, sie kommen ihn in Teheran besuchen.

In seinem Büro in der Teheraner Innenstadt klingelte während eines Interviews Wochen vor der Holocaust-Konferenz dreimal das Telefon. Die Anrufer sprachen Deutsch. Wenn Ramin den Hörer wieder auf die Gabel legte, lächelte er selbstzufrieden: "Sie wüssten wohl gern, wer da dran war. Das kann ich ihnen aber leider nicht sagen. Sonst geht es ihnen wie meinem Freund Horst Mahler." Dem notorischen Neonazi aus Brandenburg wurde schon Monate vor der Konferenz der Pass entzogen, damit er nicht nach Teheran reisen konnte. Den NPD-Mann Günter Deckert hinderte die Polizei noch am Sonntag kurz vor Abflug seiner Maschine nach Teheran an der Ausreise.

Handvoll Nazis aus Deutschland

So ist aus Deutschland nur eine Handvoll alter und jüngerer Nazis zur Holocaust-Konferenz nach Teheran gekommen – und es wirkt, als ob sie trotz all der Gleichgesinnten ein wenig fremdelten. Im Vortragssaal werfen sie argwöhnische Blicke in Richtung der vielen Kameras und Journalisten. Während die Juden ein Interview nach dem anderen geben, will von ihnen kaum jemand etwas wissen.

Auf die lange Liste der Referenten hat sich keiner von ihnen setzen lassen – aus Angst vor den Konsequenzen, die ein Auftritt in Deutschland haben könnte. "Ich bin Arzt – und ich will weiter arbeiten, wenn ich wieder in der Heimat bin," sagt kleinlaut ein kahl rasierter Hüne. Die Aufschrift auf seiner Krawattennadel - "Deutschland – uns wird es immer geben" – lässt sich kaum entziffern.

Statement für die ARD

Dann kommt der Nazi doch noch ins Fernsehen – die ARD braucht ein Statement für die Tagesschau. Der Hüne freut sich sichtlich über die Aufmerksamkeit. Doch auf die Frage, zu welcher politischen Gruppe er gehöre, mag er keine Auskunft geben. "Geben Sie doch meinen Namen bei Google ein – da werden Sie schon was finden," sagt er und verschwindet Richtung Lunch-Buffet.

Dort hat sich wie bei einer Therapiestunde ein Grüppchen deutschsprachiger Konferenzbesucher im Stuhlkreis um Mohammed-Ali Ramin gesetzt. Der genießt die Aufmerksamkeit und doziert. "Ich bin bereit mich zu opfern, jederzeit. Aber nicht, unter dem Joch der Amerikaner und Zionisten zu leben." Die Deutschen hören artig zu und nicken mit den Köpfen. Einer sagt: "So wie Sie redet in Deutschland schon lange keiner mehr."

Später setzt sich ein Journalist zu der Runde. Sein Interview mit Ramin gerät zum Streitgespräch. Ramin wirft den Medien im Umgang mit dem Holocaust Heuchelei vor. Der Journalist verwahrt dagegen. Da werden die deutschen Zuhörer laut. Doch Ramin winkt ab. "Schon gut. Das darf er. Sehen Sie: Das ist die Freiheit in der Islamischen Republik: Hier darf man auch sagen, dass der Holocaust stattgefunden hat."

Von Steffen Gassel, Teheran
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
IchWill (12.12.2006, 22:35 Uhr)
spießig geht die Welt zu Grunde!
Das ist wieder typisch Deutschland! Selbst bei einem so extrem ernsten und traurigem Thema wie dem Holocaust ist es einigen Mitmenschen nicht möglich nicht spießig und zwanghaft an so Kleinigkeiten wie Rechtsschreibung herumzumäkeln. Mit kommt es vor allem auf den Inhalt und die Message eines Artikels an. Und nicht auf die richtige Kommasetzung. Also lasst mal die Arschbacken locker und konzentriert euch auf die wirklich wichtigen Dinge! Gute Nacht!
Grossstadtkrieger (12.12.2006, 13:05 Uhr)
Aktuelle Fragen wichtiger
Zum Holocaust kann ich nichts sagen, ich war nicht da. Ich kann also weder leugnen, noch bestätigen, dass der Holocaust Realität war. Der Krieg hat die Eigenart, das der Gewinner die Geschichte schreibt, die des Verlierers aber meist interesanter ist.
Viel wichtiger finde ich und will die Frage aus dem Artikel aufgreifen, ob die Demokratisch-Kapitalistischen Nationen einen Konflikt schüren. Man sieht, dass die United States of America ständig Politisch und Pressetechnisch mit zweierlei Mass messen und Europa dem Beispiel immer öfter folgt. Es ist ein Tabuthema die Politik Israels oder die Juden selbst zu kritisieren. Daraus entsteht Ungerechtigkeit und aus Ungerechtigkeit entsteht Wut und Wut wird über langem Zeitraum zu Hass.
Vielleicht sollten unsere "zivilisierten Nationen" ihre Moralischen Aspekte neu überdenken bzw. aufhöhren durch Lippenbekenntnisse den Eindruck zu erwecken zu wären objektiv.
Ausserdem sehe ich genug Probleme im Inland, die einfach ignoriert werden, warum sollte man sich da noch in fremde Konflikte einmischen.
Del.Haye (12.12.2006, 09:42 Uhr)
@M.I.B.
Guter Schlußsatz! Punkt, Aus, Amen!!
M.I.B. (12.12.2006, 09:22 Uhr)
Mal was zum Thema ;)
So, über Fehler in der Zeichensetzung o.ä. will ich mich mal nicht auslassen, da ich selbst darin nie so ein Held war :)! Auch wenn es selbst mir aufgefallen ist ;)!
Diese Konferenz ist für mich eine einzige Farce! Dieser Veranstaltung kommt meiner Meinung nach viel zu viel Aufmerksamkeit zu! Denn was haben wir jetzt neues erfahren? Irgendwie nichts oder? Amadenischad leugnet den Holocaust. Nix neues. Andere auch. Auch nix neues. Diese ganze "Konferenz" ist einfach nur der Versuch zu provozieren und manche der Teilnehmer werden einfach wichtiger genommen als sie es wirklich sind!
Lustig jedoch finde ich, dass sich keiner der Deutschen getraut hat einen Vortrag zu halten. Waren wohl zu wenige NPD'ler da um ihnen Mut zu machen^^! Das bestätigt meine Gedanken über "unsere" Nazis hier in Deutschland. Nur in der Gruppe stark und differenzieren dann auch noch ihr Gedankengut a là "Mir könnte in Deutschland die Konzession entzogen werden, wenn ich zu dem stehe, was ich denke!" Feiges Pack und einfach nur lächerlich!!
Del.Haye (12.12.2006, 09:20 Uhr)
Holocaust, nicht deutsche Rechtschreibung!
An meine Vorredner: Habt Ihr gelesen, um welches brisante Thema es in diesem Artikel eigentlich ging? Es geht um den Holocaust und nicht darum, ob der Redakteur vielleicht in Hast und Eile einige Rechtschreibfehler eingebaut hat!
Zum Artikel selbst: es ist erschreckend, dass in der heutigen Zeit noch immer geleugnet wird, dass der Holocaust im Dritten Reich tatsächlich stattgefunden hat. Das kann ich nicht nachvollziehen! Und wenn sich deutsche "Staatsbürger" schon in den Iran verirren, um an einer solchen "Konferenz" teilzunehmen, könnten sie wenigstens so viel Mumm in den Knochen besitzen und ihren Namen angeben oder gleich dort unten bei ihren gleichgesinnten, verblendeten und antisemitischen "Freunden" bleiben. Geht ja aber nicht, sind ja Ausländer...
Maltec (12.12.2006, 08:23 Uhr)
Spiegel != Stern
Ich schweife nur ungern von diesem brisanten Thema ab, aber, lieber Vorredner, bitte lesen Sie auch, was oben in der Adresszeile Ihres Browsers steht.
Korrekte Grüße :)
sd-auctions (12.12.2006, 03:09 Uhr)
oh bitte !!!
Moin, zu diesem sensiblen Thema sollte sich zu Wort melden, wer zu Mindest die Grundregeln der dt. Rechtschreibung beherrscht. Ich hatte Erinnerungen an namenlose (weil total daneben geratene) Beiträge in gleichfalls namenlosen Weblogs, als ich diesen Beitrag las.
Im Grundsatz stimme ich mit Schreiber dessen überein: man kann auch mittels mathematischer Tabellen und Formeln nicht ermessen, welches Leid deutsche Väter und Großväter über das jüdische Volk brachten. Nur, kann man sich nicht die Zeit nehmen und die Windows-eigene RS- und Grammatikprüfung "durchlaufen" lassen, bevor man hastig gesetzte Worte publiziert, zumal noch im SPIEGEL? Bitte, bitte, gerade bei solchen schwierigen Themen: keine Praktikanten an den Rechner lassen !!!
beaten. (11.12.2006, 18:43 Uhr)
Redaktion?
Netter und interessanter Artikel, aber kann man den vor der Veröffentlichung nicht mal auf Zeichensetzung gegenlesen?
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